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Full text of "Monatshefte für Politik und Wehrmacht"

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Monatshefte 
für Politik und 



Wehrmacht 




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Jahrbücher 



für die 



Deutsche Armee und Marine. 



Verantwortlich redigirt 



von 




Gk voisr MAREES 

Major. 



Dreizehnter Band. 

October bis December 1874. 



BERLIN, 1874. 
F. SCHNEIDER Sc Co. 

(Gold.« A Wilhthri.) 
Unter den. Linden No. 21. 

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187^ 



Inhalts-Verzeichniss. 



Seit« 



I. Studien in Bezug auf die Cavallerie. Von Friedrich von Bern- 

hardi, Secondelieutenant im Rheinischen Dragoner-Regiment Nr. 5. 1 

II. Die Kämpfe der Bayern an der Düna im October 1812 und der 
Anfang vom Ende. Nach Quellen bearbeitet 25 

III. Taktische Vorschriften für die .Rheinarmee 1870 52 

IV. Die Einnahme von Chäteaudun am 18. October 1870. (Mit einer 
Terrainskizze) 64 



V. Die Einfuhrung von Telegraphen bei der Infanterie und ihr Ge - 
brauch bei den Vorposten im Felde. Von F. A. Buchholtz, 
Hauptmann und Compagniechef. (Mit Zeichnungen, s. Tafel 2.) 81 
VI. Umschau in der Mititair-Literatur : 

Geschichte des Rheinischen Curassier-RegimcntB Nr. 8 von 
Lieutenant A. von Wellmann. Mit einem Portrait und 

einer Tafel U 

Tlieiluahme des Thüringischen Infanterie-Regiments Nr. 31 
am Feldzuge 1870—71. Von Hauptmann Max Gottschalk. 
Mit einem Plane des Schlachtfeldes von Heaumont und des 
Rayons der 8. Infanterie-Division im Norden von Paris und 



einem Croquis von Epinay 95 

Der Soldatenhandel Deutscher Fürsten nach Amerika. Em 

Beitrag zur Cult Urgeschichte des achtzehnten Jahrhunderts 

von Friedrich Kapp 96 

Anleitung zum Studium der Kriegsgeschichte von J. v. H. 
Fortgesetzt von Generallieutenant Th. Frhrn. v. Troschke. 

Dritter Theil. Vierte Lieferung 98 

Studien über Truppen-Führung von Oberst J. v. Verdy du 

Vernois. Zweites Heft. (Mit zwei Skizzen) 101 

VH. Studien in Bezug auf die Cavallerie. Von Friedrich von Bern- 
hardi, Secondelieutenant im Rheinischen Dragoner-Regiment Nr. 5. 

(Fortsetzung) 111 

VIII. Das Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812 138 

IX. Die Cernirung von Pöronnc im Zusammenhange mit den Ope- 
rationen der I. Armee. Mit 2 Karten und 4 Beilagen .... Iii 

X. Das Wehrwesen der Schweiz, nach dem Gesetz-Entwürfe des 
Bundesrathos vpm l.j. Juni 1S74. Von einem Preusziachea Offi - 
zier nach Originalquellen bearbeitet . . 187 

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l. 195 



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IV Inhalts-Verzeichni8s. 

B«ttt 



XI. Umschau in der Militair-Litcratur: 

Oeschiehte des Zietensehcn Husaren-Regiments. Von Secondc- 
lientenant A. Freiin n v. Ardenne. Mit 2 Portraits in Stahl- 
stich und 2 Abbildungen in Buntdruck 214 

Meldedienst auf dem Marsch und bei den Vorposten, nebst 
einem Anhange über optisches Telegraphiren der Postenlinie 
und Vcrstäudi^ungszcichen der Patrouillen. Von Haupt - 
mann firohmann , . . , . , . . . . . . . . 218 

Der Dienst des Adjutanten mit besonderer Berücksichtigung 
des Regiments- und Bataillons-Adjutanten bei der Infanterie. 

Von Hauptmann H. von Scheel 220 

Lehrbuch der Taktik. Ausgearbeitet von Hauptman Meckel 

Erster Theil 221 

Taach en kalender für Offiziere. Bearbeitet von Oh er stli eu te- 

nant H. Reinhard und Hauptmann A. Frhr. v. Fircks . . 223 
XII. Carl von Clausewitz. Vortrag, gehalten in der militairischen Ge - 
sellschaft zu Berlin am 2':t. Octoher 1S74, von F. von Meerheimb, 
Oberst im Nebenetat des groszen Geueralatabes 225 



XIII. Das Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812. (Schluss.) . 255 

XIV. Die Cernirung von Pe'ronne im Znsammenhange mit den Ope - 
rationen der I. Armee. Mit 2 Karten und 4 Heilagen. (Schluss.) 275 

XV. Ein Rückblick auf Friedrichs des Groszen Fürsorge und Theil- 

nähme für Seine Blessirten und die des Feindes 300 

XVI. Ein Vergleichsschieszen zwischen Bronce- Vorderlader und Gusa - 
stahl-Hinterlader 305 

XVII. Umschau in der Militair- Literatur : 

Zur Taktik der Reiterei von Major M. Fjfgjh. v. Sazcubofcn. 310 
Der Bürgerkrieg in den Nordamerikanisclien Staaten. Von 

Major J. Scheibert. Mit 1 Karte von Virginien u. 3 Plänen. 319 
Geschichte der Belagerung von Straszbnrg im Jahre 1870 von 
Hauptmann Reinhold Wagner. Zweiter Theil. Mit 2 Plänen 



und 20 Beilagen -321 

Studien über die Verpflegung der Kriegsheere im Felde. Von 
Oberstlieutenant Bernhard v. Baumann 323 



Beilagen. 



1. Karte zu dem Aufsatze: „Die Einnahme von Chäteaudun am 18. Oct. 1870 1( . 

2. Karte zu dem Aufsatze: „Die Einführung der Telegraphen" etc. 
Tafel 3 und 4. Karten zu dem Aufsatze : „Die Cernirung von Pe'ronne". 
Tafel 5, 6 und 7. Ordre de bataille des Cernirungs-Corps von Pe'ronne. 
Tafel 8. Protocoll der Capitulation von Pe'ronne. 



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I. 

Studien in Bezug auf die Cavallerie. 

Von Friedrieb Von Bernhard!, Secondelieutenant im Rheinischen Dragoner- 
Regiment Nr. 5. 

I. 

Vergangenheit nnd Gegenwart. 

Die Ereignisse des Krieges von 1870 — 71 haben die Notwendig- 
keit tief greifender Veränderungen auf allen Gebieten militärischer 
Thätigkeit — auf dem der Taktik, wie auf dem der Organisation — 
in tiberzeugender Weise dargethan. Wenn auch die glänzenden Er- 
folge uns Deutsche mit gerechtem Stolze erfüllen dürfen, so können 
wir doch den mannigfachen Mängeln, die auch bei uns zu Tage ge- 
treten sind, unser Auge nicht verschlieszen. Suchen wir nun unse- 
ren Ruhm darin, uns von dem berauschenden Bewusstsein, Groszes 
gethan zu haben, nicht tiberwältigen zu lassen, sondern in richtiger 
Würdigung der Verhältnisse sowohl der Gunst der Umstände, als 
anch den Fehlern des Feindes bedeutenden Einfluss auf den Erfolg 
einzuräumen, und mit unermüdlicher Thätigkeit zu streben nach Ab- 
stellung der zu Tage gekommenen Uebelstände. 

Viel muss geschehen, Vieles geändert werden, — bei jeder Waffe 
ist die Pflicht, Manches zu verbessern, unabweisbar geworden und 
hat eine sehr bedeutende Zahl von Neuenmgsideen hervorgerufen. 

In dieser Bewegung der Geister machen sich die verschiedensten 
Richtungen geltend, das Verlangen Bestehendes im Wesentlichen zu 
erhalten, wie das Streben von Grund aus Neues zu schaffen, welches 
sich theilweise selbst bis zum Extremen steigert. 

Die Einen möchten alle allmähligen und naturgemäszen Ent- 
wickelungsstufen überspringen, mit einem Schlage zu einem ledig- 
lich aus reiner Theorie hergeleiteten Zustande gelangen, und so den 

Jahrbücher f. d. Deutsche Armee a. Marine. Band XIII. 1 



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Studien in Bezug auf die Cavallerie. 



Belehrungen der Zukunft vorgreifen; sie übersehen die fessel 
Macht des Bestehenden und den gewaltigen Einfluss des \ 
gangenen. Andere hängen mit der uns Deutschen eigenthümlic 
Treue am Hergebrachten und Vorhandenen und können so den * 
derungen der Zeit nicht gerecht werden. 

Alle diese Tendenzen finden auch ihren praktischen Ausdru 
Bis zum Bataillonscommandeur, Compagnie- oder Escadronschef hü 
legt Jeder, wenn auch zum Theil unbewusst, der Ausbildung i 
den Uebungen seiner Truppen seine eigene Auffassung der no 
wendigen Verbesserungen zu Grunde, so weit die elastischen Grem 
des Reglements dies erlauben. 

Unverkennbar liegt darin eine Gefahr für die unerlässliche E 
heitlichkeit in der Ausbildung unserer Armee und für die Festigk« 
die man nur von einer solchen Bildung erwarten darf. Um di( 
Einheitlichkeit zu wahren, ohne den Fortschritt zu hemmen, sehe 
vor Allem noth wendig, sich zunächst von dem Wesen und den I 
dingungen jedes wahren Fortschritts Rechenschaft zu geben. N 
dieser Weg führt zum Ziele. — Der Mensch steht immerdar v< 
wiegend unter einem einseitigen Einflüsse. Für die grosze Meng 
die niemals mithandelt, sondern stets nur mitthut, ist dies i 
Allgemeinen lediglich der des Augenblicks, des momentan Ucbe 
wältigenden, oder der der Gewohnheit und des Hergebrachten. Für d< 
Einzelnen aber, dessen Thätigkeit eine bewusste ist, treten no< 
andere Bedingungen hinzu, die ihn in eine einseitige und damit b 
zu gewissem Grade stets auch äuszerste Richtung leiten. Leben 
Stellung, Erziehung und Erlebnisse, der menschlichen Leidenschafte 
nicht zu gedenken, bedingen sein Urtheil und führen ihn nur alb 
leicht auf einen Standpunkt, der entweder der Vergangenheit od( 
dem Reiche der Ideale angehört. Sich ganz von den Fesseln diese 
hemmenden Mächte zu befreien, ist wohl Niemand im Stande, un 
nur wenigen Bevorzugten ist es gegeben, sich ihrem Einfluss 
wenigstens in gewissem Grade zu entziehen. 

Im Allgemeinen wird die Thätigkeit des einzelnen Menscher 
selbst wenn ihr die besten, d. h. uneigennützigsten Motive zu Grand 
liegen, in die natürliche Entwickelung der Dinge meist hemmen« 
oder überstürzend eingreifen, eben weil sie einseitig bedingt ist 
Entwickelung aber auf dem Zusammenwirken der vielseitigsten um 
mannigfachsten Elemente beruht. 

Auch beweist die Geschichte, dass alle von Einzelnen nacl 
individuellen Anschauungen geschaffenen Zustände stets an diesei 
Einseitigkeit scheitern, dass erst, wenn die verschiedenen, mannigfach 



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Studien in Bezug auf die Cavallerie. 3 

gegenüber stehenden Kräfte sich das Gleichgewicht halten, die 
natürliche Entwickelung zur Geltung gelangt. — Nur Erscheinun- 
gen; die sich auf diese Weise mit zwingender Gewalt gleichsam von 
selbst entwickeln, können von Bestand sein ; sehr wohl aber kann 
ein Einzelner, als zeitweise ausführendes, die geschichtliche Idee 
gleichsam verkörperndes Organ, an der Spitze solcher Erscheinungen 
stehen. 

Fassen wir das bisher Entwickelte zusammen, so ergiebt sich, 
dass imGroszen in der Weltgeschichte der fortschrittliche Process, 
wie die Lebenserscheinungen in der Natur, sich unbeirrt und unauf- 
haltsam von selbst vollziehen nach eigenen inneren Gesetzen; dass 
aber im Einzelnen jeder Einzelne fördernd oder hemmend in 
denselben eingreifen kann. 

Wenn Ersteres mit Bewusstsein geschieht, so verleiht das 
der menschlichen Thätigkeit ihren Adel, aber erst, wenn es mit 
dem richtigen Verständnisse geschieht, ihren Werth. 

Dieses Verständniss nun für die lebendige geschichtliche Ent- 
wicklungstendenz in den Erscheinungen lässt sich von einem ein- 
seitigen, von einem Parteistandpunkte nie gewinnen. Nur ein be- 
wusstes Loswinden von jedem einseitigen Einflüsse, von jeder be- 
stimmenden Regung des Gemüths kann dahin führen. 

Die Grundlage des Urtheils bilden dem unbefangeneu Geiste 
zwei einander erklärende und ergänzende Factoren : eine gründliche 
Kenntniss der zur Zeit bestehenden Zustände und ein ernstes und 
unbefangenes Studium ihrer Vergangenheit; der Genesis des Be- 
stehenden und seiner Motivirung, wie sie in ihr liegt. 

Denn die gegenwärtigen Zustände, die die Thätigkeit heraus- 
fordern und das Object derselben bilden, werden durch ihre Ver- 
gangenheit getragen und bediDgt, lassen sich ganz absolut überhaupt 
nicht richtig beurtheilen. Die Aufgabe aber, die dem forschenden 
Sinne zu lösen obliegt, ist, von reinem Streben geleitet, die Er- 
fahrungen der Gegenwart und die Ueberlieferungen der Vergangen- 
heit mit möglichst gleicher Objectivität aufzufassen und zu ver- 
werthen. Die Möglichkeit — es wäre berechtigt zu sagen die Not- 
wendigkeit — einer so weitgreifenden Auffassung zur Grundlage 
des Forschens und des Wirkens zu raachen, beschränkt sich nicht 
etwa nur auf die höheren, umfassenderen Gebiete der Fortschritts- 
thätigkeit, sie behält ihre volle Gültigkeit bis herab zu der be- 
scheidenen Sonderarbeit des Einzelnen. Die Frage aber, in welcher 
Weise sie zu thatsächl icher Geltung im wirklichen Leben zu ge- 
langen vermag, darf uns hier, dem Zwecke dieser Blätter gemäsz, 



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4 Studien in Bezug auf die Cavallerie. 

nur in Beziehung auf das Gebiet militairischer Thätigkeit beschäfti- 
gen. Wie die Erfahrungen der Gegenwart und die gegebenen Zu- 
stände zur praktischen Verwerthung gelangen, dessen braucht wohl 
nicht weiter gedacht zu werden. Ihre Forderungen machen sich 
selbst mit unwiderstehlicher Gewalt geltend. — Nicht so die Lehren 
der Geschichte, die nicht mit der Macht eines Erlebnisses auf den 
Menschen wirken, und in Folge dessen nicht durchaus die Beachtung 
finden, die ihnen gebührt. Eben deshalb haben wir hier die Ant- 
wort auf eine bestimmte Frage zu suchen. Sie lautet: 

Welcher Nutzen soll und kann sich aus dem Studium der Ge- 
schichte, insbesondere der Kriegsgeschichte und der Geschichte der 
Armeen fllr die Fortschrittsthätigkeit der Heere ergeben, und in 
welcher Weise? — 

Ein Versuch, diese Frage erschöpfend zu beantworten, würde hier 
zu weit führen ; wir müssen uns darauf beschränken, das Allgemeine 
leicht anzudeuten und nur einzelne Punkte von besonderer Be- 
deutung hervorzuheben. 

Dass man nicht ohne bestimmte Grenze in die Geschichte zu- 
rückgreifen darf, wenn man die Ergebnisse seines Studiums in mo- 
dernen Verhältnissen praktisch verwerthen will, braucht wohl kaum 
näher nachgewiesen zu werden. 

Wenigstens sind die Lehren der Geschichte, je weiter wir in 
ihr zurückgreifen, mehr und mehr nur auf die gröszten und all- 
gemeinsten Verhältnisse, nicht auf die Einzelnheiten der kriegeri- 
schen Thätigkeit verwendbar. Auch könnten wir leicht zu Trug- 
schlüssen geführt werden, wenn wir aus Begebenheiten, die uns 
nicht in allen Einzelnheiten bekannt sind, Folgerungen ziehen 
wollten. Indem wir aber die Geschichte innerhalb bestimmt ge- 
zogener Grenzen um ihre Lehren befragen, erkennen wir bald — 
in Beziehung auf die umfassendsten Verhältnisse — welchen mächti- 
gen Einflu88 die eigene Geschichte, die eigene Vergangenheit auf 
das Leben eines jeden Heeres übt. 

Dieser Einfluss macht sich durch eine Fülle dem Menschen selbst 
fast unbewusst wirkender Kräfte und Erscheinungen herrschender 
Ideen geltend, die wir in dem Begriffe der Tradition zusammen- 
fassen können. Diese urafasst nicht nur die ruhmreichen Erinnerungen 
an eine glänzende Vergangenheit, die bei neuem Kriege zu neuer 
Anstrengung begeistern, jene stolze Gewohnheit des Ruhmes, die ihn 
niemals entbehren will: sie umfasst auch alle die hergebrachten, 
durch Jahrhunderte herrschenden Ideen von Ehre, Pflicht und Dis- 
ciplin, die Begriffe und Principien, die in ihrer Gesammtheit die 



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Studien in Bezug auf die Cavallerie. 5 

Grundlage der Erziehung der Heere — alle Factoren, die ihre mo- 
ralische Kraft bilden. 

So lehrt das Studium der Geschichte, wie das Verständniss der 
Gegenwart, Achtung vor der Tradition, vor Allem bei uns in Preu- 
szcn, wo sie auf hochehrwürdiger Grundlage ruht. 

Jeder Bruch mit der Tradition birgt eine Gefahr — und, es er- 
giebt sich die Noth wendigkeit, in jeder Weiterentwickelung dem 
Geiste treu zu bleiben, der in der Tradition der Armee herrscht. 
Bei der Erörterung specieller Fragen der Taktik und der Ausbildung 
der Cavallerie wird sich die Gelegenheit ergeben, auf diesen Gegen- 
stand zurück zu kommen. 

In Beziehung auf den unmittelbaren Einfluss, den das Studium 
der Geschichte auf unsere militairische Thätigkeit haben kann und 
soll, braucht kaum bemerkt zu werden, dass es ein verkehrtes Stre- 
ben wäre, wenn man aus dem Studium vergangener Feldzüge und 
Gefechte unmittelbar entnehmen wollte, wie man im Kriege im ein- 
zelnen Falle handeln, wie man zu Werke gehen müsse, kurz, wenn 
man in ihnen specielle Verhaltungsregeln suchen wollte 

Die Erziehung des eigenen Geistes zu selbstständiger Lösung 
kriegerischer Probleme ist es, die wir in solchem Studium erstreben 
müssen, das Verständniss der Factoren, die den Erfolg bestimmen, 
und das durchgreifende Verständniss der gleichsam abschlieszenden 
Grundsätze, die einfach und umfassend das ganze Gebiet kriegerischer 
Thätigkeit beherrschen. Diese Grundsätze sind für den Krieg, was 
die moralischen Grundsätze für das Leben, Gesetze, denen man un- 
gestraft nicht zuwider handeln kann. Dann wird man aber auch 
aus dem StuSium der Geschichte der organisatorischen und vor Allem 
der thatsächlichen Entwickelung der einzelnen Heere sowohl, als 
aller insgesammt zu ihrer gegenwärtigen Gestalt und Verfassung 
den Geist ihres Entwickelungsganges erkennen können, die Richtung, 
in der sich diese Entwickelung bewegt hat und weiter bewegt. 

Nur indem wir die gegebene Heeresverfassung einerseits mit den 
Forderungen vergleichen, welche die Erfahrung und die Geschichte 
an sie zu stellen gebieten, andererseits uns von den Bedingungen 
der Weiterentwickelung Rechenschaft geben, die in ihrer Genesis 
gegeben sind, können wir ein klares Verständniss ihrer Mängel wie 
ihrer Vorzüge gewinnen. Erst dann wird es möglich, auch in die 
Zukunft einen Blick zu werfen, und die Verbesserungsthätigkeit 
im Sinne der allein naturgemäszen, der geschichtlichen Weiter- 
bildung wirken zu lassen. 

Wenn in diesem Sinne die Aufgabe aufgefasst und behandelt 



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Studien in Bezug auf die Cavallerie. 



wird, dann ist es möglich, Zustände in der Armee und der Krieg- 
führung zu schaffen oder zu entwickeln, die nicht nur den 
zwingenden Umständen des Augenblicks gerecht werden, sondern, 
der Zukunft vorgreifend, auch den Anforderungen kommender 
Tage zu genügen vermögen. 

Dann wird Deutschland, wenn abermals seine Politik eine blutige 
Entscheidung erfordern sollte, mit Vertrauen den Degen in die eherne 
Wagschale werfen können, sich stutzend auf das moralische Ueber- 
gewicht seiner geistigen Errungenschaften und seine praktischen 
Bestrebungen. 

IL 

Geschichtlicher Rückblick auf die taktische Entwiekclung 

der Reiterei. 

Während wir im Vorhergehenden ganz allgemein darzustellen 
versucht haben, welches die Grundlagen jedes Urtheils und jeder 
fortschrittlichen Thätigkeit sein sollen, wollen wir jetzt, indem wir 
uns zu unserer speciellen Aufgabe, zu Betrachtungen über die Or- 
ganisation und Thätigkeit unserer Cavallerie wenden, zunächst einen 
kurzen zusammenfassenden Rückblick auf die geschichtliche Ent- 
wickelung derselben werfen, um dadurch eine Richtschnur für unsere 
Untersuchungen und eine sichere Grundlage für unser Urtheil zu 
gewinnen. 

Raum und Zweck der vorliegenden Arbeit gestatten uns hierbei 
nur eine ganz allgemeine Darstellung, und so können dann auch die 
abstrahirten Resultate nur sehr allgemeiner Natur sein. 

Die speciellen Grundsätze der Cavallerieverwendung geschicht- 
lich entwickeln zu wollen, würde hier viel zu weit führen; wir 
müssen sie als anerkannt und allbekannt voraussetzen. Bei der so be- 
schränkten Aufgabe brauchen wir nun nicht bis in die fernsten Zeiten 
der Vergangenheit zurückzugreifen. Wir glauben vielmehr mit Clause- 
witz, dass wir unsere Betrachtungen auf den Zeitraum von dem Oester- 
reichischen Erbfolgekriege an beschränken können. Von diesem Kriege 
an möchten wir die Aera unmittelbar nutzbarer und lehrreicher Kriegs- 
geschichte und Kriegswissenschaft datiren. Das Studium der früheren 
Zeit dürfte im Groszen und Ganzen, besonders aber in cavalleristischer 
Beziehung, doch zu allgemeine, wenn nicht vielfach nur negative 
Resultate ergeben. Denn, wenn die Einführung der Feuerwaffen in 
den Armeen auch eine bedeutsame, eine neue Zeit inaugurirende 
Epoche bezeichnet, so brachte dieselbe doch zunächst keine irgend 
bedeutsame Veränderung in der Taktik, oder gar eine Basirung der- 



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Studien in Bezug auf die Cavallerie. 



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selben auf die Feuerwirkung hervor, auf der sie doch jetzt einzig und 
allein beruht. 

Der Werth, welcher dieser Feuerwirkung beigelegt wurde, war 
anfangs nur ein sehr geringer. Dass das Fuszvolk damals der 
Reiterei gegenüber wieder mehr zu Ehren kam, ward weniger durch 
die Erfindung der Feuerwaffen, als durch den Einfluss der Schweizer 
Kriege und die Erfolge der Englischen Bogenschützen hervorgebracht, 
und erst sehr allmählig, wie sich die Schusswaffen wesentlich ver- 
besserten, gewann das neue Kriegsmittel mehr und mehr an Be- 
deutung. 

Jene ganze Zeit, bis zur Thronbesteigung Friedrich des Groszen, 
stellt sich uns dar als ein Ringen der neuen Waffe, der Repräsen- 
tantin der neueren Zeit und der modernen Ideen auf militairischem 
Gebiete, mit den Formen und Anschauungen des Mittelalters, bis sie 
endlich den Sieg davon trägt, und in der Lineartaktik, hauptsächlich 
durch das Verdienst der Preuszischen Heere, die erste wissenschaft- 
liche, auf Feuerwirkung beruhende Taktik entsteht. 

Die Blüthenepoche dieser Taktik, eben die Zeit des Oesterreichi- 
schen Erbfolgekrieges und vornehmlich die Kriege Friedrich des 
Groszen, hat eine doppelte und darum so hervorragende Bedeutung. 
Einmal zieht sie gleichsam die Summe aller Bestrebungen und Bil- 
dungen, aller Irrungen und Errungenschaften der vorhergegangenen 
Zeit, und repräsentirt somit den vollendeten Abschluss einer takti- 
schen Periode. — Dann aber, indem sie der Feuerwirkung ihren 
wahren Werth zuerkennt, die maaszgebende Bedeutung der Infan- 
terie constatirt, die der Cavallerie auf ihr gehöriges Maasz reducirt, 
und der Artillerie einen bedeutenden Platz anweist, bildet sie auch 
die Grundlage eines neuen Zeitabschnitts in taktischer Beziehung, 
eines Zeitabschnitts, dem die heutigen Zustände und Bestrebungen 
noch angehören. 

Der Entwickelung der Cavallerie während dieses Zeitabschnittes 
gilt es nunmehr näher zu treten. Doch wird es dabei nicht zu um- 
gehen sein, die Art der Kriegführung im Allgemeinen und ferner 
die Infanterietaktik in ihren Hauptpunkten zu berühren, denn die 
erstere bedingt die Verwendung der Waffen im Groszen, die In- 
fanterie aber, die allein ganz selbstständige, gleich offensive und 
defensive Waffe, ist die Königin anf dem Schlachtfelde, sie bedingt 
Formation und Auftreten der anderen, ruft deren Fortschritt hervor 
und begrenzt deren Thätigkeit. 

Wenn man das ganze, nun begrenzte, aber immerhin weite Ge- 
biet Uberblickt, das sich vor dem geistigen Auge entrollt, so treten 



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Studien in Bezug auf die Cavallerie. 



drei Hauptperioden des betreffenden Zeitabschnittes plastisch hervor, 
die durch drei bedeutsame geschichtliche Epochen charakterisirt werden. 

Die Periode der Lineartaktik, die in den Kriegen Friedrich des 
Groszen ihre Blüthezeit erlebt, die Periode der Colonnentaktik, 
welche Napoleon zu ihrer höchsten Vollendung gebracht hat, und 
die Periode der Taktik der Einzelordnung, die sich in den letzten 
Kriegen Preuszens und Deutschlands aus jener herausgebildet hat, 
und sich noch heute im Stadium ihrer Entwickelung befindet. 

Alle drei, nach den Gefechtsformen der Infanterie benannt, tragen 
ein ganz verschiedenes; aber ein sehr charakteristisches Gepräge; 
alle drei haben auch auf Verwendung und Formation der übrigen 
Waffen, also speciell auch der Cavallerie, einen verschiedenen be- 
dingenden Einfluss geübt. Aus diesen verschiedenen Einflüssen und 
deren Wirkungen das allgemeine Grundgesetz heraus zu erkennen, 
nach welchem sich die Cavallerietaktik entwickelt, ist die Aufgabe, 
die wir uns stellen wollen. 

Wir wenden uns zunächst zur Betrachtung der Lineartaktik und 
fassen die Hauptcharakterzüge derselben folgendermaaszen zusammen. 

Der Feldherr betrachtet und handhabt die Armee als ein einziges 
organisches Ganze. 

Als solches manövrirt dieselbe vor dem Feinde stets im Ganzen 
als ein Körper, die Waffen streng geschieden, die Infanterie prin- 
cipiell im Centrum, die Cavallerie auf den Flügeln, die Artillerie 
theils bei den Bataillonen, vertheilt auf deren Flügeln, theils in 
Batterien zusammengezogen vor der Front der Infanterie; die Ge- 
fechtsordnung ist ausschlieszlich die geschlossene Gefechtsformation, 
stets die Linie, welche ihr Feuer in Salven abgiebt und endlich mit 
dem Bajonet einbricht. 

Daher ist ein, wenn nicht vollständig ebenes, doch durchaus 
gangbares und übersichtliches Terrain die ideelle Voraussetzung 
für ein nach den angeführten Grundsätzen zu führendes Gefecht, 
d. h. in der Vorstellung, die jedoch, wie die menschlichen Dinge 
eben beschaffen sind, natürlich in der Wirklichkeit niemals unbedingt 
zur Geltung kommt. Schlachtform ist einerseits die rein defensive 
Stellungsschlacht, nur selten mit offensivem Gegenstosze, anderer- 
seits die offensive Fitigelschlacht, um uns dieses modernen Ausdrucks 
zu bedienen. Bei der fast vollständigen Widerstandslosigkeit der 
Flanken ist gute Flügelanlehnung Hauptbestreben der Defensive, 
Ueberfltigelung des Feindes zum Angriffe gegen dessen Flanke vor- 
wiegende Tendenz des Angreifers. 

Hauptmanöver ist daher der Flankenmarsch, und da die Linie 



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Studien in Bezug auf die Cavallerie. 



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die einzige Gefechtsformation ist, so muss die Hauptmanövrirformation 
eine solche sein, welche, zum Flankenmarsch besonders geeignet, 
eine schnelle Entwickelung der Linie nach der Flanke der Front- 
seite zulässt, also für die Infanterie die Zugcolonne, für die Ca- 
vallerie die Zugcolonne und die geöffnete Colonne in Escadrons. 

Wenn diese Kampfesformen im Groszen und Ganzen noch in 
mancher Beziehung den Stempel der vorhergegangenen Zeiten tragen, 
so beruht die Art der Kriegführung und der Truppen Verwendung 
doch auf specifisch modernen Ideen. Das Zusammenwirken, das 
gegenseitige Sichergänzen der Waffen ist Princip, und man ist sich 
dessen vollkommen bewusst. Die Infanterie ist, wie schon oben er- 
wähnt, die maaszgebende Waffe, doch noch nicht in so überwiegen- 
der Weise, wie in spateren Zeiten. Ihre Bewaffnung und die Formen, 
in denen sie sich schlägt, die ungemeine Schwäche der Flanken, die 
geringe Widerstandsfähigkeit der langen dünnen Linien gegen den 
directen Stosz, sowie die Art des Feuergefechts, das sie führt, und 
das Terrain, an welches sie durch diese ihre Formen gebunden ist, 
sind der Art, dass sie Cavalleriewirkung in einem Grade begünsti- 
gen, wie das nie früher der Fall gewesen, und von künftigen Verhält- 
nissen nicht wieder zu erwarten ist: in einem Grade, der das Auf- 
treten der Cavallerie oft zu einem entscheidenden machte, es der 
Letzteren ermöglichte, die Periode ihrer höchsten Leistung und ihres 
höchsten Ruhmes in Bezug auf die Schlachtenthätigkeit zu erleben. 

Betrachten wir nun specieller die Verwendung und die Thätig- 
keit dieser Waffe in dem allgemeinen taktischen Rahmen, den wir 
zu geben versucht haben, so sehen wir zunächst, dass schon durch 
die principielle Trennung der Waffen ein Zusammenhalten derselben 
in sich und ein entsprechendes massenweises Verwenden derselben 
gegeben war, wodurch man schon an und für sich einer Haupt- 
forderung jeder möglichen Gefechtswirkung der Reiterei gerecht 
wurde. 

Während man sich aber dessen sowohl, als auch jener Gunst der 
allgemeinen Verhältnisse vollkommen bewusst war, setzte man nun 
auch Alles daran und arbeitete auf der gegebenen Grundlage mit 
unermüdlicher Energie, um das nur irgend Mögliche zu erreichen. 
Friedrich der Grosze schuf mit Meisterhand und tiefem Verständnisse 
die Formen, in denen sich die Cavallerie schlagen sollte. 

Die Gliederung seiner Reiterei in drei Treffen mit offensiven 
und defensiven Flanken gab nicht nur für das Gefecht der Ca- 
vallerie gegen Cavallerie die normalen Formen, indem sie das Ver- 
hältniss der Reserve zur ersten Linie und die Flankenangriffe zum 



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Studien in Bezug auf die Cavallerie. 



Frontalangriffe regelte, sondern sie ermöglichte auch das erfolgreiche 
Gefecht gegen die damalige Infanterie; denn die Tiefe der Auf- 
stellung gentigte nicht nur der damaligen Feuerwirkung gegenüber — 
die das Gelingen einer selbst nur in einer Linie geführten Attacke 
durchaus nicht in das Reich des Unmöglichen verwies — sondern 
sie garantirte auch nach erfolgtem Choc stets noch das Vorhanden- 
sein einer Reserve oder eines Krafttiberschusses zur Vervollständi- 
gung resp. Uebertragung des Erfolges oder zum Abwehren der 
eventuellen Gegenoffensive des Feindes. Die so gegliederten und 
aus einer vortrefflichen Friedensschule hervorgegangenen Cavallerie- 
massen verwandte Seydlitz, und neben ihm andere tüchtige Führer, 
in der genialsten, groszartigsten Weise. Mit einem dem Genie an- 
geborenen Takte verstand er es stets, in dem Gefechte der übrigen 
Waffen den Moment zum Eingreifen der Reiterei richtig zu erfassen, 
rücksichtslos zu attackiren, wo er es für geboten hielt, aber auch 
mit kalter Ueberlegung jedes Eingreifen der Cavallerie zu verhindern, 
wo er einen Misserfolg voraus sah, wo ihm so zu sagen die ver- 
handelte Frage noch nicht spruchreif schien für das entscheidende 
Richtschwert der Reiterei. 

Wir behalten uns vor, hierauf, sowie auf verschiedene taktische 
Einzelnheiten in der Kampfweise der Friedericianischen Cavallerie, 
in einem späteren Capitel zurück zu kommen: hier gilt es, dem 
allgemeinen Zusammenhange in der Entwickelung der Cavallerie- 
verwendung zu folgen, und in Bezug hierauf wollen wir eine Be- 
merkung vorausschicken, die für uns bei der Beurtheilung der Kämpfe 
der folgenden Epochen maaszgebend sein wird. 

Aus der Geschichte der Friedericianischen Kriege und aus dem 
Auftreten der Preuszischen Reiterei in demselben können wir die 
Lehre ziehen, dass bei gegebener principieller Verwendung der Rei- 
terei in Massen die Quintessenz cavalleristischen Verständnisses, 
richtiger erfolgreicher Cavallerieverwendung darin besteht, einerseits 
die Gliederung dieser Waffen, andererseits deren Stellung auf 
dem Schlachtfelde, sowie Zeit und Richtungswahl der 
Attacke in Einklang zu setzen mit den jedesmaligen Gefechts- 
formen und dem Gefechtsverlaufe bei der Infanterie und Artillerie. 

Da, wo die Wechselwirkung zwischen der Thätigkeit der beiden 
letztgenannten Waffen und der der Reiterei diesen angestrebten 
Einklang, diese Harmonie des Ineinandergreifens im Gefechte her- 
vorgebracht hat, sei es dauernd und bewusst, oder nur in kurzen 
günstigen Augenblicken, da hat es nie an einer entscheidenden 
Wirkung der Reiterei gefehlt, und wird es auch in Zukunft nicht; 



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Studien in Bezug auf die Cavallerie. 



11 



wo aber dieser Einklang nicht erzielt wurde, wo man einerseits aus 
starrer Principienfolge den Veränderungen der Infanterietaktik nicht 
Kechnung trug, andererseits, indem man sich denselben anschmiegen 
wollte, zu weit ging und den Grundgesetzen der Cavallerie Wirkung 
untreu wurde, da musste die Bedeutung der Reiterwaffe schwinden. 

Diesen Process aber sehen wir im Laufe der folgenden Perioden 
sich allmählig vollziehen, das glückliche Verhältniss der Waffen zu 
einander in Form und Gefechtsweise, wie es Friedrich der Grosze 
und Seydlitz in geistvollem Zusammenwirken erreicht hatten, mehr 
und mehr verloren gehen. Die Ursache dieser Erscheinung aber 
dürfte wohl in Folgendem zu suchen sein. 

Die ganze culturbistorische und politische Entwickelung der 
Völker und Staaten Europa's, das Entstehen ganz neuer politi- 
scher und socialer Anschauungen, der wachsende Bildungsgrad 
der Bevölkerungen, die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, 
später dann noch der enorme Fortschritt der exacten Wissenschaften, 
welcher eine wesentliche Verbesserung der Feuerwaffen und eine 
sehr bedeutende Steigerung in der Wirkung derselben hervorge- 
rufen hat, — Alles das hat auf die Entwickelung der Infanterie 
vornehmlich einen durchaus fördernden Einfluss ausgeübt, hat die- 
selbe immer mehr und mehr in den Vordergrund gedrängt, sie immer 
mehr zur Hauptwaffe gemacht. 

Auf die Cavallerie dagegen konnten dieselben Erscheinungen 
nicht in derselben Weise einwirken. 

Wenn schon manche der angeführten Factoren, wie z. B. die 
durch Einführung der allgemeinen Wehrpflicht bedingte Verkürzung 
der Dienstzeit und Herabsetzung des Stärkeverhältnisses beider Waffen 
zu einander, sowie die allmählig immer vergröszerte Tragweite, Prä- 
cision und Feuergeschwindigkeit der Schusswaffen für die Entwickelung 
der Cavallerie direct — wenn auch nicht in dem Maasze, wie man das 
gewöhnlich annimmt — nachtheilig erscheinen müssen, so können wir 
doch nicht umhin, den Nachtheil, der ihr indirect aus der gesteiger- 
ten Bedeutung der Infanterie erwachsen ist, für den entscheidenden 
Factor zu halten, dass die Reiterei allmählig fast ihre ganze Be- 
deutung verlor. 

Die Infanterie drängte eben dadurch schon, dass sie an Masse 
bedeutend zugenommen hatte, ferner durch die Vielseitigkeit ihrer 
Leistungsfähigkeit, und dadurch endlich, dass sie ein Gewehr in die 
Hand bekam, dessen Leistungen man doch wohl zu Uberschätzen 
geneigt war, die Übrigen Waffen und vornehmlich die Reiterei mehr 
und mehr in den Hintergrund. Auf das Fuszvolk concentrirte sich 



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12 



Studien in Bezug auf die Cavallerie. 



fast alle fortschrittliche Thätigkeit, wenigstens die wirklich fördernde. 
Dadurch kam es, dass die Reiterei mehr und mehr nur als Neben- 
sache behandelt wurde, um so mehr, als die Schwierigkeit ihrer 
Verwendung wirklich sich gesteigert hatte; und dass man ferner 
jene althergebrachten Grundsätze der Reiterei, Massenwirkung und 
Flankenangriff, zwar theoretisch noch theilweise aufrecht erhielt, aber 
ihre praktische Anwendung einfach unmöglich machte, indem man 
für gut fand, ohne gerade sehr tief auf das Wesen der Dinge ein- 
zugehen, Grundsätze und Normen des Infanteriegefechts auch auf 
das der Reiterei zü übertragen oder in Rücksicht auf jene Grund- 
sätze Anordnungen zu treffen, die der Infanterie gegenüber nicht 
mehr lebensfähig waren. 

Das musste natürlich bei der Reiterei auf einen inneren Wider- 
spruch stoszen, der auf dem eingeschlagenen Wege nie zu lösen 
war — das musste der allgemeinen wie der Specialführung das Ver- 
ständniss für die wahre Leistungsfähigkeit und richtige Verwendung 
der Cavallerie mehr und mehr erschweren. Das verdrängte sie all- 
mählig von den Schlachtfeldern, von der Front der Armee, wo man 
sie nicht mehr auszunutzen verstand ; das musste sie zu dem machen, 
was sie vor 1870 in Preuszen war, ein gewaltiger, mächtige Geister 
beherrschender Talisman, dessen Besitzer die Zauberformel entfallen, 
welche dieselben entfesselt oder bindet. 

Ziehen wir aus dem Gesagten das Resultat, so sehen wir, dass 
nicht also in faktischer Unmöglichkeit, dem modernen In- 
fanteriegefechte gegenüber die frühere Bedeutung behaupten zu 
können, sondern in der auf einem inneren Widerspruche be- 
ruhenden, bisherigen Verwendungsart der Reiterei die Ursache 
zu deren verminderten Leistungen zu suchen ist. Wenn wir jetzt 
zur Geschichte selbst zurückkehren, so werden wir erkennen, dass 
die Tbatsachen die Richtigkeit dieser unserer Behauptung beweisen. 

Knüpfen wir also da wieder an, wo wir den Faden unserer ge- 
schichtlichen Entwickelung verlieszen, bei der; Blüthezeit der Friede- 
ricianischen Schule. 

Mit dem Ruhme der Preuszischen Siege fand auch die Preu- 
szische Taktik ihren Weg zu den Armeen der meisten Europäischen 
Staaten; wie das aber unter solchen Verhältnissen meist zu ge- 
schehen pflegt, die Nacheiferung ging bald in geistlose Nachahmung 
Uber, die mehr in der Form, wie in dem Wesen der Dinge die 
Ursachen zu deren Wirkungen sucht. Ja in Preuszen selbst und 
sogar schon während der letzten Regierungsjahre des groszen Königs 
artete die Taktik, besonders der Infanterie, unter dem Einflüsse 



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Studien in Bezug auf die Cavallerie. 1 3 

und im Geiste eines Saldern in ein gekünsteltes, unnatürliches 
System aus. 

Da brauste der gewaltige Sturm der Französischen Revolution 
daher und bewirkte auch auf militairischem, wie auf jedem anderen 
Gebiete einen tiefgreifenden, epochemachenden Umsturz. 

Die in Frankreich wachgerufene Idee der leve*e en masse, die 
Vernichtung aller dortigen Centren der Ausbildung, die ungeheure 
Menge Soldaten, welche für die Kriege der Republik stets von Neuem 
erforderlich wurden, machten es den Französischen Generälen bald 
unmöglich, ferner noch die bis ins Uebertriebenste verkünstelten und 
gelehrten Formen der Lineartaktik beizubehalten. Die aus unaus- 
gebildeten Soldaten bestehenden langen Linien ballten sich von selbst 
zusammen oder lösten sich in Schwärme auf — bald machten dann 
die Heerführer aus der Noth eine Tugend, aus dem Haufen bildeten 
sie die Colonne, aus dem Schwarme die Schtitzenformation, Beides 
führte zur vermehrten Ausnutzung des Terrains, und so entstand all- 
mählig jene Colonnentaktik, die Napoleon später zu ihrer höchsten 
Vollendung brachte, indem er ihr seinen gewaltigen belebenden Genius 
einhauchte. 

Während der Entwickelungsperiode dieser Taktik bei der In- 
fanterie machten sich auch bei der Cavallerie die neugestaltenden 
Einflüsse geltend, sowohl in Bezug auf ihre Verwendung, als auch 
auf ihre Formation. Das allmählige Schlechterwerden der Infanterie 
in den Revolutionskriegen verleitete zunächst zu einem immer aus- 
gedehnteren Gebrauche der Reiterei; man gewöhnte sich, dieselbe 
stets und unter allen Umständen zu lanciren, und als dies einer halt- 
losen Infanterie gegenüber oft, selbst bei ungünstigen Verhältnissen, 
erfolgreich war, ging darüber das Verständniss für jene durchdachte 
und durchaus berechtigte Verwendungsart der Reiterei allmählig 
verloren, wie sie einst Friedrich der Grosze geschaffen, Seydlitz sie 
zu ihrer höchsten Vollendung gebracht hatte. Bald änderte sich 
dann auch vielfach die Formation der Cavallerie unter dem Einflüsse 
der neuen Formen der Infanterie. Denn als die Letztere sich wie- 
der mehr zu consolidiren anfing, das Fuszvolk widerstandsfähiger 
wurde, da suchte man, um den gewohnten Erfolg der Reiterei 
dennoch zu sichern, das Mittel hierfür zunächst nicht in einer den 
veränderten Verhältnissen angepassten Verwendungsweise derselben, 
sondern einseitig, und zwar wenig glücklich, in einer Veränderung 
der Formation, in einer Uebertragung der bei der Infanterie vor- 
handenen Formen auch auf die Reiterei. 

Alle diese Aenderungen und Neugestaltungen in den Armeen 



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14 Studien in Bezug auf die Cavallerie. 

und der Kampfweise schmolzen dann unter dem Einflüsse Napolcon's 
zu einem gewaltigen durchdachten Ganzen zusammen, dessen Haupt- 
charakterzüge wir wohl folgendermaaszen zusammenfassen können. 

Es zeigt sich ein tiefgehender, schlagender Unterschied von dem 
Wesen der vorigen Periode. 

Erster Grundsatz ist jetzt Theilung der Armeen in Unterabthei- 
lungen, Corps, die nach dem einheitlichen Willen des Oberfeldherrn 
zwar und in dessen Sinne, aber innerhalb dieser Grenze, verhältniss- 
mäszig selbstständig auftreten, und um selbstständig sein zu können, 
wenigstens im Gefechte und auszerhalb des Armeeverbandes aus 
allen Waffengattungen bestehen müssen. Dabei bleibt im Allge- 
meinen Zusammenhalten der Waffen in sich, Massenwirkung der- 
selben, Princip, und wird die Letztere für den Moment der Ent- 
scheidung durch die zurückgehaltenen Reserven garantirt. 

Die Schlachtformen sind sehr verschieden, doch charakterisirt 
sich die Offensive dadurch, dass man das Gelingen derselben nicht 
ausschlieszlich auf der Richtung des Angriffs gegen den schwächsten 
Theil der feindlichen Stellung beruhen lässt, sondern es zeigt sich 
jetzt als leitendes Princip : Concentration überwiegend groszer Massen 
vor einem Theile, womöglich allerdings auch dem schwächsten, der 
feindlichen Aufstellung und Durchbrechung derselben an dieser Stelle, 
hinhaltender Kampf gegen den übrigen Theil der feindlichen Linien ; 
also an Stelle des refüsirten Flügels der Friedericianischeu schiefen 
Schlachtlinie, mit demselben Zwecke das demonstrative Gefecht. 

Gefechtsformation ist bei der Infanterie nur noch sehr selten die 
Linie, hauptsächlich dagegen die tiefe Compagnie- oder Bataillons- 
colonne mit vorgeschobenen Schützen, Manövrirformation dem ent- 
sprechend nicht mehr eine solche, welche die Entwickelung zum Ge- 
fechte nach der Flanke bedingt, sondern in Anbetracht dessen, dass 
sie eine Concentration groszer Massen auf kleinem Räume gestatten 
und zugleich als Gefechtsformation dienen niuss, eine solche, wo diese 
Entwickelung eventuell nach der Front hin stattfindet, also ge- 
schlossene Colonnen, die nach der Front deployiren. 

Diesen maaszgebenden Formen der Infanterie hatten sich nun 
in gleichem Sinne die der Cavallerie angepasst, und die geschlossene 
Colonnc in Escadrons, neben der auch die Colonnen in Divisionen 
und nach der Mitte auftreten, alle mit schwerfälligen Deployements 
nach der Front, war nicht nur Manövrirformation, sondern neben der 
Linie auch Gefechtsformation der Cavallerie. 

Wie die Zug- resp. die geöffnete Colonne in Escadrons in den 



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Studien in Bezug auf die Cavallerie. 



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Rahmen der Lineartaktik, so passen, formell betrachtet, die tiefen 
geschlossenen Formationen in den der Colonnentaktik. 

Diese Formen aber documentiren einen bedenklichen Rückschritt 
in der Reitertaktik. Denn einerseits sind tiefe dichte Oolonnen nicht 
gerade sehr günstig für Bewegungen im Terrain, andererseits ist 
eine Attacke in Colonne, — wie jetzt wohl allgemein anerkannt ist — 
und war es auch damals, ein cavalleristischer Nonsens. Beides hier 
noch beweisen zu wollen, kann natürlich nicht unsere Absicht sein, 
theils liegt es auf der Hand, theils ist genug darüber geschrieben 
worden. Es sei hier nur die Thatsache angeführt: derselbe Rück- 
schritt, der sich in den Formationen zeigt, tritt dann auch in der 
Verwendungsart der Reiterei zu Tage; denn während die Friederi- 
cianische Cavallerie sich in Form und Verwendungsart den Forde- 
rungen fügte, welche die Gefechtsweise der Infanterie an sie stellte, 
dabei aber zu gleicher Zeit den Grundfactoren jeder möglichen Ca- 
valleriewirkung im modernen Gefechte, Massenverwendung, richtige 
Wahl des Attacke-Moments, Flügel- oder Flankenwirkung, durchaus 
treu blieb, war die Verwendung der Napoleon'schen, bei der wir de 
facto zwar noch häufig eine sehr glänzende Wirkung sehen, im 
Principe schon nicht mehr so rationell wie jene. 

Clausewitz sagt zwar in Bezug auf diese Verhältnisse: „Als 
man in der letzten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf die Idee kam, 
dass Reiterei wohl eben so gut die Flügel schützen könne, wenn sie 
hinter der Armee, als in ihrer Verlängerung stände ; dass sie tiberdem 
wohl noch zu manchem Anderen gebraucht werden könne, als sich 
mit der feindlichen allein zu duelliren, da hatte man schon deswegen 
einen groszen Schritt vorwärts gethan, weil nun die Oekonomie ihrer 
Hauptausdehnung, welches immer die Breite ihrer Aufstellung ist, 
aus lauter homogenen Gliedern bestand, so dass man sie in eine be- 
liebige Anzahl Stücke zerlegen konnte, und lauter Stücke erhielt, 
die sich untereinander und dem Ganzen ähnlich waren." Doch 
können wir uns in diesem Falle nicht ganz mit der ausgesprochenen 
Ansicht einverstanden erklären. 

Einmal war die auf den Flügeln aufgestellte Reiterei der Frie- 
dericianischen Schlachtordnung doch durchaus nicht einzig und allein 
auf den Schutz dieser Flügel und auf ein abgesondertes Duell mit der 
feindlichen Cavallerie beschränkt. — Ihre Thätigkeit von dort aus 
war wohl eine ganz erheblich bedeutendere, und es dürfte wohl kaum 
••-Jnöthig sein, die Beweise dafür aus der Geschichte noch beizubringen ; 
auch war ihre Stellung in der Schlachtlinie derart, dass sie diese 
Thätigkeit ganz auszerordentlich begünstigte. — Dann aber scheint 



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16 Studien in Bezug auf die Cavallerie. 

uns gerade in der ausgedehnten Zutheilung der Cavallerie zu den 
Corps, um dieselben einander ähnlich zu machen, in dem Vertheilen 
der gesammten Reiterei hinter der Schlachtlinie und der dem 
entsprechenden Frontalverwendung derselben der erste Keim für den 
Verfall der Cavallerietaktik zu liegen. 

In den Napoleon'schen Kriegen tritt das Fehlerhafte dieser 
Maaszregel noch nicht auffallend nachtheilig hervor. 

Denn wenn der Kaiser auch seine Reiterei nicht so durchaus 
rationell, nicht mit einem so genialen Verständnisse für die Wirkungs- 
art der Waffe verwendete, wie wir das von Friedrich und Seydlitz 
gesehen haben, wenn er dieselbe oft ohne die gltickliche Wahl des 
Moments und dann auch ohne den möglichen entscheidenden Erfolg 
aufs Gerathewohl lancirte; wenn ein Murat dem groszen Seydlitz 
auch nicht entfernt gleich zu stellen ist, so verstand Napoleon doch 
sehr wohl, grosze Cavalleriemassen zusammenzuziehen und auch an 
den Feind zu bringen, und die Wirkung blieb immer noch oft eine 
groszartige. 

In der Zeit der Epigonen aber, wo man die Verfahrungsweise 
des groszen Kaisers theoretisch auszubeuten bemüht war, gingen auch 
Princip und Fähigkeit der Massenverwendung allmählig verloren. 

Die falsch verstandene und falsch verwendete Idee der Napoleon'- 
schen Cavallerie-Reserven und die theoretische, aus den Schlachten 
der Kaiserkriege abstrahirte Anschauung von der intimen gegen- 
seitigen Unterstützung der Waffen bis zu den kleinsten Abtheilun- 
gen, Beides unter dem Einflüsse der ferneren Entwickelung der In- 
fanterietaktik, sind die Factoren, welche zusammengewirkt haben, 
um von nun an die Reiterei gänzlich in den Hintergrund zu drängen. 

Dieser Entwickelung der Infanterietaktik also und der Art ihres 
bedingenden Einflusses, den dieselbe auf die Verwendung der Reiterei 
während der folgenden Zeit geübt hat, müssen wir jetzt eine nähere 
Betrachtung widmen; und wir glauben, dass wir uns dabei auf die 
Verhältnisse in der Preuszischen Armee beschränken können, da 
diese trotz der langen Friedenszeit, zu der sie von den Freiheits- 
kriegen an verurtheilt war, dennoch die Hauptträgerin des Fort- 
schritts und der Entwickelung der Taktik gewesen ist. 

Schon in dem Uebcrgange von der Taktik der Friedericianischen 
Periode zu der der Napoleon'schen sehen wir das Bestreben zu Tage 
treten und sich Bahn brechen, die starre Einheitlichkeit der groszen 
Heeresmaschine zu brechen und in selbstständige Untcrabtheilungen 
zu gliedern, also die Arbeit zu theilen, die individuelle Thätigkeit 
mehr zum Ausdrucke zu bringen. 



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Studien in Bezug auf die Cavallerie. 17 



Dieses Streben nach Individualisirung nun, Hand in Hand 
gehend mit den politischen und Culturbestrebungen der Völker, ist 
die charakteristische Haupttendenz nicht nur der Gesammt- 
entwickelung der Taktik in den bisher betrachteten Zeitperioden, 
sondern sie bleibt es auch fiir die nun folgenden, und am prägnan- 
testen tritt das in der Entwickelung der Preuszischen Armee zu 
Tage. 

In ihr trat zwar zunächst nach den Freiheitskriegen in gewisser 
Weise eine Reaction ein, indem man bemüht war, das Schützen- 
gefecht zu beschränken, und die Formen, die der Krieg gebildet, 
wieder in festere Fesseln zu legen. 

Dann aber führte das gesunde, auf gründlichem theoretischem 
Studium beruhende Urtheil, wohl in mancher Hinsicht beeinflusst 
durch die Erfahrungen des Krimkrieges und des Feldzuges von 1859 
in Italien, wieder auf den natürlichen Entwickelungsweg zurück, und 
die zeitgemäsze Adoptirung des Hinterladers, sowie die damit 
Hand in Hand gehende Einführung der Compagniecolonnen, 
bezeichnen seit den Errungenschaften der Napoleon'schen Periode 
den nächsten concreten Ausdruck jener allgemeinen Tendenz der 
Entwickelung und damit den Beginn einer neuen taktischen Periode, 
der Taktik der Einzelordnung. 

Allen Gestaltungen der gesammten Organisation und Taktik der 
Armee, wie dieselben zuerst im Kriege von 1866 prägnant zu Tage 
treten, noch ausgebildeter dann im Feldzuge 1870 — 71, ist nunmehr 
jenes allgemeine, geschichtlich berechtigte Entwickelungsgesetz zu 
Grunde gelegt. — Theilung der Arbeit und der Verantwortlichkeit 
ist tiberall leitendes Princip. Ueberall hat die taktische Selbst- 
ständigkeit der einander subordinirten Abtheilungen innerhalb der 
Grenzen, die ihnen der Plan der Oberführung steckt, zugenommen, 
vom Corps hinab bis zu der Compagnie, ja in der Compagnie selbst 
ist das Streben vorwiegend, das Individuum mehr zur Geltung zu 
bringen. Das Schützengefecht hat dem geschlossenen gegenüber 
eine tiberwiegende Bedeutung erlangt; principiell soll überall der 
einheitliche Wille der Führung den Einzelnen die erforderliche Rich- 
tung ihrer Thätigkeit anweisen, in dieser Richtung sollen die Indi- 
viduen einheitlich, aber selbstständig, convergirend und concentriscb, 
gegen den gemeinsamen Angriffspunkt wirken. Und was sich so im 
! Gefechte der einzelnen Truppe geltend macht, das tritt ebenso 
im Kampfe der Armee hervor, denn auch die Schlachten selbst haben 
ihren einheitlichen Charakter in gewissem Sinne verloren und zer- 
feUen in eine Anzahl einzelner Gefechte. 

Jahrbücher f. d. Deutsche Armee n. Marine. Band XUl. 2 



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Studien in Bezug auf die Cavallerie. 



Häufig genug in den letzten Kriegen hat sich diese individuali- 
sirende Tendenz auch über die Grenzen des Vortheilhaften hinaus 
geltend gemacht, und nicht selten haben sich die Gefechts Verhält- 
nisse derart gestaltet, dass weder Bataillon noch Compagnie, sondern 
der einzelne Schütze taktische Einheit der Infanterie war, oder dass 
die Initiative der Unterführer der Einheitlichkeit der Leitung im 
Groszen nachtheilig wurde. 

Wenn nun dieses Streben, die individuelle Thätigkeit möglichst 
zur Geltung bringen, schon bei der Infanterie zu Extremen geführt 
hat, welche den Gesammterfolg ihrer Thätigkeit zu beeinträchtigen, 
ja in Frage zu stellen im Stande waren, wenn schon hier, unserer 
Ueberzeugung nach, Mittel zur Anwendung gebracht werden müssen, 
um diese Bestrebungen auf ihr richtiges Maasz zurückzuführen, — 
um wie viel mehr mussten solche Tendenzeu, wenn sie sich bei der 
Cavallerie geltend machten, zu den unglücklichsten Resultaten führen. 
Denn hier kommen sie mit dem Fundamentalgesetze jeglicher Ca- 
valleriewirkung, mit der Forderung des Waffenehoes, einer Forderung, 
der noch Napoleon stets Rechnung getragen hatte, in directen schroffen 
Widerspruch. 

Man war sich jedoch in Preuszen auch der Nothwendigkeit 
dieser Forderung noch dunkel bewusst. Die Idee dieser Nothwendig- 
keit war als ein Ueberkommniss der Napoleon'schen Zeit principieller 
Begriff den Anschauungen verblieben, wenn man sich auch kein recht 
klares Bild davon machte, wie man derselben praktisch gerecht 
werden wollte, und so traten hier zwei Bestrebungen einander gegen- 
über, deren Ausgleich nicht in einer Weise gelang, welche einen 
glücklichen Erfolg ermöglichte. 

Einerseits führte das Bestreben, die Cavalleriethätigkeit den für 
die Infanterie als richtig erkannten Grundsätzen zu unterwerfen und 
anzuschmiegen, einestheils zwar zu der sehr glücklichen Wahl und 
Einführung der Escadronscolonne als Manövrirformation, anderntheils 
jedoch auch zu jener Zersplitterung der Reiterei hinter der ganzen 
Schlachtlinie in wirkungslose Minimaltheilchen, zu jener Theorie der 
partiellen Erfolge, welche die Divisions-Cavallerie ausbeuten sollte, 
denen eine gewisse Bedeutung nicht abgesprochen werden soll, die 
aber doch gewiss nicht das Maximum cavalleristischer Leistung 
darstellen. 

Andererseits führte die Idee von der Nothwendigkeit der Massen- 
wirkung zur Formirung jener Cavalleriecorps, wie sie 1866 Statt 
hatte, zum Zusammenballen groszer unbehülflicher Reitermassen, zu 
deren Führung man nicht mehr befähigt war, und deren Wirkung 



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Studien in Bezug auf die Cavallerie. 



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sich dann auch als Null ergab ; starre, leblose Verkörperungen eines 
Princips, das zu einem praktischen Lebensgrundsatze zu gestalten, 
nicht gelungen war. — 

Man sieht also, dass die Betrachtung der Geschichte der takti- 
schen Entwickelung der Reiterei den Beweis geliefert hat, den wir 
in ihr suchten, den Beweis, dass in der principiellen Tendenz der 
taktischen Entwickelung der Infanterie die Elemente begründet sind, 
welche das Niveau der Bedeutung der Reiterei fast bis unter den 
Nallpunkt herabzudrticken im Stande waren. 

Wollen wir aber aus den Ergebnissen unserer Betrachtung eine 
Idee ableiten, die als Richtschnur dienen kann, für die fernere Fort- 
schrittstbätigkeit auf cavalleristischem Gebiete, — so möchte das die 
Erkenntniss sein, dass sich der Natur der Sache nach stets zwei 
Bestrebungen geltend machen werden, denen gerecht zu werden, die 
Reitertaktik sich bestreben muss. 

Einerseits das Streben, sich den Formen und der Kampf- 
weise der Infanterie anzuschmiegen, um im Gefechte mit 
derselben in Contact bleiben und gegen sie oder zu ihrer Unter- 
stützung zur Wirkung gelangen zu können. Andererseits das Streben, 
den Grundgesetzen der Cavalleriewirkung Geltung zu 
verschaffen, um überhaupt Erfolge erzielen zu können. 

Beide Tendenzen mit einander zu verschmelzen, in For- 
mation und Verwendungsweise der Reiterei, die nothwendige beiden 
Bestrebungen genügende Einheitlichkeit wieder herzustellen, muss 
als die Aufgabe bezeichnet werden, welche sich jede Fortschritts- 
thätigkeit auf dem einschlagenden Gebiete zu stellen haben wird. 

Dieser Grundgedanke muss Allem zu Grunde liegen, was man 
in Vorschlag bringt oder adoptirt, auf taktischem sowohl wie auf 
organisatorischem Gebiete. 

Gelingt die praktische Durchführung einer in diesem Sinne ent- 
worfenen Neubildung, dann, hoffen wir, wird die Reitejei ihren alten 
Rang unter den Waffen wieder einnehmen. Denn wenn wir uns 
auch nicht verhehlen, dass sie heute mit gröszeren Schwierigkeiten 
zu kämpfen, gröszere, blutigere Opfer zu bringen haben wird, so 
halten wir doch die Lösung der gestellten Aufgabe durchaus nicht 
fttr absolut unmöglich, und finden den, wie uns scheint, unwiderleg- 
lichen Beweis dafür in den einzelnen glänzenden Erfolgen, welche 
Theile der Preuszischen Cavallerie in der jüngst verflossenen Cam- 
pagoe gegen eine, mit vorzüglichen Hinterladern bewaffnete, In- 
fanterie zu erkämpfen vermochten. 

Dann möchten wir aber hier doch noch auf einen Punkt hin- 

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Studien in Bezug auf die Cavallerie. 



weisen, der vielleicht in Zukunft auf die Thätigkeit der Cavallerie 
in, wie auszer der Schlacht einen nicht zu unterschätzenden Ein- 
fluss gewinnen dürfte. — Es ist das die Nation alisirung der 
Kriege. 

Wir haben schon darauf hingewiesen, dass in den ersten Stadien 
der Französischen Revolutionskriege — und dasselbe wiederholte 
sich in den Kriegen der Kaiserzeit in Spanien — das durch die 
levee en masse und den Nationalkrieg herbeigeführte Schlechter- 
werden der Infanterie eine ausgedehntere Schlachtenthätigkeit der 
Cavallerie möglich machte und zur natürlichen Folge hatte. 

Wir glauben nun, dass ähnliche Verhältnisse sich in fast jedem 
künftigen Kriege herausstellen werden, wie das ja im letzten Deutach- 
Französischen auch schon der Fall war. — Denn die Zeit der Ca- 
binetskriege ist vorbei — Kriege werden sich in Zukunft wohl stets 
zu nationalen gestalten. Deshalb, sowie aus tinanciellen und andern 
Rücksichten wird die Spannung aller Verhältnisse eine ungeheuere, 
die Itensität des ersten Zusammenstoszes eine sehr bedeutende sein — 
und als Folge dessen wird sich ergeben, dass die vorbereiteten 
Kräfte, wenigstens des zu Anfang unterliegenden Theils, sehr bald, 
wenn nicht vollkommen vernichtet, so doch gänzlich unzulänglich 
sein werden, um die Verteidigung mit Erfolg aufnehmen oder fort- 
setzen zu können. 

Ein Zurückgreifen auf Landwehren jeglicher Art und jeglichen 
Namens, selbst Neuformationen werden daher in den späteren Stadien 
künftiger Kriege fast immer unvermeidlich werden, und damit scheint 
sich auch der Reiterei ein sehr bedeutend erweitertes Feld der 
Thätigkeit öffnen zu müssen. 

Wenn die Deutsche Cavallerie im letzten Kriege die Gunst der- 
artiger Verhältnisse nicht im möglichen Maasze ausgebeutet hat, so 
können wir nicht umhin, das einerseits zwar der Ungunst der Wit- 
terung und dos Terrains zuzuschreiben, andererseits aber auch und 
wohl hauptsächlich der Führung der Reiterei, und glauben nicht erst 
nöthig zu haben die Beispiele aufzuzählen, aus denen wir diese Be- 
hauptung beweisen könnten. 

In Zukunft aber, so glauben wir, kann und wird dieselbe Ca-' 
vallerie, wenn Deutschlands Heere abermals ähnlichen Verhältnissen 
gegenüber stehen sollten, ein ganz anders bemessenes Gewicht in 
die Wagschale werfen. 

Ihr wird die doppelte Aufgabe zufallen, zuerst die Gebiete des 
feindlichen Landes weithin zu tiberschwemmen und so Neuformationen 
zu verhindern und zu erschweren, dann im Gefechte selbst, einer 



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Studien in Bezug auf die Cavallerie. 21 

moralisch meist tiefstehenden, weil neuformirten Truppe gegenüber, 
die gerade moralisch so erschütternde Gewalt der Attacke bis aufs 
Aeuszerste auszunutzen ; nach dem Gefechte aber, auch bei der Ver- 
folgung hier rücksichtsloser als sonst, den alles Handeln lähmenden 
Schrecken des Besiegten selbst in ferne Gegenden zu verbreiten 
und fortzupflanzen. 

III. 

Verwendung und Thätigkeit der Reiterei im Felde. 

Wenn wir uns im Vorhergehenden, wo es darauf ankam, einen 
zusammenfassenden Rückblick auf die Geschichte der Reitertaktik 
zu werfen, auf die Betrachtung der Schlachtenthätigkeit der Ca- 
vallerie beschränken konnten, so hatte das seinen Grund in Fol- 
gendem : 

Einmal wollten wir gerade den Einfluss der Infanterieentwicke- 
lung auf die Bedeutung der Reiterei besonders beleuchten, und die 
Wechselwirkung der Waffen tritt auf dem Schlachtfelde natürlich am 
prägnantesten hervor, — zweitens hat auch die Thätigkeit der Rei- 
terei auszer der Schlacht, mit dem Schlachtenwerthe der Waffen, 
im Allgemeinen stets auf gleicher Höhe gestanden. 

Die Reiterei Friedrich des Groszen war auch auszer der Schlacht 
in der vielseitigsten und ausgiebigsten Weise thätig — im kleinen 
Kriege sowohl, wie im Vorposten- und Aufklärungsdienste. Sie 
glänzte durch die kühnsten, selbstständig ausgeführten Streifzüge, 
wie durch rastlose Verfolgungen und ausgedehnte Aufklärung. 

Napoleon's Reiterei stand in dieser Hinsicht schon nicht mehr 
ganz auf derselben Höhe. — Doch lag das wohl mehr an der Detail- 
Thätigkeit der Waffe selbst, da der Kaiser seine Reiterschaaren sehr 
wohl, ja in fast moderner Weise zur Aufklärung und Verschleierung 
zu benutzen verstand ; während bei der Cavallerie der Verbündeten 
gerade das Umgekehrte Statt hatte, denn diese leistete im Einzelnen 
noch vielfach Vorzügliches. Die Aufklärungsthätigkeit des Generals 
Katzler z. B. kann in vieler Beziehung als eine mustergültige hin- 
gestellt werden. Im Allgemeinen aber war der klare bewusste Grund- 
gedanke für ihre Verwendung, der, von der oberen Führung aus- 
strahlend, alle Glieder belebt, hier schon nicht mehr vorhanden, und 
in den nun folgenden Friedensjahren ging dann das Verständniss 
für die aufklärende Thätigkeit der Cavallerie ebenso, wie das ftir 
ihren Schlachtenwerth, fast überall gänzlich verloren. 

Wenn es daher bis jetzt als nicht geboten erschien, diese 
Verhältnisse einer näheren Betrachtung zu unterziehen, so müssen 



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22 Studien in Bezug auf die Cavallerie. 

i 

wir jetzt, wo wir, an der Hand der geschichtlichen Entwicklung 
bis an die Schwelle der Gegenwart gelangt, die Aufgaben und die 
Verwendung der Reiterei unter unseren modernen Verhältnissen be- 
trachten und praktische Grundsätze für dieselbe gewinnen wollen, 
die Gesammtthätigkeit derselben ins Auge fassen. 

Ja, wir wollen gleich hier von vornherein betonen, dass wir auf 
diese, bisher nicht berührte Seite der Reiterverwendung, heute 
das Hauptgewicht legen zu müssen glauben. 

Denn, wenn wir auch die entscheidende Schlachtenarbeit der 
Cavallerie nicht nur für möglich, sondern auch für eine naturgemäsz 
nothwendige, und in Zukunft für sicher bevorstehend halten, — so 
können wir uns doch der Ueberzeugung nicht verschlieszen, dass die 
Bedeutung derselben im Verhältnisse zur Vergangenheit sich ver- 
mindert hat, während dagegen die Sphäre derjenigen Thätigkeit, die 
in die Zeiträume vor, nach und zwischen den Schlachten fällt, nicht 
nur räumlich, sondern auch an militairischer Wichtigkeit ganz her 
vorragend zugenommen hat 

Wenn man aber nach den Gründen fragt, welche uns diese 
Ueberzeugung aufgedrängt haben, so möchten wir, was zunächst den 
ersten Theil unserer Behauptung anbetrifft, dass nämlich die Be- 
deutung der Reiterei in der Schlacht sich relativ vermindert habe, 
auf drei Punkte hinweisen. Erstens hat die moderne Waffenaus- 
rtistung der Infanterie und der Artillerie die Entfernungen, in wel- 
chen sich die Reiterei vor der Attacke, während dem Einleitungs- 
stadium des Infanteriegefechts, von der Entscheidungslinie halten 
muss, bedeutend gröszer gemacht, damit die Beobachtung der Ge- 
fechtskrisis und die Wahl des günstigen Augenblicks für den An- 
griff erschwert und die Verlustsphäre sowie die Verluste selbst auf 
gleichen Räumen vergröszert. Zweitens bietet die Infanterie mit ihrer 
modernen, zerstreuten, das Terrain tiberall ausnutzenden Fechtweise, 
dem Reiterstosze heutzutage viel weniger präcisirte, daher weniger 
vernichtungsfähige Objecte, als das früher der Fall war; denn der 
Ansicht, dass gerade das zerstreute Gefecht die Reiterwirkung un- 
bedingt begünstige, können wir uns nicht in ihrem ganzen Umfange 
anschlieszen. Das Ueberreiten einer Schützenlinie wird zwar im 
Allgemeinen, falls dieselbe nicht hinter guten Deckungen Hegt, 
leichter sein, als das Sprengen einer geschlossenen Masse — daf 01 * 
wird sich aber auch ein verhältnissmäszig nur sehr geringer ma- 
terieller Erfolg ergeben. Denn den einzelnen Knäueln und kleinen 
Gruppen, in welche sich die Schützen zusammenballen, können die 
Pferde stets leicht ausweichen, gutwillig geht keines in die Bajonete, 



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Studien in Bezug auf die Cavallerie. 23 

and so wird in vielen Fällen, wenn der Reitersturm vortiberge- 
braust ist, die ganze Schützenlinie fast ebenso intact dastehen, wie 
vorher. Aber selbst abgesehen von dem Allen ist endlich auch das 
ganze Wesen der modernen Schlacht den groszen Reiterentscheidun- 
gen viel weniger günstig, als in allen früheren Perioden. Wenn zur 
Zeit Friedrich des Groszen eine einzige Attacke , besonders wenn 
gegen die Flanke des Gegners gerichtet, im Stande war, indem sie 
einen Theil von dessen Streitmacht niederritt, den ganzen inneren 
Zusammenhang der Schlachtlinie zu lösen oder zu erschüttern, und 
so wahrhaft Schlachten entscheidend zu wirken; — wenn sich der 
Napoleon'schen Cavallerie dichte feindliche Reiter- und Infanterie- 
Massen in groszem zusammenhängenden Kampfe entgegenstellten, 
durch deren Vernichtung für die Entscheidung der ganzen Schlacht 
zwar nicht unmittelbar entscheidende, aber doch schwer genug 
wiegende partielle Erfolge herbeigeführt wurden — so zerfällt jetzt — 
so hat sich das wenigstens im jüngst vergangenen Deutsch-Fran- 
zösischen Kriege tiberall gezeigt — die ganze, oft meilenlange 
Schlachtlinie in eine Anzahl einzelner, mit zerstreuten Massen ge- 
lahrter Theilgefechte. Erst die Summe der glücklichen Erfolge in 
der Mehrzahl dieser einzelnen Gefechte oder der Erfolg in dem Ge- 
fechte auf dem Decisivtheile des Schlachtfeldes ergeben den Sieg. 
Daher werden, so lange wenigstens dieser Charakter den Schlachten 
bleibt, partielle Entscheidungen wohl noch häufig durch Cavallerie 
herbeigeführt werden können; seltener jedoch dürfte der Fall ein- 
treten, dass ein Reiterangriff auf dem decisiven Theile des Schlacht- 
feldes in mehreren solcher Einzelgefechte zugleich eine solche Wir- 
kung wird ausüben können, oder dass mehrere Reiterangriffe nach 
Zeit und Raum so glücklich zusammengreifen werden, um dadurch eine 
Schlachtenentscheidung herbeizuführen. 

Doch glauben wir mit Recht der Ueberzeugung Raum geben zu 
dürfen, dass wenn, wie das geschehen muss, Mittel gefunden und 
angewendet sein werden, um den auflösenden Elementen des In- 
-aoteriegefechtes entgegen zu treten; wenn dann die taktischen Ent- 
scheidungen in künftigen Kriegen mit mehr Klarheit durchgeführt 
werden können, als dies in dem jüngst vergangenen häufig der Fall 
war; wenn die Treffenschlacht seltener, die klar geplante Flügel- 
schlacht häufiger wird, und damit die Einzelgefechte wieder mehr 
zn groszen zusammenhängenden Gefechten zusammenschmelzen wer- 
den — dass dann sich auch für die Entscheidungsthätigkeit der 
Reiterei die Verhältnisse wieder günstiger gestalten werden. 

Was nun den anderen Theil unserer Behauptung anbetrifft, dass 

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24 



Studien in Bezug auf die Cavallerie. 



die Thätigkeit der Cavallerie auszcrhalbder Schlacht an Bedeutung 
gewonnen habe, so sind die Ursachen dafür theils strategischer, 
theils taktischer Natur. Bei der allgemeinen Wehrpflicht und den 
Massen Heeren unserer Jetztzeit, bei den ungeheueren Kosten, dem 
enormen Drucke, mit welchem heutzutage der Krieg auf den Völkern 
lastet, ist die Spannung, die derselbe in jeder Beziehung erzeugt, 
natürlich eine viel gröszere, als dies in früheren Zeiten der Fall 
war. Je gröszer aber die Spannung, desto intensiver der daraus 
resultirende Kampf, desto verhängnissvoller alle Fehler, die sich in 
der Rechnung mit dem Feinde und dessen Thätigkeit herausstellen. 

Diese Rechnung aber beruht auf der Kenntniss, die man Uber 
den Feinden hat, und deshalb hat die Letztere, welche der Ober- 
führung zu verschaffen Aufgabe der Reiterei ist, so bedeutend an 
Wichtigkeit zugenommen. 

„Je intensiver die kriegerische Thätigkeit, je rascher der Gang 
der Ereignisse ist, desto wichtiger und schwieriger wird es, 
stets über den Feind und seine Operationen gehörig orientirt zu 
sein" und „wer durch seine leichten Truppen Herr des Geländes 
zwischen seinem eigenen und dem feindlichen Heere wird, der hat 
sehr viel voraus", sagt schon 1861 Theodor von Bernhardi in einer 
Brochtire, die er damals in Betreff der Heeresreform herausgab, um 
die Wichtigkeit einer zahlreichen Reiterei zu beweisen, und dieser 
Ansicht dürfte sich wohl jeder Militair anschlieszen. 

Denn nicht nur für die Verhältnisse im Groszen, den Entwurf 
des Feldzugsplanes, die Direction der Armeen u. s. w., sondern auch 
rein taktisch betrachtet wird die Aufklärungs- und Verschleierungs- 
thätigkeit der Reiterei in unseren Tagen wichtiger sein, als in Zeiten, 
wo Massen und Entfernungen geringer waren. 

Während es früher thunlich war noch in unmittelbarer Nähe 
des Gegners zu manövrjren, und damit die Möglichkeit gegeben war, 
Fehler der ersten Anlage, der anfänglichen Disposition noch in der 
letzten Stunde gut zu machen — so scheint ein solches Verfahren 
jetzt kaum noch in demselben Maasze ausführbar. Haben sich zwei 
bedeutende Entscheidungsarmeen auf eine gewisse Entfernung ein- 
ander genähert, so müssen unwiderruflich die Würfel unter den ein- 
mal gegebenen Verhältnissen fallen. Desto wichtiger wird es 
sein, von Hause aus die Direction und die Concentration der Massen 
in einer Weise zu veranlagen, welche die möglichst günstigen Ver- 
hältnisse für einen Zusammenstosz garantirt. Die Möglichkeit einer 
solchen Veranlagung aber beruht abermals auf der genauen Kennt- 
niss dessen, was beim Feinde vorgeht und auf der sorgfältigen Ver- 



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Studien in Bezug auf die Cavallerie. 25 

schleierung der eigenen Handlungen. Beides fällt in den Tätigkeits- 
bereich der Reiterei. 

Wenn wir nun noch kurz darauf hinweisen, wie mit dem 
Wachsen der Heeresmassen und der Erweiterung der Kriegstheater 
alle Verbindungen, deren Deckung respective Zerstörung meist der 
Cavallerie anheim fallen wird, an Wichtigkeit zugenommen haben; 
wie auch die Notwendigkeit, in der man sich heute befindet, 
Heeresmassen, häufig Tage lang ohne geregelte Verpflegung, ganz 
auf sich selbst und ihre eigenen Hlilfsmittel anzuweisen, es oft als 
geboten wird erscheinen lassen, Requisitionen auf grosze Landes- 
strecken auszudehnen, was abermals nur von der „vom Räume am 
wenigsten abhängigen Waffe" ausgeführt werden kann, so glauben 
wir unsere obige Behauptung genugsam erwiesen zu haben, und 
wenden uns jetzt, nachdem wir ein Urtheil über den relativen Werth 
der Reiterthätigkeit zu fällen bestrebt waren, zur Betrachtung dieser 
Thätigkeit selbst in ihren Hauptmomenten. 

Wir wollen versuchen ein Bild derselben zu entwerfen, wie wir 
sie uns in einem künftigen Kriege am zweckmäszigsten gestaltet 
denken, um daran dann die Forderungen zu knüpfen, deren Erfüllung 
wir für die Organisation und die Taktik der Cavallerie heutzutage 
für nöthig erachten. ^Schluss folgt.) 



II. 

Die Kämpfe der Bayern an der Düna im 
October 1812 und der Anfang vom Ende*). 

Nach Quellen bearbeitet. 

Der Monat September verlief für die im Lager vor Polotzk 
stehende Bayerische Infanterie ohne ernstlichen Zusammenstosz mit 
dem Feinde. Dennoch und trotzdem dass am 25. September die 
erste, allerdings nur noch 320 Mann starke Ergänzungscolonne aus 



*) Fortsetzung des im IX. Bande der Jahrbücher auf Seite 209—236 ent- 
haltenen Aufsatzes: „Die Kämpfe der Bayern an der Düna (Polotzk) im 
August 1812". 



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26 Die Kämpfe der Bayern an der Düna im October 1812 

Bayern an der Düna eingetroffen war*), betrog der ausrückende 
Stand des 6. Corps am letzten September, Alles mit eingerechnet, 
nur noch 6064 Mann, so dass sich ftir diesen Monat ein Gesammt- 
verlnst von nahezu 3600 Köpfen entziffert. 12,354 Mann sind in der 
Standtabelle vom 30. als krank vorgetragen, ein groszer Theil von 
diesen war natürlich in den verschiedenen Spitälern zu Wilna, 
Glouboka, Balwierziski, Beszenkowitze u. s. w. schon längst ge- 
storben, ehe die Nachricht hiervon bei der betreffenden Truppen- 
abtheilung eintraf. Von der 19» Armee-Division lagen 97, von der 
20. Division 90 Stabs- und Oberoffiziere als krank oder verwundet 
in den Lazarethen. Wer noch unter den Waffen stand, war mit 
geringen Ausnahmen physisch erschöpft und moralisch gebrochen. 

Wie eine Ironie tönten die hundert Freudenschüsse in dieses 
Elend hinein, welche am Morgen des 17. Septembers die Französi- 
schen Zwölfpfiinder zur Feier von Napoleon's Sieg „an der Moskwa" 
auf dem Stadtwalle von Polotzk abfeuerten Damit aber dieser 
traurigen Lage auch der Humor nicht fehle, traf am gleichen Tage 
ein Russischer Parlamentair mit der Notification bei den Vorposten 
ein, dass General Wittgenstein am 18. den von Kutusow bei „Boro- 
dino" erfochtenen Sieg durch 100 Kanonenschüsse feierlich der Welt 
verkündigen werde. Und so geschah es auch! — 

In den ersten Tagen des Octobers von der untern Düna ein- 
getroffene Nachrichten, dass die Russen die Aufstellung des Herzogs 
von Tarent um Riga durch wiederholte Angriffe zu beunruhigen be- 
gännen, veranlassten zu dem Entschlüsse, die Vollendung der um 
das Lager der Verbündeten aufgeworfenen Erdwerke mit gröszerem 
Nachdrucke zu betreiben. Vom 5. October an wurden daher täglich 
von jeder Bayerischen Brigade um 200 Mann mehr zur Schanzarbeit 
gegeben, dagegen vermochten sie von diesem Tage an nur noch 
1000 Mann (anstatt 1500 Mann wie früher) auf Vorposten zu stellen. 
An demselben Tage wurde auch das Düna abwärts gelegene Städt- 
chen Disna von dem Generalmajor von Ströhl mit fünf Bataillons 
und der halben leichten Batterie Gotthardt besetzt, um den dortigen 
Uebergang über die Düna zu decken. 

Die durch den Armeebefehl vom 15. September beim aus- 
marschirten Heere hervorgerufenen Veränderungen wurden vom 
7. October, dem Tage seines Eintreffens im Lager, an in Vollzug 



*) Die folgende Ergänzungscolonne — 11)24 Mann Infanterie und 61 Mann 
Cavallerie — traf erst Anfangs December am Niemen ein, als die Reste der 
groszen Armee diesen Strom bereits wieder passirt hatten. 



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und der Anfang vom Ende. 27 

gesetzt. Die CommaDdo's der Divisionen und Brigaden kamen da- 
durch an folgende Persönlichkeiten: die 19. Armee- Division be- 
fehligte der Generalmajor von Vicenti; die 20. der Generalmajor 
Graf Beckers ; bei ersterer befanden sich als Brigadiers die General- 
majore Lamotte und Baron Zoller; bei letzterer der Oberst von 
Deroy, der Oberst von Maillot und Generalmajor Baron StrÖhl. 
Sämmtliche Abtheilungen, mit Ausnahme des unter General Ströhl 
nach Disna detachirten 5. und 11. Linien -Regiments und dem 5. 
leichten Bataillon, dann dem noch immer um Tschernewitsche dislo- 
cirten 2. leichten Bataillon Treuberg, lagen in den ersten Tagen des 
Octobers noch in den Baraken am rechten Ufer der Düna. Hier 
feierten sie auch, wenige Tage vor ihrem Abmärsche, am 12. October, 
den Namenstag des Königs Max durch Kirchenparade und Musik. 
Die Mannschaft erhielt für diesen Tag doppelte Ration und eine 
fünftägige Löhnung; die Generale und Stabsoffiziere versammelte 
eine Tafel, welche General Graf Wrede dem Festtage zu Ehren ver- 
anstaltet hatte; den vom Commandirenden auf das Wohl des ge- 
liebten Monarchen ausgebrachten Toast verkündeten 25 Kanonen- 
schüsse. Es waren die letzten Grüsze, welche ihr eherner Mund 
dem Kriegsherrn darbrachte. Noch wenige Wochen, und sie waren 
dem Feinde sämmtlich in die Hände gefallen, der sie nach Beendi- 
gung des Krieges nach Moskau schaffte, wo sie vor dem Zeughause 
des Kremls liegen, kommenden Geschlechtern ein Zeugniss von dem 
märchenhaften Heerzuge Westeuropa^ nach der Grenze von Asien, 
zugleich aber auch von dem beispiellosen Misslingen des verwegenen 
Unternehmens. 

Auch das 2. Corps der groszen Armee hatte sich trotz der aus 
Frankreich eingetroffenen namhaften Verstärkungen beträchtlich ver- 
mindert; denn es zählte nach Gouvion's eigenen Angaben*) am 
15. October nur noch 15,572 Mann. So mag die gesammte Truppen- 
macht des Marschalls Gouvion St. Syr beim Wiederbeginne der 
Feindseligkeiten nicht stärker als 20,000 Mann gewesen sein. Dem 
entgegen hatte sich die Heeresmacht der Russen an der mittleren 
Düna wesentlich verstärkt ; nicht nur, dass Wittgenstein^ Corps um 



*) Me'moires, tomc III, p. 129; nach Piece justificative Nr. 29 hatte es am 
15. September noch 20,686 Mann gezählt, was gegen die Stärke vom 31. August 
eine Zunahme von beinahe 1200 Mann ausmacht. Die Stärke der Bayern im 
Monate October geben die mämoires, sowohl im Texte, als in Nr. 30 der pieces 
viel su gering an, wohl nur um Wrede's und der Bayern Mitwirkung möglichst 
zu verkleinern; die Angaben für August und September sind dagegen voll- 
kommen richtig. 



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28 Die Kämpfe der Bayern an der Düna im October 1S12 

diese Zeit durch Nacbsendungen aus dem Innern des Reiches eine 
Höhe von beinahe 40,000 Mann*) erreichte, es rückte zu seiner 
Unterstützung in diesen Tagen von Riga auch noch General Graf 
Steinheil mit einem Corps von 12,000 Mann heran, welches, in Folge 
von Alexanders Zusammenkunft mit dem Kronprinzen von Schweden 
am 28. August in Äbo, seine bisherige Aufstellung in dem annexir- 
ten Finnland verlassen konnte. Zudem waren die Russischen Regi- 
menter gut genährt, gekleidet und ausgeruht, und überdies an das 
Klima gewöhnt, während unter den Allürten der einmal vorhandene 
Krankheitsstoff bei der mangelhaften Nahrung und der sich stetig 
steigernden Rauheit der Witterung täglich zahlreichere Opfer 
forderte. 

Unter solchen Verhältnissen und namentlich gegenüber einer 
zwei- bis dreifachen Uebermacht des Feindes, welcher sich allem 
Anscheine nach anschickte, das Französisch-Bayerische Corps aus 
seiner Aufstellung auf dem rechten Dünaufer zu vertreiben, wäre es 
unstreitig das Klügste gewesen, den Besitz von Polotzk freiwillig 
aufzugeben, dagegen das linke Dünaufer in Verbindung mit Mac- 
donald vor Riga zu halten, den Hauptwaffenplatz Wilna zu decken 
und über Witebsk mit Smolensk in Verbindung zu bleiben. Hier 
stand nämlich zur Sicherung der Rückzugslinie Napoleon's das 11. 
Corps unter Marschall Victor, Herzog von Belluno, welches gegen 
Ende September dort eingetroffen war. 

In richtiger Würdigung dieser Sachlage hätte sich Marschall 
Gouvion auch entschlossen, so oder wenigstens ähnlich zu verfahren ; 
nach seinem eigenen Geständnisse**) aber hielt ihn hiervon die 
Furcht vor Napoleon's Unwillen zurück, der nach seiner Gewohnheit 
die Gegner seiner Lieutenants in der Regel unterschätzte und sich 
nicht entblödet haben würde, das vorauszusehende Misslingen dieses 
Feldzuges dem eingebildeten Fehler eines seiner Marschälle zuzu- 
schreiben. So verblieben denn die beiden Corps in ihrer gefährlichen 
Position und warteten den Angriff des Feindes ab, der denn auch 
gar bald erfolgen sollte. 

Es ist hier nötbig, die Aufstellung der beiden Armeen um Mitte 
October in kurzen Umrissen anzudeuten. Von der Französischen 
Hauptarmee standen um diese Zeit Napoleon mit der alten und 

*) Nach Russischen Aufzeichnungen betrugen Wittgenstein^ Verstärkun- 
gen 16,000 Mann, und er befehligte Mitte October 39,900 Mann, mit Steinheil's 
Truppen aber 50,000 Mann ; vergl. Bogdanowitsch, Geschichte des Feldzugs von 
1812, übersetzt von Baumgartner, Band II, pag. 400. 
**) Vergleiche: Me'moires, tome III, pag. 119. 



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und der Anfang vom Ende. 



29 



jungen Garde, den Corps von Davoust, Ney und dem Vicekönig Eugen 
in und um Moskau, Murat mit den vier Cavallerie-Reservecorps und 
dem 5. Corps Poniatowsky an der Tschernischna in der Stellung 
von Vinkovo und Dmitrovskaja; Junot mit dem 8. Corps in Moshaisk, 
in Summa 90,000 Mann. Von den Seitencorps befanden sich Mac- 
donald mit dem 10. Corps (etwa 20,000 Mann) in einer weitläufigen 
Cordonstellung auf dem linken Dtinaufer, zwischen Mietau und Dtina- 
burg; das 2. und 6. Corps unter Gouvion St. Cyr (20,000 Mann) in 
und um Polotzk; Victor mit dem 9. Corps (25,000 Mann) bei Smo- 
lensk ; Dombrowsky vor Bobruisk ; endlich auf dem äuszersten rechten 
Flügel hielten das 7. Corps und die Oesterreicher (40,000 Mann) 
unter Schwarzenberg und Reynier bei Biala am linken Ufer des 
Bug zur Deckung der Hauptstadt Warschau ; die Division Siegenthal 
bei Bialy stock. 

Dieser Aufstellung der Armee der Verbündeten gegenüber, welche, 
wie ein Blick auf die Karte beweist, schon mehr den Charakter der 
Abwehr von Angriffen als des Angreifens trug, hatten die Russischen 
Heere folgende entschieden offensive Stellung genommen. Kutusow 
mit 80,000 Mann, d. h. den 7 Infanteriecorps (2. bis 8.), 3 Cavallerie- 
corpB*) und den beiden Cürassier-Divisionen unter Fürst Galitzin, 
lagerte um Tarutino gegenüber von Murat's Abtheilungen; Win- 
zingerode mit einigen Tausend Reitern deckte, unterstützt von den 
Milizen aus Twer, Jaroslaw, Wladimir, Räsan etc , die Straszen nach 
Petersburg und nach dem östlichen Innern des Reiches; die Streif- 
corps von Dorochow, Sesslawin, Kaisarow etc. unterbrachen die Com- 
munication auf der Strasze von Smolensk Uber Moshaisk nach Moskau 
oder beunruhigten durch kühne Ueberfälle selbst die Besatzung der 
Hauptstadt. Von den Seitencorps hielt General Paulucci mit etwa 
10,000 Mann der Garnison von Riga diese Festung und die Stellung 
von Dahlenkirchen besetzt, während General Steinheil mit 12,000 
Mann**) sich Wittgenstein näherte, der mit nahezu 40,000 Mann 
Polotzk einschloss. Im Süden endlich vereinigte in diesen Tagen 
Admiral Tschitschagov seine 38,000 Mann starke Moldauarmee mit 
Tormasow s Reservearmee, wodurch der Admiral über 6 n ,000Mann***) 



*) Das 3. Cavalleriecorps, welches am meisten gelitten hatte, war aufgelöst 
und unter die übrigen vertheilt worden. 

**) Das Corps von Steinheil bestand aus 7 Infanterie- und 3 Jäger-Regi- 
mentern (dem 2., 3. und 4 ), dem Dragoner-Regiment Finnland und einer Batterie, 
also 20 Bataillonen k 600 Mann, etwa 1000 Dragonern, 32 Geschützen (wovon 
20 Bataillons- Kanonen) und Kosaken; vergl. Bogdanowitsch Bd. II, p. 389 u. f. 
***) Vergl. Bogdanowitsch Bd. II, p. 407 u. f. 



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30 Die Kämpfe der Bayern an der Düna im October 1812 

verfügen konnte, die er jedoch Erholungsquartiere am Bug beziehen 
liesz ; General Hertl hielt mit einer Division in Mozir, die vor Bobruisk 
stehenden Polen beobachtend. 

Wie man sieht, hatte sich die frühere numerische Ueberlegen- 
beit, welche namentlich beim Beginne des Feldzuges dem Heere 
Napoleon's ein solches Uebergewicht verschafft hatte, nunmehr gänz- 
lich gehoben, und waren Mitte October beide Gegner ungefähr gleich 
stark; aber die Franzosen waren physisch und moralisch erschöpft, 
verloren mit jedem Tage mehr an Stärke und konnten ihre Verluste 
nicht mehr ersetzen. Die Russen hingegen belebte das Gefühl der 
Rachsucht und das Bewusstsein der stetig wachsenden Ueberlegen- 
heit; sie waren, wie schon gesagt, gut verpflegt und gekleidet und 
jeder Tag brachte ihrem Lager neue Verstärkungen, welche die ein- 
tretenden Verluste weit tiberstiegen. Die Hauptgefahr für Napoleon 
lag aber darin, dass die Stärke seines Gegners sich auf den beiden 
Flügeln — bei Wittgenstein und Tschitschagov — sammelte, zwi- 
schen denen hierdurch das Französische Heer seinen Rückweg nach 
der Heimat vollziehen musste ; denn an ein Ueberwintern im Innern 
Russlands war vernünftigerweise nicht mehr zu denken. Angesichts 
dieser dem Hauptheere drohenden Gefahr durfte die Führer der 
Nebencorps der Verbündeten kein anderer Gedanke leiten, als die 
Vereinigung der Heere Wittgenstein^ und Tschitschagov's auf der 
Operationslinie und im Rücken Napoleon's zu verhindern. Und in 
diesem Sinne können weder Schwarzenberg im Groszen, noch Wrede 
im Kleinen von dem Vorwurfe freigesprochen werden, durch ihre 
excentrischen Rückzüge — des ersteren nach Warschau, des zweiten 
nach Wilna — den Hauptzweck einem Nebenzwecke geopfert und 
jeder in seiner Weise zu diesem Ausgange des Feldzuges mit bei- 
getragen zu haben. 

Gemäsz dem in Petersburg entworfenen Operationsplane sollte 
General Wittgenstein nach dem Eintreffen von Steinheü's Corps über 
die Düna gehen, das 2. und 6. Corps der Verbündeten in deren 
rechten Flanke angreifen, gegen Wilna zurückwerfen und so vom 
9. Corps Victor und der Rückzugslinie der groszen Armee abdrängen, 
dann sollte er sich, t während Steinheil die beiden Französischen Corps 
beobachte und im Schach hielte, rasch südlich wenden und an der 
Ula oder oberen Beresina mit Tschitschagov's über Minsk herbei- 
eilenden Armee vereinigen und Napoleon's Hauptheer den Weg ver- 
legen. Wie wir sehen werden, scheiterte die Ausführung dieses 
Planes aus verschiedenen Ursachen, aber nicht aus Schuld Wittgen- 
stein^, der am 14. October, nachdem er die Meldung von 



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und der Anfang vom Ende. 31 

dem Eintreffen Steinheil's erhalten, sofort seine Bewegungen 
begann. 

An diesem Tage nämlich rückte sein und Steinheil's Corps in 
drei Angriflfscolonnen gegen die Französische Stellung um Polotzk 
vor, und zwar sollte nach der ursprünglichen Disposition *) die erste 
Colonne, von Wittgenstein persönlich geführt und mit der von Veliyki- 
Louki heranrückenden Verstärkungscolonne des Generals Beguizef, 
24,000 Mann stark, um die Vorposten des rechten Flügels der Fran- 
zösischen Aufstellung, welchen damals der General Maison bei Siro- 
tino bildete, herummarschiren, bei der Einmündung des Obol in die 
Düna auf das linke Ufer dieses Stromes Ubersetzen und Polotzk im 
Rücken angreifen. Die zweite Colonne, 11,000 Mann stark, unter 
General Fürst Jachvill, sollte auf der Petersburger und Neveler 
Strasze auf dem rechten Ufer der Polota gegen die Stadt anrücken 
und durch einen energisch geführten Scheinangriff die Aufmerksam- 
keit des Feindes von der Umgehung ablenken; die dritte Colonne 
endlich, 13,000 Mann unter General Steinheil, sollte bei Druja, strom- 
abwärts von Polotzk in der Mitte zwischen Disna und Dünaburg die 
Düna tiberschreiten und längs deren linkem Ufer aufwärts gegen 
Polotzk vordringen, um dasselbe auch auf dieser Seite im Rücken zu 
bedrohen. Die schleunige und daher ordnungslose Räumung des 
rechten Dünaufers und der ungesäumte Rückzug Gouvion's gegen 
Wilna würde, so hoffte man, die unausbleibliche Folge dieser Ope- 
ration sein müssen. .Es liegt wohl auf der Hand, dass ein so 
complicirtes Manöver, dessen Gelingen von dem gleichzeitigen und 
übereinstimmenden Zusammenwirken dreier vollständig getrennter 
Colonnen abhing, in der Ausführung fehlschlagen musste. Wittgen- 
stein begriff zwar das Unzweckmäszige der ihm vorgeschriebenen 
Bewegungen vollkommen, getraute sich aber nicht, eigenmächtig von 
dem unzweideutigen Wortlaute der erhaltenen Befehle abzuweichen. 
Erst als sich ihrer Ausführung Hindernisse, deren Beseitigung auszer 
seiner Macht lag, entgegenstellten, beschloss er, einen anderen Plan 
zu substituiren, der denn freilich auch noch immer verwickelt genug 
ausfiel. Vorerst aber begannen die drei Colonnen ihren Marsch der 
erhaltenen Disposition gemäsz. Am 15. October tiberschritt die Co- 
lonne des Generals Steinheil bei Druja die Düna und rückte strom- 

*) Diese Disposition ist in den Considerations etc. von OkaunefF pag. 180 
u. f. zu finden, welcher sich 1812 bei Wittgenstein befand und für die Vorfalle 
bei dessen Corps schätzenswerthe und gewissenhafte Aufschlüsse bringt, wenn 
er auch bei Beurtheilung der groszen Operationen häufig in strategischen 
Doctrinarismus verfallt. — 



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32 Die Kämpfe der Bayern an der Düna im October 1S12 

aufwärts gegen Diana, dessen ans fünf schwachen Bayerischen 
Bataillonen unter General Ströhl bestehende Besatzung er am Morgen 
des 16. Octobers angriff. Dank den klugen Vertheidigungsanstalten, 
welche der Bayerische Ingenieurhauptmann Hazzi in Disna getroffen, 
und mit Hülfe der ihm zugetheilten halben Batterie Gotthardt gelang 
es jedoch dem General Ströhl, die wiederholten Angriffe der feind- 
lichen Vorhut im Laufe des 16. zurückzuweisen. Da er jedoch von 
Wrede den Befehl hatte, sobald er sich von überlegenen feindlichen 
Kräften bedroht sähe, Disna zu räumen, nach Benonia zurückzugehen 
und sich auf die Vertheidigung der unweit von diesem Dorfe in die 
Düna mündenden Uscacz zu beschränken, so nahm er in der Nacht 
vom 16. auf den 17. eine Aufstellung hinter diesem Flüsschen. 

Ebenfalls am 16. hatte General Alexe'iew, der mit 3300 Mann 
von Boguizefs Colonne und dem nöthigen Material zum Brücken- 
schläge von Wittgenstein vorausgeschickt worden war, die bei 
Kozianoui stehenden Vorposten des Generals Maison angegriffen, 
nach Borowon zurückgedrängt und dann seinen Marsch nach dem 
zum Uebergangspunkte bestimmten Ghovianoui fortgesetzt, das er am 
18. Morgens ungestört erreichte. Wittgenstein^ Hauptmasse, die sich 
am 17. Morgens von dem bei Siwoszina — dem Uebergangspunkte 
der Petersburger Strasze über die Drissa — stehenden Corps des 
Fürsten Jachevill getrennt hatte, marschirte im Laufe des Tages auf 
der von Siwoszina nach Zakherina an der Polota führenden Strasze 
bis zu dem Dorfe Arteikowzi und gelangte erst am folgenden Tage, 
dem 17., an die Polota, wo sie sich mit dem über Krasnopote ein- 
treffenden Abtheilungen des Generals Boguizef in Verbindung setzen 
sollte. 

Nach den Erfahrungen vom 16. konnte Marschall Gouvion St. Cyr 
nicht mehr im Zweifel sein, dass Wittgenstein nun mit Ernst daran 
gehe, ihn aus Polotzk zu vertreiben. Im Bewusstsein, dass die 
Schwäche seiner Stellung auf dem rechten Düna-Ufer in dem voll- 
ständigen Mangel an Gedecktsein seiner beiden Flanken bestehe, 
beschloss er — nach seiner eigenen Aeuszerung — durch Ent- 
sendung seiner Cavallerie, die ihm doch für den Fall einer Schlacht 
so nothwendig war, sich vor einem unerwartetem Umgangenwerden 
von Seite des Feindes sicher zu stellen. Er entsandte daher am 
Abende des 16. die Cürassier-Division Doumerc längs dem linken 
Ufer der Düna stromaufwärts gegen Beszenkowitzä mit dem Auf- 
trage, dieses Ufer zu beobachten und den Feind wo möglich am 
Flussübergange zu hindern. Die Cavallerie-Brigade Corbineau da- 
gegen erhielt den Befehl, auf dem nämlichen Ufer stromabwärts zu 



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und der Anfang vom Ende. 33 

rücken, wodurch dieser General bei Bononia auf die Bayerische 
Brigade Ströhl stoszen musste, über welche er auch am 17. October 
als älterer General den Befehl Ubernahm. Mit dieser Brigade ver- 
eint, ging Corbineau im Laufe dieses Tages wieder Uber die Uscacz, 
überraschte die bei Bezdiedowitsche" stehende Vorhut des Generals 
Steinheil und trieb sie gegen Disna zurück, wobei das mit vieler 
Bravour attackirende 8. Französische Lanciers-Regiment dem Feinde 
einige Gefangene abnahm. 

Während dies auf dem linken Ufer der Düna vorging, war 
General Maison's Vorhut bei Borovoe durch die Avantgarde des 
Generals Beguizef, dessen Colonne zur Vereinigung mit Wittgenstein, 
wie wir wissen, Uber Krasnopol6 heranrückte, angegriffen und trotz 
tapferer Gegenwehr eine Strecke weit gegen Strudina zurückgedrängt 
worden. Der Marschall, welcher die Division Maison unterstützen, 
aber die Mitte seiner Aufstellung auf beiden Ufern der Polota der dort 
noch versammelten feindlichen Hauptmacht gegenüber nicht schwächen 
wollte, ertheilte Wrede den Befehl, seine erste Division, aus den 
Brigaden Lamotte und Zoller bestehend, dem bedrohten rechten 
Flügel zu Hülfe zu senden. Als dieser Befehl an Wrede gelangte, 
waren die Bayern eben mit dem Abkochen beschäftigt. In Anbetracht 
der totalen Erschöpfung der Mannschaft befahl ihr Wrede, die Mahl- 
zeit ruhig einzunehmen; dann erst rückte er durch Polotzk gegen 
Strudina vor. Er glaubte diese seinen ermatteten Soldaten höchst 
wohlthätige Verzögerung um so eher verantworten zu können, als 
von ihm ausgeschickte Ordonnanzoffiziere die Nachricht mitgebracht 
hatten, dass der Feind in der Energie seines Vordringens gegen 
Maison bereits nachzulassen begänne. Als Wrede mit der 19. Di- 
vision und der leichten Batterie Halder hinter dessen Aufstellung 
anlangte, hatte in der That die Russische Vorhut den Angriff gänz- 
lich eingestellt. Nichtsdestoweniger wollte der Marschall St. Cyr in 
dieser unzweifelhaft klugen und zweckmäszigen Anordnung Wrede's 
nur Widerstand und Ungehorsam gegen seine Befehle erblicken. 
Wrede, an dergleichen schon gewöhnt, liesz seine Brigaden Nachts 
um 10 Uhr in ein von den Regimentern des Generals Maison ver- 
lassenes Bivouak an der Strasze nach WitebBk rücken und verfügte 
sich dann nach der Mitte der Französischen Position zurück, wo die 
zwei noch übrigen Bayerischen Brigaden, nämlich die erste und 
zweite der 20. Division unter den Obersten Deroy und Maillot, die 
Redouten Nr. 1 und 2 am Eingange der nördlichen Vorstadt besetzt 
hielten. 

Auf diesem Theile des Schlachtfeldes hatte indess am Nach- 

JahrMcher f. d. Deutache Armee u. Marine. Band XUI. 3 



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34 Die Kämpfe der Bayern an der Düna im October 1812 

mittage des 17. October ebenfalls ein lebhaftes Gefecht begonnen. 
Die zweite Colonne der Russen unter Fürst Jachvill war nämlich 
am Morgen von Siwoszina aufgebrochen und auf der Petersburger 
Strasze über Gamzelewo gegen Polotzk vorgerückt. Eine starke 
Stunde auszerhalb dieser Stadt stiesz die feindliche Vorhut auf die 
Französische Vorpostenkette der 9. Division, welche General Merle 
befehligte. Eine von demselben besetzte steinerne Capelle wurde 
von den Russen nach hartnäckigem Widerstande gegen 4 Uhr Nach- 
mittags genommen, jedoch von den Franzosen, nachdem sie durch 
ein Bataillon Schweizer verstärkt waren, am Abende wieder zurück- 
erobert. Gegen die wiederholten und verstärkten Angriffe des Fein- 
des vermochten indessen die Verbündeten das Kampfobject um so 
weniger zu behaupten, als ihnen die Munition zu mangeln begann 
und zudem der Marschall nicht gesonnen war, für die Behauptung 
dieses verhältnissmäszig unwichtigen Punktes, dessen Besitz der 
Feind so hartnäckig anstrebte, noch weitere Opfer zu bringen. 
Nach einem höchst blutigen Kampfe räumte die Avantgarde der 
9. Division mit sinkender Nacht die Capelle und zog sich unter den 
Schutz der Redouten bei der nördlichen Vorstadt zurück. Dahin 
waren im Laufe des Abends auch die Vorposten der Division Legrand 
zurückgegangen, welche die Avantgarde der feindlichen Colonne 
unter Wittgenstein gegen Polotzk zurückgetrieben hatte. 

Wenn Marschall Gouvion St. Cyr über die Intentionen des 
Russischen Oberbefehlshabers noch Zweifel gehabt hätte, so würden 
sie durch die Vorgänge des 17. vollends zerstreut worden sein. Das 
Erscheinen dreier bedeutenden Truppenmassen, bei Gamzelewo auf 
der Petersburger Strasze, bei Zakharina an der Neveler Strasze und 
bei Borovoe in der Richtung gegen Ghorodek, liesz den Marschall 
errathen, dass er die gesammte feindliche Heeresmacht gerade vor 
sich auf dem rechten Dllnaufer haben müsse. Diese Ansicht be- 
stätigte die Meldung Cobineau's von dem geringen Widerstande, den 
er nach dem Uebergange über die Uscacz gefunden, dann die Mei- 
dung Doumerc's, der am 17. Morgens bei Strudnia an das linke Ufer 
des Stromes tibergegangen und bis Abends, ohne einen Feind ent- 
deckt zu haben, längs demselben vorgerückt war. Gonvion St. Cyr 
glaubte alledem zufolge, nur mit dem Corps Wittgenstein^ und dessen 
allerdings beträchtlichen Verstärkungen kämpfen zu müssen; von 
der gefährlichen Nähe Steinheil's hatte er bei dessen mattem Vor- 
dringen gegen die Uscacz keine Ahnung ; glaubte ihn wohl noch auf 
dem langsamen Anhermarsche von Riga. Demgemäsz traf er ftir 
den folgenden Tag seine Anordnungen, und, indem er mit richtigem 



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und der Anfang vom Ende. 35 

I 

Blicke erkannte, dass der noch diesseits der Düna befindliche Feind 
seine Stellung vor Polotzk nur auf ihrer schwächsten Seite, also von 
Kordosten her angreifen könne, gab er am frühen Morgen des 
18. October seinen Truppenabtheilungen folgende Aufstellung: Die 
8 Division Maison und die 6. Division Legrand besetzten die Strecke 
zwischen dem rechten Ufer der Düna und dem linken Ufer der 
Polota, den linken Flügel an die Rcdouten des Dorfes Spasz, den 
rechten an den Strom lehnend; die 9. Division Merle stand unter dem 
Schutze der starken und reichlich mit Bayerischer Artillerie — den 
Sechspfünder-Batterien Hofstetten und Wagner, dann derZwölfpftinder- 
Batterie Weiszhaupt — besetzten Redouten Nr. 1 und 2, längs dem 
rechten Ufer der Polota, sich von Spasz bis an die Düna ausdehnend. 
Die an den Strom angelehnten beiden- Flügel der Französischen 
Stellang deckten auf dem jenseitigen linken Ufer der Düna angelegte 
Batterien, in welchen sich ebenfalls eine grosze Anzahl Geschütze*) 
befand. Von den Bayern stauden, wie wir wissen, die 1. und 2. 
Brigade der 20. Division (etwa 1800 Mann) in den Redouten Nr. 1 
und 2; deren 3. Brigade Ströhl, 700 Mann, mit der halben Batterie 
Gotthardt und der Cavallerie-Brigade Corbineau bei Bononia an der 
Uscacz, endlich die zwei Brigaden der 19. Division, ebenfalls etwa 
1800 Mann, welche General Lamotte befehligte, mit der leichten 
Batterie Halder seit dem 18. Morgens in dem Brückenkopfe von 
Strudnia, welcher durch eine Brücke mit dem linken Dtinaufer ver- 
bunden war, aber auszerhalb der eigentlichen Französischen Schlacht- 
linie lag. Der kleine Rest Französischer Cavallerie, die Brigade 
Castex, welche nicht auf Recognoscirung entsandt worden, hielt in 
der Mitte der Aufstellung der 8. Division, also gegen den rechten 
Flügel der Französischen Schlachtlinie. 

Ohne Zweifel war diese Gefechtsstellung Gouvion's, mit einem 
breiten Flusse ohne hinreichende Uebergangsmittel im Rücken, eine 
gefährliche, und hätte seinem Corps bei energischem Vorgehen Stein- 
heil'8 ohne Zweifel den Untergang bereiten müssen. Aber der Mar- 
schall wollte um keinen Preis ohne die höchste Noth den Besitz von 
Polotzk aufgeben, und so blieb ihm denn weiter keine andere Wahl, 
als die vorhandenen Verhältnisse bestmöglichst zu seinen Gunsten 
auszubeuten. Von der Nähe Steinheil's hatte er zudem, wie schon 



*) Von den Bayerischen Batterien waren auf dem linken Dünaufer placirt : 
die Zwölfpfünder-Batterie Roys, die leichte Batterie Gravenreuth und die zweite 
Hälfte der Batterie Gotthardt; den Befehl über die hier vereinigte Artillerie 
führte Oberstlieutenant Baron ZMler. 

3* 



• 



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36 Die Kämpfe der Bayern an der Düna im October 1812 

bemerkt wurde, keine Ahnung, weil er seinen Rücken und seine 
linke Flanke durch die in Dünaburg stehende Division Grandjean 
vom 10. Corps Macdonald hinlänglich gesichert glaubte und nicht 
für möglich hielt, dass diese, sowie die übrigen Divisionen des 10. 
Corps, einem Uebergange der Russen über die Düna unterhalb Polotzk 
ruhig zusehen würden, ohne wenigstens eine Demonstration gegen 
den Feind zu versuchen. 

Wie der Marschall Gouvion vorausgesehen hatte, so entwickelte 
sich auch in den folgenden Tagen der Entscheidungskampf. Am 
Morgen des 18. October tiberschritt nämlich Wittgenstein^ Colonne 
oberhalb Zakhcrina bei Jurowitsche die Polota, vereinigte sich jen- 
seits mit den Truppen des Generals Beguizef und schickte sich an, 
der Französischen Aufstellung entlang gegen Strudnia zu marschiren, 
das er bereits vom Feinde geräumt glaubte. Von da wollte er nach 
Ghovianoui rücken, bei welchem Orte er auf der von General 
Alexeiew zu schlagenden Pontonbrücke über die Düna zu setzen 
gedachte. 

Da jedoch Wittgenstein begriff, dass er nicht so ungestört vor 
der Schlachtstellung zweier feindlichen Armee Divisionen vorüber- 
marschiren konnte, ertheilte er seiner von General Balk geführten 
Avantgarde den Befehl, die hart am linken Ufer der Polota stehende 
6. Französische Division Legrand durch einen Scheinangriff zu be- 
schäftigen. Das vielleicht zu hitzige Vorgehen der Russischen Vor- 
truppen über Gromy nach Amernia und die energische Offcnsiv- 
vertheidigung der Franzosen nahmen jedoch alsbald die Kräfte des 
Grafen Wittgenstein so sehr in Anspruch, das er vorzog, gegen 
Mittag mit seinem ganzen Corps in die Schlachtlinie zu rücken. Er 
liesz daher die Divisionen Nr. 3 und 25 unter General Berg, welche 
die Mitte der Stellung bilden sollten, am Saume des Waldes östlich 
von Zakharina aufmarschiren und beorderte das Corps des Generals 
Beguizef, auf dem linken Flügel und, sich bei Strudnia an die Düna 
lehnend, Stellung zu nehmen. Die etwa 10,000 Mann starke Reserve 
unter Generalmajor Sassanow blieb bei Zakharina in Reserve. Als 
die Spitze des Corps von Beguizef sich Strudnia näherte, wurde sie 
von der im dortigen Brückenkopfe placirten Bayerischen Batterie 
Halder mit einem zwar heftigen, aber zu frühem Feuer empfangen; 
denn der Erfolg wäre ein ungleich anderer gewesen, wenn die Un- 
geduld der Kanoniere die ganze Colonne bis auf Flintenschussweite 
hätte herankommen lassen. So ging die Vorhut des Generals Beguizef 
nur schleunig zurück, und sein Corps stellte sich in ehrerbietiger 
Entfernung von der Düna und der Witebsker Strasze mit der Front 



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und der Anfang vom Ende. 37 

gegen Westen auf. Dadurch schwebte der äuszerste linke Flügel 
der Russen freilich in der Luft; doch hatte dies bei der groszen 
Minderzahl ihrer Gegner keinerlei Gefahr. 

Auf diese Weise sah sich Wittgenstein sehr gegen seinen Willen 
auf dem rechten Ufer der Düna in ein Gefecht verwickelt, dessen 
Ausgang auch im günstigsten Falle nur geringe Erfolge zu ver- 
sprechen schien. Dies mag wohl auch der Grund sein, dass die 
Russen trotz ihrer mehr als doppelten Ueberlegenheit an dieser 
Stelle eigentlich gar kein Terrain gewannen. Erst als Nachmittags 
von dem in Ghovianoui befindlichen Generale Alexelew die Meldung 
eintraf, dass er mit den ihm zu Gebote stehenden schadhaften Pon- 
tons unmöglich eine brauchbare Brücke über die Dtlna herstellen 
könne, beschloss Wittgenstein, mit mehr Nachdruck anzugreifen und 
auch den Fürsten Jachvill auf der Petersburger Strasze vorrücken 
zu lassen. Um 4 Uhr Nachmittags erfolgte dessen Angriff auf die 
am Morgen wieder vorgerückte, nicht viel über 4000 Mann starke 
9. Französische Division Merle, die sich nach dem Befehle des Mar- 
schalls Gouvion vor einer angreifenden Uebermacht unter den Schutz 
der von den Bayern und ihrer Artillerie besetzten Redouten Nr. 1 
und 2 zurückziehen sollte. Die in erster Linie stehende Brigade 
Candras der 9. Division, aus dem 1. und 2. Schweizer- Regiment be- 
stehend, liesz sich jedoch von Kampfbegierde fortreiszen, ging, an- 
statt zurückzugehen, nach vorwärts und warf die Russische Vorhut 
unter General Wlastov auf das von General Jachvill persönlich be- 
fehligte Centrum der feindlichen Colonne zurück. Nun aber auch 
von diesem angegriffen, vermochten die Schweizer nicht mehr sich 
aus dem Gefechte loszuwinden, und General Merle musste deshalb, 
wohl oder übel, auch seine zweite Brigade Amey, aus Kroaten-Regi- 
mentern bestehend, zur Unterstützung der ersten vorgehen lassen. 
Dnrch diesen Umstand war dann freilich die Mitwirkung der zahl- 
reichen Artillerie, auf die an diesem Platze der Marschall hauptsäch- 
lich gerechnet hatte, vollständig unmöglich geworden, denn ihr Feuer 
hätte den Verbündeten mindestens ebensoviel Schaden gebracht als 
den mit ihnen im Handgemenge befindlichen Gegnern. Endlich ge- 
lang es den Bemühungen der Französischen Generale, die Truppen 
nach und nach aus dem Gefechte zurückzuziehen und nach den Re- 
douten zu führen, in deren linken Flanke die tapferen Regimenter 
die Poiota tiberschritten und hart hinter ihr und innerhalb der Um- 
fassungsmauer von Polotzk eine Stellung bezogen. Die Russen 
drängten ihnen auf den Fersen nach und suchten anf zwei Punkten 
die Mauer zu ersteigen. Der kaltblütige Widerstand der Schweizer 



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38 Die Kämpfe der Bayern an der Düna im October 1812 

und Kroaten, namentlich aber ein furchtbares Kreuzfeuer der Bayeri- 
schen und Französischen Geschütze, das die Stürmenden massen- 
weis zu Boden streckte, zwang die Russen bald wieder zum Rück- 
züge. Unmittelbar vor ihrer Einmündung in die Düna verflacht sich 
nämlich das rechte Ufer der Polota zu einem weiten Becken, das 
wahrscheinlich vor Jahrhunderten 6chon durch die Ueberschwemmun- 
gen bei Hochwassern ausgespült wurde. In diesem Grunde, der von 
Norden durch das bis dahin hügelige Ufer des Flüsschens, im Süden 
durch die vorbeirauschende Düna begrenzt ist, sammelten sich die 
nachdrängenden und verfolgenden Russischen Truppenmassen ; von 
hier aus unternahmen sie ihre Stürme gegen die Stadtmauer, hierher 
wichen sie nach abgeschlagenem Angriffe wieder zurück. Die Re- 
doute Nr. 1, welche sich gerade im Norden dieses Beckens auf einer 
dominirenden Höhe erhob, war, wie wir wissen, von etwa acht Ge- 
schützen der Bayerischen Artillerie besetzt. Als Wrede, der sich in 
derselben befand, das Anrücken der Russen gegen Polotzk wahr- 
nahm, zog er noch einen Theil der in der Redoute Nr. 2 stehenden 
Geschütze in die linke Flanke der Redoute Nr. 1 und schleuderte 
so ä bout portant Tod und Verheerung in die linke Seite der stür- 
menden Feinde. In der Front waren sie durch die Französischen 
Geschütze auf den Stadtwällen und den Musketen der Schweizer 
bedroht, und damit auch von ihrer rechten Seite das Verderben nicht 
fehlen sollte, eröffneten gleichzeitig die oberhalb Ekimania auf dem 
erhöhten linken Ufer der Düna placirten Bayerischen Batterien 
Gravenreuth und Roys ein wohlgezieltes Feuer. Gegen solche Ge- 
walten vermochten die Russen trotz gröszter Tapferkeit nicht Stand 
zu halten; unter Zurücklassung von zahlreichen Todten und Ver- 
wundeten flohen sie in gänzlicher Auflösung gegen Prismenitza, wo 
sie sich erst unter dem Schutze der Nacht wieder zu sammeln ver- 
mochten. Es war gegen ö Uhr Abends, als das Gefecht auf diesem 
Flügel ein Ende nabm. Auf dem rechten Flügel der Franzosen 
hatte Wittgenstein mehrmals, sowohl gegen Legrand als gegen Maison 
vorübergehende Vortheile errungen, war aber jedesmal von der 
Tapferkeit der Französischen Infanterie, mit welcher die wenigen 
auf dem Sthlachtfelde anwesenden Schwadronen des Generals Castex 
wetteiferten, in seine erste Aufstellung zurückgewiesen worden. Die 
sinkende Nacht machte auch hier dem Streite ein Ende. Wittgen- 
stein zog seine Trappen, deren Nachhut statt des verwundeten 
Generals Balk der General Diebitsch befehligte, auf der Strasze 
nach Nevtl zurück. Die Franzosen bezogen anszerhalb Polotzk 
Bivouaks. 



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und der Anfang vom £nde. 



39 



Der 18. October hatte den Russen zwischen 3000 und 4000 
Manu, den Verbündeten etwa 2000 Mann gekostet; die Bayern ver- 
loren einen Offizier und einige Mann an Todten und Verwundeten; 
der Marschall Gouvion hatte eine Wunde am Beine erhalten. 

Auf dem linken Ufer der Düna war der Tag ohne bemerkens- 
werthe Ereignisse verlaufen. General Doumerc, von dem gegen 
10 Uhr Morgens eine Meldung einlief, war auch am 18. nirgendwo 
auf einen Feind gestoszen. Und die eine Stunde später eintreffende 
%donnanz des Generals Corbineau brachte nur die Nachricht, dass 
er im Laufe des Tages mit seiner und der Brigade Ströhl langsam 
gegen Disna vorgerückt und unweit der Uscacz auf eine Abtheilnng 
von vier bis fünf Husaren-Schwadronen und einige Compagnien In- 
fanterie gestoszen sei, denen gegenüber er Stellung genommen habe. 
Der Marschall, den die Anwesenheit feindlicher Truppenabtheilungen 
zwischen Disna und Dünaburg etwas beunruhigte, befahl dem Gene- 
rale Corbineau, seine Recognoscirung am nächsten Tage mit mehr 
Energie zu betreiben, liesz sich aber noch immer nicht träumen, dass 
hierher bereits das Corps von Stein heil vorgerückt sein könne. Eine 
erneuerte Meldung Corbineau's, welche um 10 Uhr Vormittags des 
19. im Hauptquartiere einlief, brachte ihm hiervon die erste Kunde. 
Corbineau bat nämlich in derselben dringend um Unterstützung, da 
er von einem über 5000 Mann starken feindlichen Truppencorps seit 
früh Morgens über fiie Uscacz und in der Richtung nach Polotzk 
zurückgedrängt werde. In der That vernahm man auch kurze Zeit 
hierauf, wie sich im Rücken der Französischen Aufstellung das Ge- 
schützfeuer mehr und mehr näherte. 

Gouvion, der noch immer nicht an Steinheil dachte, beorderte 
von der Division Legrand das 19., von der Division Maison das 37. 
und 124. Französische Linien-Regiment zur Unterstützung Corbineau's ; 
aber ehe noch diese drei Regimenter, welche General Amey befehligen 
sollte, sich auf der Strasze nach Disna vereinigt hatten, traf gegen 
2 Uhr Nachmittags der Adjutant des Generals Corbineau mit ver- 
hängtem Zügel beim Marschalle ein und meldete, dass die von Disna 
vorrückenden Truppen die vom Grafen Steinheil commandirte Armee 
von Finnland sei, und dass Corbineau vor dieser an 12,000 Mann 
zählenden Abtheilung bereits bis auf zwei Stunden vor Polotzk habe 
zurückweichen müssen. Der Marschall tibertrug sogleich dem Ge- 
nerale der Cavallerie Grafen Wrede das Commando über sämmtliche 
auf dem linken Dünaufer befindlichen Truppen und ertheilte ihm 
den Befehl, das Vordrängen von Steinheirs Corps im Rücken der 
Französischen Aufstellung um jeden Preis zu verhindern. Zugleich 



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40 Die Kämpfe der Bayern an der Düna im October 1812 

sprach er ihm seine Absicht aus, im Laufe des folgenden Tages das 
rechte Dtinaufer bis auf den Brückenkopf von Strudnia zu räumen 
und verhiesz ihm, was er an Truppen entbehren könne, alsbald als 
Verstärkung nachzuschicken. General Wrede setzte sich an die 
Spitze des vordersten 19. Französischen Infanterie-Regimentes und, 
indem er dem Generale Amey befahl, mit den beiden andern Regi- 
mentern, dem 37. und 124., rasch nachzufolgen, rückte er auf der 
St rasze gegen Benonia vor. 

Es war höchste Zeit, dass Hülfe kam; denn die Generale Co#- 
bineau und Ströhl waren um diese Zeit — gegen 4 Uhr Nach- 
mittags — bereits bis an den Saum des Waldes, der sich im Süd- 
westen bis auf 3 / 4 Stunden an Polotzk vorschiebt, zurückgedrängt 
worden. Ihre Truppen, die seit frühem Morgen im Gefechte standen 
und das von Bononia gegen Polotzk durch dichten Wald führende, 
über drei Stunden lange Defile, jeden Schritt kämpfend, zurückgelegt 
hatten, waren, da sie seit 24 Stunden zudem keine Nahrung erhalten, 
im höchsten Grade erschöpft und durch starke Verluste geschwächt. 
Die am Morgen noch etwa 700 Mann zählende Brigade Ströhl ver- 
lor an diesem Tage allein 40 Offiziere und 376 Unteroffiziere und 
Soldaten an Todten, Verwundeten und Gefangenen, also über die 
Hälfte. Ohne das rechtzeitige Eintreffen einer ergiebigen Unter- 
stützung waren sie nicht länger im Stande, dem Andringen einer 
acht- bis zehnfachen Uebermacht Widerstand zu leisten. Welche 
Verwirrung hätte sich aber ergeben, wenn das ganze Corps Stein- 
heil's plötzlich aus dem Walde im Süden von Polotzk debouchirt 
und im Rücken der Französischen Corps ohne Widerstand zu finden 
vorgedrungen wäre?! 

Wrede, der die ganze Grösze der Gefahr erkannte, zauderte 
nicht, ihr mit Nachdruck zu begegnen; mit gezogenem Degen an 
der Spitze des Französischen 19. Infanterie-Regimentes reitend, führte 
er dasselbe in unwiderstehlichem Bajonetangriffe gegen die Stellung 
des Feindes im Walde vor; das 37. und 124. Regiment folgten als 
Unterstützung nach ; die todmüden Reste der Brigade Ströhl rafften 
noch einmal ihre letzten Kräfte zusammen und drangen ebenfalls auf 
den Gegner ein. Diese Anstrengungen krönte der glänzendste Er- 
folg; die Russen wichen, über das Eintreffen frischer Truppen 
stutzend, zurück und nahmen erst jenseits des Waldes wieder Stellung. 
Wrede placirte seine Truppen, voran das tapfere 19. Regiment, in 
Mitte des Gehölzes in einer gedrängten Defensivstellung, dann eilte 
er für seine Person nach Polotzk zurück, um dem Marschalle von 
seinen Erfolgen Kenntniss zu geben. Er traf ihn nach Einbruch der 



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und der Anfang vom Ende. 41 



Nacht in der Stadt, auf welche eben der Feind von allen Seiten zu 
stürmen begann. Die von Südwesten so nahe und unerwartet drohende 
Gefahr hatte nämlich den Französischen Marschall, im Einvernehmen 
mit seinen Untergeneralen, bestimmt, Polotzk noch in dieser Nacht 
zu räumen, und den Abmarsch der zuerst aufbrechenden Division 
Legrand in Anbetracht eines dicht einfallenden Nebels noch vor 
Sonnenuntergang eintreten zu lassen. „Par un exces inconcevable 
de stupidite", wie sich der Marschall in seinen Memoiren*) aus- 
drückt, hatte einer der Truppenchefs dieser Division die hölzernen» 
Lagerhütten seiner Abtheilung in Brand stecken lassen, damit sie 
den Russen nicht in die Hände fallen sollten. Sei es, dass dies Bei- 
spiel Nachahmung gefunden, sei es, dass der Wind mitgewirkt, kurz 
nach wenigen Augenblicken stand das ganze Französische Lager 
und bald auch die hölzerne Vorstadt in Flammen. Dieses Anzeichen 
des nahen Abzuges konnten die Küssen, welche den ganzen Tag 
hindurch, ohne jedoch anzugreifen**), unter dem Gewehre gestanden 
hatten und sich eben anschickten, ihr Nachtlager zu beziehen, un- 
möglich verkennen, und augenblicklich rückten ihre Angriffscolonnen, 
sowohl von Nordwesten als Nordosten, gegen die unglückliche, dem 
Untergange geweihte Stadt vor, um deren Besitz sich im Dunkel der 
Nacht ein fürchterlicher Kampf entspann, der die volle Kraft der 
Verbündeten in Anspruch nehmen musste. Demungeachtet erkannte 
der Marschall die Nothwendigkeit einer auch von Wrede befür- 
worteten energischen Demonstration gegen Steinheil und beorderte 
das 2. Schweizer-Regiment der 9. Division, das 11. Französische 
leichte Regiment der 8. Division, das 7. Französische Cürassier- 
Regiment***) unter General L'Heritier und eine Französische leichte 
Batterie zur Theilnahme an dem Vormarsche gegen Bononia unter 
Wrede's Oberbefehl. Mit diesen Abtheilungen, den drei Infanterie- 
Regimentern des Generals Amey, der Brigade Corbineau, welche aus 
dem 7. und 20. Chasseur- und 8. Lanciers-Regiment bestand, und 
den Resten des Bayerischen 5. und 11. Infanterie-Regimentes sowie 
fünf leichten Bataillonen unter General Ströhl, endlich den Bayerischen 
Sechspfünder- Batterien Gotthardt und Gravenreuth und der aus 
der Redoute Nr. 2 herbeigezogenen Zwölfpfünder - Batterie Weisz- 



») Tome III, pag. 165. 
**) Nur bei Strudnia hatte ein unbedeutender Angriff stattgehabt. 
***) Das 7. Cürassier-Regiment war ursprünglich bestimmt, der Bewegung 
des Generals Doomerc gegen Beszenkowitze" zu folgen, aber im Laufe des 
18. Octobers wieder nach Polotzk zurückgerufen worden. 



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42 Die Kämpfe der Bayern an der Düna im October 1612 

haupt*) konnte Graf Wrede schon den Versuch machen, gegen Stein- 
heü's Corps angriffsweise vorwärts zu gehen. 

Er theilte hierzu seine ganze Truppenmacht in drei Colon neu; 
jene des linken Flügels, aus dem 2. Schweizer-Regimente, dem 124. 
Linien-Regimente, einem Theile des Französischen 11. leichten Regi- 
mentes, drei Escadrons Chasseurs und der Französischen leichten 
Batterie bestehend und von General Amey befehligt, sollte über 
Rudnia vorrücken, dort die Uscacz passiren und auf deren linkem 
.Ufer den Feind, wenn er bei Bononia ernsten Widerstand leisten 
wolle, in seiner rechten Flanke angreifen. Die Colonne des rechten 
Flügels, befehligt von General Ströhl und aus dessen Brigade, der 
halben Batterie Gotthardt und etwa 30 Mann Bayerischer Chevaux- 
legers bestehend, welche als Stabswache dem Generale Wrede zu- 
getheilt waren, sollte längs dem linken Ufer der Düna abwärts 
rücken und, was sie vom Feinde anträfe, über die Uscacz zurück- 
werfen; zwischen diesen beiden Colonnen in der Mitte wollte 
Wrede mit den übrigen Truppen, dem 19. und 37. Linien-Regimente, 
den Cavallerie-Brigaden Corbineau und L'Heritier **), dann der halben 
Batterie Gotthardt, der Batterie G ravenreut h und der Zwölfpfünder- 
Batterie Weiszhaupt, auf die Aufstellung des Feindes diesseits der 
Uscacz direct vorgehen. Sämmtlichen Abtheilungen ertheilte Wrede 
den Befehl, keinen Schuss zu thun, sondern nur mit der blanken 
Waffe anzugreifen. 

Um 4 Uhr Morgens des 20. Octobers setzte sich die mittlere 
Colonne, an deren Spitze das 19 Französische Linien-Regiment 
marschirte, in Bewegung, als um dieselbe Zeit der Feind seinerseits 
zum Angriffe vorging. Wrede liesz sogleich alle Tambours Sturm- 
marsch schlagen und seine Truppen das Bajonet fällen. In weniger 
als zwei Stunden war die Avantgarde des Feindes an die Uscacz 
zurückgedrängt, über welche sich hinüberzuretten nur Wenigen ge- 
lang; denn 1 Oberst, 1 Major, 25 Oberoffiziere und an 2000 Mann 
fielen als Kriegsgefangene in die Hände von Wrede's Truppen und 
zahlreiche Leichen bedeckten den Boden. Das 19. und 37. Linien- 
Regiment, weiche der Französische General Grundler führte, und die 
beiden Chasseur-Regimenter von Corbineau's Brigade hatten sich bei 



*) Die Zwölfpfünder-Batterie Weiszhaupt wurde durch zwei Zwölfpfünder 
der Batterie Roys verstärkt. 

**) Die Brigade L'Heritier bestand nur aus dem 7. Cürassier-Regimente, 
wie überhaupt bei der Cürassier-Division Doumere jedes Cavallerie-Regiment 
von einem Brigadegenerale eommandirt und als Brigade angesehen ward. 



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und der Anfang vom Ende. 43 

dieser Affaire glänzend geschlagen. Es ist bei Wrede's bekannter 
Todesverachtung unnöthig zu erwähnen, dass er sich stets im dich- 
testen Kampfgewühle befand ihm selbst, wie sämmtlichen Offizieren 
seiner Seite war ein Pferd, mehreren sogar auch das zweite unter 
dem Leibe todt geschossen worden. 

Als sich Wrede mit seiner Cavallerie dem Uferrande der Uscacz 
näherte, wurde er von dem Geschütze Steinheids lebhaft empfangen, 
der sein ganzes Corps auf dem linken Ufer des Fltisschens in einer 
vortheilhaften Position aufgestellt hatte, die ohne Umgehung von 
einer Seite sehr schwer zu nehmen war. Der Bayerische General 
rechnete auf das rechtzeitige Eintreffen seiner linken FlUgelcolonne 
unter Amey, liesz seine acht Zwölfpfünder auffahren und diese ihr 
Feuer eröffnen. In der That gelang es auch den braven Bayerischen 
Kanonieren, die Russischen Geschütze schon nach kurzer Zeit zum 
Schweigen und bald auch zum Abfahren zu bringen. Nun zögerte 
auch Wrede nicht länger mehr, über den FIuss zu gehen, obwohl 
von Amey 's Colonne noch immer weit und breit nichts zu sehen war. 
An der Spitze der Französischen Cavallerie-Regimenter setzte er 
durchs Wasser und liesz jenseits auf den Feind einhauen, der sich 
in groszer Unordnung gegen Bezdiedovitsche* zurückzog, nicht ohne 
abermals eine beträchtliche Anzahl Gefangener in den Händen der 
verfolgenden Reiter zurückzulassen. Während dessen war die In- 
fanterie auf Balken über das Fltisschen gegangen und folgte mit den 
Geschützen der Strasze nach Disna, welcher sich um diese Zeit auch 
die Colonne des Generals Ströhl näherte. Dieser war, der erhaltenen 
Disposition gemäsz, ebenfalls am frühen Morgen aus seiner Stellung 
aufgebrochen und, hart am linken Uferrande der Düna marschirend, 
nach kurzer Zeit auf den Feind gestoszen. Der Nachdruck, mit dem 
Ströhl seinen Angriff durchführte, bewog den an dieser Stelle Com- 
mandirenden der Russen, ebenfalls den Befehl zum Rückzüge zu er- 
theilen. Anfangs wurde derselbe noch zögernd und unter stetem 
Gefechte ausgeführt, bald aber löste sich die Ordnung unter dem 
wohlgezielten Feuer der halben Batterie Gotthardt mehr und mehr, 
und muss, am Defile der Uscacz angelangt, in eine förmliche Flucht 
ausgeartet sein; denn der schwachen Brigade des Generals Ströhl 
fielen hierbei nicht weniger als 4 Offiziere und 480 Gemeine kriegs- 
gefangen in die Hände. Mit diesen stiesz Ströhl bei einbrechender 
Dunkelheit zur Hauptcolonne Wrede's, der bereits bis Bezdiedovitschö 
vorgedrungen war, aber noch immer vergeblich auf das Eintreffen 
der Colonne des Generals Amey in seiner linken Flanke wartete. 
Hätte dieser Französische General seine Schuldigkeit gethan, so 



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44 Die Kämpfe der Bayern an der Düna im October 1812 

musste er, dessen Colonne auf der breiten und gut gebauten Fahr- 
strasze von Polotzk nach Disna bequem und rasch marschiren und 
auf der Brücke bei Rudnia die Uscacz ohne Hinderniss passiren 
konnte, wenn nicht vor, doch jedenfalls gleichzeitig mit Wrede's 
Hauptcolonne im Rücken und am linken Flügel der Position ein- 
treffen, die Steinheü's Corps bei Bononia um Mittag bezogen hatte. 
Dass in Folge einer solchen Umgehung der gröszte Theil der Russi- 
schen Abtheilungen sich hätte ergeben müssen, unterliegt kaum einem 
Zweifel. Anstatt Amey's Colonne traf bei Wrede Abends eine Ordre 
des Marschalls Gouyion St. Cyr ein, die ihm gebot, sämmt liehe unter 
seinem Befehle stehenden Französischen Truppen mit Ausnahme der 
Brigade Corbineau, unverweilt nach Polotzk zurückzusenden, Rudnia 
zu besetzen und dort sämmtliche Bayerische Truppen im Laufe des 
21. Octobers an sich zu ziehen. Wrede, der schon durch Amey's 
Ausbleiben heftig erbittert war, gerieth durch diesen Befehl des 
Marschalls auszer sich. Denn nicht nur, dass er hierdurch in seinem 
siegreichen Vordringen gegen Disna, das er den nächsten Tag im 
Sturme zu erobern gedachte, gehemmt wurde, so sah er sich sogar 
zum Rückzüge gezwungen und genöthigt, während der Zeit, in 
welcher die Bayerischen Truppen vom rechten auf das linke Ufer 
der Düna übergingen, um sich mit ihm zu vereinigen, also während 
des 21., unthätig in Rudnia liegen zu bleiben. 

Um die Ursachen kennen zu lernen, welche den Marschall zur 
Ertheilung dieses für Wrede's Lage allerdings misslichen Befehles 
bewogen, ist es nöthig, auf die Ereignisse in und um Polotzk seit 
dem 19. Abends näher zurückzukommen. Wie wir gesehen haben 
wurde die Räumung Polotzk's, welche unter dem Schutze eines 
Nebels und der eingetretenen Dunkelheit, vom Feinde anfangs un- 
bemerkt, begonnen wurde, durch die unglückliche Entzündung von 
Lagerhtitten der Division Legrand den Russen verrathen, die denn 
auch nicht säumten, sogleich und von allen Seiten auf die Stadt ein- 
zudringen. Mit unerschütterlicher Standhaftigkeit vertheidigten die 
Franzosen und Schweizer, Bayern und Kroaten die Umwallung der 
inneren Stadt bis nach Mitternacht, zu welcher Stunde sie mehr von 
dem Rauche der nun zum groszen Theile in Flammen stehenden 
Vorstadt, als von den Bajoneten der Angreifenden auf das linke Ufer 
der Düna getrieben wurden*). Die in den Straszen herrschende 



*) Die noch in den Redouten auf dem rechten Ufer befindlichen Batterien 
Wagner und Hofstetten überschritten in der Nacht vom 19. auf den 20. ohne 
Verlust den Strom. 



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und der Anfang vom Ende. 



45 



Gluthitze erschwerte aber auch den Russen das Nachdrängen im 
hohen Grade, so dass sie erst dann an den nach Kleinpolotzk führen- 
den Brücken über die Düna anlangten, als diese bereits abgebrochen 
und der letzte Mann der Verbündeten an das linke Ufer gebracht 
war. Die beträchtlichen Magazine, welche nach Buturlin von den 
Russen in Polotzk erbeutet worden sein sollen, erweisen sich schon 
dadurch als eine Fabel, dass beinahe die ganze Stadt ein Aschen- 
haufe war ; abgesehen davon, dass man wohl kaum gefüllte Maga- 
zine finden konnte in Mitte eines Heeres, das in jeder Beziehung 
die härtesten Entbehrungen zu ertragen hatte. 

Die Divisionen Maison, Legrand und Merle, dann die ersten 
beiden Bayerischen Brigaden der 20. Division unter General Beckers 
bezogen am Morgen des 20. Octobers hinter Kleinpolotzk eine Auf- 
stellung, das noch von der Nachhut stark besetzt war. 

Während sich am Abende des 19. der letzte Kampf um den 
Besitz von Polotzk unter dessen Wällen entspann, war auch auf dem 
von der Bayerischen 19. Division besetzten Brückenkopf von Strudnia 
der Angriff erneuert, jedoch abermals zurückgewiesen worden. Theils 
mochte der Kampf um Polotzk die Aufmerksamkeit und Kraft der 
Russen hauptsächlich in Anspruch nehmen, theils war die Stellung 
in Strudnia selbst zu fest und zu gut vertheidigt, um durch einen 
Sturm mit blanker Waffe erobert zu werden. Den vereinten An- 
strengungen der in den Auszenwerken vertheilten Brigade Zoller 
und der Brigade Lamotte, welche die allerdings mangelhafte innere 
Umfassung besetzt hielt, gelang es in Verbindung mit den vorzüg- 
lichen Leistungen der Batterie Halder, den wiederholt und von allen 
Seiten stürmenden Feinden mit Erfolg die Spitze zu bieten, so dass 
sich diese gegen Mitternacht in den naheliegenden Wald zurück- 
ziehen mussten. Am Morgen des 20. war denn auch der von den 
beiden Bayerischen Brigaden besetzte Brückenkopf Strudnia noch 
der einzige Punkt, welchen die Verbündeten auf dem rechten Düna- 
ufer im Besitze hatten. 

Generalmajor Lamotte, welcher mit Tagesanbruch die Meldung 
erhielt, dass die Russen Polotzk besetzt hätten, und der nun nicht 
mit Unrechl befürchten musste, den Angriff einer gewaltigen feind- 
lichen Uebermacht in kürzester Zeit erleiden zu müssen, beschloss 
nunmehr ebenfalls, sich auf das linke Ufer zurückzuziehen. Es ist 
nicht in Abrede zu stellen, dass dieser Bayerische General die Räu- 
mung des Brückenkopfes etwas zu früh anordnete. Denn wenn 
auch die Befestigungen von Strudnia nur unvollständig und zu einer 
längeren Verteidigung nicht geeignet sein, die seit dem 19. Abends 



46 



Die Kämpfe der Bayern an der Düna im October 1612 



auf das erhöhte linke Ufer zurückgebrachte Bayerische Batterie 
Haider nur eine geringe Unterstützung bei der Vertheid igung ge- 
währen mochte, so hätte doch wenigstens, sei es auch nur zur Ehre 
der Waffen, ein wirklicher Angriff des Feindes abgewartet werden 
müssen, der jedoch nach den Aufzeichnungen eines zu jener Zeit in 
Strudnia anwesenden Bayerischen Stabsoffiziers erst erfolgte, nach- 
dem der Brückenkopf gänzlich von den Bayerischen Truppen ge- 
räumt war, d. h also gegen Mittag des 20. Octobers. \ ' 

Die nachtheiligen Wirkungen, welche Marschall St. Cyr in seinen 
M^moires tome III, pag. 186 u. f. diesem Ubereilten Rückzüge La- 
motte's zuzuschreiben für gut findet, sind jedoch sicherlich nur als 
ein Ausbruch der Bitterkeit zu betrachten, die dieser Marschall seit 
dem Jahre 1812 gegen die Bayerischen Generale empfand, und zu 
der ihm, um die Wahrheit zu gestehen, der zwar patriotisch zu 
rechtfertigende, aber militairisch unbedingt zu verdammende Un- 
gehorsam Wrede's gegen seine Befehle mehrfachen und vollkommen 
gerechten Anlass gegeben haben mag*). 

General Lamotte räumte also den 20. Mittags Strudnia und 
blieb demselben gegenüber stehen bis zum 21. Nachmittags 2 Uhr**), 
um welche Zeit er den Befehl erhielt, nach Rudnia zu General 
Wrede zu marschiren, was im Laufe des Nachmittags auch geschah. 

Nachdem Strudnia den Russen überlassen worden, hinderte sie 



*) Wie bei fast allen Französischen Geschichtswerken und Memoiren, so 
wird auch bei Gouviou St Cyr die Stärke und Kampffähigkeit der Verbündeten 
Frankreichs stets ganz gering angegeben, damit der Französische Waffenruhm 
in desto hellerem Lichte strahlen kann. Wenn aber irgend ein Missgeschick 
eintritt, so hat gewiss die Pflichtvergessenheit dieser Handvoll Verbündeten die 
Verantwortung zu tragen. So haben bei Leipzig die paar Sächsischen Regi- 
menter, welche während des 18. Octobers zu den Alliirten übergingen, den 
Verlust dieser Schlacht verschuldet und ebenso inuss hier „le detachement 
bavarois sous les ordres du colonel Lamotte" die Schuld tragen, dass General 
W ittgenstein sich schon am 21 October getraute, den Uebergang über die Düna 
zu unternehmen. Dass demselben über 10,000 Mann Französischer Truppen 
ruhig zusahen, wird nicht erwähnt, höchstens nebenbei bemerkt, „que le general 
Legrand (der statt des verwundeten St. Cyr commandirte), donna peut-etre un 
peu trop d'attcntion aux mouvements de l'ennemi". — 

**) In den Me'moires, tome IV, p. 168 heiszt es irrigerweise: ,,Dans la 
journe'e du 20. on lui (Wrede) envoya a Roudnia le detachement sous les ordres 
du colonel Lamotte et ge'ncralement tout le reste de Bavarois". — Dieser Rest 
bestand damals noch immer aus 3500—3800 Mann mit vier theilweise noch ziem- 
lich vollständig bespannten Batterien (Halder, Wagner, Roys und Hofstetten); 
die Batterien Gotthardt, Gravenreuth und Weiszhaupt standen, wie man weisz, 
bereits in Rudnia. 



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1 • 



und der Anfang vom Ende. 47 

am rechten Dünaufer nichts mehr, die Vorbereitungen zum Ueber- 
gange an das linke Ufer zu beginnen. Dass Marschall Gouvion 
St. Cyr, als er dies wahrnahm, alle nur irgend disponiblen Truppen 
am Uebergangspunkte vereinigt haben wollte, hässt sich wohl er- 
klären*). Nach dessen eigenen Aufzeichnungen war es aber nicht 
diese Ursache, welche den obenerwähnten Befehl an Wrede ver- 
anlasste, sondern eine Truppenbewegung in der Russischen Auf- 
stellung, welche der Marschall von dem erhöhten linken Ufer aus 
wahrgenommen haben will. 

Als nämlich Wittgenstein Kenntniss von dem raschen Vordringen 
Wrede's über Bononia erhielt, entsandte er die in Reserve stehende 
Division des Generals Sassanow in beschleunigtem Marsche gegen 
Disna, um dortselbst den tibereilt zurückweichenden General Stein- 
heil aufzunehmen und dessen Wiedervordringen zu unterstützen. 

Wie dem auch nun sein möge: Thatsache ist, dass Wrede am 
20. October Abends den Befehl zur unverweilten Rücksendung der 
ihm zugewiesenen Französischen Truppen erhielt und dass er ihn 
auch im Laufe des 21. befolgte. Ob es wahr ist, was Gouvion in 
seinen Memoires p. 189 erzählt, dass nämlich Wrede am Morgen 
des 21. die Truppen nicht abschickte, sondern, um Gegenbefehl zu 
erwirken, sich persönlich zu St. Cyr verfügte, und da dieser ver- 
wundet das Commando an Legrand bereits abgegeben, mit diesem 
Generale einen Streit (altercation) hatte, sind wir nicht im Stande zu 
widerlegen, halten es aber nach unserer Beurtheilung des Charakters 
dieses Bayerischen Heerführers für leicht möglich. Entschieden un- 
wahr ist dagegen die auf pag. 190 stehende Behauptung**), dass 
nur das verspätete Eintreffen der bei Wrede gewesenen fünf Fran- 



*) Memoires, III, 179. 

**) Diese geradezu durch allen Mangel an Logik unverständliche Stelle auf 
pag. 190 lautet wörtlich: „Le retard dans le renvoi de cea troupes a e*te* un 
incident malheureux, qui fut cause que Legrand donna peut-etre un peu 
trop d'attcntion aux mouvements de l'ennemi auqucl il faillait encore 
au moins deux jours pour achever ses dispositions, afin d'executer un passage 
de vive force". — Eigentlich macht hierdurch St. Cyr seinem Waffeugefahrten 
Legrand einen sehr harten Vorwurf, denn ein guter General, wie Legrand un- 
zweifelhaft war, musste doch um so groszere Aufmerksamkeit auf die Bewegun- 
gen des Feindes wenden, je schwächer verhältnissmäszig zu der ihm gegebenen 
Bestimmung die ihm unterstellte Truppenmacht war. Dass aber das Nichtein- 
treffen einer sicher erwarteten Verstärkung die Ursache zu einer Verminderung 
der Aufmerksamkeit auf den Feind sein solle, hat doch — gelinde gesprochen — 
keinen gesunden Sinn; aber Legrand war eben ein Franzose und Wrede nur 
ein Bayer! - 



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48 Die Kämpfe der Bayern an der Düna im October 1812 

zösischen Regimenter (des 11. leichten, des 19., 37., 124. Linien- 
und des 2. Schweizer -Regiments) dem Generale Wittgenstein den 
Uebergang über die Düna schon im Laufe des 21. Octobers zu 
vollenden gestattete. 

Die Truppenmacht, mit welcher der Russische Heerführer den 
Uebergang über die Düna bei Polotzk de vive force erzwingen 
konnte, betrug nach der Entsendung Steinheil's und Sassanow's — 
die bei Ghovianoui stehenden 3000 Mann des Generals Alexelew 
mitgerechnet — höchstens 24,000 Mann. Gegen diese Anzahl ver- 
mochten doch 8—10,000 Mann — denn soviel mag das, nach Abzug 
der bei Wrede detachirten 19 Bataillone, noch immer 30 Bataillone 
starke 2. Corps wohl gezählt haben — den gewaltsamen Uebergang 
über einen breiten, tiefen und reiszenden Strom itir einige Zeit 
wenigstens zu vertheidigen. Factisch geschah aber von Seite dieser 
30 Bataillone und ihrer zahlreichen Geschütze im Laufe des 21. 
kein Schuss, um den Uebergang der Russen zu verhindern, der denn 
auch etwas oberhalb Polotzk, Angesichts und beinahe in Schussweite 
eines starken Französischen Corps, um 2 Uhr Mittags ungestört be- 
gonnen und bis zum Abend glücklich vollendet wurde. Mit Recht 
nennt deshalb auch Wrede in dem uns vorliegenden Originalberichte 
d. d. Danielowitze vom 30. October 1812 diese Flusspassage „einen 
Vorgang, der in der Kriegsgeschichte noch nicht erhört worden ist". 

Nachdem General Legrand die Russen am Ueberschreiten des 
Flusses nicht gehindert hatte, konnte er, nachdem sie einmal herüber 
waren, noch weniger daran denken, ihnen ernsthaften Widerstand 
zu leisten. Er zog deshalb das 2. Corps im Laufe des 21. und 22. 
auf der Strasze gegen Ula zurück, es dem Generale Wrede über- 
lassend, das 6. Corps, so gut oder übel es gehen wollte, dorthin 
nachzuführen. Diesem schien es einestbeils zu gefährlich, an dem 
bereits südlich vor Polotzk stehenden Feinde vorüber den directen 
Weg in die neue Französische Aufstellung einzuschlagen, an deren 
linken Flügel anzurücken er den Befehl erhalten hatte; andererseits 
glaubte er auch die Strasze von Polotzk nach Wilna*) nicht ganz 



*) Es dürfte gleich hier am Platze sein, die oft gelesene Behauptung, daas 
Wrede die Strasze nach Wilna um jeden Preis decken musste, auf ihren wahren 
Werth zurückzuführen. Mit 3800 Mann, die Wrede damals noch etwa bei- 
sammen hatte, vermochte er ein ernsthaftes Vordringen des Feindes nach Wilna, 
wenn an ein solches überhaupt gedacht werden kann, nicht aufzuhalten. Diesen 
HauptwatFenplatz aber gegen ein Streifcorps zu sichern, dazu war die jeden- 
falls über 10,000 Mann zählende Wilnaer Garnison mit den Marsch-Bataillonen 
und den Keconvalescenten-Abtheilungen, die ununterbrochen durchpassirten, voll- 



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und der Anfang vom Ende. 



49 



ungedeckt liegen lassen zu sollen; kurz er besehloss, den Befehlen 
Legrand's nicht Folge zu leisten und nunmehr, wie er selbst in 
seinem Berichte vom 30. October sagt, auf seine eigene Verantwor- 
tung zu handeln. In der Nacht vom 21. zum 22. October tiber- 
schritt er, nachdem er sämmtliche an der Düna stehenden Bayeri- 
schen Truppen in Rudnia an sich gezogen hatte, die Uscacz und 
marschirte nach Vetren, woselbst er von einem Kosakenschwarme 
angegriffen wurde, der sich aber alsbald wieder zurückzog. Mit 
Tagesanbruch traf er in Arekowka*) ein, woselbst er während des 
22. unbelästigt stehen blieb; gegen Abend wurde jedoch die Vor- 
postenkette vom Feinde attackirt, der aber von der Cavallerie-Bri- 
gade Corbineau nach kurzem Gefechte zurückgewiesen wurde. In 
dieser Position scheinen dem Generale Wrede doch einige Bedenken 
über die gefährliche Lage gekommen zu sein, in welche er sein 
Corps durch die Lostrennung vom 2. Corps Angesichts der weit 
überlegenen feindlichen Armeecorps von Wittgenstein und Steinheil 
gebracht hatte. Denn ohne einen äuszeren Anlass verliesz er plötz- 
lich am 23. October Morgens seine bisherige Marschdirection gegen 
Plissa und Gloubokoe und schlug die Richtung nach der Stadt Uscacz 

kommen stark genug. Die Deckung Wilna's erscheint demnach als Das, was 
sie wirklich ist, als ein Vorwand nämlich, um die wahre Ursache des sich Los- 
trennens Wrede's vom 2. Corps geschickt zu verbergen. Dem Bayerischen Ge- 
nerale musste vor Allem daran gelegen sein — wie Schütz in seiner Geschichte 
der Kriege in Europa seit 1792 Bd. 9, Abtheilung 1, pag. 180 in der Randnote 
ganz richtig bemerkt — die noch übrigen schwachen Stämme des Contin- 
gentes — unschätzbare Elemente für neue Rüstungen, deren Unvermeidlich- 
keit einleuchtete — dergestalt in der Hand zu behalten, dass sie wenigstens 
nicht nutzlos aufgeopfert würden. Es befanden sich zudem gerade an der von 
Polotzk nach Wilna führenden Strasze, in Plissa, Gloubokoe, Danilowitsche, 
Dokchitsoui etc., sämmtliche Bayerische Magazine, Warffendepots, Lazarethe etc., 
deren Erhaltung dem Generale ebenfalls sehr am Herzen lag. Zu alle dem 
mochte allerdings auch noch das persönliche Gefühl Wrede's kommen, der die 
Französische Bundesgenossenschaft nunmehr herzlich satt hatte und deshalb 
jeden Anlass mit Freuden begrüszte, welcher ihm gestattete, sich aus dem Sub- 
ordinationsverhältnisse zu Marschall Gouvion St. Cyr loszumachen. Dass Wrede 
so gehandelt hat, dafür muss ihm Bayern, Angesichts der so schleunig mög- 
lichen Küstuug im Frühjahre 1813, dankbar sein. 

*) Als Wrede's Corps am 22. Morgens in Are'kowka einrückte, befanden 
sich bei demselben nur noch drei Batterien: die leichten Sechspfünder-Batterien 
Gotthardt und Gravenreuth und die Zwölfpfünder-Batterie Weiszhaupt, bei der 
sich auch zwei Zwölfpfünder der Batterie Roys befanden; die übrige Artillerie 
hatte Wrede als überflüssig und seine Beweglichkeit hemmend von Polotzk 
aus über Uscacz nach Lepel geschickt, von wo sie Major Berchem am 25. Oct. 
nach Minsk aufbrechen liesz. 

Jahrbücher f. d. Deutsche Armee u. Maiine. Band X1U. 4 



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50 Die Kämpfe der Bayern an der Düna im October 1812 

ein. In Babinitscbi angelangt, traf um 3 Uhr Nachmittags, vom 
Marschalle Gouvion St. Cyr kommend, der Major Fürst August Taxis 
mit dem Befehle bei ihm ein, im Laufe des 24. Octobers bei Zuriet sehe 
auf dem linken Ufer der Uscacz Stellung zu nehmen, Babinitschi 
durch eine Nachhut zu besetzen und gegen Koublitzi kleine Streif- 
partien vorzusenden, um die Straszen von Disna und Wilna zu 
eclairiren. Das 2. Corps sollte an demselben Tage in die Stellung 
einrücken, welche ungefähr durch eine von Ula nach Uscacz gezogene 
gerade Linie bezeichnet werden kann, so dass der rechte Flügel des 
6. und der linke Flügel des 2. Corps in der Nähe der letzteren Stadt 
zusammengestoszen wären. 

Wrede, der es trotz der eifrigsten Versicherungen des scrupu- 
lösesten Gehorsams nicht über sich gewinnen konnte, die Richtung 
gegen Wilna ganz aufzugeben, zog am 24. mit seinem Hauptcorps 
von Babinitschi nicht, wie ihm ausdrücklich befohlen, östlich nach 
Zarie*tsche und Uscacz, sondern südlich nach Koublitzi, wodurch er 
sich also vom 2. Corps wieder mehr entfernte, anstatt sich ihm zu 
nähern. Dadurch blieb der Punkt Zartetsche und somit die ganze 
Strecke zwischen dem Flusse Uscacz und der Aufstellung der Bayern 
unbesetzt*). 

Auf dem Marsche von Babinitschi nach Koublitzi im Laufe des 
24. wurde Wrede's Nachhut — aus dem 7. Bayerischen Infanterie- 
Regimente Löwenstein und der Französischen Cavallerie - Brigade 
Corbineau bestehend — von Steinheil's Avantgarde hartnäckig ver- 
folgt. Ein brillanter Reiterangriff, den der Oberst St. Germain mit 
dem 7. Chasseurs-Regiment auf die Russen machte, wobei er ihnen 
drei Kanonen abnahm, kühlte ihre Kampfeshitze insoweit ab, dass 
Wrede ziemlich unbelästigt eine Position bei Koublitzi beziehen 
konnte. Oberst St. Germain wurde bei der Attacke schwer ver- 
wundet und die von seinen Schwadronen genommenen Kanonen 
konnten wegen Mangels an Zugpferden nicht zurückgebracht werden ; 
von dem nicht über 140 Mann mehr zählenden 7. Infanterie-Regi- 
mente Löwenstein waren an 20 Mann geblieben. 

Um 5 Uhr Abends versuchte der Feind auch gegen die vortheil- 



*) Um diese Zeit fielen 22 Bayerische Fahnen, welche in Rüstwagen ver- 
packt worden waren, in die Hände eines Streifcorps, indem die Colonne, bei der 
sich die Fahnen befanden, statt von Babinitschi den kürzern aber schlechtem 
Weg nach Gloubokon, den weitern jedoch bessern Weg über Uscacz ein- 
geschlagen hatte, das man von Franzosen besetzt glaubte. Einige Tage später 
fiel auch die mangelhaft bespannte Batterie Weiszhaupt, welche sich anfänglich 
bei jener Colonne befunden, nach tapferster Gegenwehr in Russische Hände. 



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und der Anfang vom Ende. 



51 



hafte Aufstellung von Wredc's Corps bei Koublitzi einen Angriff, 
sah sieb aber durch das heftige Feuer der zwei noch übrigen Baye- 
rischen Batterien Gotthardt und Gravenreutb genöthigt, alsbald hier- 
von abzulassen. 

In der Stellung bei Koublitzi wartete Wrede, der den Tag über 
gegen eine gewiss dreifache Uebermacht fortwährend gekämpft hatte, 
eine Zeit lang, in der Hoffnung, Nachrichten über die Vorfälle des 
24. Octobers beim 2. Corps zu erhalten. Nachdem jedoch bis spät 
am Abend des 24. weder vom Marschalle St. Cyr noch von General 
Legrand irgend eine Botschaft eingetroffen, die Stellung bei Koublitzi, 
wenn auch an sich fest, doch zu isolirt war, so liesz Wrede die 
Bayerischen Divisionen unter dem Schutze einer starken Nachhut 
um 11 Uhr Nachts aus ihrer Position bei Koublitzi aufbrechen und 
sie die Richtung nach Lepel einschlagen, um sich dem 2. Corps 
wieder zu nähern. Diese guten Vorsätze hielten aber bei dem 
Bayerischen Heerführer niemals lange an ; sobald er sich dem 2. Corps 
genähert und wieder die Bitterkeit des Abhängigseins verspürt hatte, 
suchte er sich jedesmal schleunigst wieder selbstständig zu stellen. 
So auch diesmal; nachdem er bei Zwoina die Uscacz passirt und 
auf deren rechtem Ufer seinen Truppen einige Ruhe gegönnt hatte, 
marschirte er im Laufe des Nachmittags des 25. weiter gegen Voroo, 
wo er gegen Mittag auf die Französische Cürassier -Division Doumerc 
stiesz. Von dieser erfuhr Wrede, dass der Marschall Gouvion St. Cyr 
auf seinem Beschlüsse beharre, sich vom Commando zu entfernen 
und dass der interimistische Commandeur General Legrand eine 
Disposition erlassen, gemäsz welcher sich das 2. und 6. Corps von 
Lepel noch weiter rechts gegen Sienno ziehen sollte, um sich mit 
dem von Smolensk heranrückenden 9. Corps der groszen Armee 
unter Marschall Victor zu vereinigen Wrede remonstrirte auf das 
eifrigste gegen diese Ordre; da aber seine Einwendungen nichts 
halfen, er auch nicht gesonnen war, sich als General der Cavallerie 
unter die Befehle eines Divisionsgenerals zu stellen, so fasste er den 
Entschluss, sich abermals und diesmal definitiv vom 2. Corps los- 
zutrennen und die Strasze nach Wilna, sowie die verschiedenen 
Depots der Bayern durch eine bei Gloubokon einzunehmende Stellung 
zu decken. — 



52 



Taktische Vorschriften für die Rheinarmee 1670. 



in. 

Taktische Vorschriften für die Bhein- 

armee 1870.*) 

Beim Beginne des Feldzuges werden nachfolgende Bemerkungen 
der Aufmerksamkeit aller Offiziere dringend empfohlen. 

Marsch der Colonnen. 

Höchst nothwendig ist eine gute und sehr weite Aufklärung des 
Terrains auf den Märschen. Die Corpscommandeure müssen die 
Spitzen ihrer Avantgarden so weit vortreiben, dass ihnen, falls sie 
auf den Feind stoszen, stets die Zeit bleibt, ihre Streitkräfte zu ent- 
falten. Ein Armeecorps muss wenigstens zwei Lieues nach vorwärts 
das Terrain aufklären. 

Nicht weniger wichtig ist es, durch Deckung der Flanken sich 
vor Ueberraschungen zu sichern. Die Geschichte der letzten Kriege 
lehrt, welche Niederlagen durch Unterlassung dieser notwendigen 
Vorsichtsmaaszregeln entstanden sind. Flanqueurs, wie das Regle- 
ment vorschreibt, vorzuschicken, ist zwar vorzüglich, kann aber un- 
möglich Uberall ausreichend sein. Sehr schwache, auf den Trans- 
versalstraszen weit vorgeschobene Cavallerieabtheilungen oder vor- 
übergehend auf den Punkten, wo die Transversalstraszen einmünden, 
aufgestellte Posten werden am besten den Marsch der Colonnen 
schützen. 

Die Avantgarden müssen sehr stark gemacht und aus allen 
Waffen zusammengesetzt werden. Das Gros folgt mit geringem Ab- 
stände. Die Divisions-Artillerie**) muss grösztentheils hinter dem 
zweiten Bataillon marschiren und muss stets bereit sein rasch Stel- 
lungen zu erreichen, von denen aus sie den Aufmarsch der Division 
wirksam decken kann. Stöszt man voraussichtlich auf Widerstand, 



*) Diese Instructions tactiques (imprimerie militaire de J. Verronais a Metz) 
winden, versehen mit dem Stempel „Arode du Rhin, quartier gene'ral", auf 
dem Schlachtfelde von Gravelotte gefunden. Sie dürften auch heute noch viel- 
seitiges Interesse bieten, da die bei Beginn des Feldzuges 1870 aufgestellten 
taktischen Grundsätze für die Französische Armee, wie es scheint, auch jetzt 
nach ihrer Reorganisation noch maaszgebend sind. 

**) Nach der Ordre de bataille der Rheinarmee drei Batterien, darunter 
eine Mitrailleusen Batterie. 



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Taktische Vorschriften für die Rheinarmee 1970. 53 

so muss die Artillerie der Teten-Division durch eine Zwölfpfünder- 
Batterie verstärkt werden. — 

Vorschriften für das Gefecht. 

Angesichts des Feindes gilt folgende Gefechtsformation als normal: 

1) Eine starke Tirailleurkette. Zu dieser wird als Maximum, 
einschlieszlich der Soutiens, der dritte Theil jedes Bataillons, d. h. 
zwei Compagnien, verwendet. 

2) Die vier übrigen Compagnien jedes Bataillons bleiben ge- 
schlossen, entweder in Linie oder in Colonne, in der Hand des Ba- 
taillonscommandeurs. Sie bilden die erste Gefechtslinie. 

3) Die zweite Gefechtslinie besteht aus Bataillonen, die je nach 
den Deckungen, welche das Terrain bietet, in Linie oder in Colonne 
formirt sind. 

4) In jedem Armeecorps muss eine starke Reserve, entweder 
eine Infanterie-Division*) oder eine Brigade in geschlossenen Co- 
Ionnen zu alleiniger Disposition des Corpscommandeurs bleiben. 

5) Eine General- Reserve der ganzen Armee muss gebildet wer- 
den, die ihre Befehle direct von dem Oberbefehlshaber erhält. 

Diese allgemeine Gefechtsformation wird die Verluste auf ein 
Minimum reduciren. Sie lässt sich vorzüglich allen Terrainformatio- 
nen anpassen. 

Da heutigen Tages die Feuerwirkung gegen früher ganz auszer- 
ordentlich gestiegen ist, müssen die tiefen Colonnen, die durch die 
Erfahrung der letzten Kriege verurtheilt sind, mehr denn je von dem 
Schlachtfelde verschwinden. 

In deployirter Linie ist der Marsch für ein Bataillon schwierig; 
die Bataillonscolonne bringt nur eine verhältnissmäszig geringe An- 
zahl Gewehre zur Wirkung: eine gemischte Formation wird deshalb 
im Allgemeinen den Vorzug verdienen. Es wird dann eine gröszere 
Zahl Gewehre als in der reinen geschlossenen Ordnung zur Thätig- 
keit gelangen, und doch wird dem Ganzen die Kraft und der Im- 
puls gewahrt bleiben, welche den Hauptvortheil der geschlossenen 
Kampfweise bilden. 

Unter allen Umständen aber, mag die eine oder die andere For- 
mation gewählt werden, muss ein Bataillon stets in der Lage sein, 
dem Feinde die Spitze zu bieten. Deployirt muss es in jedem Au- 
genblicke auf eine Sub-Division Colonne formiren, in Colonne auf 
die Tlte deployiren können. 

*) Nach der Ordre de bataille bestand das Gardecorpe aus zwei, das 2., 
4., 5., 7. Corps aus drei, das 1., 3., 6. Corps aus vier Infanterie-Divisionen und 
je einer Cavallerie-Division. 



54 Taktische Vorschriften für die Rheinarmee 1870. 

Im Allgemeinen wird die erste Gefechtslinie vor dem Feuer des 
Feindes gesichert sein, wenn die Tirailleure 300 Meter vor der Front 
ausgeschwärmt sind. 

Die zweite Gefechtslinie, mit einem Abstände von 300 Metern 
von der ersten, wird von dem Kleingewehrfeuer nicht mehr erreicht 
werden. Sie bietet aber ein so günstiges Treffobject für die feind- 
liche Artillerie, dass sie entweder gedeckt aufgestellt werden oder 
sich hinlegen muss. 

Die Reserve steht 500 bis 1000 Meter hinter der zweiten Ge- 
fechtslinie, wo sie kaum noch von dem feindlichen Geschtitzfeuer er- 
reicht werden dürfte. Immerhin wird auch bei ihrer Aufstellung der 
Vortheil des Terrains ausgenutzt werden müssen. 

Wenn es irgend angängig ist, werden die Divisionen eines 
Armeecorps nebeneinander und in sich in zwei Treffen formirt auf- 
gestellt*). Bei dieser Aufstellung hat der Divisionscommandeur 
seine Truppen am besten zur Hand, er übersieht sie in ihrer Ge- 
sammtheit und kann mit ihnen sehr bequem manövriren. Beide 
Treffen können zu gleicher Zeit entwickelt werden. Es erwächst 
hieraus ein sehr vortheilhafter Zeitgewinn. Diese Formation hat 
sich auf den Schlachtfeldern auszerordentlich bewährt. 

Die Gefechtslinien müssen stets von den Rändern der Plateau's 
nach rückwärts aufgestellt werden. Diese Vorschrift ist so wichtig, 
dass sie selbst auf Kosten der graden Richtung der Alignements be- 
folgt werden muss**). 

Die Divisions- Ca vallerie wird in der ersten oder der zweiten 
Schlachtlinie aufgestellt, und zwar auf den Flügeln derselben, wo 
sie, gedeckt durch das Terrain, stets bereit sein muss, so verwendet 
zu werden, wie später ausgeführt werden soll. 

Die Tirailleure, die erste und die zweite Gefechtslinie müssen 
auf ihren Flügeln Abtheilungen detachiren, um alle gegen die Flanken 

*) Beispiele für diese Aufstellung lieszen sich vielfach anführen. So stan- 
den am 18. August vom 4. Armeecorps die Divisionen Cissey und Grenier bei 
Amanvillers und Montigny la Grange nebeneinander, jede in sich in zwei Treffen 
zu sechs Bataillonen formirt, während die Division Lorencez, die Corps-Reserve, 
hinter den genannten Oertlichkeiten aufgestellt war. — Am 1. September waren 
die Divisionen Lacretelle und Lartigue des 12. Armeecorps in gleicher Weise 
auf dem hohen rechten Thalrande der Givonne gegenüber La Moncelle formirt. 

**) Beispielsweise wurden am 16. August die Brigaden des 2. und später 
die des Gardecorps, wenn sie einen der immer von Neuem wiederholten Vor- 
8tösze aus dem Bois de Vionville und dem Bois de St. Arnould zurückgeschla- 
gen hatten, stets wieder hinter den Plateaurand südlich Rezonville zurück- 
gezogen. 



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Taktische Vorschriften für die Rheinarmee 1870. 55 

gerichteten feindlichen Unternehmungen bei Zeiten in Erfahrung zu 
bringen. — 

Der Angriff. 

Machen besondere Umstände nicht Ausnahmen von der Regel 
nothwendig, so wird beim Angriffe nach folgenden Grundsätzen ver- 
fahren : 

Die ausgeschwärmten Schützen nähern sich unter Benutzung 
jeder Terrainfalte nach und nach dem Feinde. Von einer Deckung 
zur anderen stürmen sie, um möglichst geringe Verluste zu erleiden, 
im Laufschritte vor. Sobald sie sich im Terrain eingenistet haben, 
geben sie nach sorgfältigem Schätzen der Entfernung und genauem 
Zielen Feuer. Die Soutiens folgen mit geschickter Verwerthung sich 
bietender Deckungen geschlossen der Schützenlinie und verstärken 
dieselbe, sobald es erforderlich erscheint. Die Soutiens können auch 
Salven in der Tirailleurlinie geben, um in die Stellung des Feindes 
Bresche zu legen; sie können sich auch um die feindlichen Flügel 
herumschleichen, um den Gegner durch Flankenfeuer in Verwirrung 
zu bringen. 

Kommen endlich Tirailleure und Soutiens an die feindlichen 
Schützen heran, so raffen sie ihre letzten Kräfte zusammen, stürzen 
im Laufschritte unaufhaltsam vorwärts und vertreiben den Feind aus 
seiner Stellung. Dieser Anlauf darf nur aus geringer Entfernung 
gemacht werden ; besonders im offenen Terrain würde eine weit aus- 
geholte Attacke niemals bis an das Ziel gelaDgen. 

Die erste Gefechtslinie, unterstützt von der zweiten, stürmt in 
dem entscheidenden Momente lebhaft vorwärts, um entweder die 
Niederlage des Feindes zu vervollständigen oder dessen Gegenstosz 
zu pariren. Die Bataillone bleiben hierbei geschlossen und müssen 
die allergröszeste Ordnung bewahren. Stürmt der Feind von Neuem 
gegen seine früheren, von uns genommenen Stellungen vor, so dürfen 
dieselben nicht verlassen werden, um sich dem Feinde entgegen zu 
werfen. Man muss ihn vielmehr in entwickelter Linie erwarten und 
aus nächster Nähe mit Kugeln überschütten. 

Handelt es sich um den Angriff auf Baulichkeiten, Dörfer, 
Meiereien oder einzelne Häuser, so muss man dieselben zu umfassen 
suchen. Zuerst wird der Angriff von der Artillerie vorbereitet. 
Diese muss die Umfassung an der für den Sturm in Aussicht ge- 
nommenen Stelle niederlegen und die Besatzung erschüttern. Dann 
wird in Echelons vorgegangen, und zwar so, dass die mittleren 
Echelons erst dann avanciren, wenn die äuszeren die Seiten der Lo- 
calität umfassen. 



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56 Taktische Vorschriften für die Rheinarmee 1870. 

Bei dem Angriffe auf ein Gehölz lässt man eine starke Schützen- 
kette von drei Seiten gegen einen ausspringenden Winkel vorgehen. 
Die nachfolgenden Colonnen überschütten unterdessen den Theil der 
Lisiere, gegen den der Angriff sich richtet, mit Kreuzfeuer. Nach 
und nach nähern sich mit Benutzung aller Terrainunebenheiten die 
Tirailleure immer mehr dem Gehölze und stürzen sich endlich im 
Laufschritte in dasselbe. Hat man erst festen Fusz in der Lisiere 
gefasst, so treibt man dadurch die Vertheidiger ganz aus dem Gehölze, 
dass man fortgesetzt ihre Flanken überflügelt. 

Will man Angesichts des Feindes aus einem Walde hervor- 
brechen, so mus8 dies zu gleicher Zeit auf mehreren Punkten ge- 
schehen, nachdem der Feind über die eigenen Absichten getäuscht 
worden ist. Man kann z. B. vorher mit Artillerie und Cavallerie 
einen Scheinangriff machen und dadurch die Aufmerksamkeit des 
Feindes ablenken. Stürmen dann die Tirailleure und die erste Ge- 
fechtslinie aus dem Walde vor, so muss die zweite, um einen sicheren 
Rückhalt zu bieten, die Lisiere stark besetzt halten. 

Wenn die Infanterie feuernde Geschütze aus ihrer Stellung ver- 
treiben will, müssen die Tirailleure jede Terrainwelle benutzen, um 
sich ungesehen an die Batterie heranzuschleichen, und zwar auf eine 
ihrer Flanken. Erst auf ganz nahe Distance dürfen sie auf die Be- 
dienungsmannschaft schieszen und nach kurzem, lebhaftem Feuer 
stürzen sie sich dann mit dem Bajonete auf dieselbe*). 

Soll eine Brücke oder ein Defile forcirt werden, so muss man 
durch wiederholte Scheinangriffe die Kräfte des Feindes ertödten. 
Zunächst ist es nothwendig, längere Zeit das Gewehr- und Geschütz- 
feuer auf den Zugang zum Defile zu concentriren ; dann werden die 
Flanken bedroht; schlieszlich dringt eine geschlossene Colonne un- 
aufhaltsam durch den Engpass und setzt sich an dem Ausgange 
desselben fest. 

Im Allgemeinen muss jede AngrifFsdisposition auf einer vorher- 
gegangenen Recognoscirung basiren. Diese wird darüber Gewissheit 
verschaffen, ob sich nicht auf den Flügeln der anzugreifenden Stel- 
lung eine Waldparzelle, ein Gehege, ein Gehöft oder ein Ravin 
findet, um von dort durch gedeckt aufgestellte Tirailleure die feind- 

*) Vorzüglich wurde am 18. August von Tirailleuren des 4. Armeecorps 
nach dieser Instruction verfahren. Sie liefen die tiefeingeschnittene Eisenbahn 
vorwärts Amanvillers entlang, sehlichen sich dann in unbedeutenden Gräben 
vor und tauchten plötzlich in der Flanke und fast im Rücken der Preusaischen 
Batterie Werner und König auf, die sie aus einer Entfernung von drei- bis vier- 
hundert Schritt zusammenschössen. 



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Taktische Vorschriften für die Rheinarmec 1370. 



57 



liehe Linie zu flankiren. Sind hohe Getreidefelder, Hecken, Ge- 
sträuche u. s. w. vorhanden, so müssen die Tirailleure dieselben be- 
nutzen, um sich ungesehen heranzuschleichen und aus nächster Nähe 
den Feind niederzustrecken. Fast immer wird man ihn auf diese 
Weise zu schnellem Rückzüge zwingen. Ist die Artillerie bestrebt 
ihr Feuer so lange als möglich auf den Punkt zu vereinigen, auf 
dem durchgebrochen werden soll, so werden die Vertheidiger ent- 
muthigt werden, sie werden sich verdeckt halten müssen und nur 
wenig feuern können. Auf diese Weise wird sich unter dem Schutze 
der Tirailleure das Vorgehen der Gefechtslinien und, wenn die Ar- 
tillerie schweigt, ihr entscheidender Sturm ermöglichen lassen. 

Die Gefechtslinien avanciren entweder deployirt oder in Divisions- 
colonnen*) mit Deployirdistance. Kommen sie in die Nähe des 
Feindes, so machen die Tirailleure die Front frei und hängen sich 
in den Intervallen unter Abgabe unausgesetzten Schnellfeuers an. 
Die Colonnen selbst dürfen nicht feuern, da sie ohne Aufenthalt in 
lebhaftem, entschlossenem Schritte oder im Laufschritte vorstürmen 
müssen. Auch heutigen Tages bewahrt die Bajonetattacke dann 
noch ihren vollen Werth, wenn kein groszer Raum ungedeckt durch- 
schritten zu werden braucht. — 

Die Vertheidigung. 

Günstig für die Vertheidigung ist ein schwer zu überwindendes 
Hinderniss vor der Front**). Auch die Anlehnung der Flanken ist 
von gröszter Wichtigkeit. Bietet das Terrain keine Unterstützung, 
so müssen Truppen in den Flanken echelonnirt werden***) Vor 
der Front der eigentlichen Stellung müssen einige an und für sich 



*) Zwei Zügo Front, entsprechend der Colonne nach der Mitte. — Genau 
den Vorschriften für den Angriff entsprechend war der Vormarsch des 4. Armee- 
corps am 31. August Nachmittags. Nachdem dasselbe von 2 —4 Uhr am Bois 
de Grimont gelagert hatte, avancirte die Division Cissey südlich, die Division 
Grenier nördlich der Strasze nach St. Barbe, die Division Lorencez folgte als Re- 
serve. Tirailleure mit ihren Soutiens voran, die bei dem Angriffe auf Villers 
l'Orme die ersteren verstärkten, je sechs Bataillone im ersten und sechs Ba- 
taillone im zweiten Treffen, alle in Divisionscolonnen mit Deployirdistance: so 
wurden die Trancheen vorwärts Poix und Servigny gestürmt und in gröszter 
Ordnung wurde* der Vormarsch fortgesetzt, bis beim Eintritte der Dunkelheit 
die Bewegung durch einen Befehl zum Halten ins Stocken gerieth, den später 
Niemand gegeben haben wollte. 

**) Der Sauer-Bach in Mac Mahon's Stellung von Fröschweiler bis Elsass- 
hausen am 6. August. 

***) In der Schlacht bei Wörth hinter dem rechten Flügel die 2. Division 
des 1. und die 1. Division des 7. Armeecorps. 



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58 Taktische Vorschriften für die Rheinarinee 1870. 

feste Punkte besetzt werden. Diese verstärkt man noch fortificatorisch, 
um den ersten Anlauf des Angreifers zu brechen und ihn möglichst 
lange in dem wirksamen Feuer der ersten Gefechtslinie aufzuhalten*). 
Legalitäten, die sich gegenseitig flankiren, werden mit zahlreicher 
Infanterie besetzt. 

Der Vertheidiger muss dahin streben, in dem Räume, den der 
Feind zu durchschreiten hat, die Hindernisse so zu häufen, dass dem- 
selben nur wenige, unter sicherem Kreuzfeuer liegende Engpässe zu 
seinem Vormarsche bleiben**). 

Die zweite Gefechtslinie wird hinter den Rändern der Plateau's 
aufgestellt, wo sie dem Auge des Feindes entzogen ist. Sollte dieser 
die erste Linie zurückwerfen , so bleibt die zweite ruhig in ihrer 
Stellung. Sie erhebt sich erst, wenn der Angreifer dicht heran ist, 
empfängt ihn mit Schnellfeuer und wirft ihn mit dem Bajonete den 
Abhang wieder hinunter. 

Ist der Rückzug aus der Stellung unvermeidlich, so wird der- 
selbe in Echelons dergestalt angetreten, dass die Echelons, welche 
noch die Stellung behaupten, durch ihr Feuer die Bewegungen der- 
jenigen sichern, welche sich abziehen, um weiter rückwärts gelegene 
Positionen zu besetzen. 

Bei der Vertheidigung von Ortschaften dürfen die Truppen nicht 
in die Häuser gesteckt werden. Die Enceinte wird von einer vor- 
züglich gedeckten, dichten Tirailleurkette besetzt, deren Soutiens 
hinter die ersten Häuser zu stehen kommt. Die Reserve wird auf 
einem freien Platze im Innern oder in der Nähe der Kirche auf- 
gestellt. Die Geschütze werden so postirt, dass sie die Hauptzugänge 
enfiliren. Liegen einzelne Häuser oder Gehege so, dass von ibnen 
aus der Ort flankirt werden kann, so erhalten sie eine starke Be- 
satzung. Auf diese Weise ist man gegen Umgehung sicher gestellt 
und kann jeden Augenblick zum Gegenstosze tibergehen. Hinter 
dem Orte befindet sich die General-Reserve. — 

Die Schützengräben. 

Die Vertheidigung muss ausgedehnten Gebrauch von Schützen- 
gräben machen, wenn ein Terrainabschnitt eine Zeit lang gegen 
feindliche Angriffe vertheidigt werden soll, und es nicht in der Ab- 
sicht liegt, aus der Stellung zum Angriffe überzugehen, benn zweifei- 

———— i 

*) In der vorbereiteten Defensivschlacht am 18. August spielten St. Hubert, 
Chantrenne, l'Envic, Champenois und Ste. Marie die Rolle solcher vorgeschobe- 
nen Punkte. 

**) Am 18. August die Chaussee Gravelotte — Point du jour. — Am 
6. August die Sauerübergfinge bei Spachbach, Gunstett und Dürrenbach. 



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Taktische Vorschriften für die Rheinarmee 1870. 59 

los werden Truppen, die in Schützengräben gedeckt liegen, wohl 
langsamer, als es wünschenswerth ist, diese guten Deckungen ver- 
lassen, um zu kräftiger Offensive überzugehen *). 

Werden Schützengräben angelegt, so muss die zweite Gefechts- 
linie so dicht hinter der ersten stehen, dass sie sofort den Feind 
wieder zurückwerfen kann, falls es diesem gelungen sein sollte die 
vorbereitete Stellung an irgend einem Punkte zu durchbrechen. 

Allen Offizieren ist es bekannt, dass das Geschtitzfeuer nur dann 
gefährlich ist, wenn die Artillerie genau die Entfernung kennt, auf 
die sie schieszt. Erleidet also eine Truppe in einer Position Ver- 
luste durch Geschtitzfeuer, so muss ihr Commandeur sie ein wenig 
weiter vorwärts aufstellen. Schwerlich wird die feindliche Artillerie 
diese Veränderung unserer Stellung bemerken, und werden ihre Ge- 
schosse über die Köpfe unserer Soldaten hin wegfliegen**). — 

Die Jäger. 

Die Jäger dürfen nicht in den Gefechtslinien aufgestellt werden. 
Die Divisionscommandeure müssen sich die Disposition über die- 
selben vorbehalten, um ihnen besondere Aufträge zu ertheilen, ftir 
welche dieses kostbare Material geeigneter ist, als die Infanterie. 
Dergleichen Aufträge sind z. B.: Bewachung eines Flussüberganges, 
- Wegnahme eines Defile's oder einer Brücke, Erklimmen von Höhen, 
Arülleriebedeckung , Aufstellung auf den Flügeln der Gefechts- 
linien***) u. s. w. - 

Specielle Verwendung der Cavallerie. 

Die Cavallerie hat vier besondere Aufgaben: 

1) Die Cavallerie dient zur Aufklärung des Terrains. Hierzu 
ist es nothwendig die Divisions-Cavallerie sehr weit vorzuschicken f). 



*) Entsprechend diesen Grundsätzen war der von der Spicherer Höhe 
nach Nordosten vorspringende Rücken in mehreren Etagen über einander mit 
Schützengräben gekrönt. — Andererseits würde die vielfache Anwendung von 
Schützengräben in der Stellung Point du jour-St. Privat dieselbe als eine 
rein defensive charakterisiren. 

**) Weshalb diese allgemeine Vorschrift bei der Behandlung der Schützen- 
gräben angeführt ist, leuchtet nicht recht ein. Ueberhaupt sind die Instructions 
tactiques schlecht redigirt; es kommen vielfach Wiederholungen vor und, während 
die ersten Abschnitte mit groszer Gründlichkeit geschrieben sind, bekunden die 
letzten eine gewisse Flüchtigkeit im Styl und in der Behandlung der Materie. 

***) Nach der Ordre de bataille hatte jede Division ausser den Garde- 
Grenadieren ein Jäger-Bataillon im Verbände einer der beiden Brigaden. 

t) Nach der Ordre de bataille war keiner einzigen Infanterie-Division Ca- 
vallerie zugetheilt. Jedes Armeecorps hatte eine Cavallerie-Division in der 
Stärke von vier bis sieben Regimentern. 



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60 Taktische Vorschriften für die Rheinarmee 1970. 

Auf die Stärke der recognoscirenden Abtheilungen kommt es nicht 
an, wohl aber auf ihre Anzahl. Sie müssen staffeiförmig aufgestellt 
werden, wodurch man die Pferde schonen, wenig Verluste haben 
und den Rückzug keiner einzigen Abtheilung gefährden wird. 

2) Im Gefechte wird die Divisions- Cavallerie möglichst verdeckt 
hinter der ersten oder der zweiten Gefechtslinie aufgestellt. Der 
Commandeur der Cavallerie bleibt beim Divisionscommandeure, von 
dessen Standpunkt aus er alle Gefechtsmomente genau verfolgt und 
im entscheidenden Augenblicke so schnell als möglich in Wirksam- 
keit tritt. 

Als Princip gilt , dass die Cavallerie nicht alle Kräfte auf ein- 
mal einsetzt. Vielmehr muss sie in drei bestimmte Abtheilungen ge- 
trennt werden, die erste zur Attacke, die zweite zur Unterstützung, 
die dritte zur Reserve. Durch diese Eintheilung wird sie einer auf 
ihre Flanke gerichteten Attacke stets durch eine entsprechende 
Gegenattacke begegnen können und, was die Hauptsache ist, sie 
wird stets in der Lage sein den letzten Säbelhieb auszutheilen. 

Nach jeder Attacke, mag dieselbe glücklich oder unglücklich 
verlaufen sein, müssen die Escadrons immer sehr rasch ralliirt und 
wieder rangirt werden. 

Unsere Cavallerie muss sich vor Finten der Preuszischen Ca- ' 
vallerie hüten; Scheinattacken werden auf den Preuszischen Exercir- 
plätzen viel geübt. 

3) Die Cavallerie soll gegen Ende der Schlacht in groszen 
Massen verwendet werden, um den Feind zu vernichten, um zu ver- 
hindern, dass er sich wieder sammelt und, um Gefangene in groszer 
Anzahl zu machen*). 

4) Endlich müssen die Corpscommandeure , wenn sich die Ge- 
legenheit dazu bietet, starke Cavalierieabtheilungen auf sehr weite 
Entfernungen detachiren. Diese sollen die Flanken und selbst den 
Rücken des Feindes bedrohen, seine Zufuhren erschweren und Eisen- 
bahnen und Depots zerstören. — 

Die Pioniere. 

Die Pioniere müssen die Hindernisse wegräumen, die den Marsch 
der Colonnen erschweren. Stöszt man auf den Feind, so ist es die 
Aufgabe der Pioniere 1) die Ortschaften zu recognosciren, 2) Brücken 

*) Das Verhalten der Cavallerie bei einem unglücklichen Ausgange der 
Schlacht scheint nicht erwähnenswerth. Und doch bestand, abgesehen vom 
16. August, die Hauptthätigkeit der Französischen Cavallerie in den wahrhaft 
heroischen, verzweifelten Todesritten bei Morsbronn und Elsasshausen am 
6. August und bei Floing am 1. September. 



* 

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Taktische Vorschriften für die Rheinarmee 1670. 61 

und Wege herzustellen, um den Vormarsch der Truppen, das Auf- 
fahren der Artillerie, die Ergänzung der Munition, das Zurückschaffen 
der Verwundeten u. s. w. zu erleichtern. 

Bei der Verteidigung von Oertlichkeiten , welche Stützpunkte 
für die Schlachtlinien bilden, werden die Pioniere die Infanterie in 
den fortificatorischen Einrichtungen derselben vortheilhaft unter- 
stützen. 

Die Artillerie. 

Sobald der Feind sich blicken lässt, wird die Divisions- Artillerie*) 
vorgezogen und eröffnet ihr Feuer. Sie kann 200 bis 300 Meter 
vor der ersten Gefechtslinie auffahren , da ihr dann das Tirailleur- 
feoer immer noch den nöthigen Schutz gewähren wird. Die Batterien 
müssen ihre Stellungen auf den Flügeln suchen, um die Bewegungen 
der Infanterie nicht zu hindern. Sie concentriren ihr Feuer auf die 
entscheidenden Punkte. Sie erhalten stets eine specielle Infanterie- 
oder Cavallerie-Bedeckung. 

Hat eine Batterie eine vortheilhafte Position, so bleibt sie so 
lange als möglich in derselben. 

Die Besorgniss vor Munitionsmangel darf die Artillerie nicht 
hindern überall da in Wirksamkeit zu treten, wo sie Erfolge er- 
warten darf. Die Commandeure der Divisions - Artillerie müssen 
dafür sorgen, dass der Divisionspark in guter Deckung recht nahe 
hinter der ersten Linie auffahrt. Erforderlichenfalls erhält der Park 
eine kleine Bedeckung. 

Die Thätigkeit der Reserv e- Artillerie **) muss kurz, aber ent- 
scheidend sein. Auf speciellen Befehl des Corpscommandeurs fahren 
die Batterien der Reserve- Artillerie möglichst nahe am Feinde auf 
and feuern, sobald sie die Entfernung erkannt haben, mit gröszter 
Behendigkeit. — 

Die Befehlsertheilung. 

In der Schlacht wird von den Divisions- und Corpscommandeuren 
ein Hauptquartier der Division resp. des Armeecorps bestimmt, in 
welchem ein Offizier oder ein Unteroffizier stationirt wird, um an- 
kommende Befehle in Empfang zu nehmen und um anzugeben, wo 
von der Division resp. dem Corps Befehle ertheilt werden. 

*) 1870 waren jeder Infanterie-Division drei Batterien, darunter .eine Mi- 
trailleuBen-Batterie, zugetheilt, wie zu Anfang schon erwähnt. 

**) Die Reserve-Artillerie bestand bei dem 1. und 3. Armeecorps aus acht, 
bei den übrigen Armeecorps aus sechs Batterien. Zur Kaisergarde gehörten im 
Ganzen zwei Artillerie-Regimenter zu je sechs Batterien, ein reitendes und ein 
fahrendes. 



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62 



Taktische Vorschriften für die Rheinarmee 1870 



Jeder Truppencommandeur, der einen Befebl empfängt, ist ver- 
pflichtet über denselben eine Bescheinigung auszustellen. Nur hier- 
durch erlangt man die Gewissheit, dass der Befehl auch wirklich an 
seine Adresse gelangt ist. — 

Die Ueberfälle. 

Es wird hierdurch die Aufmerksamkeit aller Offiziere auf die 
Verderblichen Folgen gelenkt, welche Ueberfälle besonders beim Be- 
ginne des Feldzuges haben. Die unausbleibliche Unordnung wird 
gewiss vermieden werden, wenn alle Offiziere unausgesetzt bemüht 
sind, ihre Leute vor unerwarteten Angriffen und Ueberrascbungen 
sicher zu stellen. Stets wiederholte Ermahnungen sind in dieser 
Beziehung unumgänglich nothwendig. Mit gröszter Sorgfalt müssen 
alle befohlenen Sicherbeitsmaaszregeln ergriffen werden. Der Dienst 
der Vorposten muss genau nach dem Reglement gehandhabt werden. 
Keine Vernachlässigung irgend welcher Art darf geduldet werden, 
besonders nicht bei Nacht*). Sollte ein überraschender Angriff vom 
Feinde unternommen werden, so müssen die Offiziere ihre Leute be- 
ruhigen, sie hinter den Gewehren versammeln und jede Aenderung 
der Gefechtslinie ohne höheren Befehl unbedingt verhindern. — 

Die Studien der Offiziere. 

Alle Offiziere werden hierdurch aufgefordert, wiederholt und mit 
Ver8tändniss zu lesen 1) das Reglement für den Dienst im Felde, 
2) die Verordnungen für das Gefecht und die Vorposten, 3) die von 
dem Kriegsministeriura veröffentlichten Instructionen für die Cavallerie 
und die Artillerie, 4) das Werk des Generals de Brack über die 
Cavallerie. — 

Die Preuszische Taktik. 

Zum Schlüsse dieser Instructionen erscheint es nothwendig im 
Allgemeinen die Art und Weise anzugeben, in der die Preuszen uns 
gegenüber wahrscheinlich auftreten werden. 

Wir können nicht glauben, dass die Preuszischen Bataillone 
wie 1866 in Tirailleure aufgelöst ohne nachfolgende Reserven käm- 
pfen werden. Ihre Exercitien nach 1866 hatten alle den Zweck die 
Truppen an eine Gefechtsweise zu gewöhnen, die nicht dieselben 
Uebelstände nach sich zieht, wie die eben erwähnte. Zur Zeit theilt 

*) Diese übertriebenen Ermahnungen zur einfachen Pflichterfüllung macheu 
in einem offiziellen Schriftstücke einen peinlichen Eindruck. Wie wenig sie 
gefruchtet haben, beweist der Tag von Beaumont und besonders der TJeberfall 
der Vorposten-Brigade Murat am Morgen des 16. August durch die 5. Cavallerie- 
Division, welche den Dragonern des Kaiserlichen Vetters seit 2 J Stunden gegen- 
über stand. 



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Taktische Vorschriften für die Rheinarmee 1870. 63 

sich das Preuszlscbe Bataillon, das aus vier Compagnien besteht, in 
zwölf Züge (jeder Zug ungefähr in der Stärke einer unserer Sectionen), 
von denen vier als Tirailleure verwendet werden. 

Beim Beginne des Gefechtes werden zwei Züge als Schützen- 
ketten aufgelöst, zwei andere bilden deren Soutiens, die acht letzten 
Zttge bleiben in geschlossener Ordnung, entweder deployirt oder in 
Doppel-Halbbataillonen oder Compagniecolonne. 

Kommt der Moment, wo die Tirailleure verstärkt werden müssen, 
so lösen sich die beiden Soutienztige auf und an ihre Stelle treten 
zwei andere dem Gros des Bataillons entnommene Züge. Glaubt 
der Bataillonscommandeur, dass der Feind durch das Feuer der 
Schützen erschüttert ist, so eilen die Soutienzüge zur Abgabe von 
Salven in die Tirailleurlinie, die nun lebhaftes Schnellfeuer abgiebt. 
Unterdessen nähert sich das Gros des Bataillons im Geschwindschritt 
Fünfzig bis sechzig Schritte hinter der Schützenlinie wird die Attacke 
befohlen, das Bajonet wird gesenkt, und Alles stürzt mit drei Hurrah's 
vorwärts, welche die durch das Feuer erzeugte Entmutbigung des 
Gegners vollenden sollen. 

Die Preuszische Infanterie lässt sich mit Vorliebe im Walde 
angreifen. Die Lisiere wird dann nur schwach besetzt, starke Re- 
serven stehen aber im Innern. Dieses Manöver ist ihr 1866 in 
Böhmen vielfach geglückt. Es bestand darin die Lisiere Preis zu 
geben; dann, als die Oesterreichische Infanterie zur Verfolgung nach- 
drängte, sah sie sich plötzlich in den Flanken durch überlegene 
Kräfte angegriffen, die von vorn herein hierzu bestimmt waren*). 

Nach zuverlässigen Berichten sind die Preuszen sich wohl be- 
wusst, dass unser Gewehr dem ihrigen weit überlegen ist, sie sind 
aber zugleich der Ansicht, dass ihre Leute besser als die unsrigen 
schieszen, weil sie gründlicher ausgebildet sind und kälteres Blut 
haben. Sie behaupten, „dass wir zu schnell und zu hoch schieszen". 
Wörtlich fügen sie hinzu: „Wenn die Franzosen so wie wir schössen, 
wenn sie Munition und Gewehre schonten, wenn sie, wie wir, nur 
abdrückten, nachdem sie eins, zwei, drei gezählt haben — dann 
würden wir massakrirt werden. Glücklicherweise werden aber die 
von ihrem lebhaften, aufgeregten Temperament fortgerissenen Fran- 



*) Der Verfasser der instructions scheint sich diese Theorie Preuszischer 
Waldgefechte nach der keineswegs prämeditirten Gestaltung des Kampfes der 
T. Division im Walde von Masloved gebildet zu haben. Auch in dem Fol- 
genden beweist er die lebhafte Phantasie des Franzosen, die von jeher eine 
Feindin der Wirklichkeit war. 



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64 Taktische Vorschriften für die Rheinarmee 1870. 

zosen ihre Munition auf zu weite Entfernungen verknallen und, was 
die Hauptsache ist, sie werden ihre Gewehre durch schlechte Be- 
handlung ruiniren — dann wird der Vortheil auf unserer Seite sein." — 
Wichtigste Ermahnung. 

Die Ansicht, welche unsere Feinde offen über uns aussprechen, 
belehrt uns zur Genüge über die Art und Weise, wie wir sie be- 
kämpfen müssen. Die Hauptsache ist, unsere Soldaten vor der Ver- 
geudung der Munition zu warnen. Unausgesetzt muss man ihnen 
wiederholen, dass unser Gewehr, sowohl was Tragweite als auch 
was Genauigkeit und Wirkung anbetrifft, auszerordentlich hoch über 
dem der Preuszen steht. Nur dürfen sie niemals feuern, wenn sie 
nicht die feste Ueberzeugung haben, dass der Schuss treffen muss, 
niemals dürfen sie sich übereilen, niemals abdrücken, ohne vorher 
sorgfältig gezielt zu haben. — 

Die Preuszische Cavallerie. 

Die Preuszische Cavallerie manövrirt sehr wenig auf dem 
Schlachtfelde. Alle Bewegungen geschehen in Escadronszugcolonne. 
In dieser Formation führt sie alle nothwendigen Frontveränderungen 
durch einfache Aenderung der Direction aus. Um in Linie auf- 
zumarschiren und zu attackiren braucht nur jede Escadron auf ihre 
Tete zu deployiren. Nur von dem höchsten Befehlshaber und zur 
Attacke werden Commando's gegeben, alle übrigen sind durch Sig- 
nale ersetzt. 



IV. 

Die Einnahme von Cliäteaudun 

am 18. October 1870. 

(Mit einer Terrainskizze.) 

Durch die Capitulation von Sedan und die Einschlieszung von 
Metz waren an verfügbaren Streitkräften der regulairen Französischen 
Armee im Ganzen nur noch ungefähr 120,000 Mann vorhanden. 

Trotz dieser geringen Anzahl an organisirten und ausgebildeten 
Truppen glaubte die Regierung der National-Vertheidigung den Wider- 
stand mit Erfolg fortsetzen und günstigere Friedensbedingungen er- 
langen zu können, als sie von dem siegreichen Gegner gestellt 
waren. 



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Die Einnahme von Chäteaudun am 18. October 1870. 



65 



Man be8chlo88 Französischerseits nun ftir's Erste, Paris mit allen 
augenblicklich disponiblen Streitkräften auf das energischste zu ver- 
theidigen, und während dessen in den vom Feinde noch nicht be- 
setzten Provinzen mit der Errichtung neuer Armeen vorzugehen, 
welche alsdann, sobald sie hinreichend operationsfähig waren, zum 
Entsätze der bedrängten Hauptstadt heranrücken sollten. Gleich- 
zeitig erliesz man an die gesammte Bevölkerung Frankreichs einen 
Aufruf, sich ohne Ausnahme zur Verteidigung des bedrohten Vater- 
landes zu erheben, den verhassten Eindringling auf jede Art an weite- 
rem Vordringen zu verhindern und dessen rückwärtige Verbindungen 
zu bedrohen. Dem in gespannter Erwartung verharrenden Europa 
galt es zu zeigen, dass für die anfänglichen Niederlagen der Grund 
einzig und allein in der Unfähigkeit der Kaiserlichen Regierung zu 
suchen sei, dass aber die Französische Nation selbst noch unver- 
fälscht und würdig des von ihren Vorfahren ererbten Ruhmes dastehe. 
Es ergingen in diesem Sinne Aufrufe zur Bildung von Freicorps, 
deren Errichtung denn auch mit seltenem Eifer betrieben wurde. 
Die formirten Freicorps wurden dann direct von dem Ministerium 
in Tours geleitet, von welchem die Führer Befehle und Directiven 
erhielten. Man wollte hierdurch ermöglichen, dass sie im Zusammen- 
hange mit den neu gebildeten Armeen operirten. — Auf diese 
Weise rief die Französische Regierung noch eine Art Parteigänger- 
krieg ins Leben, dessen Zweck sie schon dann als erfüllt bezeichnete, 
wenn er die rückwärtigen Verbindungen der Deutschen Armeen be- 
drohte, die Requisitionen des Feindes störte, sowie endlieh, wenn 
jeder noch so kleinen feindliehen Abtheiiung in vorbereiteter Stellung 
entgegengetreten und dieselbe an der Ausführung ihres Vorhabens 
gehindert würde. Kamen auch alle diese Maaszregeln nicht in der 
Weise zur Austührung, wie dies die Französische Regierung gewünscht 
hatte, so wurden doch den Deutschen Truppen durch das Auftreten 
einzelner bewaffneter Abtheilungen und den Widerstand der Be- 
völkerung in einzelnen Orten vielfache Unannehmlichkeiten bereitet. 
Je weniger die einzelnen Bezirke vom Kriege bisher berührt worden 
waren, je näher aber für sie die Gefahr lag in directe Mitleiden- 
schaft gezogen zu werden, um so gröszeres Interesse zeigten sie für 
die Vertheidiguug ihrer Heimath, mit um so gröszerer Bereitwillig- 
keit folgten sie dem Aufrufe Gainbetta's, mit allen nur verfügbaren 
Mitteln und Kräften dem Vorrücken des Feindes einen Halt zu setzen. 
Durch kleine Erfolge kühn gemacht, beschränkten sie sich nicht 
mehr darauf, dem Gegner nur das Betreten ihrer engeren Heimath 
streitig zu machen, sondern sie gingen zum Angriffe selbst über. 

Jahrbücher f. d. Deutsche Anuee u. Marine. lUnd XIII. 5 



66 Die Einnahme von Chäteaudun am 18. October 1870. 

Gestützt auf ein geschickt gehandhabtes Kundschaftssystem, dehnten 
die täglich an Zahl zunehmenden Freischaaren, ihre Streifzüge selbst 
über die Grenzen ihrer Departements, in die vom Feinde bereits 
längere Zeit besetzten Gegenden aus, wobei ihnen die Kenntniss des 
eigenen Landes und die Leichtigkeit, mit welcher sie ihre Ver- 
pflegung durch ihre zu jedem Opfer bereiten Landsleute bewerk- 
stelligen konnten, sehr zu Statten kam. Die erste, allgemeines Auf- 
sehen erregende That war der Ueberfall von Ablis, welcher von 
circa 120 Franctireuren mit einer bewunderungswürdigen Keckheit 
ausgeführt wurde, und der das vollständige Einvernehmen der Orts- 
bewohner mit den Franktireuren klar an den Tag legte. War der 
Erfolg dieses Ueberfalles an und für sich von untergeordneter Be- 
deutung, so hatte er doch sehr dazu beigetragen die Kühnheit jener 
Banden bedeutend zu erhöhen. Die bisher nur vereinzelt vorgekom- 
menen Fälle, in denen kleinere Cavallerieabtheilungen gänzlich aul- 
gehoben, oder mit Verlust zur Umkehr gezwungen worden waren, 
mehrten sich täglich, namentlich in der Gegend südlich von Paris. 
Da das Treiben jener Schaaren sich selbst bis in die Cernirungslinie 
von Paris fühlbar machte, so war man Deutscherseits genüthigt, 
energisch gegen jenes Auftreten vorzugehen, und musste zu diesem 
Zwecke, der anfänglich durch gröszere Cavallerieabtheilungen erfüllt 
werden konnte, stärkere gemischte Heeresabtheilungen verwenden. — 
Der Ausgangspunkt fast aller jener Buschklepperthaten, welche 
sich in der Gegend südlich von Paris ereigneten, war das in dem 
Departement Eure et Loir gelegene Städtchen Chäteaudun. Dieses 
kleine, im Thale des Loir, auf beiden Ufern desselben reizend ge- 
legene Landstädtchen hatte von den Drangsalen des so unglücklich 
für sein Vaterland begonnenen Krieges bisher kaum etwas verspürt. 
Die Demüthigungen aber, welche der Krieg für Frankreich nach sich 
zog, hatten jedoch nicht verfehlt, auch auf die Bewohner Chäteauduu's 
einen tiefen Eindruck zu machen. Ihr in Folge davon gefasster 
Entschluss, den Deutschen Truppen jeden Schritt vorwärts streitig zu 
machen, konnte durch das täglich zunehmende Elend des Vaterlandes 
und durch die täglich mehr und mehr schwindenden Aussichten eines 
für sie nur einigermaaszen günstigen Ausganges nicht umgestoszen 
werden. — Um die Zurückweisung der bereits in nächster Nähe sich 
zeigenden feindlichen Truppen mit Nachdruck durchführen zu können, 
organisirte man in Chäteaudun aus den waffenfähigen Männern der 
. Stadt und Umgegend die Nationalgarde, zu deren oberstem Führer 
ein Herr Testaniere ernannt wurde. Derselbe that sofort die nötig- 
sten Schritte, die Nationalgarde so zu organisiren, dass sie ihrem 



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Die Einnahme von Chäteaudun am 18. Ootober 1870. 



67 



Zwecke möglichst entsprach. Seine Vorschläge zur Verthcidigung 
der Stadt fanden allgemeine Anerkennung. Mit vollem Vertrauen 
sahen daher die Einwohner der Zukunft entgegen, zumal ihre Streit- 
kräfte noch eine Verstärkung durch ein Bataillon der gardes mobiles 
des Ger, zwei Escadrons Husaren und ciroa 800 Franctireuren von 
Paris unter Führung des Grafen Lipowski erhielten. 

Dies war die Sachlage am 11. October. Am folgenden Morgen 
ging dem Gemeinderath die Mittheilung Uber die Niederlage der 
Französischen Armee (I. Armee der Loire) bei Orleans und über die 
Besetzung der Gegend zwischen Orleans und Tournoisis durch ein 
Preuszisches Corps, in der Stärke von 12—15,000 Mann, zu. Da 
Angesichts einer solchen Truppenmacht ein Widerstand völlig nutz- 
los und unrathsam schien, so beschlossen die Führer der in Chateau- 
dun versammelten Truppen, die Stadt nicht zu vertheidigen, sondern 
dieselbe zu verlassen. Trotz Bitten und Einwendungen der Ein- 
wohner traten am Abend desselben Tages die Mobilen des Ger und 
die Husaren, sowie die Franctireure von Paris ihren Rückmarsch an. 
Gleichzeitig erging eiue Aufforderung an die Nationalgarde die 
Waffen niederzulegen, dieselben aber vor dem Feinde zu verbergen. 

Eine von dem Präfecten des Departements am 13. October in 
Chäteaudun eingegangene Depesche tadelte jedoch in harten Worten 
das Verhalten der Truppenfiihrer, sowie deren frühzeitigen, unge- 
rechtfertigten Abmarsch. Nach seiner Ansicht schien das Vorgehen 
einer gröszeren feindlichen Colonne gegen Chäteaudun sehr unwahr- 
scheinlich; dagegen glaubte er, dass die Stadt wohl von den Vor- 
truppen des rechten Flügels der gegen die Loire vorrückenden feind- 
lichen Armee berührt werden könnte*;. Auszerdem hiesz er die 
Entblös/.ung der Stadt von sämmtlichen Truppen deshalb nicht für 
gut, weil dadurch die Eisenbahnlinie Chartres-Coinville und, als eine 
Folge davon, die Rückzugslinie der in Chartres versammelten Streit- 
kräfte auf Nogent le Rotrou, gefährdet würde. Durch den Einfluss 
dieser Depesche, sowie durch das Erscheinen feindlicher Cavallerie- 
Patrouillen vor den Thoren der Stadt, welche durch die Einwohner 
verjagt wurden, trat plötzlich ein Wechsel in der Gesinnung des 
Gemeinderathes, welcher yorher der Ansicht der Truppenführer bei- 
getreten war, ein. Sofort traf er daher die nöthigen Maaszregeln die 
Truppen zur Rückkehr nacH der Stadt zu bewegen. Dies gelang 
ihm denn auch. Nach und nach rückten die Tags vorher ab- 



*) Der Präfect musstc demnach von dem Siege der Deutschen bei Orleans 
keine Nachricht erhalten haben. 



68 Die Einnahme von Chäteauduu am 18. October 1870. 

gezogenen Truppen in Chäteaudun unter dem Jubel der Einwohner 
wieder ein, um sofort durch den Grafen Lipowski, welchem die Lei- 
tung der Verteidigung übertragen worden war, ihre Plätze in der 
Verteidigungslinie angewiesen zu erhalten. Auch die Nationalgarde 
ergriff die Waffen wieder ; gleichzeitig versicherte man sich für den 
Fall eines Angriffes noch der Hülfe des Generals Tripart, Comman- 
deur der zu Vendöme in der Errichtung begriffenen Territorial-Di- 
vision. Das an Munition für eine längere Vcrtheidigung noch Fehlende 
wurde bei dem Kriegsministerium requirirt. — 

Da man den Feind in der Stellung Chäteaudun selbst erwarten 
wollte, so wurden die nöthigen Vorkehrungen getroffen, um die Ver- 
teidigungsfähigkeit der Stellung möglichst zu erhöhen. Die an der 
Lisiere gelegenen Häuser und Mauern wurden durch Einbrechen von 
Scharten zu einer hartnäckigen Vertheidigung eingerichtet, an den 
am meisten gefährdeten Punkten der Stadt Barricadcn angelegt. 
Die Zahl derselben belief sich auf 28. Die in den Hauptstraszen 
angelegten hatten eine Höhe und Breite von fünf bis sechs Fusz. 
Als Baumaterial waren Steine, Holz, Sandsäcke und Faschinen ver- 
wendet worden \ die durch Aufreiszen des Straszenpflasters gewonne- 
nen Steine wurden zur Bekleidung der dem Feinde zugekehrten 
Seite benutzt. Mit Feldgeschützen war eine Bresche in denselben 
nicht herzustellen. Hier zeigte sich wieder einmal im hellsten Lichte 
das Talent der Franzosen, eine Stellung schnell zur Vertheidigung 
einzurichten. — 

Am 17. October, als die Vertheidiguugsarbeiten gerade beendigt 
waren, traf eine telegraphische Ordre von Tours in Chäteaudun ein, 
der zufolge sämmtliche Mobile und Husaren sofort den Marsch auf 
Blois antreten sollten. Eine gleiche Aufforderung erging an die in 
der Stadt anwesenden Franctireure. Die Letzteren allein blieben, 
während die anderen Truppen sofort ihren Marsch antraten und die 
Stadt ihrem Schicksale überlieszen. Die bei dem Generale Tripart 
von dem Gemeinderathe erhobenen Einwendungen hatten zwar den 
Erlass einer Gegcnordre zur Folge, welche jedoch von den betreffen- 
den Truppen nicht befolgt wurde. So sah sich Chäteaudun zum 
zweiten Male mit dem Grauen des 18. Octobcrs von rcgulaiien 
Truppen entblöszt, aber dennoch verzagte es nicht an der Durch- 
führung des einmal gefassten Entschlusses, — dem bereits in Sicht 
gekommenen Feinde jeden weiteren Schritt vorwärts streitig zu 
machen. — 

Was die Lage der Stadt und das sie umgebende Terrain an- 
betrifft, so fällt die Hochebene der Bcauce, wo sie sich gegen Westen 



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Die Einnahme von Chäteaudun am 18. October 1870. 69 

der Grenze der Perchc nähert, steil gegen das Thal des Loir ab. 
Auf diesem Abfalle liegt das Städtchen mit der Vorstadt St. Jean 
auf dem rechten Ufer des Loir. Jener Abfall ist so bedeutend, dass 
man eine Ober- und eine Unterstadt unterscheiden kann. Die Ober- 
stadt, welche durch eine Feuersbrunst im Jahre 1723 fast gänzlich 
zerstört worden war, hat jetzt gerade, symmetrisch angelegte Straszen, 
welche von einem im Mittelpunkte liegenden groszen* Platze nach 
allen Himmelsrichtungen strahlenförmig auslaufen. Vor der Ostseite 
der Stadt zieht sich in einiger Entfernung von den letzten Häusern 
der Damm der Eisenbahn Paris-Tours hin, mit dem zwischen den 
Straszen Chäteaudun -Orleans und Chäteaudun- Chartres gelegenen 
Bahnhofe. — Was die Verteidigungsfähigkeit der Stadt selbst an- 
betrifft, so dürfte die Ostseite derselben der für die Vertheidigung 
ungünstigste Theil sein. Der Hauptstutzpunkt dieser Seite ist der 
daselbst gelegene Bahnhof, welcher zwei Hauptstraszen beherrscht. 
Bei Weitem günstiger zur Vertheidigung ist die Südseite und die 
Westseite; fast vollkommen gesichert ist die Nordseite durch ihre 
Anlehnung an den Loir. Die an der Lisiere gelegenen Häuser mit 
ihren von steinernen Umfassungsmauern umgebenen Gärten er- 
schweren einestheils das Vorgehen der stürmenden Infanterie im 
höchsten Grade, anderntheils aber auch die Leitung der Vertheidigung. 
Erhöht wird die Verteidigungsfähigkeit der Stellung noch dadurch, 
dass Bewegungen seitwärts der Straszen in Folge der Bebauung 
sehr schwierig, namentlich für Artillerie, sind. Als nachtheilig für 
die Vertheidigung müssen die vor der Süd- und Südostseite liegen- 
den Bodenerhebungen, die eine gute Artillerie-Position auszerhalb 
des Bereichs des Kleingewehrfeuers bieten, bezeichnet werden. — 
Erwägt man alle diese Verhältnisse, so wird man wohl der Ansicht 
beipflichten, dass Chäteaudun, sobald die vorliegenden Höhen im 
Besitz des Angreifers waren, zu einer hinhaltenden Vertheidigung nicht 
geeignet war, dass aber die Wegnahme des Platzes selbst die gröszten 
Schwierigkeiten bieten musste. — • 

Als bekannte Thatsache darf wohl angenommen werden, dass 
die 22. Infanterie-Division, Generalmajor von Witticb, den Auftrag 
erhielr, sich am 18. October in den Besitz Chäteaudun's zu setzen. 
Die Division hatte einige Tage vorher, am 11. October, im Vereine 
mit dem 1. Bayerischen Corps die I. Französische Loirearmee unter 
General La Motterouge geschlagen und über die Loire zurück- 
geworfen. Nachdem sie alsdann am folgenden Tage Quartiere in 
und um Orleans bezogen, sollte sie, da nach der Ansicht des Gene- 
rals der Infanterie von der Tann ein weiteres Vorgehen Uber die 



* 



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70 Die Einnahme von Chäteaudun am IS. Octobtr 1870. 



Loire damals nicht rathsam erschien, auf Befehl Sr. Königlichen 
Hoheit des Kronprinzen zu ihrem Armeecorps nach Versailles und 
Umgegend zurückkehren, bei dieser Gelegenheit die Gegend von 
Chäteaudun und Chartrcs von den daselbst befindlichen Franctireuren 
und Mobilgarden durch Bildung mobiler Colonnen säubern. In den 
ertheilten Directiven war unter Anderm ausgesprochen, Ortschaften, 
in denen sich Civilpersonen am Kampfe betheiligten, auf das Aller- 
strengste durch Coutributionen , eventuell durch Niederbrennen zu 
bestrafen. — 

Wie befohlen, trat die Division am 17. Qctober Mittags II 1 /« Uhr 
ihren Marsch in nachstehender Stärke an: 

43. Infanterie-Brigade, Oberst v. Kontzki. 
Infanterie-Regiment Nr. 32, 11 Compagnien. 
Infanterie- Regiment Nr. 95, 10 Compagnien. 

44. Infanterie-Brigade, Oberst v. Marschall. 
Infanterie-Regiment Nr. 83, 10 Compagnien. 
Infanterie-Regiment Nr. 94, 8 Compagnien*). 
Husaren-Regiment Nr. 13, 4 Escadrons, Oberstlieutenant v. 

Heuduck. 

Divisions-Artillerie, 4 Batterien, Major v. Uslar. 
3. schwere Batterie (Kühne I). 

3. leichte Batterie (Gossler). 

4. leichte Batterie (v. Heppe). 

5. leichte Batterie (Freiherr v. Gillern)*). 

3. Pionier- Compagnie, Premierlieutenant Pagenstecher. 
2 Munitionscolonnen, Hauptmann Gerland. 
Feldlazareth Nr. 5. 

In Summa 40 Compagnien, 4 Escadrons und 4 Batterien. 

Auszerdem waren der Division die Cavallerie-Brigade v. Hont- 
heim (5. Cürassier- und 10. Ulanen-Regiment) mit der 2. reitenden 
Batterie v. Schlotheim zur Disposition gestellt; ferner wurde der 
Division, auf Wunsch ihres Commandeurs, noch die Königlich 
Bayerische sechspfündige Batterie (Olivier) durch den General von 
der Tann tiberwiesen. Aus dem Hauptquartiere Sr. Königlichen 
Hoheit des Kronprinzen war der Rittmeister von der Lancken zur 
Theilnahme an der Expedition eingetroffen. — 



*) Die fehlenden Compagnien und die zum Verbände der Divisions-Ar- 
tillerie gehörende 4. schwere Batterie befanden sich theils noch auf Vorposten 
vor Paris, theils auf Gefangenen-Transport. 



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Die Einnahme von Chäteaudun am IS. October 1870. 



71 



Den ersten Tag erreichte die Division St Sigismond und bezog 
daselbst und in der Umgegend Quartiere. Am folgenden Tage trat 
man des Morgens um 8V2 Uhr von dem Rendez-vous bei Tournoisis, 
mit der Cavallerie-Brigade v. Hontheim an der Tete, den Vormarsch 
gegen Chäteaudun in folgender Marschordnung an: 

3 Escadrons Husaren des Regiments Nr. 13. 
2 Bataillone Infanterie des Regiments Nr. 95. 
3. schwere Batterie. 

1. und Füsilier- Bataillon des Regiments Nr. 95. 

4 Batterien. 

Infanterie-Regiment Nr. 32. 

Infanterie-Regiment Nr. 94. 

Infanterie-Regiment Nr. 83. 
2 Munitionscolonnen , Feldlazareth, Bagage etc. unter Bedeckung 
einer Compagnie Infanterie des Regiments Nr. 83 und einer Es- 
cadron Husaren. Die Cavallerie-Brigade erhielt die Weisung in 
einiger Entfernung von Chäteaudun auszubiegen, und an der Strasze 
nach Cloyes, behufs Unterbrechung der Verbindung dieses Ortes mit 
dem Angriffsobject, Stellung zu nehmen, sowie ferner mit dem ihr 
beigegebenen, auf Wagen gesetzten Pionier-Detachement Eisenbahn 
und Telegraph zu zerstören. 

Sichere Nachrichten über die Stärke der feindlichen Streitkräfte 
waren der Division nicht zugegangen; man wusste nur, dass sich 
in Chartres, Cloyes und Chäteaudun feindliche Truppen concentrirten, 
und dass die Vortruppen des Feindes das Eurethal, sowie den Ab- 
schnitt Maintenon - Gallardon unsicher machten. 

In Chäteaudun, welches zu dieser Zeit, wie erwähnt, die regu- 
lairen Truppen bereits verlassen hatten, belief sich die Zahl der Ver- 
teidiger auf circa 1300 Mann. Ungefähr 7—800 Mann betrugen 
die Franctireure des Grafen Lipowski; 100 Franctireure der See- 
alpen, 100 Schützen aus dem Departement Loir et Cher, sowie end- 
lich noch etwa 300 Nationalgarden der Stadt in nächster Umgebung 
bildeten die einzelnen Theile der Vertheidiger. Die Nationalgarden, 
in zwei Compagnien gegliedert, hatten den Sicherheitsdienst in der 
Stadt zu versehen, während die Franctireure den äuszeren Dienst 
tibernahmen. Die Bewaffnung war eine sehr verschiedene; nur die 
Franctireure von Paris hatten in dieser Beziehung eine gröszere 
Gleichmäszigkeit. Sie führten Remington- oder Snider-Gewehre; ihre 
Bekleidung bestand in einem schwarzen Rocke mit gleichfarbigem 
Beinkleide und einem breitkrempigen Filzhute von derselben Farbe. 
Sie waren ebenfalls in Compagnien gegliedert und führten als Feld- 



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72 Die Einnahme von Chäteaudun am 18. October 1870. 

zeichen eine Art schwarzer Fahne mit einem Todtenkopfe und der 
Inschrift: „Vaincre ou mourir". — 

Alle nötbigen Vorkehrongen zu einer energischen Vertheidigung 
waren getroffen ; Munition war auf der Bahn von Tours eingetroffen 
und auch vertheilt worden. Gegen Mittag des 18. Octobers — eben 
war eine Compagnie Franctireurs zu einer Recognoscirung zusammen- 
getreten, und hatte die Ablösung der Nationalgarde auf dem Markt- 
platze stattgefunden — meldeten plötzlich die auf dem Thurme der 
Kirche von Saint-Valerien aufgestellten Posten, dass auf der Strasze 
Orleans-Chäteaudun einige feindliche Reiter, hinter denen gröszere 
Colonnen folgten, in Sicht kämen. Ohne Verzug eilten die Ver- 
theidiger anf die ihnen angewiesenen Plätze ; der Bahnhof, sowie die 
der feindlichen Annäherungslinie zunächst gelegenen Barricaden und 
die in derselben Richtung gelegenen Gehöfte und Häuser wurden 
besetzt. Ein lebhaftes Feuer empfing die nunmehr gegen die Stadt 
anrückenden Husaren, und zwang sie zur Umkehr. Als jedoch das 
2. Bataillon 95. Regts. gegen ein nördlich der Strasze von Orleans ge- 
legenes, vom Feinde besetztes Gehöft vorging, zog sich die Be- 
satzung sofort nach der Stadt zurück. Dasselbe wurde hierauf vor- 
läufig von der 5. Compagnie besetzt, während sich die anderen 
Compagnien nördlich der Chaussee in einer Terrainsenkung zum 
Angriffe gegen die Stadt resp. den vorliegenden Eisenbahndamm 
entwickelten. Rechts neben dem 2. Bataillon alignirte sieb das 
1. Bataillon und rechts neben diesem das Füsilier-Bataillon. Mit 
der Leitung de< Angriffes auf der Ost- und Nordseite war der 
Oberst v. Kontzki betraut. Gegen die Südfront und die auf dieser 
Seite vorliegenden Fermen wurde das 32 Regiment dirigirt. Die 
44. Infanterie - Brigade nahm eine Reservestellung nördlich der 
Chaussee, während die Deckung der rechten Flanke gegen Marboue 
und Donnemain von dem 13 Husaren Regimente, die der linken 
Flanke von der Cavallerie-Brigaile v. Hontheim übernommen wurde. 

Mittlerweile war auch die Artillerie zum Angriffe vorgezogen 
worden. Die der Avantgarde zugetheilte Batterie Kühne I (:> schwere) 
fuhr gleichzeitig mit dem Vorgehen des 2. Bataillons 95. Regts. in einer 
Stellung nördlich der Strasze nach Orleans ge-en den Eisenbahnhof auf 
und eröffnete ihr Feuer auf circa 2000 Schritt. Nach einigen Schlissen 
protzte sie wieder auf, und ging im Trabe auf circa 500 Schritt 
gegen den Bahnhof vor, dessen Besatzung sie durch ihr wohlgezieltes 
Feuer zum alsbaldigen Rückzüge nach der Stadt zwang. Südlich 
der Strasze nach Orleans nahmen die drei leichten Batterien des Gros 
gegen die Ostfront der Stadt in einer Entfernung von etwa 1000 



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Die Einnahme von Chäteaudun am 18. October 1870. 73 

» 

Schritt vom Eisenbahndamm Stellung, auf dem rechten Flügel der- 
selben die 3. leichte Batterie, im Centrum die 5. leichte, auf dem 
linken Flügel die 4. leichte Batterie. Diese, zu Einer groszen 
Batterie unter dem Commandeur der Artillerie, Major v. Uslar, ver- 
einigten Geschütze eröffneten ihr Feuer gegen den Eisenbahndamm 
und die Stadt mit Granaten auf verschiedene Entfernungen. Die 
Bayerische Batterie Olivier ward als Reserve zurückgehalten. — 
Dies war die Stellung, welche die Division gegen 1 l / t Uhr inne hatte. 
Da man voraussetzte, dass die Bewohner, eingeschüchtert durch 
die im Halbkreise um die Stadt aufgestellten Batterien, deren wenn 
auch mit groszen Pausen abgegebene Schüsse sich doch schon recht 
wirksam gezeigt hatten, zu einer Capitulation geneigt sein würden, 
so entsendete der Divisionscommandeur den Oberstlieutenant v. Heu- 
duck, behufs Anknüpfung von Verhandlungen, auf der Strasze von 
Orleans nach der Stadt; dieser Offizier wurde jedoch mit einem 
lebhaften Infanteriefeuer aus den nächsten Häusern und von der 
groszen Barricade empfangen, und musste unvenichteter Sache wie- 
der umkehren. Auf sein Ansuchen wurde sofort von der 3. schweren 
Batterie ein Geschütz, unter persönlicher Führung des Seconde- 
lieutcnants Hopp, auf der Strasze von Orleans gegen die Barricade 
vorgeschickt. Dasselbe protzte vor dem Eisenbahndamme, 600 Schritt 
von der Barricade entfernt, trotz heftigen Kleingewehrfeuers aus den 
nicht 200 Schritt entfernt gelegenen Häusern, durch welches es in 
kurzer Zeit die Hälfte seiner Bedienungsmannschaften und den Ge- 
schtitzftibrer verlor, ab, und eröffnete und unterhielt ein lebhaftes 
Granatfeuer bis zu seiner gegen 3 1 /* Uhr stattfindenden Ablösung. 
Zur Verstärkung des linken Flügels und hinreichenden Vorbereitung 
des Angriffs durch die Infanterie, welche bei dem Versuche, gegen 
die Stadt weiter vorzugehen, tiberall auf lebhaften Widerstand ge- 
stoszen war, wurde gegen 1V 2 Uhr aus der Reserve die Batterie 
Olivier nach dem linken Flügel der groszen Batterie vorgezogen, 
von wo aus sie, schon nach wenigen Schüssen, auf Befehl des Di- 
vi8ionscommandeurs, zur speciellen Verfügung des Oberst v. Foerster, 
nach dem äuszersten linken Flügel des Angriffs beordert wurde, 
und östlich von Varenne, rechts neben dem Füsilier-Bataillon des 
94. Regiments Stellung nahm. Ein zweiter Wechsel der Stellung 
dieser Batterie fand im Laufe des Gefechtes noch einmal statt, indem 
ein Zug unter Lieutenant Wiedemann gegen eine vorliegende Ferme 
detachirt wurde. Trotz des heftigsten Kleingewehrfeuers verharrte 
die Batterie auf ihrem Platze, unausgesetzt die Geschütze bedienend, 
und als diesem Zuge die Munition ausging, stimmten die braven 

v 

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I 



74 Die Einnahme von Chäteaudun am 18. October 1870. 

Kanoniere bei ihren Geschützen, unter dem, gewissermaaszen die 
Begleitung übernehmenden, Gepfeife der fortwährend um sie ein- 
schlagenden Kugeln „die Wacht am Rhein" an. An der Seite des 
Batteriechefs, der eben mit dem Messen der Entfernung beschäftigt 
war, wurde der ihn unterstützende Feuerwerker durch eine Kugel 
todt niedergestreckt, aber ruhig verharrte der Erstere auf seinem 
gefährlichen Platze, auf der Protze stehend, bis er die Entfernung 
genau ermittelt hatte, mit welcher er alsdann Schuss auf Schuss in 
die vom Feinde besetzten Gehöfte sandte. — So wurden ungefähr 
seit 1 */i Uhr aus den dreiszig in Position gebrachten Feuerschlünden 
Granate auf Granate theils nach der Stadt, theils nach den vor- 
liegenden Gehöften gesandt, wo alsbald an verschiedenen Stellen 
Feuer ausbrach. Gegen 3 Vi Uhr hatte sich die 3. schwere Batterie 
in ihrer exponirten Stellung am Bahnhofe verschossen, und wurde 
durch die auf dem linken Flügel der groszen Batterie stehende 4. 
leichte Batterie (v. Heppe), welche gleichfalls ein Geschütz unter 
der Führung eines Offiziers gegen die, die Hauptstrasze sperrende 
Barricade vorschickte, abgelöst. Da^sich aber sehr bald zeigte, dass 
der in riesigen Dimensionen erbauten Barricade mit den vierpfündi- 
gen Geschossen nichts anzuhaben war, zumal die sämmtlichen, auf 
sie verfeuerten, wohlgezielten sechspfündigen Geschosse keine sicht- 
bare Wirkung gehabt hatten, so richtete dies Geschütz sein Feuer 
auf die an die Barricade anstoszenden Häuser, deren niederfallende 
Trümmer den Aufenthalt hinter der Barricade mit der Zeit sehr 
schwierig machten, und eine alsbald bemerkbare Verminderung des 
von ihr ausgehenden Feuers herbeiführten. Zu der eben erwähnten 
Zeit wurde auf Befehl des Divisionscommandeurs zur Unterstützung 
des von Norden die Stadt umfassenden Angriffs noch eine 2. Bat- 
terie — die 3. leichte — von dem linken Flügel nach dem rechten 
herübergezogen. Der ihr anfänglich ertheilte Befehl, eine Position 
jenseits des Eisenbahndammes zu nehmen, konnte wegen der un- 
günstigen Bebauung des Bodens nicht ausgeführt werden, und 
alignirte sich dieselbe mit vier Geschützen auf dem rechten Flügel 
der bereits stehenden 4. leichten Batterie, während dagegen ihr 
erster Zug, unter persönlicher Leitung des Abtheilungscomman- 
deurs, sich im Bahnhofe selbst auf dem freien Platze vor dem 
Stationsgebäude etablirte und durch sein auszerordentlich wirksames 
Feuer den Feind aus den noch besetzten Häusern der Nordostlisiere 
der Stadt baldigst vertrieb. — In diesen Positionen verblieben die 
Batterien bis zum Einbrüche der Nacht, die Stadt mit Granaten und 



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Die Einnahme von Chäteaudun am 18. October 1870. 75 

Brandgranaten, welche letztere die Batterie Olivier mit sich führte, 
überschüttend. 

Während dieses Artilleriekampfes hatte von dem zum Angriffe 
entwickelten 95. Regiment die 5. Compagnie den Bahnhof sowie den 
Eisenbahndamm besetzt; mit den übrigen Compagnien war man auf 
der ganzen Linie, nördlich der Strasze nach Orleans zum Sturme vor- 
gegangen. Da die Truppen jedoch tiberall auf die, die Straszen 
sperrenden Barricaden stieszen, welche noch aus den angrenzenden 
Häusern mit vertheidigt wurden, so mussten sie sich sehr bald damit 
begnügen, sich allmählig in den einzelnen Häusern und Gärten fest- 
zusetzen. Von besonderem Erfolge war hierbei das Vordringen der 
3. Compagnie, welche bis in die Nähe der Kirche gelangte, dann 
jedoch an einem weiteren Vordringen durch das Feuer der eigenen 
Artillerie verhindert wurde. Zur Verstärkung des rechten Flügels 
und zum umfassenden Angriffe der Stadt von Norden wurde gegen 
2 Uhr das 1. Bataillon des 94. Regiments aus der Reserve hervor- 
gezogen und dem Obersten v. Kontzki zur Disposition gestellt. Mit 
dem Befehle, die auf der nördlichen Seite der Stadt gelegene Barri- 
cade wegzunehmen, rückte das Bataillon, unter Führung des stellver- 
tretenden Regimentscommandeurs , Major v. Gelieu, gegen den Loir 
vor, die 4. Compagnie zur Besetzung des Bahnhofes, der mittler- 
weile von der 5. Compagnie 95 geräumt worden war, zurücklassend. 
In erster Linie gingen die 2. und 3. Compagnie unter ihren resp. 
Führern, Preraierlieutenant v. Steuben und Freiherr v. Taube I, vor. 
Sie mussten hierbei die unter dem Strichfeuer der Barricade ge- 
legene Chaussee nach Chartres passiren; nur dadurch, dass die 
Mannschaften einzeln und in groszen Abständen Uber diesen Raum 
geführt wurden, kam dies ohne Verluste zu Stande. Während diese 
Compagnien ihr Feuer gegen die Häuser, welche die Barricade 
tiankirten, aufnahmen, stellte sich die 1. Compagnie an einem 
Hanse, nahe der oben genannten Strasze, auf. Ferner rückte, auf 
Befehl des Divisionscommandeurs, das in Reserve stehende 83. Regi- 
ment näher an die Stadt heran. Das 32. Regiment war unterdessen 
mit Beginn des Geschützkampfes gegen die Südlisiere des Ortes 
vorgegangen und hatte den Feind, im Vereine mit der Batterie 
Olivier, aus den vorliegenden Fermen vertrieben. Ein weiteres 
Vorgehen dieses Regiments gegen die Stadt war wegen Unkennt- 
nisB des Terrains und ohne genügende Vorbereitung durch Artillerie 
vorläufig nicht ausführbar, und nahmen daher die einzelnen Com- 
pagnien desselben folgende Stellungen ein : die 2. und 4. Compagnie 



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76 Die Einnahme von Chäteaudun am 18. October 1870. 

in den Weinbergen zwischen Eisenbahn und Chanssee, die 1. und 
3. Compagnie östlich der Strasze nach Cloyes, dahinter die drei 
Compagnien des 2. Bataillons, rechts davon das Füsilier-Bataillon. 
Den äuszcrstcn linken Flügel des Angriffes bildete das Füsilier-Ba- 
taillon des 94. Regiments, welches gegen 3 Uhr aus der Reserve 
zur Unterstützung des 32 Regiments hervorgezogen wurde. Die 
10. Compagnie des 94. Regiments unter Premierlieutenant Kutzleheu 
ging in der Richtung gegen das südlich der Stadt gelegene Dort 
Varenne vor, und vertrieb die daselbst in einem Weinberge ein- 
genisteten Tirailleure, welche durch ihr Feuer die auf dem linken 
Flügel stehende Cavallerie zu belästigen begannen ^ rechts der 10. 
Compagnie etablirte sich die 9. Compagnie, während die 11. und 
12. Compagnie die Front des 32. Regiments verlängerten. — 

So stand das Gefecht bei Beginn der Dunkelheit; da die Munition 
der Artillerie bereits zu mangeln anfing, und da ferner das Vorgehen 
der eigenen Infanterie durch das Granatfeuer gefährdet wurde, so 
wurden die Batterien nach den nahe gelegenen Fermen zurück- 
gezogen, woselbst sie (mit abgeprotzten Geschützen) Bivouaks 
bezogen. Nachdem nun noch zwei Compagnien des ^3. Regiments, 
unter Premier Lieutenant v. Stamford, durch den Eisenbahnviaduct 
auf der Ostseite gegen den Kirchhof vorgeschickt worden waren, 
wurde nach allen Punkten des Angriffes der Befehl geschickt, wenig 
zu schieszen und mit Hurrah zu stürmen. Gegen 7 Uhr wurden 
fast gleichzeitig auf der Ostseite " zwei Barricaden genommen, die 
nördlichere durch das gegen die Flanke gerichtete Vorgehen der 2. 
und 3. Compagnie des 94. Regiments, die südlichere durch einen 
Theil der 3. Compagnie, unter persönlicher Führung des Seconde- 
Lieutenants Müller, welcher hierbei leicht verwundet wurde. Unter- 
stützt wurde dieser Angriff noch durch die eben vom Bahnhofe 
herangceilte 4. Compagnie des 94. Regiments. Von Süden her drang 
das 32 Regiment in die Stadt ein, wobei die 3. Pionier-Compagnie 
durch Oeffnen der Mauern und Wegräumen der zahlreichen, künst- 
lich angelegten Hindernisse wesentliche Dienste leistete. Das 
Füsilier-Bataillon des 94 Regiments verblieb in einer Stellung nörd- 
lich Varenne, den westlichen Ausgang der Stadt beobachtend. Der 
Rest des 83. Regiments rückte auf der Strasze von Orleans bis an 
die ersten Häuser der Stadt heran. Hierbei wurde der evangelische 
Divisionsprediger Schwabe durch eine Kugel getödtet. — Mit der 
höchsten Erbitterung dauerte der Kampf im Innern der Stadt fort, 
jedes Haus musste einzeln mit den Waffen in der Hand genommen 



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Die Einnahme von Chäteaudun am 18. October 1870. 77 

werden. Weiber und Kinder betbeiligten sich am Kampfe , die 
Nationalgarde wetteiferte mit den Franctireurs, jeden Schritt, jedes 
Haus hartnäckig vertheidigend. Selbst die Flucht des Grafen 
Lipowski mit mehr als der Hälfte seiner Mannschaft, welche die 
Hauptmacht der Vertheidiger bildeten, konnte die Zurückbleibenden 
nicht bewegen, von dem Kampfe abzustehen. Mit Gewalt musste 
der Widerstand gebrochen werden. Erst gegen 3 Uhr des Morgens, 
nachdem unaufhörlich gekämpft worden war, wurde durch Wegnahme 
des groszen Platzes der Kampf beendet, und mit Tagesanbruch war 
die Stadt vollständig in der Hand des Siegers. An allen Ecken 
brannte dieselbe, kein Mensch dachte an's Löschen, was auszerdem 
noch durch einen lebhaft wehenden Wind fast zur Unmöglichkeit 
geworden wäre. — Mit den Waffen in der Hand wurden circa 150 
Mann gefangen, die abenteuerlichsten Gestalten, in phantasiereichen, 
wunderbar zusammengestellten, bunten Bekleidungen. Hier trug ein 
einfacher Bauer, für den das rauhe Kriegshandwerk keine gewohnte 
Beschäftigung zu sein schien, zu seinem blauen Kittel die Kopf- 
bedeckung eines, einst dem Kaiserreich angehörigen Cürassiers, mit 
rothein, hochwallendem Schweife, dort trug ein Anderer zu seinem 
die Spuren von Alter und Gebrauch zeigenden Filz die einst wohl 
bessere Tage gekannt habende Uniform des Französischen Linien- 
Infanteristen. Auf den Gesichtern fast sämmtlicher Gefangenen lag 
ein Zug bitteren, finsteren Trotzes, keine Miene drückte Reue oder 
Furcht aus*, gleichgültig blickten sie auf ihre Umgebung und die 
rauchenden Trümmer ihres noch vor wenigen Stunden glücklich und 
unversehrt geweseneu, geliebten Heimathstädtchens. Sie hatten ihr 
Wort gehalten, ohne jedoch die gewünschte Wirkung erzielt zu 
haben. 

Der Stadt wurde für die Betheiligung der Einwohner am Kampfe 
eine Contribution von 4ÜO,CH'0 Franken auferlegt, von denen jedoch 
nur 22,u00 beigetrieben werden konnten. Ferner wurden Requisitionen 
an Bekleidungsstücken und Lebensmitteln angeordnet; sehr grosze 
Vorräthe an Hafer wurden vorgefunden und die Bestände damit 
ergänzt. Die zahlreich vorhandenen Magazine mit Bekleidungs- 
stücken boten erwünschte Gelegenheit, die sehr schadhaft gewordenen 
Unterkleider der Truppen durch neue zu ersetzen und hierbei 
gleichzeitig auf die bereits schon eingebrochene kältere Jahreszeit 
Rücksicht zu nehmen. — 




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8 



Die Einnahme von Chätcaudun am 18. October 1570. 



Was die Verluste anbetrifft, so waren Deutscherseits: 
Divisionsstab: 1 Prediger, Schwabe, todt. 

Todt: 

Infanterie - Regiment Nr. 32: — Offizier, 6 Mann, — Pferde, 



» 




Nr. 95: 1 




6 






» 


Nr. 83: — 




V 




>' 


V 


Nr. 94: 1 




1 n 


V 


Artillerie: 







V 


1 „ 


10 „ 






Sa.: 2 Offiziere, 14 Mann, 10 Pferde. 






Verwundet und 


vermisst: 




Infanterie -Regiment Nr. 32: 1 Offizier, 


33 Mann , 


— Pferde, 






Nr. 95: 1 


» 


19 „ 






V 


Nr. 83: - 


V 


12 „ 


» 


>> 


*> 


Nr. 94: !• 


V 


8 „ 




Artillerie : 






»> 


11 


6 ,. 






Sa..- 3 Offiziere, 


86 Mann, 


6 Pferde. 


Totalsumme 


: 5 Offiziere, 


100 Mann, IG Pferde. 



Todt: 

Seconde-Lieutenant Sommer, Regiment 95. 
Seconde-Lieutenant v. Harstall, Regiment 94. 
Portepee -Fähnrich Buchfinck, Regiment 32. 
Ein Offizieraspirant der Bayr. Batterie Olivier. 

Verwundet : 
Seconde-Lieutenant Müller, Regiment 95. 

„ „ Wentworth-Paul , Regiment 94. 

„ „ v. Werthern , Regiment 32. 

Die 5 Batterien hatten verschossen: 
Batterie Kühne I: 599 Granaten, 

Gossler: 391 „ 

„ v. Heppe: 266 

Freiherr v. Gillern: 221 „ 
Olivier: 534 „ 

78 Brandgranaten, 
90 Granatkartätschen, 

Sa.: 2179 Schuss. 
Der Verlust Französischerseits bestand in: 

40 Todten, 

80 Verwundeten und circa 
150 Gefangenen, 

Sa. : 270 Mann. 



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Die Einnahme von Chäteaudun am 18. October 1870. 79 

Unter der Zahl der Verwundeten befanden sich viele Führer 
der Vertheidiger, so unter Anderen der Führer der Nationalgarde, 
Herr Testaniere. — 

Mit groszer Vorliebe pflegen die Franzosen das Schicksal 
Chäteaudun's mit dem von Bazeilles auf eine Stufe zu stellen, und 
das selbst verschuldete und heraufbeschworene Unglück der Stadt 
nur als einen Act deutscher Grausamkeit und Zerstörungswuth hin- 
zustellen. Man erwäge aber, dass in beiden Orten die Bewohner mit 
den Waffen in der Hand am Kampfe Theil nahmen, und speciell 
bei Chäteaudun beinahe ein Drittel der Vertheidiger zu den Be- 
wohnern der Stadt gehörte. Bereitwillig haben die Letzteren ihre 
Stadt in eine kleine Festung umwandeln lassen, freiwillig sind sie 
in die Reihen der ohne besonderes Interesse für die Stadt kämpfen- 
den Franctireure geeilt; allen Gefahren trotzend, haben ihre Weiber 
und Kinder im heissesten Gewühle des um sie tobenden Kampfes 
den Vertheidigern Stärkungen und Erfrischungen gereicht. Auszerdem 
haben die Bewohner eine Aufforderung zur Uebergabe unbeachtet 
gelassen und die Milde des Siegers auf das Aeuszerste gereizt. 
Es waren keine regulairen Truppen, die den Deutschen gegenüber 
standen, es war zum gröszten Theile zusammengelaufenes Gesindel, 
das Nichts zu gewinnen und Nichts zu verlieren hatte, es waren 
Bauern, die heute die Flinte in's Korn warfen, um sie morgen zu 
einem für sie weniger gefährlichen Kampfe wieder hervorzuholen. 
— Unter diesen Umständen entsagte der Ort und seine Bewohner 
freiwillig und wissentlich allen Rechten, auf welche im Kriege die 
nicht an demselben Theil nehmende Bevölkerung Anspruch machen 
darf. Man war sich des Schicksals bewusst, welches jede Wider- 
stand leistende Bevölkerung treffen musste. So hart das Loos daher 
gewesen sein mag, welches die eroberte Stadt traf, es war von der 
Bevölkerung heraufbeschworen. Auf die Gnade des Siegers durfte 
gewiss bei einem solch' erbitterten Kampfe nicht gerechnet werden. 
Wer das Schwert zieht, muss stets darauf gefasst sein, durch das- 
selbe umzukommen. 

Während des Krieges und noch Monate lang nach Beendigung 
desselben waren die Bewohner Chäteaudun's die gefeierten Helden 
des Tages; ihre noch in frischer Erinnerung lebende That ging von 
Mund zu Munde und bot reichen Stoff zu poetischen Lobesergüssen, 
in welchen zur unverzüglichen Nachahmung aufgefordert wurde. 
Auch von Staatswegen blieb man nicht zurück, der heldenmtithigen 
Stadt Anerkennung und Dank zu zollen. Noch während des Krieges 



80 Die Einnahme von Chäteaudun am 18. October 1870. 

wurden Straszen in Paris nach ihr benannt, Kanonen nach ihr 
getauft, ihr eine gewisse Summe Geldes überwiesen, und gleichzeitig 
eine Anregung zu einer Unterstützung durch Privatmittel gegeben. 
Damals bedauerte man aufs Tiefste, dass Chäteaudun einzig in 
seiner Art dagestanden hatte und dass nur dieser Ort allein den 
Impuls in sich verspürt hatte, dem verhassten Feinde das Betreten 
des heimathlichen Bodens zu verwehren. Sofort war man bereit, 
eine höchst einfach klingende Berechnung aufzustellen, wie weit 
wohl die Deutschen gekommen sein würden, wenn schon von den 
Vogesen an jedes Dorf, jedes Städtchen einen gleichen Widerstand 
wie Chäteaudun organisirt hätte, vergasz jedoch, einen Hauptfactor 
hier mit in Rechnung zu ziehen, nämlich den Eindruck, welchen ein 
Chäteaudun's ähnliches Schicksal gemacht haben würde. Und dieser 
Factor war ein bedeutender. Keine zweite Stadt ist in die Fusz- 
tapfen Chäteaudun's getreten, sein Schicksal schwebte Allen als 
schreckendes Beispiel vor Augen, was schon die drei Tage später 
erfolgende, ungehinderte Einnahme von Chartres, wo man gleichfalls 
die Absicht hatte, der heranrückenden 22. Division den Einmarsch 
zu verwehren, bewies. Bnrricaden waren daselbst schon errichtet, 
und die Nationalgarde bereits organisirt, aber der weithin am 
Horizonte bemerkbare Feuerschein des brennenden Chäteaudun's, 
die Schilderungen der vom Kampfplatze entkommenen Flüchtlinge 
haben wohl das Nöthige dazu beigetragen, den in thörichter Ver- 
blendung gefassten Plan aufzugeben und die Waffen zu strecken. 
Welche von beiden Städten mit mehr Vernunft gehandelt und dem 
Vaterlande mehr genützt hat, ist nicht schwer zu errathen. Noch 
Jahre nach der Einnahme lag Chäteaudun der schon aufs 
Aeuszerste erschöpften und in Anspruch genommenen Staatskasse 
zur Last. 



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Die Einführung von Telegraphen bei der Infanterie etc. 81 



V. 

Die Einführung von Telegraphen bei der In- 
fanterie und ihr Gebrauch bei den Vor- 
posten im Felde. 

Von F. A. Buchholtz, Hauptmann und Compagniechef. 
(Mit Zeichnungen, s. Tafel 2.) 

I. Begründung des Vorschlags.*) 

Wenn man sich eingehend mit der Telegraphie beschäftigt und 
die immer weitere Ausbreitung und mannigfache Anwendung der 
Telegraphen und der ihn bewegenden Kräfte beobachtet und ver- 
folgt, so wirft sich einem Soldaten leicht die Frage auf, ob man 
diese dem Weltverkehre jetzt so unentbehrliche Erfindung dem Feld- 
gebranche der Truppen nicht noch mehr, als dies bis jetzt geschehen 
ist, dienstbar machen könnte. 

Ueberall wo es auf eine schnelle und zuverlässige Benach- 
richtigung ankommt, im Dienste der Feuerwehren, in Bergwerken, 
auf Eisenbahnen u. 8. w. hat er sich längst eingebürgert und unent- 
behrlich gemacht, während er für den Melde- und Nachrichten- Dienst 
der Truppen im Felde nur sehr beschränkt angewendet wird. Der 
nur dem praktischen Dienste lebende Soldat, der grundsätzlich jede 
Neuerung zurückweist, der sich selbst nur schwer in die befohlenen 
Abänderungen findet, wird eine erweiterte Anwendung der Tele- 
graphen im Felde allerdings mit Unwillen zurückweisen. Ist es doch 
der Telegraphie trotz vielfacher glücklicher Anwendung im letzten 
Kriege noch nicht gelungen diesen Widerstand zu besiegen und all- 
seitige Anerkennung zu finden. Welchen Sturm des Unwillens wird 
unter diesen Umständen ein Vorschlag zur Einführung derselben bei 
den Truppen heraufbeschwören! 



*) Nach beendigtem Feldzuge 1866 (im ersten Beihefte zum Militair- 
Wochenblatt von 1867) erschien schon ein Aufsatz, welcher die grosze Be- 
deutung der Telegraphie für den Krieg hervorhebt und eine gröszere Aus- 
nutzung dieser Erfindung als wünschenswerth darstellt. In demselben wird die 
Anwendung von Telegraphen bei den gröszeren Manövern beantragt, um sie 
dadurch den Truppen vertrauter zu machen. 

Jahrbücher f. d. Deutsche Armee n. Marine. Band XIU. 6 



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82 Die Einführung von Telegraphen bei der Infanterie 

Kann ein solcher Widerstand den Fortschritt aufhalten, oder 
wohl gar unmöglich machen? 

Der Nähr- und Wehrstand haben von jeher am zähesten am 
Althergebrachten gehangen, dennoch sind sie wie alle anderen dem 
Fortschritte nicht verschlossen geblieben. 

Denke man nur an jene Zeit — es ist nicht einmal allzulange 
her — in welcher der alte praktische Landwirth sich mit aller 
Energie gegen die Einführung von Maschinen und chemischen Dung- 
mitteln in die Landwirthschaft sträubte; dennoch haben diese der- 
einst so stark verketzerten Neuerungen nunmehr auf jeden Bauern- 
hof Eingang gefunden. 

Wie sehr haben sich s. Z. die alten im praktischen Dienste be 
währten Soldaten gegen die Einführung der Feuerwaffen bei der 
Infanterie gesträubt. Der berühmte Montecuculi nannte bei seinem 
Widerstande gegen die Feuergewehre die Pike die Königin der 
Waffen. Santa Cruz prophezeite in seinen reflections militaires, man 
werde den Bataillonen einst die Pike wieder zurückgeben u. s. w. 

So meinen auch wir, wird die Zukunft auch uns Soldaten noch 
manche Neuerung bringen, von der wir uns jetzt nichts träumen 
lassen. Die Technik dringt immer energischer in unsere Reihen 
und lässt sich, wo sie einmal Eingang gefunden hat, schwer wieder 
verdrängen. So wird auch die Telegraphie ihren Platz behaupten 
und muss nach dem alten Grundsatz: „Stillstand ist Rückschritt'', 
auch bei uns weiter ausgebildet werden. 

Wie dies geschehen, bei welchen Gelegenheiten es zur Aus- 
führung kommen soll und mit welchen Mitteln und unter welchen 
Maasznahmen dies zu erreichen sein würde, sollen die nachfolgen- 
den Zeilen näher erörtern. 

Die Allh. Verordnungen Uber die Ausbildung der Truppen für 
den Felddienst stellen den Vorposten zwei Aufgaben: 

1) Aufklärung der Verhältnisse beim Feinde und 2) Sicherung 
der dahinter ruhenden Truppen. 

Die erste Aufgabe fällt fast ausnahmslos der Cavallerie zu und 
wird entweder in der Bewegung ausgeführt, oder erstreckt sich über 
so grosze Strecken, dass hierbei sich schwerlich ein Telegraph würde 
verwenden lassen. 

Die andere Aufgabe wird im Zustande der Ruhe, wenigstens 
in der Nacht, stets der Infanterie zufallen. Die Sicherung wird aber 
wohl hauptsächlich darin bestehen, bei einem Ueberfalle, oder noch 
mehr bei einem geplanten Angriffe den ruhenden Truppen Zeit zum 
Sammeln und Formiren für das Gefecht zu gewähren. Und dies 



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und ihr Gebrauch bei den Vorposten im Felde. 83 

wiederum wird bei aller Bravour und Standhaftigkeit der Feld- 
wachen, wohl nur durch schnelle und sichere Benachrichtigung der 
dahinter stehenden Reserven und der ruhenden Truppen selbst ge- 
schehen können. 

Obwohl nun dieser Anforderung entsprechend unser Meldesystem 
(vergl. d. Allh. Verord. S. 39—45) bis in die kleinsten Details ge- 
regelt ist, soll hier die Frage aufgeworfen und erörtert werden, ob 
man durch Anwendung der Telegraphie diesem Zwecke nicht in er- 
höhtem Maasze Rechnung tragen könnte. 

Welches sind nun der Weg und die Mittel, durch welche jetzt 
die Meldungen von der Postenlinie zum Vorposten-Commandeur und 
von diesem eventuell zum Commandeure der Avantgarde gelangen? 

1) Im gewöhnlichen Falle geht die Meldung zuerst an den 
Commandeur der Feldwache, von diesem eine geschriebene Meldung 
per Cavallerie-Ordonnanz an den Vorposten-Commandeur und von 
hier aus erforderlichen Falls in derselben Weise an den Comman- 
deur der Avantgarde. Geht dies in gröszter Eile, ohne Hindernisse 
und Störungen vor sich, so gelangt die Meldung in verhältnissmäszig 
kurzer Zeit an ihr Ziel. 

Wie viele Umstände und Zufälligkeiten können aber — und 
man muss doch auch solchen Rechnung tragen — gerade in ent- 
scheidenden Momenten den Gang der Meldung verzögern. Berück- 
sichtigt man besonders die Nacht, so werden folgende Eventualitäten 
wohl häufig vorkommen. Auf der Feldwache befindet sich nicht 
gleich Licht, der Offizier steckt schnell eine Laterne an und schreibt 
die Meldung, Die Ordonnanz wird aufgerüttelt und macht sich 
fertig. Der schlaftrunkene Cavallerist kann sein Pferd, welches 
vielleicht (wie dies ziemlich häufig vorkommt) sehr klebt, erst nach 
mehreren SeCunden in Gang bringen und verfehlt in seinem Eifer 
schlieszlich noch den nächsten Weg. So erreicht er mit Versäum- 
niss von einigen Minuten das Gros der Vorposten und findet nach 
mehrfachem Hin- und Herfragen endlich den Vorposten-Commandeur. 

Ist dieser zufällig zu den Vorposten geritten, so dürfte die 
Weitergabe der Meldung sich noch mehr verzögern; im anderen 
Falle geht sie wohl meistens, wenn sie von Wichtigkeit, in gleicher 
Weise weiter an den Commandeur der Avantgarde. Auch hierbei 
tritt dadurch eine Verzögerung ein, dass die Ordonnanz nicht sofort 
das Quartier des Commandeurs findet u. s. w. So wird häufig durch 
solche Nebenumstände das Doppelte und Dreifache der Zeit, welche 
man mit Bezug auf die zurückzulegende Entfernung in Anschlag ge- 
bracht hat, gebraucht werden. 

6* 



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84 Die Einführung von Telegraphen bei der Infanterie 

2) In dringenden Fällen meldet die Vorpostenkette den an- 
rückenden Feind durch Gewehrfeuer. Die Schnelligkeit dieser Art 
von Meldungen wird wohl selbst vom Telegraphen kaum Ubertroffen 
werden können, sicher aber die Zuverlässigkeit. Bei einer geregelten 
telegraphischen Verbindung würde sich gewiss manche unnöthige 
Alarmirung der übermüdeten Truppen vermeiden lassen. Wie oft 
ist durch diese jetzt gebräuchliche Art die ganze Avantgarde durch 
eine kleine feindliche Ahtheilung häufig sogar durch das Schieszen 
einer Patrouille alarmirt worden. Die Belagerungen von Metz und 
Paris liefern hierzu eine genügende Menge von Beispielen. 

Es kann und wird uns hierauf erwidert werden, die ganze unter 
1) entwickelte und besprochene Art des Meldens sei Theorie, in der 
Praxis mache sich die Sache ganz anders. Allerdings wird bei einem 
überraschenden Angriffe wohl meistens das Schieszen der angegriffe- 
nen Feldwachen alle dahinter stehenden Truppen alarmiren und jede 
weitere Meldung unnöthig machen. Dennoch würde bei der Mög- 
lichkeit einer schnellen Anfrage an die Feldwachen sich gewiss 
manch unnöthiger Alarm vermeiden lassen. 

Zieht man nun in Betracht, wie wesentlich ein ausführliches 
Melden aller in der Postenlinie vorkommenden Ereignisse ist, wie 
viele Leute durch das notwendigste Melden auf den Beinen er- 
halten werden müssen, so dürfte sich dennoch auch ohne den äuszer- 
sten Fall, den Angriff des Feindes mit in Anschlag zu bringen, eine 
telegraphische Verbindung empfehlen. 

Die Allh. Vorschriften verlangen: (vergl. S. 25) 

,,Von gröszeren Recognoscirungen müssen die übrigen 
Truppen zur Vermeidung unnöthigen Alarms Kenntniss er- 
halten". 

Oft wird eine solche Recognoscirung unverzüglich vorgenommen 
werden müssen und wird dann die Meldung zu spät eintreffen, we- 
nigstens kann dieser Umstand eintreten. 

Es heiszt ferner in der quest. Vorschrift: 

„Indem der Vorposten-Commandeur durch stete Verbindung 
mit seinen Feldwachen von Allem unterrichtet ist, was im 
Vorterrain sich zuträgt, meldet er die wesentlichen Nachrichten 
an den Commandeur der Avantgarde; dazu gehört oft auch 
der Umstand, dass man den Feind an einem Punkte oder in 
einer gewissen Zeit und Entfernung nicht findet". 

„In dringenden Fällen sendet der Vorposten-Commandeur 
nach eigenem Ermessen auch wohl direct an den Commandeur 
des Ganzen eine schriftliche Nachricht, unter Umständen den 



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und ihr Gebrauch bei den Vorposten im Felde. 



85 



Offizier selbst, welcher wichtige Beobachtungen gemacht hat. 
Zuvor wird er jedoch die bei ihm einlaufenden Meldungen 
sorgfältig prüfen, Uebertreibungen berichtigen, blosze Be- 
fürchtungen aussondern und, wo es nöthig, sich persönlich 
tiberzeugen". 

Alle diese Maasznahmen werden durch einen Telegraphen ent- 
schieden begünstigt, mögen Gegner sagen was sie wollen, Kraft und 
Zeitersparniss würden wir unbedingt gewinnen. Es dürfte über- 
flüssig sein, eines Vergleiches halber die Zeit, welche die Meldungen 
nach (Jer jetzt gebräuchlichen Art gebrauchen, um an ihren Be- 
stimmungsort zu gelangen, zu berechnen. Man könnte bei einer 
solchen Berechnung wohl die ungefähren Entfernungen der einzelnen 
Abtheilungen und die zum Zurücklegen derselben einem Reiter not- 
wendige Zeit in Anschlag bringen, schwerlich aber den durch Neben- 
umstände gebotenen Aufenthalt auch nur annähernd bestimmen. 

II. Die Art und Weise der Anwendung. 

Es wirft sich nunmehr die Frage auf, wie es möglich wäre die 
Vorposten telegraphisch zu verbinden und aufweiche Art die Mel- 
dungen befördert werden sollten. Dass die Feldtelegraphen in dem 
letzten Kriege, obwohl mit Misstrauen und Widerstreben aufgenom- 
men, namentlich bei den längeren Cernirungen und Belagerungen 
recht gute Dienste geleistet haben, berechtigt zu der Hoffnung, diese 
so vorzügliche Erfindung werde sich auch weiteren Anforderungen 
anpassen lassen. Es bliebe nur das Problem zu lösen, eine Leitung 
in möglichst kurzer Zeit herstellen zu können, und zwar durch die 
Truppen selbst. Feiner aber eine ausreichende Anzahl von Leuten 
zu haben, welche den Telegraphendienst verstehen. 

Ist nun der Ausspruch wahr, dass in unserer Zeit der Technik 
Nichts mehr unmöglich ist, so wird sie auch den ersten Theil der 
Aufgabe erfüllen können, die Ausführung des anderen würden wir 
aber ohne Bedenken den Unteroffizieren übertragen. 

Wir hören die Erwiderung, dass die Unteroffiziere schon genug 
zu erlernen hätten, man brauche ihnen nicht noch mehr zuzumuthen. 
Dennoch ist die Zumuthung nicht so schlimm, da ein groszer Theil 
der Unteroffiziere in ihrer späteren Stellung, wie bei Eisenbahnen, 
bei der Post und der Telegraphie sich diese Kenntniss doch erwerben 
müssen. Nebenbei gesagt, hat die Unteroffizierzeitung durch ihre 
populair gehaltenen Aufsätze Über die Telegraphie, weiche faftt von 
allen Unteroffizieren mit groszem Interesse gelesen worden sind, 
unserem Vorschlage vorgearbeitet. 



jT 

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• . 1 



86 E>ie Einführung von Telegraphen bei der Infanterie 

Es wird auch eingewendet werden, dass Meldungen durch Leute 
tiberbracht, den telegraphischen vorzuziehen seien. Es giebt in 
der Armee ja immer noch solche Leute, die da sagen, die Haupt- 
sache bei einer Meldung sei eine stramme militärische Haltung und 
wir meinen: „Es muss auch solche Leute geben!" 

Es könnte ferner gegen den vorliegenden Vorschlag angeführt 
werden, die Feldtelegraphen- Abtheilung habe bei den verschiedensten 
Gelegenheiten ihre Schuldigkeit gethan, wir brauchten deshalb keine 
weitere Ausbreitung dieser Branche. Die Thätigkeit dieser Truppe 
kommt indessen erst bei längerem Stillstande zur Geltung, die Her- 
stellung der Telegraphen bei den Vorposten und zwar die sofortige 
könnte aber nur von den Truppen selbst ausgeführt werden. Ausser- 
dem wird aber eine telegraphische Verbindung der Beobacbtungs- 
linie mit den dahinter liegenden Stabsquartieren gerade in der ersten 
Zeit, kurz nach beendigter Action, z. B. gleich nach Einschlieszung 
eines Ortes, von gröszter Wichtigkeit sein, und würde eine solche 
Einrichtung von einer Telegraphen -Abtheilung vielleicht erst am 
nächsten Tage vorgenommen werden können*). Durch eine Ver- 
mehrung dieser technischen Truppe würden der Armee aber un- 
nöthiger Weise Streiter entzogen. 

Würde die Aufstellung der transportabelen Apparate und die 
Herstellung der Leitung nun durch die Truppen selbst ausgeführt 
und damit gleich beim Aussetzen der Feldwachen begonnen, so 
könnten schon die nächsten Meldungen dem Vorposten-Commandeur 
telegraphisch zugehen. Es würde dann eine von dem Commandeur 
der Feldwache aufgegebene Meldung fast zu derselben Zeit, die bis 
jetzt nothwendig war, sie niederzuschreiben (eventuell wenn sie von 
Wichtigkeit ist), bis zum Commandeur der Avantgarde gelangen**). 
Auszerdem aber könnten Unklarheiten durch Rück- 
fragen in wenigen Secunden aufgeklärt werden, und 
hätte man stets Gewissheit, dass die Meldung an Ort 



*) Es darf indessen hierbei nicht unerwähnt bleiben, wie Bedeutendes in 
dieser Beziehung schon im letzten Feldzuge die Feldtelegraphen-Abtheilung 
leistete. Am Nachmittage desselben Tages, an welchem die Deutschen Armeen 
die Einschlieszung von Paris bewirkt hatten, reichte auch die telegraphiscbe 
Verbindung herum; — wo die Hauptquartiere täglich standen, war sofort die 
Verbindung durch die Feldtelegraphen-Abtheilung hergestellt. 

**) Von competenter Seite ist hierzu bemerkt worden: „Die Meldungen 
müssen vor dem Telegraphiren jedenfalls niedergeschrieben werden, es müsste 
denn der meldende Offizier selbst telegraphiren, sonst ist man vor 
Irrthümern und Missverständnissen nicht Bicher". 



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und ihr Gebrauch bei den Vorposten im Felde. 87 

und Stelle eingetroffen ist. Dies sind gewiss nicht zu unter- 
schätzende Vortheile. 

III. Anforderungen an einen Feldtelegraphen für den un- 
mittelbaren Gebrauch der Truppen. 

Die bei einem solchen Telegraphen besonders zu berücksichti- 
genden Theile sind: 

a) der eigentliche Zeichen gebende Apparat; 

b) die anzuwendenden Elemente, und 

c) die Leitung des galvanischen Stromes. 

Vor Allem müsste ein solcher Telegraph sich leicht und schnell 
einrichten und wieder abbrechen lassen. Die einzelnen Theile 
müssten einfach und dauerhaft construirt und von so geringem Ge- 
wichte sein, dass sie leicht transportirt werden konnten. Bei dem 
ad a) genannten Apparate ist eine möglichst geringe räumliche Aus- 
dehnung und zugleich handliche Vereinigung seiner einzelnen Theile 
nothwendig. 

Mit Rücksicht hierauf dürfte sich von allen gebräuchlichen 
Systemen das von Morse aufgestellte für den angeregten Gebrauch 
am meisten empfehlen. Hierfür sprechen folgende Eigenschaften: 

1) Nimmt der Schreibapparat einen sehr kleinen Raum ein. 

2) Besitzt er in seiner Construction die gröszte Dauerhaftigkeit, 
da man den dem Gebrauche ausgesetzten Theil (den Schlüssel oder 
Taster) sehr massiv herstellen kann, ohne der leichten Handhabung 
zu schaden. 

3) Ist dieses System bei uns in Deutschland am meisten ver- 
breitet, deshalb vielfach bekannt und auch leicht zu erlernen. 

4) Lässt sich mit dem Schreiber ein Wecker (Signalglocke,) ver- 
einigen. 

5) Verbleibt der Papierstreifen mit der darauf abgedruckten 
Depesche oder Meldung gleich als Belag. Sie braucht also nicht 
erst niedergeschrieben zu werden und sind Versehen deshalb weniger 
möglich. 

6) Kann mit diesem Apparate selbst im Dunkeln gemeldet wer- 
den, wenn man nur den Knopf des Schlüssels finden kann. 

Nach Angabe von Technikern lässt sich ein solcher Apparat 
mit Relais und Umschalter so klein und doch . zugleich vollständig 
brauchbar herstellen, dass Alles in einem Tornister Platz findet und 
man noch Raum für die hierzu nothwendige electrische Batterie 
behält. 

Wollte man einen Stiftschreiber mit oscillirendem Magnete nach 



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88 Die Einführung von Telegraphen bei der Infanterie 

Construction von Simens und Halske anwenden, so würde ein Relais 
auszerdem vollkommen tiberflüssig sein. Ob es statt der Stiftschreiber 
practi8cher sein würde Farbschreiber anzuwenden, lassen wir in 
Frage gestellt*). 

Bei weitem schwieriger würde die Wahl der anzuwendenden 
Elemente sein. Wie wir annehmen zu dürfen glauben, ist diese Frage 
augenblicklich in Frankreich und Belgien Gegenstand verschiedener 
neuerer Vorschläge und Versuche. 

Die definitive Feststellung einer bestimmten Art zur Einführung 
bei der Feldtelegraphie müsste practischen Versuchen vorbehalten 
bleiben, wir beschränken uns nur darauf, einige in neuester Zeit be- 
sonders empfohlene Arten galvanischer Ketten zur Auswahl in Vor- 
schlag zu bringen. 

Mau würde von ihnen fordern müssen, dass sie nicht zu schwer 
sind und sich, ohne in Unordnung zu gerathen, transportiren lassen. 
Der Strom müsste, wenn nicht constant, doch genügend stark sein, 
um den Anforderungen auch bei anhaltendem Gebrauche zu genügen. 
Endlich müssten die Elemente so zusammengestellt sein, dass ein 
möglichst laugsamer Verbrauch stattfände, da eine öftere Erneuerung 
häufig Schwierigkeiten haben würde. * 

Diesen Anforderungen scheinen aber folgende Systeme am 
ehesten zu genügen: 

1) Das Zink-Kohlen-Element nach Leclanche\ 

Bei dieser Einrichtung hat man, wenn auch keine constante, so 
doch eine sehr lange vorhaltende Kraft, ohne dass ein Ersatz eines 
oder des anderen Theiles nothwendig wäre. Dies System wird fast 
allgemein bei Haus- und selbst bei Stadt-Telegraphenleitungen an- 
gewendet. Statt der Füllung einer Salmiakauflösung in Wasser 
könnte man diesen Stoff in nassem Sande anwenden und dies Element 
dadurch noch transportabler machen. Die Verbesserung dieses Systems 
durch Fein**) würde seiner Zerbrechlichkeit halber für den Feld- 
gebrauch kaum zu empfehlen sein. 

2) Das Zink-Chlorsilber-Element nach Pincus. 
Dies System wird aus mancherlei Gründen der Feldtelegraphie 

ganz besonders empfohlen***). Da die einzelnen Elemente sich in 
Reagenzgläschen von acht Zoll Höhe und drei Viertel Zoll Weite 



*) Das Relais ist auch bei den jetzigen Normalfarbschreibern, welche bei 
den Feldtelegraphen-Abtheilungen eingeführt sind, nicht vorhanden. 
**) Jahrbuch der Erfindungen, IX. Jahrgang, Seite 119. 
***) Jahrbuch der Erfindungen von Hirzel und Gretschel, V. Jahrgang. 



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und ihr Gebrauch bei den Vorposten im Felde. 89 

befinden, nimmt diese Batterie einen sehr geringen Kaum ein. Auch 
ist sie leicht und, ohne in Unordnung zu gerathen, zu transportiren. 
Es ist eine solche vollkommen gefüllte Batterie zur Probe von Mün- 
chen nach Stuttgart und von dort nach £ms geschickt worden, ohne 
dass sie Schaden genommen hätte. Die Wirkung ist so stark, dass 
man mit vier Elementen mit einem Mörse-Apparat zwölf Meilen weit 
ohne Relais telegraphiren konnte. Es dürfte sich nun fragen, wie 
lange bei diesem Systeme (nach Reduction des Chlorsilbers) die 
Strömung in der erforderlichen Stärke dauern würde. 

3) Das Zink-Kupfer-Element nach Ney*). 

Dies in Frankreich der Feldtele<zraphie zu Versuchen über- 
wiesene Element soll sich durch geringe Herstellungskosten, Ein- 
fachheit der Anordnung und vollständige Freiheit von störenden Ein- 
flüssen auszeichnen, auch bequem und, ohne in Unordnung zu ge- 
rathen, transportabel sein. Auch hierbei kann man statt der Salmiak- 
Jösung auch Sand verwenden, der mit solcher Lösung benetzt ist. 
Dies Element hat grosze Aehnlichkeit mit dem unter 1) angeführten 
von Leclanche. 

4) Empfiehlt der Belgische Genie-Capitain van den Bogaert in 
seiner Schrift: „Telegraphie electrique de Campagne" das System 
von Devos als besonders für militairische Zwecke geeignet. 

Wir glauben uns hier mit kurzer Angabe der Vorzüge der ein- 
zelnen Systeme begnügen zu müssen, ohne auf genaue Auseinander- 
setzung einzugehen. Sachkundige werden die Zusammensetzung der 
einzelnen Ketten kennen, für die anderen Leser dürfte es zu wenig 
Interesse haben. Bei allen Elementen würde sich die gewöhnlich 
gebräuchliche Einschlieszung der einzelnen Elemente in Gläser der 
Zerbrechlichkeit halber wenig empfehlen ; Behälter aus Hartgummi, 
wie sie z. B. Marie Davy anwendet, würden dem Feldgebrauche mehr 
entsprechen**). 

Endlich würde die Hauptschwierigkeit der ganzen Einrichtung, 
eine Leitung, welche in der gröszten Geschwindigkeit 



*) Jahrbuch der Erfindungen von Hirzel und Gretschel, V. Jahrgang. 
**) Wir erlauben uns hier gleich ein von competenter Seite gefälltes Ur- 
theil folgen zu lassen: Nach jahrelangen Versuchen und Erfahrungen, sowie 
gründlichen Erörterungen ist für unsere Feldtelegraphie das Marid Davy'sche 
Element als das zweckentsprechende erkannt worden, und wird auch beibehalten, 
obgleich in der Detail Construction der Bacher und der Batterien einige Ver- 
änderungen nützlich erachtet und eingefühlt worden sind. 

Die Elemente von Devos haben eine Scheidewand (von Glas) und bedingen 
zwei verschiedene Flüssigkeiten, auch häufige Revision der Wirkung! 



i 

1 



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90 Die Einführung von Telegraphen bei der Infanterie 

herzustellen wäre, ins Auge zu fassen sein. Dieselbe mttsste 
aber dennoch eine möglichst sichere Stromleitung gewähren. 

Da die Anwendung einer Erdleitung, wie dies bei allen fest- 
stehenden Telegraphenleitungen geschieht, oft grosze Schwierigkeiten 
hat und jedenfalls unnöthige Zeit in Anspruch nehmen würde, wird 
man wohl hiervon absehen müssen. 

Eine doppelte Drahtleitung stellt die Stromverbindung unbedingt 
sicherer und schneller her und würde, wenn man beide Drähte in 
ein Kabel vereinigte, die Herstellung der Leitung selbst durchaus 
nicht erschweren. 

Würden nun zwei l f t — 1 Mm. starke Kupferdrähte, nachdem 
jeder für sich gut isolirt worden ist, fest zusammengedreht und zur 
besseren Haltbarkeit auszerdem mit Hanf tibersponnen, so erhielte 
man ein etwa 3 — 5 Mm. dickes Kabel, welches man schnell auf- 
und abwickeln könnte. Dasselbe könnte man eventuell noch durch 
einen Firnis- oder Wachsüberzug gegen Nässe schützen und es dann 
bei Einrichtung der Leitung einfach auf dem Boden niederlegen. 
Das Legen und Herstellen dieser Leitung würde kaum mehr Zeit 
nothwendig machen, als der Träger braucht, um den Weg zurück- 
zulegen. Beim Ueberschreiten von Fahrwegen würde es gentigen, 
wenn die Leitung etwa einen halben Fusz tief eingegraben würde , 
bei Chausseen könnte man entweder Wasserdurchlässe benutzen, 
oder die Leitung Uber Reiterhöhe an den Bäumen befestigen. In 
ähnlicher Weise würde man sie durch Ortschaften führen können. 
Ob, und wie oft diese Art im Stande sein würde eine sichere Leitung 
herzustellen, mttsste practischen Versuchen vorbehalten bleiben, da 
selbst Sachverständige hierin verschiedener Ansicht sind. Von diesem 
Kabel würden 1000 Meter etwa 30—60 Pfund wiegen, ein Mann 
würde also eventuell bis 1500 Meter tragen können ; das Gewicht 
des etwa nothwendigen Handwerkszeuges, wie Feile, Zange, und 
kleine Bohrer zum Befestigen der Leitung an Bäumen, brauchte 
nicht hoch veranschlagt zu werden. 

IV. Die praktische Ausführung der nothwendigen Arbeiten 
zur Einrichtung des Telegraphen. 

Geht man von der Annahme aus, jedes mobile Infanterie-Ba- 
taillon sei mit einem Mörse-Apparate und mit circa 1000 Meter Lei- 
tung ausgerüstet und eine Anzahl Unteroffiziere (vielleicht drei per 
Compagnie) mit dem Gebrauche und den Herstellungsarbeiten schon 
im Frieden vollkommen vertraut gemacht worden, so würde aus- 
reichendes Material zur Einrichtung eines telegraphischen Melde- 



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und ihr Gebrauch bei den Vorposten im Felde. 



91 



Apparats vorbanden sein. Eine Division würde zwölf Stationen und 
selbst mit Verzweigungen (z. B. Verbindung der einzelnen Feld- 
wachen) bis auf eine Meile nach rückwärts Leitungen haben können. 
Das Material würde auf Märschen auf dem Munitions- oder einem 
der anderen Wagen untergebracht, mtisste aber so eingerichtet sein, 
dass es erforderlichen Falls zwei Leute zu tragen im Stande wären. 
Bei der Avantgarde würde dann die nöthige Anzahl von Apparaten 
vereinigt, um eventuell nach Anordnung des Vorposten -Commandeurs 
sofort eine telegraphische Verbindung herstellen zu können. Die 
Einrichtung selbst würde durch einen berittenen Offizier (einen der 
Adjutanten), dem ein Techniker beigegeben werden könnte, tiber- 
wacht und geleitet. Die Apparate und die Leitung mtissten so be- 
schaffen sein, dass etwaige Schäden und Zerstörungen durch den 
Techniker sofort beseitigt werden könnten. 

Beginnt das Aussetzen der Vorposten, so begeben sich sofort die 
einzelnen Unteroffiziere mit ihren Apparaten und der dazu gehörigen 
Leitung zu den einzelnen Abtheilungen (den Feldwachen, Pikets und 
dem Gros der Vorposten). Sobald die Plätze derselben bestimmt 
sind, legt der Unteroffizier den Tornister mit dem Apparate 
siehe Fig. 1, 2 und 3) nieder und legt nach rückwärts gehend die 
Leitung. Um die Enden des Leitungsdrahtes unterscheiden zu 
können, sind diese, sowie die entsprechenden Klemmschrauben am 
Apparate, durch verschiedene Farben bezeichnet, so dass beim Be- 
festigen z. B. nur Roth an Roth und Blau an Blau angelegt zu 
werden brauchte. Man könnte auch für die Herstellung im Dunkeln 
fühlbare Unterschiede anbringen. 

Sobald die Enden an zwei Apparaten befestigt sind, kann sofort 
das Telegraphiren beginnen. Nimmt man nun an, dass das Gros 
oder ein Piket 1000 Meter von den Feldwachen entfernt ist, so 
könnte die Verbindung mit denselben, wenn das Terrain nicht zu 
grosze Schwierigkeiten bietet, in V« bis s / 4 Stunden hergestellt sein; 
die Verbindung bis zum Commandern- der Avantgarde dürfte sich 
aber wohl in 1 bis 1V 2 Stunden herstellen lassen. 

Ob es practischer sein würde, das Leitungskabel in kürzeren 
Stücken als zu 1000 Meter Länge mitzuftthren, möge einer näheren 
Erwägung Uberlassen bleiben, nur dürfte es rathsam sein, möglichst 
wenig Unterbrechungen der Leitung anzubringen, weil hierdurch bei 
unvorsichtigem Zusammenfügen leicht Störungen eintreten könnten. 

Für Observations-Posten lieszen sich in die Leitungs-Batterie 
der nächsten Feldwache sogar so kleine Apparate einschalten, dass 
ein Unteroffizier sie nach Art der Patrontaschen vorn am Leibgurt 



• 



92 Die Einführung von Telegraphen bei der Infanterie 

tragen könnte*). Die bequeme Handhabung eines solchen Apparats 
bei der groszeu Beweglichkeit des Beobachters dürfte dieselben dem 
Feldgebrauche sehr empfehleu. 

V. Der Gebrauch des Telegraphen. 

Der durch Fig. 1, 2 und 3 dargestellte Tornister mit dem 
Schreibapparate mtisste an geeigneter, möglichst verdeckter und ge- 
schützter Stelle niedergelegt sein, der ihn bedienende Unteroffizier 
sich stets in seiner Nähe aufhalten, um, sobald durch die Signal- 
glocke eine Meldung angekündigt wird, bei der Hand zu sein und 
sie anzunehmen. Für gewöhnlich' brauchte der Tornister, um den 
Apparat nicht unnöthiger Weise der Witterung auszusetzen, nicht 
geöffnet zu sein, wenigstens müsste die obere Klappe (bei Fig. 3), 
an welcher sich die Signalglocke befindet, aufliegen. Sobald nun 
eine Depesche angekündigt wird, würde an der ganzen dahinter- 
liegenden Linie der am Anker befestigte Klöppel bei jeder Be- 
wegung desselben an die Glocke schlagen. Sobald der Unter- 
offizier dies hört, klappt er den Deckel hoch und hebt dadurch 
die Glocke ab, und giebt das Zeichen „verstanden" zurück. Sobald 
dies geschehen, erwartet er das Beginnen der Meldung und lässt sie 
ablaufen. 

Zum besseren Verständnisse ist in Fig. 4 die Verbindung der 
einzelnen Theile einer Vorposten-Aufstellung dargestellt. 

Bei dieser Figur bezeichnet 0 einen Observationsposten, F I u. 8. w. 
die Feldwachen der Nummer nach, P die Pikets, G das Gros der 
Vorposten und A den Commandeur der Avantgarde. 

Will nun z. B. der Observationsposten dem Vorpostencomman- 
deure direct eine Meldung machen, so giebt er so oft (mit kurzer 
Unterbrechung) das Zeichen für G, bis der dort stationirte Unter- 
offizier mit „verstanden" antwortet. Zugleich schlieszt dieser die 
nach A führende Leitung vermittelst des Umschalters. Die Stationen 
F II und P I lassen die Depesche ruhig durchgehen. Damit A gleich 
weisz, woher die Meldung kommt, würde dieselbe mit M .... 0 ... . 
(Meldung vom Observationsposten) beginnen. 

Wollte Feldwache I und II sprechen, so würde dies über P I 
gehen müssen, wollte I mit IV sich über irgend Etwas verständigen, 
so würde dies über G geschehen können. 

Abkürzungen wie Fd. für Feind, Flg. für Flügel, r. Flk. für 



*) Die Herstellung eines solchen Apparats ist nach Angabe eines Tech- 
nikers durchaus nicht schwierig. Fig. la. 



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und ihr Gebrauch bei den Vorposten im Felde. 93 

rechte Flanke u. s. w. würden die Geschwindigkeit des Meldens noch 
erhöhen. Der schnelle nnd sichere Gebrauch des sogenannten Um- 
schalters wäre hierbei das Einzige, welches einige Aufmerksamkeit 
erfordern würde. Geübte Unteroffiziere würden die eingehenden De- 
peschen aber schon nach dem Gehöre wiedergeben können. Wäre 
die Depesche abgelaufen, so würde der Papierstreifen abgerissen 
und nach Vermerk der Zeit des Eintreffens in dem im Tornister be- 
findlichen Kasten aufbewahrt oder, von dem betreffenden Commandeur 
in Verwahr genommen. 

VI. Schlussbemerkung. 

Da nach dem Gutachten des Technikers einer groszeren Tele- 
graphen-Bauanstalt der Ausführung der vorstehend gemachten Vor- 
schläge technisch keine Schwierigkeiten, oder wenigstens Unmöglich- 
keiten entgegenstehen, dürfte ihre Annahme wohl nur durch folgende 
Erwägungen bedingt werden: 

1) Hat der letzte Feldzug gezeigt, dass unsere jetzt gebräuch- 
liche Art der Meldungen bei den Vorposten vollkommen aus- 

» 

reichend ist? 

2) Werden die mit der Anschaffung der Apparate und der Lei- 
tung verbundenen Kosten durch die zu erwartenden Vortheile auf- 
gewogen? 

3) Schreiten die anderen Armeen in dieser Richtung fort und 
wird dadurch nicht auch für uns eine Erweiterung der Feldtelegraphie 
nothwendig? 

4) Würde sich in dem letzteren Falle eine Vermehrung der 
Feld telegraphen- Abtheilung oder die Einführung der Telegraphen bei 
den Truppen, wie die Vorschläge es beabsichtigen, mehr empfehlen? 

Die weitere Erörterung und Erwägung dieser Fragen möchten 
wir allen denen, welche sich für die fortschreitende Entwickelung 
unserer Taktik interessiren, angelegentlich empfehlen. Denn wenn 
dieselbe auch nicht direct durch die Vorschläge berührt wird, so 
wird doch indirect auch die Vorposten-Aufstellung durch taktische 
Rücksichtnahmen auf die erweiterte Feuerwirkung sehr wesentlich 
beeinflusst werden*). 

*) Wennwohl wir nicht verhehlen wollen, dass wir die in vorstehendem 
Aufsatze niedergelegten Ansiebten und Vorschläge nicht vollständig zu den 
unsrigen machen, so übergeben wir doch gerne die vieles Beachtenswerthe ent- 
haltende Studie der Öffentlichkeit in der Hoffnung, dass sie zur Klärung der 
Ansichten und zu weiteren Studien in dieser Richtung beitragen wird. D. Bed. 



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94 Umschau in der Militair-Literatur. 



Umschau in der Militair-Literatur. 

Geschichte des Rheinischen Cflrassier-Regiments Nr. 8 von 
A. yon Wellmann, Lieutenant im Rheinischen Cttrassier- 
Regiment. Mit einem Portrait und einer Tafel. Berlin 1874. 
Ernst Siegfried Mittler und Sohn. 

Das kleine Büchlein, Verfasser nennt dasselbe eine „Studie", 
bemüht sich, in gedrängter Weise mit wenigen Worten die wesent- 
lichsten Momente, welche das Rheinische Cürassier- Regiment seit 
seinem 59jährigen Bestehen durchlebt hat, zu skizziren, ohne dabei 
auf Details irgendwie einzugehen. Die „Studie" dürfte auf diese 
Weise mehr den Charakter einer Stammliste als den einer Regiments- 
geschichte erhalten haben. Die Angehörigen des Regiments werden 
über die Geschichte des Regiments in diesem Büchlein schwarz auf 
weisz die einzelnen wichtigen, ihnen bereits bekannten Daten finden, 
und dadurch der Mühe überhoben sein, ihr Gedächtniss mit Zahlen etc. 
zu belasten; der gegebene Rahmen über die Erlebnisse der Jahre 
1866, 70 und 71 wird Jedem, welcher die beiden Feldzüge mit- 
gemacht hat, gestatten, die Thaten des Regiments, das Auftreten 
einzelner Persönlichkeiten und das Selbsterlebte von seinem Stand- 
punkte aus sich weiter auszumalen. Erhebende Thaten Einzelner 
zu registriren und für künftige Geschlechter zu erhalten, beabsichtigt 
das Büchlein nicht; den Reitergeist zu nähren und zu fördern, hat 
es sich wohl auch nicht zur Aufgabe gestellt. Der Geschichtsforscher 
wird in demselben einzelne werth volle Angaben über die beiden 
letzten Feldztige finden; für die Geschichte der Fahnen und Stan- 
darten der Preuszischen Armee ist reichliches Material in einem 
besonderen, den geschichtlichen Momenten der Standarte des Re- 
giments gewidmeten Capitel enthalten. 

Ob die in dem Werke befindlichen Verlustlisten und das Alpha- 
betische Register der Offiziere etc. immer genau nach den Acten 
des Regiments zusammengestellt ist, wie man dies doch eigentlich 
voraussetzen muss, kann bezweifelt werden. Wir finden z. B* auf 
Seite 29 angegeben, dass das Regiment am 4. Januar 1871, in dem 
Gefechte bei Sapignier 9 Mann an Todten verlor, während die 



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Umschau in der Militair-Literatur. 95 

namentliche Verlastliste auf Seite 32 nachweist , dass an diesem 
Tage 13 Mann den Heltentod starben. Neben anderen, uns zu- 
fälliger Weise bekannten Ungenauigkeiten, welche die Quartierliste 
des Regiments gewiss nicht enthält, finden wir in dem oben er- 
wähnten Alphabetischen Register unter Nr. 62, dass ein Oberst- 
Lieutenant Commandeur einer Cavallerie-Brigade u. s. w. Es wird 
sich gewiss noch vielfach Gelegenheit bieten, dem Verfasser über 
etwaige Irrthtimer oder Lücken des kleinen Büchleins, wenn er dies 
wünscht, Mittheilung zu machen. 



TheUnahme des Thüringischen Infanterie-Regiments Nr. 31 
am Feldzuge 1870—71. Von Max Gottschalk, Hauptmann 
und Compagnie-Chef im Hohenzollern'schen Füsilier-Regiment 
Nr. 40, früher ä la suite des 1. Thüringischen Infanterie- 
Regiments Nr. 31 und Lehrer an der Kriegsschule zu Engers. 
Mit einem Plane des Schlachtfeldes von Beaumont und des 
Rayons der 8. Infanterie - Division im Norden von Paris und 
einem Croquis von Epinay. Berlin 1874. E. S. Mittler 
und Sohn. 

Vorstehendes Buch wurde uns mit dem Bemerken übersendet, 
dass dasselbe nicht im Buchhandel erscheinen wird. Wir bedauern 
diesen Umstand sehr, denn das Werk ist nicht nur ein werthvoller 
Beitrag zur Geschichte des Deutsch Französischen Krieges, sondern 
würde auch eine schätzenswerthe Grundlage für tactische Studien 
bilden. Dem 31. Regimente war es vergönnt, in hervorragender 
Weise an der Schlacht bei Beaumont Theil zu nehmen. In ein- 
gehender objectiver und lehrreicher Weise findet sich diese Thätig- 
keit in dem vorliegenden Buche geschildert und scheint uns diese 
Darstellung ganz besonders dazu angethan zu sein, für die ange- 
wendeten Formen und Grundsätze der Elementar- Taktik in dieser 
Periode des Deutsch - Französischen Krieges einen festen Anhalt zu 
bieten. Da sich der Verfasser nicht darauf beschränkt, das Auftreten 
seines Regiments in besagter Schlacht wiederzugeben, sondern — 
wenn auch nur in groszen Zügen — den Gesamrat - Verlauf des 
Kampfes, so gewinnt der Leser ein klares Bild über diese in vieler 
Beziehung interessante Schlacht. Die übrigen Erlebnisse des 31. 
Regiments können selbstredend nicht das allgemeine Interesse derartig 
in Anspruch nehmen, wie die Schlacht bei Beaumont, denn das 



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96 



Umschau in der Militair-Literatur. 



Regiment hat nicht mehr Gelegenheit gehabt, durch besondere Einzel- 
bandlangen — vielleicht das Ausfallgefecht von Epinay ausgenommen 
— aus dem allgemeinen Rahmen der Begebenheiten herauszutreten. 
Für die Mitglieder des Regiments hat der Verfasser aber alles aus 
dieser Zeit Bemerkenswerthe kurz und klar verzeichnet. Der etwas 
trockene Charakter des Tagebuchartigen hätte vielleicht dadurch 
eine belebende Würze erhalten können, wenn Anekdoten, originelle 
Handlungen oder Aussprüche einzelner Offiziere und Soldaten hier 
und da eingefügt worden wären. Eine Regimentsgeschichte ist eine 
Familiengeschichte ; die einzelnen Personen müssen in einer solchen 
Geschichte der Darstellung Charakter und Relief geben. Die Hand- 
lungen, das Auftreten Einzelner sind gerade die Punkte, bei denen 
Jeder der Familie gerne verweilt und Beispiele sucht, sie sind der 
Anker, an welchem Tradition und Selbstgefühl einen festen Halt 
finden. Die höher stehenden Mitglieder eines Regiments bedürfen 
allerdings solcher Hülfsmittel nicht, um sich als eine Familie zu 
fühlen, aber dem anderen Theile dieser Familie, der Menge, prägen 
sich solche Momente leicht ein, und die Menge will auch heut zu 
Tage noch „panem et — circen«cs 1 '. Mit dem Wunsche, dass es sowohl 
dem Geschichtsschreiber, als auch dem der applicatorischen Lehr- 
methode huldigenden Taktiker ermöglicht wird, das in dem Werke 
des Hauptmanns Gottschalk niedergelegte Material zu benutzen, 
schlieszen wir die kurze Besprechung des werthvollen Buches. 



Der Soldatenhandel Beutscher Fürsten nach Amerika. 

Ein Beitrag zur Culturgeschichte des achtzehnten Jahrhunderts 
von Friedrich Kapp. Zweite, vermehrte und verbesserte 
Auflage. Berlin 1874. Verlag von Julius Springer. 

Dies Buch, dessen erste Auflage im Jahre 1864 erschien, hat, 
wie auch sein Titel besagt, vor Allem einen allgemein cultur- 
geschichtlichen Charakter und Werth. Seit dem ersten Erscheinen 
des Werkes sind 10 Jahre Deutscher Geschichte verflossen, so reich 
an Handlungen, so voll groszartiger Begebenheiten, dass wohl kaum 
ein zweites diesem gleiches Blatt Deutscher Geschichte zu finden 
sein dürfte. Die Verhältnisse haben sich seit diesen 10 Jahren so 
wesentlich verändert, dass in politischer Beziehung Manches, was zu 
jener Zeit noch eine gewisse Berechtigung hatte, heut zu Tage ganz 
hinfällig geworden ist. So dürfte auch der eigentliche ursprüngliche 



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Umschau in der Militair-Literatur. 



97 



Zweck dieses Buches etwas bei Seite geschoben sein; was es er- 
streben, wozu es anregen wollte, ist herrlichst erfüllt. Aber trotz- 
dem bleibt dies Buch heutigen Tages für den Militair nach mancher 
Seite hin noch ein sehr belehrendes. Es zeigt uns in grellen Farben 
die traurigen militairischen und politischen Verhältnisse Deutschlands 
zu Ende des 18. Jahrhunderts, unter denen allerdings namentlich 
der in Anlage 23 wiedergegebene Brief Friedrich's des Groszen an 
den Markgrafen Karl Alexander von Brandenburg - Bayreuth als 
glänzendes Meteor erscheint. Es zeigt uns die Söldnerheere, die 
angeworbenen Truppen in einem solchen Lichte, dass wir Jedem, 
der heut zu Tage noch an dem groszen moralischen Werthe der 
allgemeinen Wehrpflicht zweifeln sollte, ein genaues Studium der 
geschilderten Verhältnisse empfehlen möchten. Es zeigt uns ferner, 
wohin eine Politik, die sich Gelderwerb zum Princip macht, führt. 
England glaubte schon damals mit seinen leicht erworbenen pecu- 
niären Mitteln Menschenleben erkaufen zu können, die ihm seinen 
Besitz vertheidigten ; schon damals gelang es ihm nicht vollständig, 
wenn wohl einzelne Deutsche Fürsten zur Ermöglichung solcher 
Handlungsweise das Ihrige thaten. England hat seine Politik 
seitdem nicht wesentlich geändert, Deutschland ist aber seit- 
dem ein ganz anderes geworden. Was ist England jetzt, was 
Deutschland ? 

Wenn wir zur Charakterisirung der so überaus traurigen Ver- 
hältnisse, in denen aber doch auch mancher brave und edle Deutsche 
Kriegsheld im fernen Westen durch Deutsche Treue und Tüchtigkeit 
glänzend hervorragt, auf Seite 13 aus einer Preuszischen Militair- 
Instruction vom Jahre 1805 mehrere Stellen angezogen finden, 
z. B. wo es heiszt: „Der Unteroffizier muss auszer einem guten 
Seitengewehre auf dem Transporte stets ein Terzerol bei sich 
führen; er muss den Rekruten nie hinter, sondern immer vor sich 
gehen , ihn nie auf den Leib lassen , und ihn bedeuten , dass der 
erste falsche Tritt, den er thut, ihm das Leben koste/' so möchten 
wir dagegen bemerken, dass solche Maaszregeln ganz dem Charakter 
der damaligen Zeit angepasst und unbedingt nothwendig waren. 
Friedrich der Grosze selbst, dem gewiss seine Soldaten eine groszc 
Anhänglichkeit entgegentrugen, und der die Preuszischen Soldaten 
ausdrücklich besser behandelt wissen wollte, als die der übrigen 
Machte, selbst dieser musste seine Lager mit einem Kreise von 
Posten umgeben, welche die Kugel im Laufe hatten, nicht des 
Feindes, sondern der Ausreiszer wegen, üebrigens finden wir auch 

Jahrbücher f. d. Deutsche Armee u. Marino. Band XIII. 7 



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98 Umschau in der Militair-Literatur. 

heut zu Tage noch mehrfach solche Maaszregeln als zweckentspre- 
chend angewendet oder empfohlen. Gambetta liesz bekanntlich seinen 
Volksheeren Bewaffnete mit der Instruction folgen, Alle die nieder- 
zuschieszen, die nicht weiter vorwärts wollten; auch in einer vor 
Kurzem erschienenen taktischen Schrift finden wir den Vorschlag, 
den Feldwebel mit einem Revolver hinter der Compagnie hergehen 
zu lassen, um den zweifelhaften Gemüthern zu beweisen, dass das 
Durchgehen „nach rückwärts" noch gefährlicher sei, als das „nach 
vorwärts". 

Trotzdem, dass die socialen, politischen und militairischen Ver- 
hältnisse Europa'» vollständig anders geworden sind, als zu jenen 
Zeiten, von denen dies Buch handelt, so bleibt dasselbe doch stets 
ein höchst interessanter und gewissenhaft zusammengestellter Beitrag 
zur Geschichte der Deutschen Militair - Verhältnisse zu Ende des 
vorigen Jahrhunderts und glauben wir es nach dieser Richtung hin 
angelegentlich recht empfehlen zu dürfen. 



Anleitung zum Stadium der Kriegsgeschichte von J. y. H. 
Fortgesetzt von Th. Frhrn. v. Troschke, Königl. Preuszi- 
scher Generallieutenant z. Disp. Zweite, wesentlich vermehrte 
und verbesserte Auflage. Dritter Theil. Vierte Lieferung. (Des 
ganzen Werkes zwölfte Lieferung.) Darmstadt und Leipzig. 
Eduard Zernin, 1874. 

Die vorliegende, sieben Druckbogen starke 12. Lieferung der 
Anleitung zum Studium der Kriegsgeschichte bringt die Fortsetzung 
und den Schluss der bereits in der 11. Lieferung begonnenen 
allgemeinen Darstellung der Belagerung von Sewastopol. Dann ent- 
hält es den Anfang der Darstellung der Schlacht bei Magenta. Da 
das Werk des Oesterreichischen Generalstabes über den Krieg in 
Italien 1859 noch nicht bis zur Schlacht von Solferino gelangt ist, 
so ist, entgegen „der ursprünglich auf Solferino gerichteten Absicht", 
die Darstellung der Schlacht von Magenta als Beispiel gewählt 
worden. 

Was den ersten Gegenstand anbelangt, so ist der Verfasser auch 
hier in der glücklichen Lage gewesen, mehrere neu erschienene Werke 
Uber den Krim-Krieg, namentlich aber das berühmte, erst 1873 voll- 
ständig der Oeffentlichkeit übergebene Todleben'sche Werk zu 



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Umschau in der Militair-Literatur. 99 



benützen. Wenn auch nur in allgemeinen Zügen der Verlauf der 
Belagerung in 10 Abschnitten dargestellt ist, so bietet das Gebrachte 
doch die Möglichkeit, über die Eigentümlichkeiten der einzelnen 
Haupt-Handlungen klar zu werden. Bei den einzelnen Schilderungen 
finden wir hier und da allgemeine Betrachtungen und Nutzanwen- 
dungen eingeflochten. So heiszt es z. B. nach der Schilderung der 
bekannten Cavallerie- Attaque des Earl of Cardigan: „Es giebt dies 
vielbesprochene Ereigniss den Überzeugenden Beweis, wie wenig 
das Hin- und Herwogen eines Cavalleriegefechtes geeignet ist, durch 
absolut bindende schriftliche Befehle geleitet zu werden" — oder 
mit Bezug auf das Vorgehen des General Soimonoff auf dem rechten 
Rande der Kielschlucht in Folge eines missverstandenen Befehles: 
„Unter den vielen lehrreichen Momenten dieses Schlachttages möchte 
des oben nach Onitschkoff dargestellten Falles besonders zu ge- 
denken sein, wo der ungenaue Gebrauch der Worte rechts und 
links so überaus nachtheilig gewirkt. Um dem vorzubeugen, darf 
selbst ein anscheinender Pleonasmus nicht gescheut werden." — 
Ungeachtet dieser gelegentlich gemachten Betrachtungen hätten wir 
es gerne gesehen, wenn in dem Abschnitte „Schlussbemerkungen" 
die Sonderheiten der Belagerung von Sebastopol, die eigenthümlichen 
Erscheinungen dieser groszartigen Kriegsbegebenheit, die Lehren, 
welche die Kriegswissenschaft aus diesem Theile der Kriegsgeschichte 
zu ziehen hat, zusammengestellt worden wären. Die kurze Dar- 
stellung der Belagerung von Sebastopol wird nicht so den Reiz der 
Neuheit für sich in Anspruch nehmen, als dies gewiss durch geist- 
reiche Betrachtungen und Schlussfolgerungen aus den Thatsachen 
geschehen wäre , denn der Verfasser darf nach dieser Richtung hin 
als hoch zu schätzende Autorität angesehen werden. 

Das zweite historische Beispiel der vorliegenden Lieferung, die 
Schlacht bei Magenta, bringt uns den Verlauf dieser Schlacht bis 
Abends 7 Uhr. Ueber die Details der Darstellung vor Beendigung 
der ganzen Schilderung zu sprechen, scheint uns nicht angemessen. 
Auf einen Gegenstand möchten wir die Aufmerksamkeit der Leser 
der „Anleitung zum Studium der Kriegsgeschichte" schon jetzt hin- 
lenken, das ist auf die Charakterisirung der Persönlichkeiten. Ist 
es schon schwer, Handlungen, welche man miterlebt hat, objectiv 
darzustellen, so ist es gewiss noch unendlich schwerer, hervorragende 
Persönlichkeiten der Gegenwart in ihrer Eigenart dem geistigen 
Auge des Lesers vorzuführen. Handlungen sprechen durch das Ge- 
schehene, das Aeuszere, bei den Menschen ist aber behufs ihrer Beur- 

7* 



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Umschau in der Militair-Literatur. 



theilung die Schilderung ihres Inneren, ihres Wesens die Hauptsache. 
Wird es sich jetzt schon leicht ermöglichen lassen, über die leiten- 
den Persönlichkeiten des Feldzuges 1859 ein Urtheil abzugeben, 
welches die Geschichte zu dem ihrigen machen kann ? Es fragt sich 
allerdings hier zunächst, ob ein Werk wie das vorliegende haupt- 
sächlich für die Mit- oder die Nachwelt geschrieben sein soll. Wir 
möchten uns zu der letzteren Ansicht neigen. Denn wir dürfen wohl 
behaupten, dass jeder strebende Militair sowohl die Belagerung von 
Sebastopol, als auch den Krieg in Italien 1859 bereits zum Gegen- 
stande eingehenden Studiums gemacht hat. Ob aber nach 100 Jahren 
das z. B., was Seite 401 über den Marschall Mac Mahon gesagt ist, 
ganz abgesehen von dessen politischer Stellung, zur Charakterisirang 
seiner militairischen Persönlichkeit als zutreffend angesehen wird, 
dürfte zweifelhaft erscheinen. In Bezug der meisten anderen auf- 
geführten Persönlichkeiten dürfte ein Aehnliches zu behaupten sein. 
Wir haben hiermit einen Gegenstand berührt, der, je mehr das vor- 
liegende Werk der Jetztzeit sich nähert, an Schwierigkeit zu- 
nimmt und der, soll das Werk auch für die Zukunft von 
Werth sein, gewiss der ernstesten Erwägung und Berücksichtigung 
bedarf. 

Schlieszlich haben wir hier noch zwei Punkte zu berühren, 
welche lediglich den Verleger betreffen. Erstens sind die Karten, 
welche dem Werke beigefügt sind, in keiner Weise des Gegenstandes 
würdig; da würden wir empfehlen, die Karten ganz wegzulassen 
und dem Leser es zu überlassen, sich geeignete Karten anzuschaffen. 
Wenn z. B. auf einer Zeichnung, die kaum die Hälfte einer Seite 
einnimmt, die Schlacht bei Magenta in sechs Momenten dargestellt ist, 
so heiszt dies ein ungünstiges Urtheil des Lesers geradezu heraus- 
fordern. Als dies Werk in seiner ersten Auflage erschien und als 
es galt, fernliegende Zeitabschnitte zu schildern, da konnten viel- ! 
leicht mit Rücksicht auf den damaligen Stand der Technik solche 
„Bildchen", wie die vorliegenden gebracht werden, um dem Leser 
einen bildlichen Begriff zu ermöglichen. Heut zu Tage und bei 
Darstellung moderner Kriegsereignisse darf ein wissenschaftliches 
Werk dem gebildeten Leser solche Fabrikate nicht auftischen. Noch 
weniger aber, wie die Ausstattung mit Karten, erscheint uns die 
Zusammenstellung der einzelnen Lieferungen des Gegenstandes 
würdig. Es ist ja schon an und für sich ein Uebelstand unserer 
schnelllebigen Zeit, die jedes geistige und materielle Capital, mag 
es noch so klein sein, nicht miissig liegen lassen und schnell wuchern 



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Umschau in der Militair-Literatur. 



101 



sehen will, dass man gröszere Werke lieferungsweise erscheinen 
läset Aber wenn solche Lieferungen so zu sagen ohne Kopf und 
Schwanz erscheinen, weder einen geistigen Anfang, noch ein geistiges 
Ende haben, so erinnern sie uns doch zu sehr an jene Casernen- 
und Wachtstubenlectüre, die dem Soldaten in jenen unerschöpflichen 
und nie endenden Volks -Romanen an jedem Löhnungstage die 
Vollendung eines in der vorigen Lieferung nur halb vollbrachten 
Mordes bringt und dann wieder zum Schlüsse die Pistole und mit ihr 
den Musketier auf weitere zehn Tage gespannt lässt. Wer wird jetzt 
das in der 12. Lieferung des vorliegenden Werkes über die Schlacht 
bei Magenta Gebrachte studiren? Wer es thut, muss im günstigsten 
Falle nach sechs Monaten, mit dem Erscheinen des Schlusses, dasselbe 
nochmals lesen! Und den Leser zwingen zu wollen, dieselbe 
Sache zweimal zu lesen, erscheint uns denn doch nicht ganz geeignet. 
Wer das jetzt Gebrachte aber jetzt nicht liest, für den ist dasselbe 
unbedingt unnütz früh erschienen. Wir halten es für unsere Pflicht, 
im Interesse des Werkes selbst, den Verleger wiederholt auf die 
sehr fühlbaren Uebelstände aufmerksam zu machen. Wir wtissten 
übrigens auch kein anderes militair- wissenschaftliches Werk zu 
nennen, welches in der hier vorliegenden Weise erscheint 



Studien über Truppen-Führung von J. v. Verdy du Vernois, 

Oberst und Chef des Generalstabes I. Armee-Corps. II. Die 
Cavallerie-Division im Armee-Verbände. Zweites Heft. (Mit 
zwei Skizzen) Berlin 1874. E. S. Mittler u. Sohn. 

Mit Freuden begrtiszen wir das zweite Heft der Verdy'schen 
Studien über die Cavallerie-Division im Armee- Verbände. — Ehe wir 
an eine Besprechung desselben gingen, legten wir uns die Frage vor, 
wozu denn eigentlich eine solche Besprechung dienen solle. Um 
die allerorts bekannten Studien des Verfassers dem militairischen 
Publikum zu empfehlen? Das wäre ein vollständiges Verkennen 
unserer Stellung und Kräfte, ein ganz unnöthiges Beginnen. Um 
zur Bequemlichkeit eines oder des anderen Lesers einen kurzen 
Auszug, mit kritischen Bemerkungen verknüpft, zu bringen? Das 
wäre einestheils kaum ausführbar, ohne das ganze Buch wieder- 
zugeben, änderest hcils aber auch gar nicht angebracht, denn wer 
aus Büchern dieser Art Nutzen ziehen will, der darf sie nicht im 



102 Umschau in der MUitair-Literatur. 

Auszuge lesen, der muss Wort für Wort sttidiren. So bleibt denn 
nur ein ganz bescheidener, untergeordneter Grund übrig, der uns 
zur Besprechung des Werkes geführt hat: Rechenschaft zu geben 
von dem Eindrucke und den Ansichten, welche das Studium des 
Buches bei uns hervorgerufen hat. 

In klarer, fassbarer Darstellung lässt der Verfasser in dem 
vorliegenden Hefte seine zusammengestellte Cavallerie- Division am 
1. August aus der am verflossenen Tage eingenommenen Aufstellung 
vorgehen, ein Gefecht gegen Cavallerie durchführen, gegen feindliche 
Infanterie ein Offensiv-Gelecht fuhren, zurückgehen, gegen Infanterie 
ein Defensiv - Gefecht führen, eine Attake gegen diese Waffe aus- 
fähren und schlieszlich eine neue Vorposten-Aufstellung nehmen. 

Wir müssen gestehen, die fingirten Thatsachen sind so meister- 
haft der Wirklichkeit nachgebildet, dass man beim Lesen, in dem 
Glauben wirklich ausgeführte Thaten berichtet zu finden, warm für 
den einen oder anderen Theil Partei nimmt. So meisterhaft wie 
dieser darstellende Theil des Werkes aber auch ist, so wird er doch 
noch wesentlich übertroffen von dem betrachtenden. Hier ist der 
Verfasser so recht auf dem Boden, auf welchem seine reichbegabte, 
praktische Natur Früchte sammelt. Ueberall finden wir in den 
Abschnitten, welche den Betrachtungen der Ereignisse gewidmet 
sind, die eingehendsten Erörterungen des betreffenden Gegenstandes, 
überall Anregung, Belehrung, klare, wir möchten sagen, goldene 
Grundsätze, fast niemals aber bestimmte, stets anwendbare Gesetze 
festgestellt. Denn — dies liest man auf jedem Blatte der Studien 
des Verfassers — der Krieg lässt sich auch durch die besten im 
praktischsten Sinne abgefassten Bücher nicht erlernen, er lässt sich 
auf diese Weise immer nur studiren. Der Geist bildet sich durch 
solches Studium, man erlangt eine gewisse Sicherheit des Wissens, 
die für die niemals gleichen Verhältnisse, welche die Wirklichkeit 
bringt, den Blick schärfen und das Wollen und Können in erheb- 
licher Weise unterstützen. Solchen köstlichen Beirathes bringt die 
vorliegende Studie in erheblicher Menge, und von der Ansicht aus- 
gehend, dass man das Gute nicht oft genug vor Augen bringen kann, 
möchten wir auch hier einigen der trefflichen Bemerkungen des 
Verfassers näher treten. 

Seite 25 finden wir darauf hingewiesen, wie durchaus not- 
wendig es ist, eine Scheidung zwischen denjenigen Abtheilungen zu 
machen, welchen die unausgesetzte Fühlung mit dem Feinde 



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Umschau in der Militair-Literator. 103 

obliegt, und den eigentlichen Vorposten -Detachements, die diese 
Fühlung nur innerhalb einer begrenzten Sphäre zu erhalten ver- 
mögen. — Wer an die Wirklichkeit zurückdenkt und namentlich sich 
Rechenschaft über die Friedens-Uebungen im Feldwachdienst giebt, 
dem wird bei dieser Gelegenheit gewiss manche Sünde einfallen, 
denn gerade in dieser Beziehung wird sehr oft vergessen, dass Feld- 
wachen und deren Unterstützungen nur den Zweck haben, als 
stehende Sicherung einer dahinter ruhenden Truppe zu dienen und 
dass nur sie von diesem Gesichtspunkte aus den Feind zu beobachten 
haben. Verlangt man mehr, namentlich eine fortgesetzte Berührung 
mit dem Feinde, so gehören hierzu besondere, von den Vorposten 
ganz unabhängige Abtheilungen. 

Wie wahr ist es dann, wenn der Verfasser weiterhin sagt : Eine 
Infanterie-Division kann immerhin mit ihrer Tete ein Gefecht bereits 
entriren, »während ihr Gros noch im Anmärsche ist, denn sie ist in 
der Lage, ein hinhaltendes Gefecht führen zu können. Bei der 
Cavallerie ist dies nicht der Fall. Geht der Feind vor, so muss sie 
sich ihm entgegenwerfen oder zurückgehen. Jedes Cavallerie-Gefecht 
nimmt aber verhältnissmäszig sehr schnell einen entscheidenden 
Charakter an, von einem längeren Hinhalten ist dabei nicht die 
Rede und müssen die Reserven daher zum unmittelbaren Eingreifen 
bereit stehen, auf ihre Annäherung und ihren Aufmarsch kann nicht 
mehr gewartet werden. — - Uns däucht, dass mit diesen wenigen 
Worten der Hauptunterschied zwischen einem Infanterie- und einem 
Cavallerie-Gefechte im Wesentlichen gegeben ist. Der Führer, welcher 
denselben stets festzuhalten weisz, hat gewiss schon einen groszen 
Vortheil auf seiner Seite. Gerade dieser schnell entscheidende Cha- 
rakter ist es aber auch, welcher bei der Cavallerie, wie der Verfasser 
hervorhebt, schon vor Beginn des Kampfes die Gliederung der ganzen 
Truppe nach der Tiefe gebieterisch erheischt, oder es entsteht das 
blinde Hineinjagen zweiter und dritter Treffen in den entbrannten 
Kampf, wie dies namentlich in neuerer Zeit bei gröszeren Cavallerie- 
Gefechten vielfach zu Tage getreten ist 

Dreith eilung ist für gröszere Cavallerie - Massen durchaus er- 
forderlich, heiszt es dann Seite 34. Man bedarf einer Abtheilung, 
die sich zunächst dem Feinde entgegen wirft, einer zweiten, welche 
im Bedarfsfalle die Front der ersteren verlängert, deren Flanken 
sichert und die demnächst in das Gefecht eingreifenden Abtheilungen 
des Gegners bekämpft Schliesslich muss der Commandirende eine 
Reserve in der Hand haben, um allen Wechselfällen des Kampfes 



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104 



Umschau in der Militair-Literatur. 



seiner Hauptkräfte begegnen zu können nnd die feindlichen Reserven 
zu paralysiren. — Die Form des Echelon - Angriffes hat heutigen 
Tages bei der Infanterie nicht mehr die Bedeutung früherer Zeit. 
Desto mehr, sagt der Verfasser, müssen wir ihre Bedeutung bei der 
Cavallerie hervorheben, namentlich in den Fällen, wo man zum 
Angriffe vorgeht und nicht einmal die vorderste Linie des Gegners 
vollständig zu Ubersehen vermag, jedoch ist hierbei zu beachten, 
dass die einzelnen Staffeln, namentlich die, welche für den eigent- 
lichen Angriff bestimmt sind, nicht zu schwach werden. — Gewiss 
liegt in jeder Attake für den höheren Cavallerie -Führer, lesen wir 
Seite 38, eine ungemein grosze Verlockung, sich an ihr zu bethei- 
ligen und als ein leuchtendes Beispiel, seinen Reitern voran, in den 
Feind zu stürmen. Das wird in manchen Fällen statthaft, in den 
vielen (wir möchten sagen: fast in allen) aber nicht gerechtfertigt 
sein. Ein derartiges Beispiel trägt wohl mit dazu bei, die Leute in 
den Feind hineinzufahren, aber nöthig ist es in den allermeisten 
Fällen nicht. Das besorgen die Regiments-Commandeure und sämmt- 
liche Offiziere eben so gut Der General aber, der sich hinreiszen 
lässt, kann, sobald der Zusammenstosz erfolgt, nur noch dieselbe 
Thätigkeit, wie der in Reih und Glied befindliche Reiter, ausüben 
— und gerade in diesem Moment wird vielfach der höchste Anspruch 
an sein Führer -Talent erhoben. Denn jetzt kommt es darauf an, 
dass er die Bewegungen des Feindes zu erkennen vermag, dass die 
zweiten und dritten Treffen durch ihn dirigirt werden und dass er 
in der Melde, in der Verfolgung rechtzeitig das Signal zum Sammeln 
giebt Wo der höhere Führer auf diese Punkte nicht zu achten 
braucht, möge er an der Spitze seiner Truppe die Attake mit- 
reiten. — 

Das sind ja Alles längst bekannte , selbstverständliche Sachen, 
hören wir manchen unserer Leser bei dieser Gelegenheit ausrufen. 
Gewiss sind sie das und trotzdem sind sie wohl vielfach bis auf 
den heutigen Tag in den Momenten des Handelns vergessen gewesen. 
Desshalb nehmen wir, wo und wann wir nur können, die Gelegenheit 
wahr, dafür zu sorgen, dass durch immerwährendes Vorführen 
solches Allbekannte in Fleisch und Blut der Betreffenden übergeht. 

Vortreffliches giebt uns der Verfasser dann über die Stärke und 
Formation der einzelnen Treffen, über die Entfernungen derselben 
von einander. Vor allen tritt aus diesen Betrachtungen die ganz 
ungemeine Bedeutung des zweiten Treffens hervor; die Stärke, 
Formation, das Eingreifen desselben dürften fast schwerwiegender 



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Umschau in der Militair-Literatur. 105 

sein, als die des ersten Treffens und haben die Betrachtungen des 
Verfassers bei uns die Ansicht hervorgerufen, dass die in gewissem 
Sinne nothwendige Unabhängigkeit des zweiten Treffens von dem 
ersten namentlich durch eine möglichst grosze Distanze zu erzielen 
ist. Leider gestattet es der Raum nicht, die in dem Buche ein 
wenig zerstreuten trefflichen Ansichten des Verfassers über diesen 
Gegenstand hier gesammelt wiederzugeben. Wir empfehlen die- 
selben ganz besonders dem eingehendsten Studium, möchten an 
dieser Stelle aber es der Entscheidung Berufener unterbreiten, ob 
für diesen uns überaus wichtig erscheinenden Gegenstand sich nicht 
eine geschlossenere methodische Zusammenstellung empfohlen hätte, 
oder ob es eine gebieterische Nothwendigkeit der applicatorischen 
Lehrmethode ist, die betreffenden Gegenstände an einer Stelle nicht 
vollständig erschöpfend, sondern nur in bestimmten, durch die That- 
sachen gezogenen Grenzen, zu behandeln, wie dies der Verfasser 
mehrfach in seinen Studien durchführt. 

Wenden wir uns nunmehr dem zu, was in der vorliegenden 
Studie über das Fuszgefecht der Cavallerie gesagt ist, so stellt 
Verfasser in Betreff der Defensive Folgendes fest: Den zähen, nach- 
haltigen Charakter, welchen das Defensiv -Gefecht der Infanterie 
besitzen muss, wo die vorderste Linie nur im Falle der Noth Unter- 
stützung erhält, wo man sich intacte Reserven so lange als irgend 
möglich bewahrt, nur schrittweise zurückweicht und jeden Moment 
versucht, das bereits verloren gegangene Terrain durch Offensiv- 
Stösze wieder zu erobern: diesen Charakter kann das Defensiv- 
Gefecht der Cavallerie zu Fusz in den meisten Fällen nicht an- 
nehmen. In zwei Hauptfactoren des Gefechtes, im Schieszen und in 
der Terrainbenutzung, wird die Cavallerie der Infanterie stets nach- 
stehen. Ein hin- und herwogendes Orts-Gefecht zu liefern, ist nicht 
Sache der Cavallerie. Wenn wir den Werth ihres Fusz -Gefechtes 
noch so hoch anschlagen, damit wird sie schwerlich reussiren. Ihre 
Verteidigung von örtlichen Gegenständen beruht auf Festhaltung 
der ersten Linie und dies dadurch, dass sie so viel Gewehre, als 
irgend verfügbar, in derselben zur Geltung bringt. Nur dann wird 
sie durch die Masse der Geschosse und durch die der Defensive 
überhaupt . innewohnende Kraft in der Lage sein, der besser 
schieszenden und in der Führung derartiger Gefechte gewandteren 
Infanterie die Spitze zu bieten. — Wo möglich noch zutreffender 
heiszt es an einer anderen Stelle des Buches alsdann über das 
Offensiv-Gefecht der Cavallerie zu Fusz: Der directe Angriff gegen 

7 ** 



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106 Umschau in der Militair-Literatur. 

hinreichend besetzte Oertlichkeiten erfordert heutigen Tages eine so 
gründliche Einübung von Führern und Mannschaft, dass die Cavallerie 
bei ihrem anderweitigen Dienste hierfür gar nicht die erforderliche 
Zeit verwenden kann, überdies wächst das Verständniss hierfür nur 
mit der Zeit, welche auf die Einübung zugebracht wird; gute 
Instructionen können die Ausbildung schneller vorwärts bringen, 
aber sie ersetzen die Uebung keineswegs. Die Bewaffnung mit der 
guten Schusswaffe erhöht die Selbstständigkeit der Cavallerie um 
ein sehr Bedeutendes, deshalb kann man sie noch keineswegs zu 
allen den Aufgaben verwenden, deren Lösung der Infanterie zufallt. 
Dies ist ebensowenig der Fall, wie der, dass eine auf Pferde gesetzte 
Infanterie - Compagnie nun alle Dienste der Cavallerie zu leisten 
vermag. Keineswegs wollen wir hiermit aber über die Offensive 
der Cavallerie zu Fusz den Stab brechen. Wir wollen dieselbe nur 
vorzugsweise auf den Weg weisen, von welchem wir uns mehr ver- 
sprechen, als vom directen Angriffe, nämlich auf die Umgehung. — 
Verfasser weist dann nach, welche grosze Beweglichkeit die Cavallerie 
zu diesem Zwecke besitzt. In vollständiger Uebereinstimmung mit 
dem hier Gesagten möchten wir hier noch bemerken, dass nach 
unserer unmaaszgeblichen Ansicht der directe Angriff gegen eine 
besetzte Oertlichkeit selbst für die Infanterie heut zu Tage so schwierig 
ist, dass wir einen solchen ohne Unterstützung von Artillerie kaum 
für ausführbar halten, dass vielmehr, wo Zeit und Raum es nur 
irgendwie gestatten, auch die Infanterie in der Offensive sich auf 
die Umgehung angewiesen sehen wird. 

Mögen diese über das Fuszgefecht der Cavallerie wiedergegebenen 
Stellen beweisen, wie sehr der Verfasser auch auf diesem Gebiete 
Herr der Sache ist und wie richtig er allgemein gültige Grundsätze 
begrenzt. Infanterist und Cavallerist werden aus dem Gesagten 
gewiss manche Nutzanwendung ziehen. Auch die dritte Waffe, die 
Artillerie, findet dann in der vorliegenden Studie ihren Werth, ihre Be- 
deutung wird richtig anerkannt und geschätzt ; an verschiedenen Stellen 
giebt der Verfasser seine Ansichten über die Verwendung und das 
Auftreten der den Cavallerie - Divisionen zugetheilten reitenden Ar- 
tillerie ab. Mehrfach die Wichtigkeit dieser Waffe hervorhebend 
und die Schwierigkeit des Munitionsersatzes in Erwägung gebend, 
wird dann gesagt: Entgegen dem im Infanterie - Gefechte gültigen 
Grundsatze, nach welchem bei demselben eine Particular-Bedeckung 
der Batterien nicht erforderlich ist, hat die Darstellung bei dem vor- 
liegenden Gefechte auf die unter Umständen hervortretende Notb- 



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Umschau in der Militair-Literatur. 107 

wendigkeit einer derartigen Bedeckung bei Cavallerie-Kämpfen hin- 
zuweisen gesucht. Das ganze Gefechtsfeld kann von feindlichen 
Cavallerie-Trupps durchschwärmt werden und wenn nicht besondere 
Abtheilungen alsdann zum Schutze der reitenden Artillerie aus- 
gesondert sind, wird diese bei dem eigenthümlichen Charakter des 
Cavallerie - Gefechts häufig keine sie sichernde Abtheilung in der 
Nähe sehen — d. h. also mit andern Worten, leicht die Beute 
solcher umherschwärmenden Trupps oder doch wenigstens durch 
solche momentan gefechtsunfähig gemacht werden. — Auf einen 
Punkt der Artillerie - Verwendung in dem vorliegenden Beispiele 
möchten wir hier schlieszlich noch mit einigen Worten zurückkommen: 
Der Commandeur der Cavallerie -Division hat es den Umständen 
gemäsz für nothwendig erachtet, sich vor den vorgehenden Massen 
der feindlichen Infanterie zurückzuziehen, ordnet aber mit Rücksicht 
auf das der Vertheidigung sehr günstige Terrain eine Annahme des 
Gefechtes in dem Abschnitte Gras-Wald-Reimerswiller an. 

Während die Cavallerie mit abgesessenen Mannschaften die ge. 
eigneten Punkte besetzt, wird die zweite reitende Batterie von dem 
Commandeur der schweren Cavallerie-Brigade vorbeordert und nimmt 
noch vorwärts der von der Cavallerie besetzten Oertlichkeiten, Sour- 
bourg auf 1200 Schritt vor sich habend, in vollständig freiem Terrain 
eine Aufstellung, aus welcher sie den letztgenannten Ort, sobald 
dieser von der Infanterie des Gegners besetzt wird, beschieszt; „vom 
Infanterie-Feuer mit zunehmender Heftigkeit überschüttet", bleibt sie 
doch in dieser Stellung, und geht selbst noch nicht zurück, als zwei 
Batterien auf 2500 Schritt, wenn auch in ungünstiger Stellung, da- 
gegen auffahren. Erst als ein allgemeines Zurückgehen stattfindet, 
nimmt die Batterie weiter rückwärts Stellung. Sie verliert in diesem 
Kampfe wunderbarer Weise nur einen Mann und drei Pferde. — 
Uns scheint diese Verwendung der einzigen Batterie, welche dem 
Divisions-Commandeur augenblicklich zur Verfügung stand, nicht 
recht angemessen zu sein. Leider spricht sich der Verfasser nicht 
näher darüber aus, ob die vorliegenden Umstände es rechtfertigten, 
dass man, ohne dass ein kritischer Gefechtsmoment vorliegt, die 
einzigste Batterie, über die man verfugt, dauernd einem Ueber- 
8chtittetwerden durch Infanterie-Feuer aussetzen darf, oder ob ein 
solches Verfahren nur in höchst gefährlichen, verzweifelten Gefechts- 
situationen gestattet ist, ob überhaupt zum Sehen, ob und in wie 
weit der Gegner energisch folgt, sofort die Artillerie in die vorderste 
Linie zu beordern und in Thätigkeit zu bringen ist? — 



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108 Umschau in der Militair-Literatur. 

Somit hätten wir uns bemüht, Rechenschaft von dem Eindrncke 
zu geben, den sowohl im Allgemeinen wie in einzelnen Punkten die 
vortreffliche vorliegende Studie auf uns gemacht hat Unsere Aus- 
lassungen berühren keineswegs sämmtliche Punkte des Buches, es 
sind nur einzelne Schlaglichter, welche wir zu dem angeführten 
Zwecke herausgegriffen haben. Uebrigens ist die Studie, ebenso- 
wenig wie unsere Besprechung, in der Behandlung der einzelnen 
Gegenstände vollständig abgeschlossen und erschöpft, im Gegentheile, 
und das rechnen wir ihr zum hohen Verdienste an, sie wirkt an- 
regend, wie selten eine Schrift solcher Art. Enthält sie auch mehr 
Lehrreiches über die bezüglichen Gegenstände, wie die taktischen 
Lehrbücher selbst, so wird ihr voller Nutzen doch erst dann zur 
durchschlagenden Wirkung gelangen, wenn sie geistig aufgefasst die 
Grundlage zu weiterem Nachdenken, der Grundstein zum praktischen 
Handeln ist. 



Nachträgliche Bemerkung zum Band XII. 

Seite 241. Anmerk. Zeile 1 lese man „einen Augenblick zum Hand- 
gemenge" anstatt „mehrfach zum Handgemenge". 

Seite 245. Anmerk. Zeile 3 lese man „kam ein Act von Handgemenge 
vor" anstatt „kam es zu einem kurzen Handgemenge". 



Verantwortlich redigirt von Major v. Maries, Berlin, Derfflinger Str. 1. 
Verlag von F. Schneider & Co. (Goldschmidt & Wilhelmi), Berlin, Unt. d. Linden 21. 

Pierer'iche Hofbuchdrnckerei. Stephan Geibel & Co. in Altenburg. 



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VII. 

Studien in Bezug auf die Cavallerie. 

Von Friedrich Von Bernhard!, Secondelieutenant im Rheinischen Dragoner- 
Regiment Nr. 5. 

(Fortsetzung.) 

Der natürlichen Entwickelang der Verhältnisse uns anschlieszend, 
richten wir zunächst unsere Aufmerksamkeit auf die 

Thätigkeit der Reiterei yor der Schlacht. 

Der Krieg ist erklärt. — Beide den Krieg führende Theile, in 
der gespanntesten Mobilmachungsarbeit begriffen, beobachten ein- 
ander zunächst noch von ferne. Jeder fürchtet, von dem andern 
überraschend angegriffen zu werden auf einem der vielen verwund- 
baren Punkte des weiten Kriegstheaters. 

Jedem fällt nun zuerst die Aufgabe zu, sich gegen eine solche 
Möglichkeit zu sichern ; dem unternehmenden Feldherrn wird es aber 
zugleich darauf ankommen, selber zu solchem Angriffe tiberzugehen, 
sobald die Vorbereitungen, die eigentliche Mobilmachung und der 
strategische Aufmarsch vollendet sind. 

Um diesen Doppelzweck, also einerseits Sicherung des eigenen 
Handelns, andererseits Vorbereitung des eigenen Angriffs, zu er- 
reichen, steht beiden Heeren zunächst nur ein Mittel zu Gebote: 
möglichst vollständige Verschleierung der eigenen Thätigkeit, und 
damit verbundene möglichst genaue Beobachtung des Gegners. 

Einerseits wird durch Verschleierung ein feindlicher Angriff 
überhaupt erschwert und werden durch frühzeitiges Auskundschaften 
einer beabsichtigten feindlichen Offensive die eigenen Truppen in 
den Stand gesetzt, sich gegen dieselbe zu sammeln und ihr ent- 
gegenzutreten, andererseits wird die Aufklärung, indem sie Nach- 
richten vom Zustande und vom Handeln des Gegners erlangt, die 

Jahrbücher f. d. Deutsche Armee u. Maxine. Band XIII. 8 



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110 



Studien in Bezug auf die Cavallerie. 



eigene Überführung in die Lage bringen, mit ihrer Offensive wirk- 
lich den Kern der feindlichen Macht an einer verwundbaren Stelle 
zu treffen. Je mehr die Offensive in der Absicht des einen 
Führers liegt, desto mehr wird dieser positive Zweck, gegen den 
ersteren, den negativen, in den Vordergrund treten, desto mehr 
wird es darauf ankommen, von Hause aus energisch handelnd 
aufzutreten. 

Dass Beobachtung und Aufklärung, ebenso wie Verschleierung, 
nur durch Raumgewinn über den Gegner möglich sind, dass daher 
der Cavallerie und ihr allein die fragliche Aufgabe zufallt, 
das hat der Herr Major von Scherff in seinen geistreichen Studien 
schon überzeugend nachgewiesen. Es liegt daher wohl auf der Hand, 
dass bei der Wichtigkeit, welche dem Erlangen von baldigen 
Nachrichten über den Feind für das eigene Disponiren zugeschrieben 
werden muss, es erste Aufgabe jedes Kriegführenden sein muss, 
seine Cavallerie so bald als möglich und so weit als mög- 
lich vorzuschieben. Die Grenze, bis zu welcher dieses Vorschieben 
zunächst ungehindert erfolgen kann, ist dadurch gegeben, dass man 
Fühlung mit dem Feinde gewinnt. 

Von dem Zeitpunkte an, wo dies stattfindet, tritt die Frage an 
die Reiterei heran, wie sie nun ferner zu verfahren habe, um ihre 
Aufgabe möglichst vollständig zu lösen ; um also, ohne einen Ein- 
blick in das Getriebe der eigenen Heeresmaschine zu gestatten, sich 
über die Verhältnisse beim Gegner möglichst genau zu unter- 
richten. 

Vergegenwärtigen wir uns ein Bild dieses Verfahrens, wie es 
der Herr Major von Scherff in seinen StudieD entwirft, so sehen wir 
die Cavallerie in breiter Front auf den Haupt-Operationslinien, die 
beiden Gegnern wohl meist gemeinschaftlich sein werden, vorgehen ; 
zuvörderst eine Linie kleiner Offizierspatrouillen, jede etwa einen 
Zug stark, mit ihren Fühlhörnern und kleineren Soutiens dahinter — 
dann zur unmittelbaren Unterstützung dieser ersten Linie eine zweite : 
stärkere Soutfens, Regimenter. Diesen folgen in dritter Linie Bri- 
gade-Massen zur nachhaltigen Unterstützung der Vortruppen. 

Die Stärke- Verhältnisse, die der Verfasser der „Studien" für 
nothwendig erachtet, und die wir wohl als bekannt voraussetzen 
dürfen, fallen hierbei ftir's Erste wenig ins Gewicht. Die Art und 
Weise aber, wie die so gegliederte Masse ihre Aufgabe erfüllen 
soll, müssen wir genauer feststellen. 

Dem ganzen Systeme liegt die Idee zu Grunde, in der Front 
den Gegner abzuwehren, einen etwaigen Durchbruch zu verhindern; 



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♦ 

Studien in Bezug auf die Cavallerie. III 

Nachrichten vom Feinde aber , durch UeberflUgelung der 
feindlichen Beobachtungstruppen, vermittelst der überlegenen 
Schnelligkeit kleiner Patrouillen, die nur sehen und 
melden sollen, zu erhalten. 

Der Kampf spielt nur als Gegenwehr oder als letztes Aus- 
kunftsmittel eine Rolle, wenn UeberflUgelung absolut unmöglich ist. 

Die grosze Masse der Reiterei verfolgt also nur einen rein ne- 
gativen Zweck — während der positive, also der Hauptzweck, 
nur durch einen sehr geringen Theil des Ganzen angestrebt wird. 

Es fragt sich nun zweierlei: 

Sind die Nachrichten, die man auf diese Weise vom 
Feinde erlangen kann, ausreichend, oder giebt es eine 
Möglichkeit, dieselben genauer und vollständiger zu 
erhalten? 

Kann man dieMasse der Reiterei nicht ausgiebiger 
verwenden, als zu bloszer negativer Abwehr? 

Steht man nur einigermaaszen thätigen Beobachtungstruppen 
gegenüber — und es ist wohl mit Sicherheit anzunehmen, dass dies 
in Zukunft stets der Fall sein wird — , so wird es schon eines be- 
deutenden Kraftaufwandes von Mann und Pferd bedürfen, um auf 
deren Flügel oder durch deren Flügel-Patrouillen hindurch in die 
Flanke der feindlichen Hauptmacht zu gelangen : dann liegt die Ge- 
fahr, nicht durchzukommen oder abgeschnitten zu werden, doch stets 
sehr nahe. Mit voller Sicherheit wird man daher nie darauf rechnen 
können, dass die Patrouillen einen Ort, von dem aus sie sehen 
können, wirklich erreichen, ebenso wenig darauf, dass sie überhaupt 
oder so rechtzeitig zurückkehren, dass ihre Meldungen noch von 
Werth sind. Diese Meldungen werden bei den jedenfalls notwendi- 
gen weiten Umwegen meist nur spät eintreffen, und ist auszerdem mit 
vieler Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass es dem Feinde, wenn 
er dasselbe Verfahren einhält, gelingt, gerade so viel über die dies- 
seitigen Verhältnisse zu erfahren, als die diesseitige Reiterei von den 
seinigen auskundschaftet; denn auf gröszere Ausdauer und Schnellig- 
keit des eigenen Materials von Hause aus bestimmt zu rechnen, also 
auf eine blos materielle Ueberlegenheit, erscheint ein wenig gewagt. 

Endlich kann es doch unmöglich in der Absicht der Patrouillen 
beider Parteien liegen, sich gegenseitig zu vermeiden — und das 
müssten sie thun, um ungesehen durchzukommen — , damit wäre dem 
Zwecke der Verschleierung gerade zuwider gehandelt; die beider- 
seitigen Beobachtungspatrouillen müssen und werden sich vielmehr 

stets gegenseitig anziehen, — es werden sich eine Anzahl kleiner 

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112 Studien in Bezug auf die Cavallerie. 

Patrouillengefechte und Scharmützel entwickeln, und schlieszlich wird 
auch für die Aufklärung der im Vortheile bleiben, der die meisten 
Theilerfolge aufzuweisen haben wird. — 

Nimmt man aber auch an, dass es vermöge überlegener Schnellig- 
keit dennoch gelingt, die feindliche Hauptmacht zu Gesicht zu be- 
kommen, ohne sich selbst eine Blösze zu geben, so wird sich doch 
als Resultat, selbst günstigsten Falls, nur eine Reihe getrennter 
Meldungen ergeben, welche berichten, in welchem Zustande die feind- 
liche Macht sich zu gewissen Tageszeiten befunden habe. Zusam- 
menhängende Beobachtungen, nicht nur in Bezug auf Thun und 
Las : der feindlichen Vortruppen, sondern auch der dahinterstehenden 
Hauptstreitkräfte, zu machen, wird unter den angegebenen Verhält- 
nissen gewiss unmöglich sein; denn dazu ist es nöthig sich be- 
ständig in der unmittelbaren Nähe dieser Streitkräfte selbst zu 
befinden, dieselben immerwährend mit Patrouillen zu um- 
schwärmen — und so nicht nur des Feindes Zustand in einem 
oder verschiedenen Zeitpunkten zu erkennen, sondern seine 
Handlungen zu überwachen. 

Dass dies um die Flügel des Feindes herum auf die Dauer un- 
möglich ist, liegt auf der Hand ; und doch ist d i e s es gerade, worauf 
es ankommt. Denn in ganz anderem Maasze, als auf Grund einer 
Anzahl jener vereinzelten und unzusammenhängenden Meldungen, 
wie man sie um die Flügel der Vortruppen herum nur zu erlangen 
im Stande ist, wird man aus einer Reihe bestimmter, in ihrer Ent- 
wickelung beobachteter Handlungen des Feindes auf dessen Ab- 
sichten und muthmaaszliche Operationen schlieszen können, und 
welch' gesteigerter Werth der Kenntniss dieser in Zukunft beizu- 
messen sein wird, das haben wir weiter oben bereits anzudeuten 
versucht. 

SichinderNähederfeindlichen Haupttruppenmassc 
einzunisten und zu behaupten, ist also die Anforderung, die 
wir an unsere aufklärende Cavallerie stellen müssen ; und dieses 
Resultat zu erlangen, liegt durchaus nicht im Bereiche der Unmög- 
lichkeit. Nur führt der Weg dazu über ein Gefechtsfeld. 

Denn so lange die feindliche Cavallerie nicht in ihrer Thätig- 
keit gehindert ist, wird sie natürlich Alles daran setzen, eine solche 
Beobachtung unmöglich zu machen. 

Diese feindliche Reiterei aus dem Felde zu schlagen, ist also 
die nothwendige Vorbedingung jeder sachgemäszen Aufklärung. 

Doch noch eine andere Erwägung tritt hinzu und kann be- 




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Studien in Bezug auf die Cavallerie. 113 

ansprachen das Verfahren der Aufklärungs- Reiterei in demselben 
Sinne zu beeinflussen. 

Die Cavallerie hat ja nicht nur insofern Werth, als sie zu ver- 
schleiern und Nachrichten zu verschaffen vermag, von einem Feinde, 
den dann die anderen Waffen im Kampfe schlagen sollen; sie selbst 
repräsentirt einen Kraft-Factor für den späteren blutigen Entschei- 
dungsmoment, für die Schlacht; und so hat die Besiegung oder 
Schwächung der feindlichen Reiterei schon vor der Schlacht an 
und für sich eine grosze Bedeutung. Denn niuss die gegnerische 
Cavallerie erst am Tage der Schlacht selbst geschlagen werden, dann 
wird die eigene häufig nicht mehr in die Lage kommen, auch noch 
auf den, die Entscheidung bergenden und tragenden Theil des feind- 
lichen Heeres, auf dessen Infanterie oder Artillerie zur Wirkung 
zu gelangen — und das ist doch ebenso gut ihr Zweck, wie es 
der der Artillerie sein muss, sobald als möglich die feindlichen In- 
fanterie- und Cavallerie-Colonnen zu beschieszen. Wenn es aber der 
Artillerie möglich ist, diesen ihren Zweck zu erreichen, ohne sich 
vorher auf einen Zweikampf mit der feindlichen eingelassen zu haben, 
einfach die Thätigkeit der Letzteren in entscheidenden Momenten 
gänzlich zu ignoriren — so kanu sich die Cavallerie dem Duell 
mit der feindlichen, sobald diese auf dem Schlachtfelde erscheint, 
niemals entziehen, ohne überhaupt auf jegliche Wirkung zu ver- 
zichten — das liegt in der Natur der Sache; und so möchte auch 
diese Betrachtung den Vortheil noch erhöht erscheinen lassen, den 
ein Sieg über die gegnerische Reiterei schon vor der Schlacht unter 
allen Umständen einschlieszt. Als Beispiel wollen wir hier nur die 
Schlacht bei Mars la Tour anführen. 

Hier versäumte es die Preuszische Cavallerie, die Französische 
vor der Schlacht anzugreifen und zu schlagen, obgleich ihr die Ge- 
legenheit dazu nicht nur am 15. August, sondern auch noch, und 
zwar unter ganz besonders günstigen Umständen, am 16. August, 
früh geboten war*). Dies hatte dann zur Folge, dass es einerseits 
in der Schlacht selbst der noch vollständig intakten Französischen 
Cavallerie möglich war, der Brigade Bredow ihre glänzenden Er- 
folge wieder gänzlich zu entreiszen — wozu sie wohl kaum im 
Stande gewesen, wenn sie denselben Morgen, einige Stunden vor- 
her, im Bivouak energisch tiberfallen und zersprengt worden 
wäre, — und dass es andererseits auf dem linken Flügel der 



*) Wir verweisen hier, wie für das Folgende, auf die Schrift des Herrn 
Major Kahler : „Die Reiterei in der Schlacht bei Vionville und Mars la Tour". 



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114 



Studien in Bezug auf die Cavallerie. 



Preuszischen Cavallerie nicht gelang der Französischen dermaaszen 
Herr zu werden, dass sie noch auf die Französische Infanterie hätte 
wirken können. Und welches Resultat hätte es nicht ergeben kön- 
nen, wenn sechs bis acht Cavallerie-Regimenter das vordringende 
4. Französische Corps in Flanke und Rücken angegriffen hätten, 
gegen dessen Front schon die Garde- Dragoner einen immerhin be- 
deutenden Erfolg zu erringen vermochten. 

Führt uns also auch diese Betrachtung zu dem Resultate, dass 
der Kampf mit der feindlichen Reiterei vom ersten Augenblicke des 
Krieges an der eigenen grosze Vortheile verschaffen kann, so wird 
sich andererseits dieser Kampf Überhaupt als ein ganz unvermeid- 
licher herausstellen, und zwar nicht nur für die vordersten Patrouillen, 
wie wir dies bereits erwähnten, sondern ebenso für die gesammten 
Massen. „Um die Bewegungen unserer Colonnen zu verschleiern 
und die des Gegners unausgesetzt überwachen zu können, werden 
unsere Cavallerie-Divisionen alsdann (nämlich sobald auch der Gegner 
seine Reiterei den Armeen vorausgehen lässt) zunächst sich mit 
den feindlichen im Kampfe messen müssen," sagt der Ver- 
fasser, der „Aphorismen bei Gelegenheit mil itairisch er Studien"; und 
obgleich im vergangenen Feldzuge der Fall eingetreten ist, dass 
Cavalleriemassen, die sich gegenüberstanden, wirklich sich beide de- 
fensiv verhielten und der Kampf vermieden wurde, so glauben wir 
doch kaum nöthig zu haben, für diese Behauptung noch einen wei- 
teren Beweis beizubringen. 

Denn mag die Reiterei des einen Theils sich auch noch so sehr 
ausweichend und „demonstrativ" verhalten, sie wird doch endlich, 
will sie die Verschleierung durch ihr fortgesetztes Zurückgehen und 
Ausbiegen nicht compromittiren, dem mit der nöthigen Macht und 
Energie geführten Angriffe entgegentreten müssen — und wenn end- 
lich auch keiner der beiden Gegner zu einer energischen Offensive 
schreitet, so werden sich doch aus der Unterstützung der handgemein 
gewordenen Spitzen, aus partiellen Vorstöszen einzelner Theile, ans 
dem Wunsche diesen oder jenen wichtigen Punkt zu besetzen, und 
was solcher Ursachen noch mehr sind, immer Gefechte ergeben, in 
denen endlich die Massen eingreifen müssen, um die Verschleierung 
nicht in Frage stellen zu lassen. 

Wir können daher, indem wir den Schluss aus dem Gesagten 
ziehen, getrost die Behauptung aufstellen, dass die Cavallerie 
keine der ihr zufallenden Aufgaben, nicht nur nicht 
die positive, sondern nicht einmal die negative ge- 



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Stadien in Bezog auf die Cayallerie. 115 

ntigend wird lösen können, ohne vorher die gegnerische 
Reiterei bekämpft zu haben. 

Dies zugegeben wird Jeder ein System verwerfen müssen, das 
den Kampf nur in defensiver oder demonstrativer Absicht für be- 
rechtigt erklärt, das eine geplante und auch dann nur partielle 
Offensive nur als letztes Auskunftsmittel betrachtet wissen will. 

Denn wer den Kampf bei der Aufklärungsthätigkeit einmal als 
unvermeidlich, den Sieg in demselben als nothwendig an- 
erkannt hat, der wird nicht umhin können zuzugestehen, dass man 
versuchen muss, sich für diesen Kampf alle möglichen Vor- 
th eile zu sichern. Dass dies für das Gefecht selbst, für den takti- 
schen Zusammenstosz bei der Cavallerie nur durch eine kühne und 
energische Offensive möglich ist, das hat schon Friedrich der 
Grosze anerkannt, wenn er seiner Reiterei die Weisung ertheilt stets 
zuerst zu attackiren, nie den Angriff des Gegners abzuwarten. 
Aber auch im Allgemeineren, für Gestaltung der ganzen strategischen 
und taktischen Situation, liegt im Angriffe, dem die Wahl des Ortes 
und der Zeit überlassen ist, dem alle Vortheile zufallen, welche 
Ueberraschung und überlegene Concentration bieten können, ein be- 
deutendes rein materielles Uebergewicht ; und dann sind es hier doch 
nicht blos materielle Factoren, auf deren Ueberlegenheit man rechnet, 
sondern mit Recht darf man hoffen, durch überlegene Klarheit der 
Disposition und überlegene Energie der Ausführung, welch' Letztere 
dem Angreifenden, als dem sich stärker Fühlenden, in den meisten 
Fällen von selbst innewohnt, das Glück zu fesseln. Auch abgesehen 
aber von alle dem, dürfte es doch gewiss eine von Niemanden ver- 
tretene Ansicht sein, dass man ein Schwert deshalb überhaupt nicht 
benutzen dürfe, weil es möglicher Weise springt, um ein Gleichniss 
anzuwenden, welches der mehrerwähnte Verfasser der „Studien" 
ebenso treffend wie bezeichnend gewählt bat, und der mögliche Ein- 
wurf, dass man im Kampfe ebenso wenig im Voraus auf den Sieg 
rechnen könne, wie beim Patrouilliren auf den Vortheil, der einem 
durch überlegene Schnelligkeit zufällt, dürfte daher wohl als ein un- 
berechtigter zurückgewiesen werden können. Wenn also der An- 
griff die meisten günstigen Chancen für den, einem ebenbürtigen 
Gegner gegenüber, als unvermeidlich erkannten Kampf bietet, und 
man dem zufolge mit der Aufklärungs- Cavallerie angriffs weise vor- 
geht, so wird sich vor der Front der Armeen eine Reihe von Reiter- 
kämpfen ergeben. 

In die Kategorie des „unnöthigen Bataillirens", um einen Aus- 

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Studien in Bezug auf die Cavallerie. 



druck des groszen Friedrich anzuwenden, können diese wohl kaum 
zu rechnen sein. 

Dieser Gasse können füglich nur diejenigen Gefechte zuge- 
schrieben werden, die sich aus der Rauf- und Kampflust der ein- 
zelnen Führer ergeben, und durch solche ist allerdings Nichts zu 
erreichen. Etwas Anderes ist es aber, wenn man den Gegner nach 
einem von der oberen Führung entworfenen Plan angreift, und bei 
der Ausführung desselben sämmtliche Führer sich dessen bewusst 
sind, was man mit dem Angriffe bezweckt: nämlich die feindlichen 
Beobachtungs- und Verschleierungstruppen hinter ihre Hauptmacht 
zurück zu werfen, das Gelände zwischen beiden Heeren zu behaupten, 
und sich dadurch die Möglichkeit zu erkämpfen, wirklich erfolg- 
reich zu sehen, d. h. nicht nur des Feindes Aufklärungstruppen, 
sondern dessen Hauptmacht ständig zu beobachten; was so lange 
unmöglich ist, so lange die feindliche Reiterei noch als Schleier vor 
dieser letzteren steht. 

Das vorherige Planen des Kampfes also und das Bewusst- 
sein dessen, was man durch denselben erreichen will, geben das 
Kriterium für dessen taktischen Werth, und dieser geplante Kampf, 
mit der Absicht das Sehen zu ermöglichen, ist, wie wir nachzuweisen 
versucht haben, das hauptsächlichste Mittel, genügend aufzu- 
klären. Dies schlieszt natürlich nicht aus, dass man da, wo die Ver- 
schleierung des Feindes lückenhaft ist, durch List und Schlauheit 
zum Ziele zu gelangen sucht. 

Nur darf man nie vergessen, dass das eben nur dann möglich 
sein wird, wenn der Gegner Fehler macht — und auf solche kann 
man im concreten Falle nur rechnen, wenn man den speciellen 
Charakter des Feindes erkannt hat; bei einer theoretischen Erörte- 
rung der Verfahrungsweise aber gewiss nicht. 

Mit vollem Rechte glauben wir daher die Forderung aufstellen 
zu müssen: Kein defensives, ein offensives Aufklärungs- 
system ist das, was Noth thut; und zwar ohne Rücksicht darauf, 
ob der Krieg im Allgemeinen in offensiver oder defensiver Weise 
geführt werden soll — ob die Armeen zum Angriffe vorrücken oder 
sich zur Vertheidigung concentriren. 

Offensiv wird die Aufklärungs-Cavallerie in Zukunft unbedingt 
verfahren müssen, und es fragt sich nun noch, wie sie dabei im All- 
gemeinen wird zu disponiren haben, welchen Grundsätzen sie nach- 
zustreben bemüht sein muss. 

Zunächst muss ein zweckloses Kämpfen selbstverständlich 
ausgeschlossen bleiben; denn wenn auch die Besiegung der feind- 



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Studien in Bezug auf die Cavallerie. 117 

liehen Reiterei an sieh, wie oben erörtert, ein Vortheil ist, so ist in 
dem fraglichen Stadium des Krieges das Sehen doch unbedingt von 
ganz überwiegender Bedeutung; und ein System, welches jeden 
Unterführer, jeden Patrouillenführer anwiese, überall den Feind zu 
suchen, um demselben gröszere oder kleinere Verluste beizubringen, 
wäre gewiss das Verwerflichste. 

Dann wird der beabsichtigten Offensive bier, wie überhaupt 
immer, eine allgemeine Recognoseirung der feindlichen Aufklärungs- 
linie vorausgehen müssen, auf deren Ergebnisse der Angriffsplan zu 
basiren sein wird. 

Es wird darauf ankommen diese, niemals gewaltsame, Erkundung 
möglichst frühzeitig ins Werk zu setzen, und dürfte es sich daher 
empfehlen, in dem Moment, wo die Fühlung mit dem Feinde ge- 
wonnen ist, durch weites Aussenden zahlreicher Patrouillen sich vor- 
nehmlich über die Frontausdehnung, womöglich auch über die Stärke- 
verhältnisse des Gegners an den einzelnen Punkten Sicherheit zu 
verschaffen und das Terrain zu erkunden. 

Was aber den Angriff selbst anbetrifft, so wird ein offensives 
Vordrängen auf der ganzen Berührungslinie mit dem Feinde offenbar 
den gewünschten Erfolg nicht ergeben. Es wird dabei besten Falls 
ein Ausringen der gegenseitigen Kräfte herauskommen, ähnlich wie 
das beim Entscheidungskampfe in der Treffenschlacht der Fall ist. 

Dabei würden doch schlieszlich nur die materiellen Factoren 
oder gar der Zufall entscheidend sein. 

Es wird also hier ebenso wie in der Schlacht darauf ankommen, 
auf dem einen Theile der Beobachtungslinie defensiv sichernd 
zu verfahren und hier alle Vortheile, die sich durch Schleich- und 
Umgehungspatrouillen, also durch Schnelligkeit und Findigkeit er- 
reichen lassen, möglichst auszunutzen; den Angriff aber auf ge- 
wisse Punkte zu concentriren, und auf diesen mit solcher Schnellig- 
keit, Macht und Energie aufzutreten, dass es gelingt die Vortheile, 
welche Offensive und Initiative bieten, einem überraschten, nicht ge- 
hörig vorbereiteten und verhältnissmäszig sehr ausgedehnt stehenden 
Gegner gegenüber auszunutzen, um dann, wenn derselbe endlich 
auch seine Hauptkräfte an dem bedrohten Punkte gesammelt hat, 
das Uebergewicht der bereits errungenen Erfolge und des daraus 
resultirenden Kraft- und Sieges-Bewusstseins in die Wagschale des 
Kampfes werfen zu können. 

Man werfe nicht ein, dass man gegen die lange Linie der ver- 
schleiernden feindlichen Reiterei leicht Luftstösze führen könne. 

Einmal wird die allgemeine Vertheilung der Communicationen 



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Studien in Bezug auf die Cavallerie. 



und groszen Waffenplätze auf dem voraussichtlichen Kriegstheater, 
sowie die vorhergegangene Recognoscirung genügende Anhaltspunkte 
für die Muthmaaszung des Aufenthaltsortes der feindlichen Massen 
geben, um darauf hin ein Vorgehen ins Leere vermeiden zu können 
Dann liegt in einer energisch mit entsprechender Massenentwickelung 
geführten Offensive eine derartige Anziehungskraft, dass sie dem 
Gegner unbedingt das Gesetz vorschreibt und ihn zwingt ihr ent- 
gegen zu treten. Endlich bleibt es dem Angriffe ja unbenommen 
noch beim Vorgehen, den durch die weit und verwegen vorschwei- 
fenden Patrouillen genauer und richtiger bekannt gewordenen Ver- 
hältnissen gemäsz, seine Richtung zu ändern. 

Man werfe ferner nicht ein, dass der Feind ja nur einige wenige 
Infanterie zu verwenden brauche, um das ganze Gelingen eines 
solchen Angriffs zu vereiteln. 

Auch dieser Einwurf dürfte illusorisch sein. Denn erstens wird 
im Allgemeinen auch die feindliche Reiterei im Raumgewinne einen 
Vortheil gesucht haben, wird also wohl nicht Infanterie so nahe 
hinter sich zur Disposition haben, um dieselbe für die kurzen Ent- 
scheidungsmomente des Reiterkampfes noch verwerthen zu können; 
zweitens ist es der Cavallerie vermöge ihrer groszen Unabhängigkeit 
vom Räume bei nicht allzu ungünstigem Terrain, Defileen u. s. w. 
leicht möglich Infanterie-Abtheilungen vollkommen zu ignoriren und 
einfach zu umgehen — wo dann die feindliche Reiterei ihr folgen 
muss, wenn sie die Verschleierung nicht aufgeben will. — Zieht end- 
lich die Letztere es vor, auf selbstständiges Handeln verzichtend, 
sich ohne Unterstützung durch Infanterie auf keinen Kampf einzu- 
lassen, dann kann man im Allgemeinen so nahe an den Feind heran- 
gehen, dass der Aufklärungszweck nunmehr auch ohne Gefecht er- 
reicht ist, und es jetzt wohl thunlich erscheint, wenigstens alle 
gröszeren Bewegungen des Gegners entweder unmittelbar von der 
innehabenden Stellung aus, oder, bei nunmehr bedeutend verringerten 
Distancen und bracbgelegter selbstständiger Thätigkeit der gegneri- 
schen Reiterei, durch Schleich- und Umgehungs- Patrouillen, welche 
nur sehen sollen, ausreichend, d. h. immerwährend und zusammen- 
hängend zu beobachten ; wie auch überhaupt die Patrouillen-Thätig- 
keit nicht nur während des Vorgehens und des Gefechtes eine un- 
ausgesetzte sein muss, sondern auch nach gelungenem Zurückdrängen 
des Gegners die faktische Beobachtung eben nur wieder durch 
Patrouillen möglich ist. 

Die Anwendbarkeit eines solchen Offensiv-Verfahrens scheint 
somit wohl auszer Frage zu stehen. 



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Stadien in Bezug auf die Cavallerie. 119 

Es wird nun noch auf die praktische Wahl der Punkte an- 
kommen, gegen die man den Angriff zu führen haben wird, der 
Richtung, die man dem Auf klärungs- Vorstosze anweisen will. Dabei 
wird man nicht nur das Terrain in Bezug darauf zu berücksichtigen 
haben, inwieweit es gangbar und übersichtlich ist, und die Be- 
obachtung begünstigt ; man wird sich auch den feindlichen Truppen- 
körpern, auf deren Beobachtung es nach Ueberwindung der feind- 
lichen Verschleierungskräfte ankommt, also der feindlichen Haupt- 
macht von einer Seite nähern müssen, wo dieselben einerseits eine 
möglichst geringe Widerstandsfähigkeit besitzen, andererseits einen'* 
möglichst ausgedehnten Einblick in das innere Getriebe der feind- 
lichen Heeresmaschine gestatten. Den Angriff so zu richten, dass 
er diesen Anforderungen entspricht, ist die allerdings schwierige 
Aufgabe. 

Das Terrain freilich, wenn es sich auch classificiren lässt, spottet 
jeder darauf zu gründenden Theorie, selbst der allgemeinsten ; was 
aber den andern Punkt anbetrifft, so liegt auf der Hand, dass die 
in beiden angeführten Hinsichten verwundbarsten Punkte des feind- 
lichen Heeres im Allgemeinen dessen Flanken sein werden. 

Greift man die feindliche Beobachtungs-Reiterei im Centrum ihrer 
Ausbreitung an, so wird man hinter derselben meist auf eine wohl- 
organisirte Infanterie-Sicherungslinie stoszen und als Resultat der Auf- 
klärung werden sich wohl allgemeine Nachrichten Uber Ausdehnung, 
Stärke und Aufstellung des Gegners ergeben, niemals aber, oder nur 
in den seltenen Fällen, wo das Terrain eine bedeutende Fernsicht 
ermöglicht, Beobachtungen, welche Anhaltspunkte für die Beurtei- 
lung der feindlichen Absichten darbieten. Auch ist ein gegen dieses 
Centrum geführter Stosz stets der Umfassung ausgesetzt. Ein 
gegen den Flügel der Beobachtungslinie gerichteter Angriff dagegen 
hat dies nicht zu befürchten, umfasst sogar in vielen Fällen selbst — 
und hat sich einmal eine gröszere Reitermasse nach Ueberwindung 
der gegnerischen Verschleierungstruppen in der Flanke des stehen- 
den oder marschirenden gegnerischen Hauptheeres eingenistet, stark 
genug sich in dessen unmittelbarer Nähe behaupten zu können — 
wozu sie nunmehr wohl im Stande ist, da sie vermöge ihrer Be- 
weglichkeit, wir möchten sagen Flüssigkeit, durch Infanterie resp. 
Artillerie nicht dauernd zu delogiren ist und die feindliche Reiterei, 
in einer Reihe von Kämpfen überwunden, nicht mehr in Frage 
kommt — , so können derselben Wahrnehmungen über des Feindes 
Handeln, wie wir sie fllr wünschenswerth und nöthig erachten, wohl 
kaum entgehen. Auszerdem aber wird ihr dort auch die Möglichkeit 



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120 Studieu in Bezug auf die Cavallerie. 

geboten sein, die rückwärtigen Verbindungen der gegnerischen Armee 
nicht nur zu beobachten, sondern häufig auch zu stören und zu unter- 
brechen, und die BedeutuDg einer derartigen Thätigkeit darf gewiss 
nicht unterschätzt werden. 

In die Flanke der feindlichen Armee also muss man zu ge- 
langen suchen. — Es wird dies dadurch zu erreichen sein, dass man 
einen Flügel der feindlichen Beobachtungslinie angreift und 
wirft — und zwar wird sich derjenige in diesem Falle als der 
decisive erweisen, auf welchen das Terrain und die allgemeine 
'Kriegslage hinweisen. 

So denken wir uns denn die Thätigkeit der Aufklärungs-Reiterei 
nach gewonnener Fühlung mit dem Feinde folgender Gestalt: 

Defensives Verhalten des einen Theils meist dem Centrum und 
eventuell einem Flügel der feindlichen Vortruppenlinie gegenüber, 
ganz im Sinne der Scherff sehen Theorie. 

Offensiven, mit Massen und Energie ausgeführten Vorstosz des 
anderen Theils, aus der eigenen Linie, auf deren einem resp. beiden 
Flügeln die dazu bestimmten Schaaren concentrirt waren, heraus, wo- 
möglich gegen einen, eventuell beide feindlichen Flügel, nur im Notk- 
falle — bei besonders ungünstigem Terrain in den Flanken der feind- 
lichen Beobachtungslinie, z. B. — gegen das Centrum; Vordringen der 
ganzen Linie, sobald die Offensiv-Cavallerie mit dem Gegner ernst- 
lich in Contact gekommen ist. — Endlich, wenn dieser entscheidend 
geworfen und hinter die Infanterie zurückgetrieben ist, Festsetzen 
so nahe, wie möglich, am Feinde und fortdauernde zusammenhängende 
Beobachtung der gegnerischen Armee durch zahlreiche kleine Pa- 
trouillen aus unmittelbarster Nähe. 

Um diese Idee jedoch zur Grundlage eines praktischen Ver- 
fahrens machen zu können, werden zwei Anforderungen unbedingt 
gestellt und erfüllt werden müssen. Einmal wird die ganze in selbst- 
ständige Abschnitte getheilte Cavallerie-Aufklärungslinie in ihrer 
Gesammtheit direct der obersten Heeresleitung unterstellt sein müssen: 
weil sonst die einheitliche Durchführung einer solchen combinirten 
Thätigkeit ganz unmöglich ist; — und es ist das eine Forderung, 
die ja auch aus anderen, hier wohl nicht mehr näher zu erörternden 
Gründen, als unbedingt nothwendig erscheint. — Zweitens wird man 
von Anfang an die Cavallerie den bezweckten defensiven und offen- 
siven Aufgaben gemäsz theilen müssen. Denn wollte man von ein 
und derselben Abtheilung beide Arten der Thätigkeit zugleich ver- 
langen, dann läge allerdings die Gefahr nahe den negativen Zweck 
der Verschleierung und Sicherung der eigenen Armee nicht mehr 



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J 



Studien in Bezug auf die Cavallerie. 121 

t 

genügend zu erreichen, während bei getheilter Arbeit die Lösung 
auch dieses Theils derselben als vollkommen gesichert erscheint. 

Es könnte hier die Frage aufgeworfen werden, ob z. B. unsere 
Deutsche Reiterei numerisch in der Lage wäre, ein solches Verfahren 
praktisch durchzuführen, ob sie nicht nur eben zu einer Ver- 
schleierungslinie der Armeen ausreichen wird? Wir glauben 
jedoch, dass die Widerlegung einer etwaigen dahin zielenden Be- 
hauptung schon in dem bereits Entwickelten liegt. 

Denn wenn man zugiebt, dass der Kampf mit der gegnerischen 
Reiterei unvermeidlich ist, und dass die Offensive die günstigsten 
Chancen für denselben bietet — was wir Beides nachzuweisen ver- 
sucht haben — , so wird gerade der numerisch Schwächere um so 
mehr auf den Angriff, im Gegensatz zu der weniger vortheilhaften 
Defensive, angewiesen sein, selbst auf die Gefahr hin seine defensive 
Front zu schwächen. Wenn der Gegner diese auch durchstöszt, so 
wird ihm immerhin noch kein so sehr bedeutender Vortheil daraus 
erwachsen. Erstens wird er dann nur auf die Front der entgegen- 
stehenden Hauptmacht stoszen, was ihm, wie oben dargethan, meist 
noch keinen genügenden Einblick gestatten wird, und dann ist er 
nach einem solchen Durchbruche zu sehr der Gefahr der Umfassung 
ausgesetzt, um nicht bald wieder zurückgehen zu müssen. 

Glaubt man sich daher zu der Befürchtung veranlasst, dass die 
eigene Reiterei der feindlichen numerisch nicht gewachsen ist, so 
liegt unserer Auffassung nach hierin nur eine Aufforderung mehr, 
von vorn herein offensiv zu verfahren. 

Nur wird mau von Anfang an seine gesammte Reiterei 
in erster Linie verwenden müssen, und um so entschiedener jede 
Halbheit, alles Demonstrative aus seinem Handeln bannen. Von der 
Führung wird man die höchste Energie erwarten, in der Truppe 
aber wird sich ein Geist bewusster Kühnheit entwickeln müssen, — 
und die vorhandene Grundlage zu dieser Entwickelung ist in der 
Deutschen Reiterei eine vorzügliche — der sich nicht scheut in einer 
bedeutenden Absicht auch etwas Bedeutendes, ja, sei es Alles ein- 
zusetzen, der den Kampf sucht, im Kampfe selbst aber Selbst- 
beherrschung genug bewahrt, um nicht nur im materiellen Siege 
allein, sondern in dem, durch den Sieg noch zu erreichenden Zweck 
das Hauptmotiv ihrer Thätigkeit zu erblicken, und der nach diesem 
Gesichtspunkte selbst die Grenzen seines Handelns sich zu stecken 
weisz Denken wir uns aber in diesem Sinne vom ersten Be- 
rtihrungsmoinente mit dem Feinde an die hier betrachtete Aufgabe 
der Reiterei aufgefasst, begonnen und durchgeführt, dann wird die- 



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122 Studien in Bezug auf die Cavallerie. 

< 

selbe in einer Weise gelöst werden können, die allen Anforderungen 
zu entsprechen im Stande sein wird. Dann wird, wenn sich die 
einander gegenüberstehenden Armeen immer mehr und mehr con- 
centriren, indem sie sich einander nähern, bis sie sich endlich zur 
letzten Entscheidung zur Schlacht dicht gegenüber stehen, auch die 
Reiterei dich da befinden, wo sie hingehört, nämlich dicht am Feinde, 
genau orientirt über Stellung oder Anmarsch- und Angriffs-Richtung 
des Gegners. Die Möglichkeit aber, dass die Cavallerie im Kampfe 
mit der gegnerischen unterlegen, dass man dann für die Schlacht 
so gut wie ganz seiner Cavallerie beraubt sein könne, darf die Ent- 
schlieszungen in keiner Weise beeinflussen. 

Die Mittel, die einem zu Gebote stehen, muss man nach seinem 
besten Wissen verwenden, unter den möglich günstigsten Bedingun- 
gen zur Action bringen; sind diese Mittel selbst absolut unzu- 
reichend, so kann der genialste Führer das nicht ersetzen. Das 
Vertrauen zu der Güte des Materials muss die Grundlage jeder 
theoretisch zu erörternden Verfahrungsweise bilden — wir leben aber 
der Ueberzeugung , dass gerade die Deutsche Reiterei dieses Ver- 
trauen niemals täuschen, dass sie vielmehr, wenn gut geführt, am 
Tage der Schlacht wirklich bereits siegreich auf dem Felde der Ent- 
scheidung stehen wird, bereit zu dem ruhmreichsten und blutigsten 
Theile ihrer Thätigkeit, den sie sich jedoch bereits bedeutend wird 
erleichtert haben, zu ihrer 

Thätigkeit in der Schlacht, 

Wir haben schon oben darauf hingewiesen, dass das Streben 
jeder cavalleristischen Thätigkeit in der Schlacht darauf gerichtet 
sein muss, in dem entscheidenden Theile des Gefechts, also in dem 
Gefechte der Infanterie zur Wirkung zu gelangen. 

Diese Einwirkung nun kann sehr verschiedener Natur sein. 

Die Reiterei kann entlastend, Erfolge ausnutzend, oder endlich 
Gefechte, ja selbst Schlachten entscheidend auftreten. 

Es wird darauf ankommen, dieselbe erstens in der Breiten-, 
zweitens in der Tiefen -Ausdehnung der Schlachtlinie derart zu 
vertheilen, dass sie ä portee steht, wenn diese Aufgaben an sie 
herantreten. Da es aber in der Natur der Sache liegt, dass die 
gegnerische Reiterei versuchen wird, sie an der Lösung dieser Auf- 
gabe zu bindern, ebenso wie sie selbst häufig der feindlichen Ca- 
vallerie gegenüber in die nämliche Lage kommen wird, da sich also 
innerhalb oder neben dem Infanteriegefechtc Cavalleriegefechte er- 
geben werden, so wird es ferner Aufgabe sein, Masse und Kampf- 



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Studien in Bezug auf die Cavallerie. 123 

weise der eigenen Cavallerie so zu normiren, dass man einen 
Krafttiberschuss möglichst garantirt, um trotz der Verhinderung 
durch die Reiterei des Feindes den ursprünglichen Zweck unmittel- 
barer Einwirkung auf das Infanteriegefecht dennoch erreichen zu 
können. 

Eine nähere Specialisirung der Masse entzieht sich natürlich 
jeder allgemeinen Betrachtung, die keinen speciellen Fall im Auge 
hat — der Kampf weise gedenken wir in einem späteren Ab- 
schnitte mit einigen Worten näher zu treten; hier wollen wir uns 
darauf beschränken, die Vertheilung der Reiterei und deren Ver- 
halten imGroszen und Ganzen ins Auge zu fassen, und wenden 
uns dabei zunächst zur Betrachtung des ersten Punktes, zu der Frage, 
wie die Cavallerie der Schlachtlinie, der Breiten- Ausdehnung nach, 
einzufügen sein wird. 

Es ist klar, dass die Gelegenheit, entlastend oder partielle Er- 
folge ausnutzend aufzutreten, der Cavallerie auf der ganzen Aus- 
dehnung einer abstract gedachten Gefechtslinie geboten werden 
kann, und es ist damit bei der unter modernen Verhältnissen im 
Allgemeinen bedeutenden Länge dieser Linie die Notwendigkeit 
gegeben, Cavallerie hinter derselben so zu disponiren, dass sie 
überall, wo sie nöthig wird, rechtzeitig eingreifen kann. 

Man hat nun zunächst versucht, diesem Bedürfnisse durch ein 
Zutheilen von Reiterei zu den kleinsten selbstständigen Gefechts- 
einheiten, also durch die Divisions- Cavallerie zu genügen. Dieser 
Versuch hat sich jedoch als ziemlich resultatlos erwiesen. Denn es 
hat sich herausgestellt, dass unter modernen Gefechtsverhältnissen 
die Divisions-Cavallerie viel zu schwach ist, um solchen Aufgaben 
gerecht werden zu können, dass die Grenzen ihrer Thätigkeit, 
wenn sie dieselbe nicht im Anschlüsse an gröszere Reiterschaaren 
sucht, bedeutend enger gezogen werden müssen und eine wirkliche 
erfolgreiche Schlachtenwirkung im Allgemeinen nicht umfassen 
können. Einmal wird die Divisions-Cavallerie, durch zahlreiche 
Abcommandirungen von Ordonnanzen, Gefechts-Patrouillen u. s. w. 
geschwächt, meist eine nur geringe Eüectivstärke ins Gefecht bringen ; 
dann ferner ist ein Cavallerie Regiment vielleicht wohl stark genug, 
einen momentan immerhin schon ganz bedeutenden Erfolg zu er- 
zielen, gewiss aber zu schwach, um denselben in einer 
Schlacht, in dem ringsumherwogenden Kampfgettimmel zeitlich 
so auszudehnen, dass es den anderen Waffen möglich wird, den er- 
rungenen Vortheil räumlich auszunutzen; endlich wird man noch 
berücksichtigen müssen, dass doch sehr häufig sogar eine TbrJIung 

i 



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124 



Studien in Bezog auf die Cavallerie. 



auch noch dieses einen Regiments, eine Zutheilung einzelner Schwa- 
dronen zu den eventuell flügelweise verwendeten Infanterie-Brigaden, 
zu partiellen Flankendeckungen, Aufrechterhaltung der Verbindungen, 
kleineren örtlichen Recognoscirungen und ähnlichen Aufgaben nöthig 
werden kann, die das eigentliche Feld für die Tbätigkeit der Di- 
visions-Cavallerie ausmachen, und dass dabei von einer irgendwie 
erheblichen Gefechtswirkung natürlich gar nicht mehr die Rede 
sein kann. 

Es ist daher das Bedürfniss gewiss als ein gerechtfertigtes an- 
zuerkennen, gröszere Reitermassen hinter der Schlachtlinie zur 
Disposition zu haben, wenn man mit seiner Cavallerie Erfolge er- 
zielen will, die der Infanterie wirklich ihre schwere Aufgabe er- 
leichtern. 

Aber auch solche gröszere Massen werden stets noch schwer- 
wiegende Opfer bringen müssen, um den Anforderungen gerecht zu 
werden, die hier an sie gestellt werden. Denn hier, wo sie von 
hinten durch die Gefechtslinie hindurchgezogen werden müssen, kann, 
abstract betrachtet, ihre Wirkung nur eine frontale sein. Ein 
Frontalangriff aber, leicht gegen eine einzelne Infanterietruppe, 
bei der in Zukunft, bei den taktischen Formen der Neuzeit, Front 
und Flanke wohl als gleich widerstandsfähig angesehen werden 
müssen, wohl aber gegen eine ausgedehnte Gefechtslinie geführt, ist 
stets der Umfassung ausgesetzt und bietet sämmtlichen gegnerischen 
Truppen, die überhaupt das Attackenfeld mit ihrem Feuer noch er- 
reichen können, die Möglichkeit, dasselbe nach der entsprechenden 
Richtung concentrisch wirken zu lassen, wo der Effect dann ein ge- 
waltiger sein muss; und wenn nun auch im concreten Falle 
das Terrain oder die Gefechtsverhältnisse so günstig gestaltet sein 
können, dass sie entweder eine Deckung der Flanken oder eine 
partielle UeberflUgelung des Gegners gestatten, was übrigens gewiss 
nur selten der Fall sein wird, so kann ein derartiger Umstand bei 
der theoretischen Truppenvertheilung natürlich nicht in Rechnung 
gebracht werden. 

Es ist daher, da man sich nie Verlusten aussetzen darf, die zu 
den möglichen Erfolgen nicht in Proportion stehen, unmittelbar klar, 
dass man einerseits in der angegebenen frontalen Weise seine 
Cavallerie nur in so weit wird verwenden dürfen, als es durch die 
Verhältnisse geboten erscheint, so weit es zur Unterstützung der 
Infanterie oder zur Erreichung eines ohne Cavallerie nicht in dem- 
selben Maasze zu erzielenden Erfolges nothwendig ist; — dass 
nt&'A^odererseits aber zu dem positiven Wunsche gelangen wird, die 



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1.« 



Studien in Bezug auf die Cavallerie. 125 

Hauptmasse seiner Reiterei gegen Theile der feindlichen Schlacht- 
linie zu verwenden, wo von Hause aus durch die Natur der Sache 
ein Umfassen des Reiterangriffs das so verderbliche Concen- 
triren des feindlichen Feuers gegen denselben ausgeschlossen ist. 

Solche Theile sind aber, abstract betrachtet, nur die beiden 
Flanken der gesammten gegnerischen Aufstellung. Gegen diese 
Flanken also muss man seine Reiterei in Thätigkeit zu bringen 
suchen, und es liegt auf der Hand, dass sie dieses Ziel am kürzesten 
erreichen wird, wenn sie von vorne herein den Flügeln der eigenen 
Linie angehängt ist, welche sie doch umgehen muss. 

Wenn schon aus diesen allgemeinen Anschauungen die Vor- 
th eile klar werden dürften, welche es bietet, Cavallerie an die 
Flügel zu disponiren, so ergiebt sich die Nothwendigkeit einer 
solchen Verwendung der Reiterei aus folgender Betrachtung noch mehr. 

Wenn wir oben die Behauptung aufgestellt haben, dass bei ganz 
abstracter Auffassung die Gelegenheit, entlastend oder partielle Er- 
folge ausnutzend aufzutreten, der Cavallerie auf der ganzen Aus- 
dehnung des Schlachtfeldes geboten werden kann, so wird sich diese 
primitive Anschauung einigermaaszen ändern, sobald man die von 
Herrn Major von Scherff so klar entwickelten Begriffe von Decisiv- 
und Demonstrativ-Flügel in die Betrachtung einführt. 

Diesen Begriffen aber muss man Rechnung tragen, da, wie wir 
wenigstens glauben, in Zukunft jede planmäszig angelegte Schlacht, 
sei dieselbe eine defensive oder offensive, sich im Groszen und 
Ganzen denselben gemäsz abspielen und in den tiberwiegend meisten 
Fällen auf einem Flügel die Entscheidung gesucht werden und 
fallen wird. 

Ist dies aber der Fall, dann wird in der bisher betrachteten 
Weise, sowohl in Bezug auf den Zweck ihrer Thätigkeit, als auch 
in Bezug auf ihre zu derselben erforderliche Stellung hinter der 
Schlachtlinie unserer Ueberzeugung nach die Cavallerie meist nur 
auf dem Demonstrativ-Flügel zur Verwendung kommen, 
während auf dem Decisiv-Flügel das Wesen ihrer Thätigkeit 
und daher in vieler Hinsicht auch ihre Stellung durchaus verschieden 
sein werden. 

Denn auf dem Demonstrativ-Flügel, wo sich meist eine 
Reihe von einzelnen Gefechten abspielen wird, in denen es gilt mit 
verhältnissmäszig schwachen Infanterie-Massen möglichst bedeutende 
feindliche Streitkräfte festzuhalten, wird offenbar einerseits die In- 
fanterie häufig in die Lage kommen einer Unterstützung zu be- 
dürfen, also die entlastende, partielle Erfolge ausnutzende oder partiell 

Jahrbücher f. d. Deutsche Armee u. Murine. Band XIII. 9 



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126 



Studien in Bezug auf die Cavallerie. 



deckende Thätigkeit der Reiterei in Anspruch zu nehmen, und wird 
andererseits der dazu erforderlichen Cavallerie ihre Stellung hinter 
der Schlachtlinie angewiesen werden müssen, weil dieser Flügel 
räumlich stets den bedeutend gröszeren Theil der Schlachtlinie ein- 
nehmen wird und daher ein Anhängen der Reiterei an den äuszeren 
Flügel ein unmittelbares Eingreifen derselben in allen Theilen der 
gesammten Linie unmöglich machen würde — womit übrigens nicht 
gesagt sein soll, dass, wenn man über genügende Cavallerie-Masseu 
verfügt und das Terrain dazu auffordert, es fehlerhaft wäre, zum 
Schutz dieses Flügels eine Reitertruppe an dessen äuszere Flanke 
zu disponiren, dann jedoch nur mit defensiver Absicht und danach 
zu bemessender Stärke, da dies sogar unter Umständen recht vor- 
teilhaft sein kann. 

Auf dem Decisiv-Flügel dagegen liegen die Sachen anders. 

Hier, wo nach langdauernder Anbahnung und Einleitung ein 
mächtiges Ringen, ein zusammenhängender, gewaltig umfassender, 
bis zur höchsten Intensität gesteigerter Angriff und eine gleichartige 
Vertheidigung die Entscheidung herbeiführen sollen, hier wird einer- 
seits die Infanterie mit solchen Massen und mit solch' einheitlichem 
Zwecke auftreten, dass von einer partiellen Wirkung der Reiterei, 
in nämlichem Sinne wie in dem Demonstrativgefechte, von einer 
secundaircn Thätigkeit derselben, wie in jenen anderen Fällen, 
wo sie im Wesentlichen nur die Erschlaffungsmomente der Infanterie 
durch ihr Eingreifen auszufüllen oder deren Stoszkraft fortzusetzen 
berufen ist, im Allgemeinen nicht die Rede sein kann — und es 
wird daher hier, wo alle disponiblen Kräfte gleichzeitig ein- 
gesetzt werden müssen, um den Erfolg zu erzwingen, auch der 
Reiterthätigkeit von Hause aus die positive Absicht zu Grunde liegen 
müssen, bei der Entscheidung mitzuwirken und selbst eine ent- 
scheidende zu sein. — Andererseits wird nicht nur die verhält- 
nissmäszig geringere räumliche Ausdehnung des Decisivgefechts es 
der Cavallerie möglich machen, auch vom Flügel aus unmittelbar 
in dasselbe einzugreifen, sondern die Notwendigkeit auch in der 
Zeit mit den anderen Waffen zusammenwirken zu können, wird ihr 
ihre Stellung unbedingt neben denselben anweisen. 

Aber auch noch andere Rücksichten sprechen hier mit und führen 
uns zu demselben Schlüsse. 

Erstens wird es nöthig sein, die offene Flanke der eigenen In- 
fanterie gegen jede Art von umgehendem Angriffe, besonders durch 
die feindliche Reiterei zu schützen, diese letztere also möglichst bald 
unabhängig vom Infanteriegefechte zu schlagen; dann ist klar, dass 



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Studien in Bezug auf die Cavallerie. 127 

ein auf des Feindes Flanke und Rücken, womöglich schon im Ver- 
laufe der Einleitung, immerwährend geübter Druck eine fortwährende 
Bedrohung, eventuell Schädigung desselben, an seiner schwächsten 
Stelle in hohem Grade lähmend auf sein Handeln einwirken muss. 

Endlich wollen wir noch auf den directen Nachtheil hinweisen, 
den es mit sich bringen muss, Reiterei hinter dem Decisiv-Flügel 
aufzustellen. 

Ein solches Verfahren würde doch nur dann überhaupt eine Be- 
rechtigung haben, wenn man zum Angriffe diese Cavallerie durch 
die Infanterie und Artillerie hindurch vorführen wollte. Das aber 
würde nicht nur der hier so wichtigen Tiefen-Entwickelung der In- 
fanterie räumlich hinderlich sein, sondern ein Durchziehen durch die 
anderen Waffen würde hier, wenn auch nicht unmöglich, so doch 
gewiss sehr schwierig sein, und würde, was die Hauptsache ist, die 
Feuerwirkung der letzteren wesentlich beeinträchtigen und schliesz- 
lich maskiren, so dass im Momente der Krisis ein zeitliches Zu- 
sammenwirken jedenfalls ausgeschlossen bliebe. Wir müssen es 
daher als einen von der Notwendigkeit gebotenen Grundsatz hin- 
stellen, einen Theil Cavallerie hinter den Demonstrativ-Flügel, einen 
anderen an die äuszere Flanke des Decisiv-Flügels, und zwar diesen 
letzteren beim Angreifer, wie beim Vertheidiger mit offensiver Ab- 
sicht zu disponiren. 

Auszerdem aber wird bei der Vertheilung der Cavallerie zur 
Schlacht noch ein anderer Moment berücksichtigt werden müssen, 
nämlich der offensive Gegenstosz des Vertheidigers und die 
Maaszregeln des Angreifers gegen denselben. 

Dieser Theil des Schlachtendrama's wird sich wohl meist, weil 
für den Vertheidiger am vortheilhaftesten, auf dem inneren Flügel 
des Hauptangriffs der Offensive abspielen; seltener auf dem äuszeren. 

Es wird aber in beiden Fällen der äuszeren Flügel-Cavallerie 
nicht möglich sein, sowohl gegen die im Entscheidungsmomente 
zunächst in Action getretenen Truppentheile, als auch gegen die zum 
Gegenstosze resp. zu dessen Abwehr verwendeten Reserven un- 
mittelbar zur Wirkung zu gelangen. Es dürfte daher für den 
Angreifer sowohl, als für den Vertheidiger, um gegen die in beiden, 
in einen groszen Kampf zusammenflieszenden und dann die Ent- 
scheidung herbeiführenden Actionen verwandten feindlichen Massen 
auftreten zu können, geboten erscheinen, hierzu auch zwei getrennte 
Reiterhaufen aufzustellen: auszer der äuszeren Flügel-Cavallerie 
also auch an der inneren Flanke des Decisiv-Flügels Reitermassen 
bereit zu halten. 



• 

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128 



Studien in Bezug auf die Cavallerie. 



Diesen wird es im Vorbereitungs-Stadium der Schlacht natürlich 
unbenommen bleiben, den Umständen angemessen auch im Sinne der 
hinter dem Demonstrativ-Flügel aufgestellten Reiterei einzugreifen; 
ja man wird das sogar mit Bestimmtheit von ihr verlangen müssen, 
da während der Dauer der Einleitung die Cavallerie des äuszeren 
Flügels wohl durch das Gefecht mit der feindlichen in Anspruch ge- 
nommen sein wird; die directe Unterstützung der Infanterie des 
Decisiv-Fltigels , wenn dieselbe partiell nöthig werden sollte, also 
nicht von ihr geleistet werden kann. 

Hauptaufgabe der inneren Flügel-Cavallerie bleibt es jedoch 
beim Eintreten der Schlachtenkrisis , im concentrischen Zusammen- 
wirken mit der äuszeren, die glückliche Entscheidung herbeizu- 
führen, oder wenigstens bei derselben mit thätig zu sein, wo das 
überhaupt für Cavallerie möglich ist. 

Wenn wir uns so über die Vertheilung der Cavallerie in der 
Breitenausdehnung der Schlachtlinie klar geworden sind, so bleibt 
uns noch übrig ihrer Stellung in Bezug auf die Tiefenausdehnung 
zu gedenken, d. h. die Frage zu beleuchten, wie nah die Cavallerie 
an die Kampf linie heran bleiben muss, resp. wie weit sie von der- 
selben abbleiben darf, um ihr wirksames Eingreifen nicht zu com- 
promittiren. 

Wir werden uns kurz fassen können, da vieles Wesentliche be- 
reits in anderen Schriften behandelt worden ist. 

Was erstens die äuszere Flügel-Cavallerie anbetrifft, so liegt es 
in der Natur ihres von Hause aus offensiven Zwecks, dass dieselbe, 
wenn es nicht vor der Schlacht schon geschehen ist, in der Flanke 
des Feindes so weit vorgeht, bis sie zunächst dessen Reiterei auf 
sich gezogen hat. Hat sie diese geworfen und mit einem Detache- 
ment derart verfolgt, dass dieselbe nicht wieder zum Ralliiren kommt, 
so schlägt sie nun die Richtung gegen Flanke und Rücken des jetzt 
entblöszten feindlichen Infanterie-Flügels ein, und werden von diesem 
Momente an, in Bezug auf ihr Heranbleiben an den Feind, im All- 
gemeinen dieselben Grundsätze zur Geltung gelangen, wie für die 
hinter der Schlachtlinie disponirte Reiterei. 

Diese Grundsätze also gilt es festzustellen. 

Im Allgemeinen können wir unsere Ansicht dahin aussprechen, 
dass die Cavallerie, wenn ihr das Terrain weiter vorwärts keine 
Deckung gewährt, circa 5000 Schritt von der feindlichen Artillerie 
abbleiben und doch noch rechtzeitig zum Eingreifen herangezogen 
werden kann, wenn ihr Führer das Eintreten des günstigen Attacke- 
moments früh genug vorhersieht; dass sie jedoch stets zu spät 



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i * . 



Studien in Bezug auf die Cavallerie. 129 

kommen wird, um die volle Gunst der Umstände ausnutzen zu können, 
wenn sie erst dann, wenn der günstige Augenblick wirklich ein- 
tritt, aus der genannten Entfernung herangezogen werden muss. 

Denn erstens muss zu den 20 Minuten, die die Reiterei gewiss 
braucht, um die genannte Entfernung zurückzulegen, noch die Zeit 
hinzugerechnet werden, die dazu erforderlich ist, dass der Befehl zum 
Vorgehen sie erreicht, sowie der Aufenthalt, der ihr aus dem Durch- 
ziehen durch Infanterie und Artillerie erwächst — und dann muss 
auch noch bedacht werden, dass sie, wenn sie auch von yorne herein 
das wahrscheinliche Angriffsterrain bei der Wahl ihrer Stellung be- 
rücksichtigt hat, doch durchaus nicht immer senkrecht wird vorgehen 
können ; dass sie einerseits, um eine günstigere Angriffsrichtung zu 
gewinnen, häufig zu Flankenbewegungen und zum Evolutioniren ge- 
zwungen sein kann ; dass sie andererseits, da ihr Eingreifen auf ver- 
schiedenen Punkten einer bedeutend ausgedehnten Linie nothwendig 
werden kann, häufig überhaupt in diagonaler Richtung wird vor- 
gezogen werden müssen. 

Durch Alles das aber werden abermals die zurückzulegenden 
Entfernungen und damit die Zeit verlängert, die sie von dem Fassen 
des bezüglichen Entschlusses bis zum wirklichen Attackiren nöthig 
hat; und es dürfte daher gewiss die Behauptung als eine durchaus 
berechtigte erscheinen, dass der Moment zu diesem Angriffe eine 
geraume Zeit wird vorhergesehen werden müssen, soll ein 
Erfolg möglich sein. 

Wir glauben nun aber, dass ein solches Vorhersehen, wenn es 
auch für „den feinen Kenner des Infanteriegefechts" gewiss möglich 
ist, doch im Gefechte eine äuszerst schwierige Aufgabe sein 
dürfte, und halten es daher für gewiss rationeller, wenn man hier 
nicht nach allzu optimistischen Anschauungen verfährt — es also 
nicht allein auf jenes glückliche Vorhersehen des Augenblicks an- 
kommen lässt, sondern vielmehr auf alle Fälle die Reiterei in 
denjenigen Gefechtsphasen, in denen das Nöthig werden eines 
Eingreifens derselben wahrscheinlich ist, so nahe an die Ge- 
fechtslinie heranzieht, dass sie nunmehr unmittelbar zur Attacke 
vorgehen kann. 

Es erhellt aber sowohl aus allem bisher Gesagten, wie aus der 
durchaus decisiven Natur des Reiterchocs überhaupt, dass ein Ein- 
greifen der Reiterei nur in gewissen Gefechtskrisen erforderlich 
und möglich sein wird, und man kann daher im Allgemeinen den 
Grundsatz aufstellen, dass die Cavallerie während des Einleitungs- 
Stadiums der Gefechte auszerhalb der Verlustsphäre wird bleiben 

I 

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130 



Studien in Bezug auf die Cavallerie. 



dürfen, dass man dieselbe jedoch sofort nafae heranziehen muss, 
sbbald das Feuergefecht aufhört ein, so zu sagen, indifferentes zu 
sein, und jene Spannung in demselben eintritt, welche eine Ent- 
scheidung voraussehen lässt. 

Als diejenige Entfernung aber, bis auf welche die Reiterei nun 
an die Gefechtslinie, hinter ihr oder sie debordirend, herangeführt 
werden muss, möchten wir die Distance von 1500 bis weitestem 
2000 Schritt angesehen wissen und zwar aus doppeltem Grunde; 
nämlich einmal, weil die Cavallerie hier noch vollkommen auszer 
dem Bereiche des irgendwie wirksamen Infanteriefeuers steht, und * 
weil wir glauben, dass auch die Artillerie des Gegners, die in Ge- 
fechtsmomenten, wie den angenommenen, einen groszen Theil ihrer 
Thätigkeit auf die ihr entgegenstehende Infanterie concentriren, und 
sich auszerdem gegen die feindliche Artillerie wehren muss, sich 
nicht veranlasst fühlen wird, einer noch so weit entfernten, stets in 
Bewegung befindlichen Reiterei in einem Maasze ihre Aufmerksam- 
keit zu schenken, dass derselben vernichtende Verluste bei- 
gebracht werden. Dann scheint uns auch mit dieser Entfernung das 
Maximum der Attackenweite — circa 3000 Schritt bis zu den feind- 
lichen Batterien — gegeben zu sein. 

Es ist jedoch klar, dass ein solches Verfahren, ein so weites 
Vorgehen der Cavallerie stets nicht unerhebliche Verluste ver- 
ursachen wird, wenn ihr auch in ihrer Beweglichkeit ein Mittel ge- 
geben ist, die gegnerische Artilleriewirkung bis zu einem gewissen 
Grade zu verringern. 

Wenn man daher einerseits seine Reiterei niemals unnützen 
Verlusten aussetzen darf, wenn man sie nie in Gegenden, deren ab- 
solute Ungangbarkeit für Cavalleriemassen, die unter allen Umständen 
weit und kühn vorzusendenden Eclaireurs mit Gewissheit 
constatirt haben, oder in Gefechten, von denen man voraussehen 
kann, dass sie keine wesentliche Entscheidung ergeben werden, wird 
vorgehen lassen; wenn wir also durchaus nicht für ein plan- 
und rücksichtsloses Vordrängen der Reiterei unter allen 
Umständen plaidiren wollen — so wird doch andererseits in vielen 
Fällen die Cavallerie gewisse Verluste, auch schon vor der Attacke 
selbst, nicht scheuen dürfen Dieselben würden doch nur dann 
ein Weites Abbleiben von der Gefechtslinie, auszerhalb der Verlust- 
sphäre, als gerechtfertigt erscheinen lassen, wenn die Fähigkeit 
der Truppe, noch mit Erfolg zu attackiren, durch sie in Frage 
gestellt würde. 

Ein solcher Zustand der Kampfunfähigkeit kann aber nur dann 



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Studien in Bezug auf die Cavallerie. 



131 



eintreten, wenn die taktischen Verbände gelöst sind, da wohl 
kaum angenommen werden kann, dass durch die Grösze der ab- 
soluten Verluste an und für sich, so lange dieselben auf eine ge- 
wisse Zeitdauer vertheilt und nicht in wenige kurze Augenblicke 
zusammengedrängt sind — die Möglichkeit zu attackiren genommen 
werden könne. Der taktische Zusammenhalt einer Cavallerictruppe 
aber ist ein sehr groszer und fester — und ehe dieser, ohne 
dass eine Attacke erfolgt wäre, erschüttert werden kann, muss das 
Feuer gewiss ein so vernichtendes werden, wie es auf mehrere 
tausend Schritt Entfernung im Gefechte, während der höchsten 
Spannung des Infanterie- und Artilleriekampfes, wohl nie der Fall 
sein wird. 

Die theoretische Betrachtung führt uns also zu dem 
Schlüsse, dass man die Reiterei zur Schlacht in drei, räumlich 
wie ihrem Zwecke nach getrennte Massen hinter dem Demon- 
strativ-Flügel, eventuell mit Detachirungen an dessen äuszere Flanke, 
und zu beiden Seiten des Decisiv-Flügels- zu theilen haben wird ; 
dass man von der äuszeren Flügel-Cavallerie verlangen kann, dass 
dieselbe energisch in Flanke und Kücken des Gegners vor- 
geht, von der übrigen Reiterei dagegen, dass sie, mit der Entwicke- 
lung des Infanteriegefechts Schritt haltend, bis schlieszlich auf circa 
1500 Schritt an die vordere Gefechtslinie herangeht, um von hier 
aus zur Attacke vorbrechen zu können. 

Wenn nun aber in Wirklichkeit, wo das Terrain und die 
speciellen Verhältnisse das theoretisch entworfene Bild nie in voller 
Klarheit zur Erscheinung gelangen lassen, auch die Reiterei nicht 
mit bindender Nothwendigkeit in der angegebenen Weise wird ver- 
theilt werden können, so dürfte es doch jedenfalls ebenso falsch 
sein, deshalb jeden auf dem Wege der Speculation zu erlangenden 
Grundsatz für ihre Verwendung von der Hand weisen, als sich ängst- 
lich ganz an ein Schema halten zu wollen. 

Wir glauben daher, dass sich auch aus der vorstehenden theore- 
tischen Erörterung nicht nur praktisch nutzbare Principien ab- 
strahiren lassen, sondern auch solche, deren Befolgung geradezu 
nothwendig sein wird, soll die Cavallerie in den Stand gesetzt 
werden, das möglichst hohe Maasz ihrer Leistungsfähigkeit zu er- 
reichen. Wir wollen daher dasjenige hier noch besonders be- 
tonend hervorheben, was wir für hauptsächlich wichtig er- 
achten. 

Zunächst geht aus den von uns entwickelten Anschauungen 
hervor, dass man nie ein und derselben Reitermasse räumlich 



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132 Studien in Bezug auf die Cavallerie. 



weit auseinandergelegene Aufgaben wird zutheilen dürfen, wozu die 
Versuchung durch die verhältnissmaszige Unabhängigkeit der Ca- 
vallerie vom Räume stets nahe gelegt ist. Dadurch würden nicht 
nur die Pferdekräfte übermäszig angestrengt werden, was an und 
für sich schon im Stande ist, jeden etwaigen Erfolg in Frage zn 
stellen, sondern es würde auch dem Führer die so überaus wichtige 
zusammenhängende und genaue Beobachtung des Gefechtsverlaufes 
der anderen Waffen unmöglich gemacht werden, indem seine Auf- 
merksamkeit in allzu ausgedehnter Weise getheilt werden würde - 
und endlich, was das Entscheidende ist, würde es oft absolut un- 
möglich sein, den verschiedenen in der Zeit eventuell nahe 
gertickten Anforderungen gerecht zu werden. — Es würden sich ent- 
weder Halbheit und Unsicherheit im Handeln, oder eine Zersplitterung 
der Kräfte herausstellen, und Beides ist, wenn schon überhaupt, so 
besonders bei der Thätigkeit der Cavallerie, das Allerverderblichste. 

Hat man nicht so viel Reiterei, dass man dieselbe gleich- 
zeitig tiberall da auftreten lassen kann, wo sie wünschenswerth 
werden kann, so muss man sich eben in seinen Zwecken zu be- 
schränken wissen. 

Im anderen Falle aber wird man es nicht der Initiative der ein- 
zelnen Reiterführer Uberlassen dürfen, sich ihr Thätigkeitsfeld selbst 
zu wählen — das würde immer Unklarheiten zur Folge haben: 
Ueberhäufung an der einen, Mangel an der anderen Stelle — sondern 
man wird von Hause aus in der Disposition zur Schlacht, eventuell 
bei einer Rencontre-Schlacht aus dem Sattel die Vertheilung der 
Reiterei derart vornehmen müssen, dass man den einen Theii in der 
Flanke des Decisiv - Flügels vorschiebt, den anderen hinter der 
Schlachtlinie, dem Terrain, wie den sonstigen Verhältnissen und An- 
schauungen gemäsz vertheilt oder concentrirt, und den einzelnen 
Massen womöglich auch räumlich die Grenzen ihrer Thätigkeit, 
wenigstens bis zu einem gewissen Grade, vorschreibt. 

Dabei werden naturgemäsz diejenigen Stellungen der einzelnen 
Reitermassen von Einfluss sein, welche dieselben am Morgen der 
Schlacht inne haben; und hat nun die Cavallerie ihren Aufklärungs- 
dienst in der von uns im vorigen Abschnitte entwickelten Weise 
durchgeführt, so ist unmittelbar klar, dass ein Theil derselben be- 
reits in der Flanke des Gegners, ein anderer vor dessen Front stehen 
wird; es wird sich daher das Vertheilen der Reiterei, im Anschluss 
an deren bisherige Thätigkeit, zur Schlacht äuszerst einfach ge- 
stalten, wobei natürlich nicht ausgeschlossen ist, dass bei klar er- 
kannter, veränderter, allgemeiner Sachlage man auch beim Beginne 



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Studien in Bezug auf die Cavallerie. 133 

oder im Verlaufe des Kampfes noch abändernd über seine Cavallerie 
verfügen, den einen Theil z. B. verstärken oder einzelne Abtheilun- 
gen für Specialaufgaben detachiren kann, soweit die Rücksicht auf 
das Zusammenhalten der taktischen Verbände das zulässt. 

Wenn wir so die Thätigkeit der einzelnen Reitermassen in ge- 
wissem Sinne beschränkt sehen möchten, so wird es andererseits 
stets fehlerhaft sein, in dieser Beschränkung so weit zu gehen, dass 
man die Cavallerie den einzelnen Corps oder sonstigen Armee- 
abtheilungen für die Dauer der Schlacht unterstellt; dafür ist das 
von ihr beherrschte Gebiet, wie wir gesehen haben, doch wieder ein 
zu weites, und sind die Anforderungen, die an sie gestellt werden, 
zu vielseitig. Durch ein solches Verfahren würde man ihrer Thätig- 
keit im Räume die Flügel stutzen, und in der Zeit kann Niemand 
über das Eingreifen der Reiterei besser verfügen, als der Reiterftihrer 
selbst oder der Oberbefehlshaber der ganzen Armee, von dem voraus- 
gesetzt werden darf, dass er die Verhältnisse nicht nur eines Theils 
des Schlachtfeldes, sondern die der ganzen Schlacht tiberschaut und 
gegeneinander abwägt. 

Von dem Reiterführer selbst aber wird man verlangen müssen, 
dass sich derselbe, von einem zahlreichen Stabe umgeben, an einer 
Stelle aufhält, wo er die vorderste Gefechtslinie übersehen kann, da 
nur, wenn er diese beobachtet, es ihm möglich sein wird, seine 
Schaaren rechtzeitig heranzuziehen, in sein Zögern die nöthige 
Kühnheit, in sein Vorgehen die nöthige Klarheit und Ver- 
wegenheit zu legen, um den Erfolg seiner Attacke zu sichern. 

Wenn dies etwa diejenigen formellen Grundsätze sind, die 
wir vor Allem berücksichtigt sehen möchten, so müssen wir jetzt 
noch auf einen Punkt hinweisen, der zwar einem anderen Gebiete 
angehört, aber doch unmittelbar aus dem von uns oben Entwickelten 
hervorgeht, und der uns der entscheidende für die zukünftige 
Stellung der Cavallerie als Schlachtenwaffe zu sein scheint. 

Denn mögen Formen und formelles Verfahren noch so 
gut und vollendet sein, der Geist, der dieselben belebt, ist doch 
stets derjenige Factor, der vor Allem den Erfolg sichert; und in 
dem hier besprochenen Falle nicht nur der Geist, der die einzelnen 
Glieder beseelt, sondern hauptsächlich der Geist, der in der Zu- 
sammenfassung der einzelnen Glieder, in der Führung waltet. 

Die letzte Grund anschauung, auf welcher diese Führung 
im Allgemeinen basirt, wird im Groszen Über den Erfolg ent- 
scheiden. 

Wenn man nun einen Blick auf die Leitung der Deutschen 



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134 



Studien in Bezug auf die Cavallerie. 



Cavallerie in den Schlachten von 1866 und 1870—71 wirft, so wu 
man zugeben müssen, dass derselben im Allgemeinen, also abgeseh« 
von partiellen Thätigkeiten, stets nur eine, so zu sagen negativ] 
Absicht zu Grunde gelegen hat. 

Stillschweigend nahm die Cavallerie die abwartende Stellt 
im Hintergrunde der Schlachtenbühne hin, die ihr die öffentlicl 
Meinung in der Armee, wie sie sich in den vorhergegangene! 
Friedensjahren entwickelt hatte, zuwies ; zuweilen benutzte al 
c|ie Gelegenheiten zum Eingreifen, die ihr geboten wurden, sie sucm 
dieselben in verschwindend seltenen Fällen, und nur die äuszei 
Noth der übrigen Waffen rief, wie bei Mars la Tour und Vionvill 
eine energische Reiterthätigkeit hervor, die den Regimentern, 
das Glück hatten an derselben Theil zu nehmen, zum fortdauei 
Ruhme gereichen wird. 

Wir wünschen und hoffen nun, dass in Zukunft die Cavalleri 
mit der positiven Absicht in das Gefecht geführt wird, sie zi 
Wirkung gelangen, sie den höchsten Grad ihrer LeistungstUhigkei| 
erreichen zu lassen; wir wünschen und hoffen, dass sie auf blutgc 
tränktem Felde die letzte, immer noch von vielen Seiten bezweifelt 
Entscheidung der Frage suchen und — wir sind davon tiberzeugt 
finden wird, ob sie der modernen Taktik und den modernen Feuer] 
waffen gegenüber noch im Stande ist, ihre alte Stellung, ihren alten] 
Rang zu bewahren. 

Die Begriffe über die Bedeutung der Verluste bei der Ca- 
vallerie werden sich allerdings vollkommen ändern, die Rücksicht! 
auf das werthvolle Material wird den taktischen Zwecken! 
gegenüber vollkommen schwinden müssen. Dieses war ja aucbl 
bereits in jener leider der Vergangenheit allein angehörenden Zeit| 
der Fall, in welcher die Reiterei richtige Verwendung fand und des- 
halb auch Erfolge hatte. Damit werden auch die Entfernungei 
ganz anders zu normiren sein, auf welche, wie wir gesehen haben,] 
die Reiterei heranbleiben muss. 

Wir glauben aber mit kühner Zuversicht die Ueberzeugung aus 
sprechen zu dürfen, dass Derjenige in einem künftigen Kriege ein 
bedeutendes Uebergewicht erlangen wird, der seine Cavallerie mit 
dem positivsten Zwecke, der geringsten Rücksicht aufVer 
luste und der gröszten, dabei aber doch bewuss ten und über 
legten Verwegenheit verwenden wird. 



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Studien in Bezug auf die Cavallerie. 135 
Es bleibt uns jetzt noch übrig einige Worte über die 

TMtigkeit der Reiterei nach der Schlacht 

hinzuzufügen, die mit der Verfolgung resp. der Deckung des Rück- 
zuges beginnt. 

Wenn sich die Cavalleriemassen auf den letzten entscheidenden 
Attackenfeldern ralliiren, so ist damit ihre blutige Thätigkeit noch 
nicht beendet. Noch gilt es einerseits die moralische Vernichtung 
des Gegners bis aufs Aeuszerste auszunutzen und die Trophäen des 
Sieges einzusammeln, andererseits im Vereine mit der Artillerie und 
etwa noch vorhandenen Reserven die Trümmer des geschlagenen 
Heeres vor gänzlichem UntergaDge zu bewahren. 

In Bezug auf den letzteren Punkt lässtjsich kaum etwas Weiteres 
hinzufügen: der Sieger schreibt hier so unbedingt das Gesetz vor, 
der Drang der Umstände wird die erforderlichen Maaszregeln mit 
so zwingender Nothwendigkeit zur Folge haben, dass sich Grund- 
sätze für das einzuschlagende Verfahren wohl kaum aufstellen lassen. 
Es wird eben nur darauf ankommen den verfolgenden feindlichen 
Streitkräften tiberall möglichst bedeutende Reitermassen entgegen- 
zuwerfen. 

Was aber die Verfolgung anbetrifft, so wollen wir hier doch 
noch Einiges hervorheben, was uns von besonderer Wichtigkeit zu 
sein scheint. 

Es ist eine ebenso allgemeine, wie oft ausgesprochene An- 
schauung, dass sich gerade hier bei der Verfolgung der Cavallerie 
ein weites Feld ausgiebiger und erfolgreicher Thätigkeit darbietet, 
und es ist immer und immer wieder der Grundsatz aufgestellt worden, 
dass man es nicht versäumen dürfe, selbst bis an die äuszerste Grenze 
der Leistungsfähigkeit von Mann und Pferd heranzugehen, um diese 
Gunst der Umstände auf das möglichst Vollkommene auszunutzen. 

Wie oft aber ist man trotzdem diesem Grundsatze untreu ge- 
worden und hat in Wirklichkeit jenen in seiner allgemeinen Be- 
rechtigung doch gewiss mehr als nur anzuzweifelnden Spruch zur 
Wahrheit gemacht, dass man dem Feinde goldene Brücken bauen 
müsse. 

Wenn wir nun nach den Ursachen forschen, welche dieser Er- 
scheinung zu Grunde liegen, so scheint es uns, als ob es vornehm- 
lich zwei Momente wären, welche im Allgemeinen dabei am meisten 
von Einfluss gewesen sind. 

Entweder hat man es in jener, durch die geschichtliche Ent- 
wicklung hervorgerufenen falschen Würdigung des Werthes der 



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136 



Studien in Bezug auf die Cavallerie. 



Reiterwaffe versäumt , seine Cavallerie im Gefechte selbst zu ver- 
wenden, hat dieselbe fast ganz aus den Augen verloren und demzu- 
folge nicht so nahe an die Gefechtslinie herangezogen, dass es ihr 
möglich gewesen wäre, unmittelbar anknüpfend an die letzten Mo- 
mente des Entscheidungskampfes, sich den geworfenen gegnerischen 
Schaaren anzuheften und deren letzten moralischen Halt zu ver- 
nichten — oder aber, wenn die Cavallerie auch in der Schlacht 
selbst und bei der Entscheidung zur Thätigkeit gebracht worden ist, 
so hat dieselbe in sich selbst nach erfochtenem Siege, nach den 
gewaltigen Anstrengungen und blutigen Verlusten eines heiszen Ge- 
fechtstages nicht mehr die moralische Kraft gefunden, um den mit 
Notwendigkeit eintretenden Moment der Erschlaffung und schein- 
baren Versagung aller Kräfte zu überwinden, der jeder höchsten 
Anstrengung folgt, um zu einer thatkräftigen Verfolgung zu schreiten. 

Was den ersteren Uebelstand anbetrifft, so ist es klar, dass der- 
selbe vermieden wird, wenn man seine Reiterei in dem, in diesen 
Zeilen befürworteten Sinne führt; bei den letzten Entscheidungs- 
kämpfen mitwirkend, wird sich dieselbe nicht nur an einem Flecke 
befinden, von welchem aus sie unmittelbar zur Verfolgung übergehen 
kann, ohne je in die Gefahr zu. kommen, die Fühlung am Feinde zu 
verlieren, wie das in den Feldzügen, die das letzte Jahrzehnt unseres 
Jahrhunderts ausfüllen, leider nur zu oft der Fall gewesen ist — 
wir erinnern an Wörth und Orleans — , sondern ihre Stellung und 
Vertheilung auf den Schlachtfeldern wird sogar eine derartige sein, 
dass sie die günstigsten Chancen für diese Verfolgung darbietet. 

Denn wenn schon ein directes frontales Nachstürmen sehr be- 
deutende Erfolge zu erzielen im Stande ist, so ist es doch un- 
mittelbar klar und bedarf keines weiteren Beweises, dass ein 
immerwährendes Bedrohen der Flanken einer zurückgehenden Armee, 
die Schwierigkeit, die daraus der mit der Deckung des Rückzuges 
beauftragten feindlichen Artillerie und Cavallerie erwächst, welche 
sich nun fortwährend in Seite und Rücken beunruhigt und angegriffen 
sieht, noch weit gröszere Ergebnisse verspricht. 

Gerade zu dieser Art der Verfolgung aber wird, wenn kühn 
und energisch geführt, die äuszere Flügel- Cavallerie wohl immer 
bereit stehen, während es Aufgabe der Frontal-Cavallerie sein wird, 
einerseits ihr die geschlagenen feindlichen Truppen entgegenzutreiben, 
andererseits den in verschiedenen Nebenrichtungen zurückgehenden 
Massen zu folgen. 

Was aber den anderen Punkt betrifft, die Ueberwindung jenes 
Erschlaffungsmomentes, so kann ein Gegenmittel gegen denselben 



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Studien in Bezug auf die Cavallerie. 137 

nur in der gröszten Energie, ja eventuell sogar Rücksichtslosigkeit 
der Führung gesucht werden, und je schwieriger die hier gestellte 
Aufgabe erscheint , da ja auch auf den Führer die physisch und 
moralisch deprimirenden Gefechtselemente wirken, desto höhere An- 
forderungen wird man in dieser Hinsicht an denselben zu stellen be- 
rechtigt sein. 

Nichtsdestoweniger aber wird der einmal entrirten Verfolgung 
doch immer das Maasz der Leistungsfähigkeit von Mann und Pferd 
die äuszerste Grenze setzen. 

Innerhalb dieser Grenze jedoch wird die unmittelbare Verfolgung 
so weit fortgesetzt werden müssen, nicht etwa bis die Cavallerie auf 
ernstlichen Widerstand stöszt, sondern bis dieselbe beim Versuche, 
diesen Widerstand zu brechen, einen Echec erlitten hat. Dann erst 
wird sie sich der Ueberzeugung hingeben dürfen, dass sie die Folgen 
des Sieges so weit ausgenutzt hat, wie es durch Reiterei überhaupt 
möglich ist, und es wird ihr nun von Neuem die Aufgabe zufallen, 
die weiteren Maasznahmen des Feindes wieder in der schon oben 
dargelegten Weise aufzuklären. 

Es ist klar, dass die Cavallerie, um diese Anforderungen zu er- 
füllen, oft in die Noth wendigkeit versetzt sein wird, sich unabhängig 
oder nur im losen Zusammenhange mit den nachfolgenden Heeres- 
massen vorwärts zu bewegen, gemischten Waffen allein entgegenzu- 
treten — abgesehen von der Unterstützung durch Artillerie, deren 
wir später gedenken — und sich durch eigene Kraft den verschie- 
densten Lagen gewachsen zu zeigen. 

Nicht nur wird ihr dazu ein bedeutender Grad materieller Selbst- 
ständigkeit verliehen, auch ihre Commandoverhältnisse und die Ein- 
theilung ihrer Thätigk ei ts -Rayons werden derart geregelt werden 
müssen, dass sie nothwendig werdenden selbstständigen Entschlüssen 
einzelner Unterfuhrer bis zu einer gewissen Stufe hiflab nicht hinder- 
lich werden können, und dass sie die Möglichkeit gewähren, 
Stockungen und gegenseitige Behinderungen der einzelnen Theile zu 
vermeiden. 

Dasselbe wird auch für die sonstige Thätigkeit der Cavallerie, 
für weit ausgehende Requisitionen, für Demonstrationen im gröszeren 
Sinne, Occupirung ausgedehnter Landstriche u. s. w. nothwendig sein. 
Ueberall wird die Cavallerie in den Fall kommen, ohne Unterstützung 
gewiss wenigstens von Infanterie und den den Corps zugetheilten 
technischen Truppen ihren eigenen Bedürfnissen selbst zu gentigen, 
selbstständig im Sinne der oberen Heeresleitung zu handeln. Grund- 
sätze lassen sich für die Art der Thätigkeit , von der hier speciell 



■was' < 

138 Das Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812. 

die Rede ist, wohl kaum aufstellen; dieselben gehen aus den all 
gemeinen Principien ftir Cavallerie- Verwendung hervor. 

Nur darauf möchten wir hier noch besonders hinweisen, weil 
gerade in Fällen, wie den letzterwähnten, das am meisten zur 
Sprache kommen wird, dass bei allem offensiven Wesen der 
Reiterei ein defensives Element ihr doch durchaus nicht ganz 
fehlen darf, da sie nicht immer in der Lage sein wird, ihre defen- 
siven Aufgaben, wenn sie bei Lösung derselben von Truppen mit 
gemischten Waffen angegriffen wird, durch demonstratives Ver- 
halten allein zu erfüllen. Häufig wird eine energisch ergriffene 
Defensive zu Fusz viel angebrachter sein. 

Auch hierin dürfte, wie in so manchem anderen — worauf 
übrigens schon von vielen Seiten hingewiesen worden ist — die 
Cavallerie Friedrich des Groszen als anzustrebendes Vorbild hin- 
gestellt werden können. (Wird fortgesetzt.) 



VIII. 

Das Ende des Bayerischen Heeres im 

Jahre 1812.*) 

Um sich wegen der Lostrennung vom 2. Corps zu sichern, ent- 
sandte Wrede eine Meldung hiervon an den Minister Maret, Herzog 
von Bassano, nach Wilna und brach dann — noch am Abend des 
25. Octobers — auf der gegen Gloubokoe führenden Seitenstrasze 
auf, während die Generale Maison und Doumerc die nach Lepel 
führende Hauptstrasze einschlugen General Corbineau verblieb auf 
eigene Verantwortung bei den Bayern. 

In der Nacht vom 25. auf den 26. Oct. traf Wrede in Pouichna 
ein, wo er seinen Truppen einige Stunden Ruhe gönnte; von hier 
aus liesz er den in Gloubokoe stehenden General Vivier verständigen, 
dass er am 27. Octobcr dort eintreffen werde. So rasch war es jedoch 
Wrede nicht gestattet, dieses Ziel zu erreichen. Mit Tagesanbruch 



*) Fortsetzung des auf Seite 25—51 dieses Bandes enthaltenen Aufsatzes 
„Die Kämpfe der Bayern an der Düna im Oct ober lbl2 uud der Anfang vom 
Ende". — 



i 



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I • - * 

* s 

Das Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812. 139 

des 26. Octobers marschirte er zwar von Pouichna ab, um über Mal- 
Doltsoui, Vel-Doltsoui und Stolichtche nach Sloboda zu gelangen, 
von wo er dann leicht am 27. October nach Gloubokoe zu rücken 
gedachte. Aber bei Stolichtche wurde der von ihm eingeschlagene 
Weg so bodenlos, dass er sich genöthigt sah, den in dieser Richtung 
liegenden Sümpfen auszuweichen, am 26. October bis nach Tschar- 
nitsä und am 27. October bis nach Dokschitsoui zu marschiren. Von 
da aus benachrichtigte er abermals den General Vivier von der Ur- 
sache seiner verspäteten Ankunft in Gloubokoe und von seinem un- 
fehlbaren Eintreffen dortselbst am 28. October Abends. 

Aber noch am Abende des 27. Octobers erhielt Wrede in 
Dokschitsoui eine Meldung von General Vivier, welche ihm mittheilte, 
dass derselbe schon am nämlichen Tage um Mittag Gloubokoe ge- 
räumt, die dort vorhandenen 27 Geschütze ins "Wasser geworfen habe 
und nach Wilna zurückgegangen sei. Es ist bestätigte Thatsache, 
dass erst in der Nacht des 28. auf den 29. October sich vor Gloubokoe 
die ersten Kosaken sehen lieszen, um so unbegreiflicher und straf- 
würdiger erscheint demnach das Benehmen des Generals Vivier. 
Nachdem aber dieser Fehler einmal begangen war, blieb Wrede zur 
Deckung seiner Rückzugslinie nichts übrig, als über Bojare nach 
Danielo witscht zu marschiren, woselbst er am 29. October um 11 Uhr 
Vormittags mit seinen Truppen eintraf, bei welchen die fortwährenden 
Gefechte und Strapazen der letzten Märsche, namentlich in den 
Nächten vom 21., 24. und 25. October einen unverhältnissmäszig be- 
deutenden Abgang herbeigeführt hatten. Glücklicherweise stiesz das 
6. Corps in Danielowitsche auf das leichte Bataillon Treuberg, wel- 
ches sich mit den Detachements in Plissa und Gloubokoe und den 
Reconvalescenten-Depots dorthin zurückgezogen hatte. Trotz dieser 
nicht unwesentlichen Verstärkungen zählten die Bayerischen Ab- 
theilungen mit der Cavallerie-Brigade Corbineau Ende October nicht 
mehr als 3500 Mann *), so dass sich für den Monat October ebenfalls 
ein Verlust von mehr als 2600 Mann, also für jeden Tag ein J)urch- 
schnittsverlust von nahezu 190 Köpfen entziffert Dieses zunehmende 
Schwächerwerden seines Corps hatte denn auch General Wrede schon 
am 24. October in der Position bei Kloublitzi bewogen, seine kaum 
noch 140 bis 150 Köpfe zählenden Bataillone in Compagnien zu ver- 
wandeln, so zwar, dass aus jedem Bataillone eine Compagnie formirt 
und derselben die nöthige Anzahl Ober und Unteroffiziere zugetheilt 



*) Bericht Wrede's au den Majorgeneral Fürsten von Neufchatel vom 
30. October 1812. 



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140 



Das Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812. 



wurde. So bestand demnach das ganze 6. Corps in diesen Tagen 
nur noch aus etwa 20 Compagnien, von denen manche kaum 80 
Feuergewehre zählten. 

In dem nunmehr von dem 6. Corps besetzten Districte in Dok- 
sitzoui, Danielo witsche u. a. fanden sich nicht unbeträchtliche Lebeng- 
mittel vorräthe vor, welche theils durch Oberstlicutenant Treuberg 
auf Wrede's Befehl dort angesammelt waren, theils sich noch im 
Besitze der Bewohner der Gegend befanden, welche bisher von den 
kriegführenden Heeren noch wenig betreten worden war. Mit Hilfe 
dieser gelang es General Wrede, die gesunkenen Kräfte seiner 
Truppen so weit wieder zu stärken, dass er schon nach zwei Tagen 
wieder daran denken konnte, nach Gloubokoe, dem sich bisher nur 
einzelne feindliche Patrouillen genähert hatten, vorzurücken. Da 
ihm auszerdem durch den Herzog von Bassano am 30. October eine 
alsbaldige Verstärkung von 10,000 bis 12,000 Mann frischer Truppen 
in Aussicht gestellt wurde, so brach er mit seinen beiden Divisionen 
am 1. November Morgens 7 Uhr aus den Cantonnements um Daniel- 
owitsche auf und rückte gegen Gloubokoe vor, das er am 2, November 
erreichte. 

Nach den Nachrichten, welche die im Laufe dieser Tage nach 
allen Richtungen entsandten Streifcommando's eingebracht hatten, 
sowie nach den tibereinstimmenden Aussagen mehrerer Spione konnte 
sich nämlich Wrede nicht verhehlen, dass die gegen Gloubokoe vor- 
geschobene Stellung seines schwachen Corps im höchsten Grade ge- 
wagt und gefährlich sei*). Denn nicht nur, dass die Russischen 
Generale Wittgenstein und Steiuheil in seiner rechten Flanke Lepel 
besetzt und das Französische 2. und 9. Corps in deren Stellung bei 
Tschachniki im Schach hielten; es war auch General Wlastow, den 
Wittgenstein nach der Wegnahme von Polotzk mit 6000 Mann nach 
Druja detachirt hatte, von da gegen Loujki gezogen und bedrohte 
so in der linken Flanke die Aufstellung Wrede's. Da sich zudem 
im Laufe des 3. November zahlreiche feindliche Reiterabtheilungen 
auch vor der Front sehen lieszen und von Kublitschi gegen Gloubo- 
koe vordrangen, so sah sich der Bayerische Heerführer, wenn auch 
mit widerstrebendem Herzen, genöthigt, in die weit sicherere Po- 
sition bei Danielowitsche zurückzuweichen. Am 5. November räumten 

*) Wrede's Corps zählte am 6. November noch 1937 Mann Infanterie, 
etwa 100 Chevauxlegers, die ursprünglich seine, Deroy's und St. Cyr's Stabs- 
wache gebildet hatten, dann 12 Geschütze der Batterie Gotthardt und Graven- 
reuth; dazu kommt die Cavallerie-ßrigade Corbineau, welche damals noch über 
750 Berittene stark sein mochte. — 



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4 



Da* Ende des Bayerischen Heereb im Jahre 1812. ]41 

demnach die Bayern Gloubokoe und nahmen ihre frühere Aufstellung 
bei Danielowitsch6 wieder ein. Die 19. Division, eine Brigade der 
20. Division und die beiden Batterien wurden, so gut es ging, iu 
dem Orte selbst einquartiert, von welchem ein Theil durch Unvor- 
sichtigkeit am 31. October in Brand gerathen war.; der Rest der 
20. Brigade und die Cavallerie-Brigade Corbineau wurden in den 
nächsten Dörfern untergebracht; von den Bayerischen Chevauxlegers 
entsandte Wrede 50 Pferde nach Poslawi, um das ebenfalls vom 
Feinde besetzte Vidzoui im Auge zu behalten. Patrouillen von Cor- 
bineau's Reitern sicherten das Cantonnement vor Uebenällen und 
streiften auch hin und wieder nach Gloubokoe, das von den Russen 
unbesetzt geblieben war. 

Kaum hatte jedoch der Bayerische General die gesicherte Stellung 
in Danielowitsche eingenommen, als bei ihm gleichzeitig zwei Mit- 
theilungen eintrafen, die auch seine jetzige Aufstellung in hohem 
Grade zu gefährden drohten. Vor Allem geschah dies durch ein 
Schreiben des wieder an die Spitze des 2. Corps tretenden Marschalls 
Oudinot an den General Corbineau, worin diesem das unverweilte 
Zurückführen seiner Cavallerie-Brigade nach Tschachniki zur Pflicht 
gemacht wurde Wurde dieser Befehl vollzogen, wie es denn nicht 
wohl anders geschehen konnte, so war Wrede in seiner immer noch 
gewagten Stellung aller und jeder Cavallerie beraubt; denn 100 
Chevauxlegers auf erschöpften und durch Ordonnanzdienste abge- 
triebenen Pferden konnten nicht wohl als genügende Reiterei erachtet 
werden. Mit diesem Schreiben zugleich traf aber auch von dem 
Herzog von Bassano in Wilna die unerfreuliche Mittheilung ein, dass 
er die früher in Aussicht gestellten Verstärkungstruppen nicht an 
Wrede absenden könne. 

Aber wie das sprtichwörtlich gewordene Glück des Bayerischen 
Heerführers seinen Günstling tiberall und allzeit aus den misslichen 
Lagen schadlos herausgezogen, in welche er, sei es durch die Um- 
stände, sei es durch eigene Schuld gerathen, so rettete es auch dies- 
mal wieder den trotz seiner Kühnheit bereits verzagenden Wrede 
vor dem Untergange, der ihn sonst, und diesmal ohne alles eigenes 
Verschulden, unvermeidlich getroffen haben würde. An demselben 
Tage nämlich, an welchem Corbineau der erhaltenen Ordre ge/näsz 
mit seiner Brigade nach Bojare aufbrach, um dem Rathe Wrede's 
entsprechend vorläufig nur bis Dokschitzoui zu marschiren — am 
8. November langte von Wilna die hochwillkommene Nachricht einer 
auf den Wunsch des Marschalls Viktor in den nächsten Tagen ein- 
treffenden beträchtlichen Truppenverstärkung bei Wrede an. Uad 

Jahrbücher f. d. Deutsche Armee u. Marine. Band XIII. 10 

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142 Das Ende des liayftrischen Heeres im Jahre 1812. 

in den nächsten Tagen rückte eine bedeutende Anzahl Reconvales- 
centen, in zwei Marsch-Bataillonen formirt, ins Bayerische Lager ein, 
so dass sich am 13. November die Stärke der beiden Bayerischen 
Divisionen wieder auf etwa 3100 Mann erhöhte. So konnte Wrede, 
über die nächste Zukunft beruhigt, seinen Truppenabtheilungen un- 
gefährdet die Wohlthaten einer längeren Cantonirong und einer ver- 
hältnissmäszig reichlichen Verpflegung geuieszen lassen, für welche 
seine weise Umsicht und die unvergleichliche Thät kraft des hiermit 
beauftragten Oberstlieutenants von Treuberg rechtzeitig Sorge ge- 
tragen hatten. Während sich somit die Bayerischen Bataillone einer 
höchst nöthigen Buhe und Erholung erfreuten, herrschte im schrei- 
benden Hauptquartiere eine um so gröszere ThUtigkeit, welche theii 
weise durch die hochmüthigsten und rücksichtslosesten Uebergriffe 
Französischer Generale und Commandostellcn gegen einzelne Mit- 
glieder des verbündeten Bayerischen Heeres veranlasst worden war 
Um die Veranlassung zu diesen das Bayerisch-Französische Allianz- 
verhältniss ins schärfste Licht setzenden Vorfälle zu begreifen, ist 
es nöthig, auf die von Seite des Bayerischen Armeecommando's ge- 
troffenen Verfügungen bezüglich der Reconvalescenten- und Park 
depots etwas näher einzugehen. 

Schon um die Mitte August hatte die Batterie Ulmer wegen 
mangelnder Bespannung von Polotzk nach Michaelitzky zurück- 
geschickt werden müssen, wo sich der grosze Bayerische Artillerie- 
park befand. Da der Commandant desselben, Major von Tausch, 
erkrankt war und bald darauf starb, so tibernahm Hauptmann Ulmer 
das Commando über die Artillerie -Reserve und somit auch das 
Etappen- oder Dfcpot-Commando im Orte selbst. Nach der Räumung 
der weiter vorwärts gelegenen Reconvalescenten- Depots in Plissa, 
Gloubokoe etc , sowie der dortigen Spitäler wurden die darin be- 
findlichen Kranken in beträchtlicher Anzahl nach Michaelitzky ge- 
bracht und zugleich dortsclbst in der Person des Oberstlieutenants 
von Scherer vom 3. leichten Bataillon ein eigener Depotcommandant 
ernannt. Dies erregte die Eifersucht des Generals Grafen Hogen- 
dorpp zu Wilna, der in seiner Eigenschaft als Generalgouvernenr 
von Litthauen allein berechtigt war, im Umkreise der ihm unter- 
stellten Provinz die Platzcommandanten zu ernennen. Unklugerweise 
und in der Ueberzeugung, dass sich ein Französischer Divisions- 
general gegen die Verbündeten Alles erlauben dürfe, ernannte nun 
Hogendorpp in den ersten Tagen des Novembers einen Capitain 
Cottas zum Platzcommandanten von Michaelitzky, angeblich mit dem 
Auftrage, die Leute des 2. und 6. Corps, welche sich dort ohne 



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Das Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812. 143 

Legitimation ihrer Coimnandanten aufhielten, zu ihren Abtheilnngen 
zurückzuschicken. Nun war von Seite der Bayerischen Commando- 
stellen allerdings die strafbare Nachlässigkeit begangen worden, die 
als verwundet, krank oder unbewaffnet zurückgeschickten Leute 
nicht mit den üblichen Ausweisen zu versehen, so dass sich in dem 
verhältnissmäszig noch gut erhaltenen und mit Lebensmittelvorräthen 
gut versehenen Orte eine beträchtliche Anzahl von Bayerischen 
Unteroffizieren und Soldaten aller Waffen, freilich die meisten ohne 
irgend eine formelle Legitimation, angesammelt hatte. Dass sich 
diese freiwillig wieder in die Schlachtlinie begeben und die sichere 
Bequemlichkeit ihres gegenwärtigen Aufenthaltes mit den Ent- 
behrungen und Strapazen der vor dem Feinde stehenden Abtheilun- 
gen vertauschen würden, war bei der allerseits in hohem Grade ge- 
lockerten Disciplin vernünftiger Weise nicht vorauszusetzen. Sie 
aber mit Gewalt zu ihrer Pflicht zurückzuführen, dazu fehlten dem 
Bayerischen Generale die nöthigen Mittel und den Bayerischen 
Truppen- und Platzcommandanten zu Michaelitzky wohl auch die 
nöthige Energie. Capitain Cottas erstattete daher über die in 
Michaelitzki herrschende arge Verwirrung einen im höchsten Maasze 
übertriebenen, aber doch nicht durchaus unwahren Bericht an Hogen- 
dorpp, den dieser in gröszter Eile an Wrede mittheilte mit dem 
Beifügen, dass er von Wilna ein Westphälisehes Bataillon nach 
Michaelitzky absenden werde, um den Ort von seinen unbefugten 
Gästen zu säubern. Dass eine solche Drohung gerade der sicherste 
Weg war, um bei einem Manne von Wrede's Schlag nicht zum 
Ziele zu gelangen, war wahrscheinlich dem Gouverneur von Litthauen 
ebenso unbekannt, als davon Jedermann überzeugt war, der den 
Charakter des Bayerischen Generals richtig beurtheilte. Vorläufig 
beantwortete Wrede diesen Uebergriff damit, dass er in einem aus- 
führliclien und mit authentischen Documenten belegten Schreiben 
vom 8. November nachwies, wie falsch und übertrieben (faux et outre') 
der Bericht des Capitains Cottas sei. Am folgenden Tage aber 
schickte er seinen Artilleriedirector Oberstlieutenant Zoller nach 
Michaelitzky mit dem formellen Befehle an den Oberstlicutcnant 
Schcrer ab, Jedermann, der sich unterfangen würde, gegen ein Indi- 
viduum des Bayerischen Heeres — für welches er, der General, 
allein verantwortlich sei — Gewalt anzuwenden, mit allen ihm zu 
Gebote stehenden Mitteln zurückzuweisen*). Auf so rücksichtslosen 



*) Der Satz in dieser Ordre lautet wörtlich wie folgt: „J'ordonne a 
Monsieur le Heutenant-colonel de Zoller, directeur de mon artillerie, aiusi qu' 

10* 

*> 

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144 Da» Ende de* Bayerischen Heeres im Jahre 1312. 

und energischen Widerstand von Seite eine6 Rheinbundgenerals hatte 
Graf Hogendorpp nicht zu stoszen erwartet; er lenkte daher 
schleunigst und höflichst ein und liesz sich sogar in einem Schrei- 
ben vom 12. November so weit herab, dass er den General Wrede 
um Entschuldigung bat für den verletzenden und ungezogenen Em- 
pfang, der dem von Wrede *über Minsk nach Wilna geschickten über- 
zähligen Bayerischen Offiziere der Infanterie und den ebenfalls zurück 
geschickten Batterien Roys, Wagner, Hofstetter und Halder bei ihrer 
Ankunft in Wilna von seiner Seite zu Theil geworden war. Durch 
ein versöhnliches Schreiben Wredes an Hogendorpp vom 14. No- 
vember wurde, dieser unerquickliche Schriftenwechsel zu beiderseiti 
ger Zufriedenheit beendet. Aber ein Gutes war doch daraus er 
wachsen: dass man nämlich seitdem von Seite der Bayerischen 
Commandostellen mit mehr Entschiedenheit auf WiederbewaffnuDg 
uüd Wiedereinreihung der im Lande privatisirend herumlungernden 
angeblichen Reconvalescenten bedacht war, so zwar, dass am 12. 
und 13. November an 1200 Mann Kampffähige dem Wrede'schen 
Corps wieder zugeführt werden konnten. 

Fast ebenso lebhaft wie die Correspondenz zwischen Hogendorpp 
und Wrede war der schriftliche Meinungsaustausch, den der letztere 
in diesen Tagen mit Minister Maret, Herzog von Bassano, unterhielt 
Er drehte sich hauptsächlich über die für Wrede bestimmten Ver- 
stärkungen und über Dasjenige, was nach dem Eintreffen derselben 
zu geschehen habe. Wrede, dessen sanguinische und kühne Natur 
jede passive, untbätige Rolle nur sehr schwer zu ertragen vermochte, 
war schon bei der früheren Nachricht einer in Aussicht stehenden 
Vermehrung seiner Streitkräfte von der ihm angeborenen unersätt 
liehen Thatenlust gepeinigt worden. Nachdem sich diese Aussiebt 
momentan getrübt, war jetzt ihre Verwirklichung dennoch und im 
unerwartetsten Augenblicke wieder nahe getreten ; was Wunder, dass 
nunmehr Wredes unaufhörlich arbeitende Phantasie aufs Höchste 
emporschnellte. An der Spitze von 14,000 Mann mit 4 0 Geschützen, 
welche er in wenigen Tagen unter seinem Befehle vereinigt hoffte, 
glaubte er einen entscheidenden Schlag im Rücken der Russen au» 
führen zu können. Er gedachte — wie er am 10. November an 



a Monsieur le lieutenant-eoionei de Scherer, en cas que quicouque s'aviserait 
de vouloir employer la force pour contrarier mes dispositions, de le tepousser 
par tous les moyenu qu' ils ont ä leur dispoaition. Messieurs les lieutenants 
colonels de Zoller et de Scherer sont autorises de donuer copie du present ordre 
a Monsieur le Commandant du batail!onWestphalien. il 



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Das Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812. 



145 



Maret berichtete — entweder über Uscacz nach Rndnia oder direct 
nach Disna vorzurücken, auf einem dieser beiden Punkte die Düna 
zu tiberschreiten und, auf deren linkem Ufer stromaufwärts rückend, 
mit den Corps von Oudinot und Viktor vereint, Wittgensteins Armee 
zu erdrücken. Der Herzog von Bassano, der von der groszen Armee 
nur sehr unvollkommene und von Schwarzenberg und Reguier nur 
ungünstige Nachrichten erhalten hatte, der auszerdein die einzige in 
seiner unmittelbaren Nähe befindliche Truppenmacht nur ungern 
hätte davonziehen sehen, dämpfte jedoch durch kühlere Rathschläge 
den ans Abenteuerliche streifenden Flug von Wrede's Phantasie. 
Er rieth ihm, dircete Befehle des Kaisers oder, wenn ihm dies zu 
lange dauere, doch mindestens nähere Nachrichten über die Be- 
wegungen des Feindes abzuwarten, vorläufig aber nach wie vor 
Wilna gegen Norden und Osten zu decken. So ungern sich Wrede 
gerade solchen Vorschlägen fügte, die ihn aufs Neue zur Untätig- 
keit verdammten, so leuchtete ihm doch das Vernünftige derselben 
im gegenwärtigen Augenblicke vollkommen ein und zwar um so 
mehr, als weder er noch Maret bis jetzt die mindeste Nachricht von 
Viktor und Oudinot erhalten hatten, als ferner die nach und nach 
eintreffenden Verstärkungen ihrer Quantität wie Qualität gemäsz 
nicht ganz den gehegten Erwartungen Wrede's entsprachen, als end- 
lich die Kampffähigkeit der Bayerischen Truppen durchaus noch 
nicht oder nicht mehr der Art war, um auf Realisirung weitgehender 
und kühner Pläne zu denken 

Was den letzten Punkt betrifft, so ist es nöthig, etwas näher 
auf den Gesundheitszustand einzugehen, wie er sich seit den ersten 
Tagen des Octobers weiter entwickelt hatte. Wir haben weiter oben 
gesehen, mit welch' erschrecklicher Gewalt schon im Monate Juni 
die Ruhr unter der Mannschaft des 6. Corps zu wüthen begann und 
welch' zahlreiche Opfer diese fürchterliche Krankheit bis Anfang 
October dahinraffte. Liesz mit eintretender kühlerer Witterung auch 
die Sterblichkeit beträchtlich nach, so vermochten doch die von der 
Krankheit Befallenen — und es waren dies am 30. September über 
12,000 Mann - in Folge der ungenügenden Nahrungs- und Wohnungs- 
verhältnisse sich nur sehr schwer, manche gar nicht zu erholen. 
Daher denn auch die ungewöhnlich starke Anzahl von Rcconvales- 
centen, die im Rücken des Heeres siech und hinfällig sich herum- 
trieben. Allmälig verminderten sich zwar die Fälle von Erkrankun- 
gen an der Ruhr, dagegen begann alsbald ein ebenso gefährlicher 
Feind, nämlich das Nervenfieber, herrschend zu werden. Dieses 
musste um so verheerender wirken, als die an ihm Erkrankenden 



146 



Das Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812. 



schon vorher zu beinahe vollständiger Kraftlosigkeit herabgesunken, 
ihre geschwächten Körper daher nicht mehr im Stande waren, der 
Gewalt des Fiebers energischen Widerstand entgegensetzen zu können 
Wer von der Türkischen Seuche nicht selbst ergriffen wurde, spürte 
doch in mehr oder minder fühlbaren Anzeichen sich von dieser Krank- 
heit ergriffen, die, wenn auch für den Augenblick auf ihr Opfer ver- 
zichtend, ihn später um so sicherer und gewisser auf das Kranken- 
bett und nur zu häufig auf die Todtenbahre warf*). Welche Ver- 
Inste bei einem so gefahrlichen Gesundheitszustande das Bayerische 
Heer in Folge der aufreibenden Kämpfe und Märsche der zweiten 
Octoberhälfte und des im November eintretenden plötzlichen Tem- 
peraturwechsels treffen mussten, lässt sich leicht erklären und geht 
auch aus dem von uns wiederholt angeführten Stande der Truppen- 
stärke hervor. Was aber vor Allem die Wiedergenesung der Kranken 
und die volle Erkräftigung der kaum Genesenen geradezu unmöglich 
machte, das war der Mangel an warmer Bekleidung und an guten 
Schuhen. 

Der geringe Vorrath an Fuszbekleidung, den das 6. Corps ans 
Bayern mitgenommen hatte, rausste wegen mangelnder Bespannung 
schon auf dem linken Ufer des Niemen zurückgelassen werden**). 
Seitdem war aber die Möglichkeit einer Fortschaffung so bedeutender 
Montur- und Schuh vorräthe, wie sie eine operirende Armee bedarf, 
immer geringer geworden und mussten überdies die mit den Er- 
gänzungscolonnen im September und October nachgeschickten be- 
deutenden Monturvorräthc wie die Verstärkungen selbst auch beim 
Heere selbstverständlich viel zu spät eintreffen. Das inzwischen an- 
gelangte Geld vermochte bei dem vollständigen Ausgesogen- und 
Verlassensein des Landes dem bestehenden Mangel, für den Augen- 
blick mindestens, nicht abzuhelfen. Zwar hatte General Wrede 
schon beim ersten Herannahen der Kälte Sorge getragen, dass seine. 
Leute mit weitheraufreichenden wollenen Strümpfen, warmen Hand- 



*) Es ist eine für unbezweifelt beglaubigte Thatsache, dass fast sämmt- 
liehe aus Russland zurückgekehrte Individuen — allerdings waren es sehr 
wenige — im Laufe der nächsten Monate nach ihrer Rückkehr vom Nerven- 
fieber befallen wurden. Bei den verschwindend geringen Ausnahmen von dieser 
Regel trat eine tiefgehende Verstimmung des Nervensystems ein, die sich erst 
nach mehrjährigem Bestehen, bei vielen gar nicht mehr hob. Dies ist wenig- 
stens die in Bayern gemachte Wahrnehmung. 

**) Der gröszte Theil der Mannschaft lief schon auf dem Marsche vom 
Niemen an die Düna mit blossen Füssen, oder hatte die wunden Fuszsohlen 
in Kuhhäute eingebunden. 



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Das Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812. 147 

schQhen und kleinen Pelzen zur Verhüllung von Mund und Ohren 
versehen würden ; da man aber all' diese Dinge von Danzig, Königs- 
berg und andern weit rückwärts liegenden Orten*) herbeischaffen 
musste, so konnten sie bei den damaligen Communicatiousmitteln erst 
nach Verlauf von Wochen beim Heere eintreffen. Bis dahiu mussten 
sich Offiziere und Soldaten mit dem kärglichen Schutze, welchen 
ihnen ihre abgeschabten, dünnen Mäntel, ihre zerrissenen Beinkleider 
und durchlöcherten Schuhe gewährten, begnügen. 

Dass solche Verhältnisse nicht beitrugen, [die moralische Stni- 
mung unter der Mannschaft zu heben, ist erklärlich; in der That 
bekunden die noch vorhandenen Aufzeichnungen aus jenen Tagen, 
dass selbst Männer, die in Bezug auf Erziehung und Bildung Uber 
dem Niveau des Gewöhnlichen standen, einer an Verzweiflung gren- 
zenden Niedergeschlagenheit verfallen waren, deren lähmender Wir- 
kung sich nur wenig hervorragende Charaktere oder einige besonders 
sanguiuische Naturen zu entwinden vermochten. Die Masse der in 
die Heimat abgehenden Briefe, welche die düstersten und schwär- 
zesten Schilderungen nicht selten mit maaszlosen Uebertreibungen 
von dem allerdings harten Loose der Braven in Russland enthielten**), 
mehrte sich mit jedem Tage, so dass General Wrede, der von Bayern 
aus hiervon Nachricht bekommen, es für gerathen hielt, derlei Mit- 
theilungen ein Ende zu machen. Er ertheilte am 8. November den 
sämmtlichen Abtheilungscommandanten den Befehl, von nun an keinen 
Brief eines ihrer Untergebenen nach Bayern der Feldpost zu über- 
geben, bevor sie nicht denselben gelesen und sich überzeugt hätten, 
dass er Nichts enthalte, dessen Bekanntwerden im Heimatlande Be- 
denken und Unzufriedenheit zu erregen vermöchte. Diese unzweifel- 
haft gewaltsame und starke Maaszregel Wrede's war jedoch nicht 
nur dadurch geboten und selbst gerechtfertigt, dass er die üblen Ein- 
drücke solcher schlimmen Nachrichten auf die nachrückenden Er- 
gänzungstruppen oder auf die neu ausgehobenen Rekruten um jeden 



*) Die Polnischen und Litthauischen Orte, wie Wilua, Minsk, Grodno, 
Kowno, Bialystok u. s. w., wurden durch derartige Lieferungen für die Fran- 
zösische Armee erschöpfend in Anspruch genommen. 

**) Unter den vielen Briefen, die nachmals zur Keuntniss der Bayerischen 
CommitndoBteUeu kamen, befand sich auch einer in Rebusform, den ein Ober- 
bayerischer Soldat an seine Mutter geschrieben und arglos vorgelegt hatte, wohl 
in dem Glauben, man würde zwar wohl bei ihm zu Hause, nicht aber im Haupt- 
quartiere den Inhalt zu enträthseln vermögen. Dieser Brief enthielt nämlich 
Kanonen, Fahnen, Brod, Monturstücke, Geldmünzen etc. der Reihe nach ge- 
»eichnet, und hinter jedem Gegenstände stand das Wort .,nimma" — nicht mehr. 



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148 ^ as ündc d© 8 Bayerischen Heeres im Jahre 1812. 

Preis verhindern wollte, sondern auch die Rücksicht auf den guten 
Ruf der Armee im Vaterlande machte sie dringend nothwendig. Es 
fielen nämlich gerade zu der Zeit, durch die Verzweiflung des Elendes 
und die allgemach ziemlich gelockerte Disciplin hervorgerufen, von 
Seite Bayerischer Soldaten wiederholt grobe Excesse und arge Un- 
botmäszigkeiten vor, welche Wrede veranlassten, eine nicht unbe- 
trächtliche Anzahl solcher Excedenten standrechtlich zu behandeln, 
mit anderen Worten erschieszen zu lassen. Was sich, in der Nähe 
betrachtet, als das traurige Ergebniss trauriger Verhältnisse erkennen 
liesz, musste jedoch aus der Ferne gesehen ein schiefes Licht auf 
die im Heere herrschende Mannszucht werfen und seinem Anführer, 
wenn auch mit Unrecht, den Vorwurf der Unfähigkeit zur Befehls- 
führung oder unnöthiger Grausamkeit zuziehen General Wrede war 
aber nicht der Mann, seine Stellung und den Ruf seines Heeres 
wegen der üblen Aufführung einiger liederlicher oder verzweifelnder 
Subjecte gefährden zu lassen. 

So sah es bei den Resten des 6. Corps aus, als am 13. und 
14. November die versprochenen Verstärkungstruppen von Wilna in 
Danielowitsch6 einrückteu. Es waren zwei Brigaden, befehligt von 
den Generälen Franzesky und Coutard*); die Brigade Franzesky 
ward aus drei Marsch-Bataillonen Infanterie, einem Regiment schwerer 
Cavallerie zu vier Escadronen, zwei Escadroncu Dragoner und vier 
Escadronen leichter Cavallerie (Lanciere und Chassetirs) formirt und 
führte vier Scchspfünder mit sich. Die Infanterie, aus Leuten aller 
Armeecorps, demnach fast aller Europäischen Nationen, bestehend, 
war von so zweifelhaftem Werthe, dass ein Bataillon auf dem kurzen 
Marsche von Wilna nach Daniclowitsche 250 Mann, ein anderes sogar 
405 Mann zurückgelassen hatte, welche sich im Lande plündernd 
und brandschatzend zerstreuten. Mit Genehmigung Wrede's formirte 
General Franzesky aus seiner Infanterie ein Regiment zu drei Ba- 
taillonen, deren eines aus gedienten Französischen, deren zweites 
aus gedienten Soldaten der Verbündeten bestand, während in dem 
dritten (Depot ) Bataillon die theilweise noch ganz unexercirten Re- 
kruten eingereiht wurden. Dieser vernünftigen Maaszregel, ver- 
bunden mit der eisernen Strenge Wrede's, die alsbald auch alle seine 
Unterbefehishaber mitzureiszen begann, gelang- es allmälig, eine ganz 



*! Es ist dies derselbe Coutard, der im Jahre 1809, als Oberst mit seinem 
Infanterie-Regimente, dem 65 Linien-Regimente, in Regensburg zurückgelassen, 
durch die Corps von Bellegarde und Kolovrath zur Capitulation gezwungen 
wurde; ein sehr braver Soldat, aber als politischer Charakter unzuverlässig. 



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I 



Das Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812. 149 

ordentliche Mannszucht in der etwas verwilderten Masse herzustellen. 
Die Mittclmäszigkeit dieser Infanterie wurde jedoch durch die ganz 
vorzügliche Beschaffenheit der Cavallerie von der Brigade Franzesky 
mehr als aufgewogen. Die beiden von den Majoren Frein und 
Coutant commandirten Cavallerie-Regimenter waren gut beritten und 
ausgerüstet und bestanden in tiberwiegender Anzahl aus alten, wohl- 
disciplinirten Soldaten, welche vor Kanipfbegierde brannten. Die 
Brigade Coutard wurde aus dem 4. Westphälischen Regimcnte zu 
zwei Bataillonen, dem 1. Hessen-Darrastädtischen leichten Infanterie- 
Regimente zu zwei Bataillonen und acht Geschützen formirt. Die 
Bataillone befanden sich in einem sehr guten Zustande und General 
Coutard hielt eine strenge und lobenswerthe Mannszucht in seiner 
Truppe aufrecht. Nicht so günstig wie die disciplinairen Verhält- 
nisse gestalteten sich, wie wir später hören werden, die Gesundheits- 
zustände in den beiden Brigaden*). 

Von dem Bayerischen Heere zählte damals die 19. Armee-Di- 
vision noch 14 Compagnien, die 20. Armee-Division noch 13 Com- 
pagnien, wozu dann noch das Detachement Chevauxlegers und 24 
Geschütze der Batterien Gotthardt, Gravenreuth, Halder und Dietrich 
(früher Ulmer) zu rechnen sind. Die Batterien Halder und Dietrich 
nämlich hatte General Wrede in den ersten Tagen des Novembers 
aus Michaelitzky, wo ihre Bespannung, so gut es eben gehen wollte, 
ergänzt worden, an sich gezogen, während er die Batterien Roys, 
Wagner und Hofstetten über den Niemen nach Balwierzisky, dem 
Bayerischen Depot- und Sammelplatze, zurückgeschickt hatte. Ueber 
die Beschaffenheit, der Bayerischen Truppenabtheilungen , welche 
Mitte November noch unter Wrede's Befehl standen, bleibt dem 
weiter oben Gesagten Nichts hinzuzufügen. Beide Infanterie -Di- 
visionen zusammen zählten damals noch 3100 Mann, mit der Ca- 



*) Die obige Schilderung der Brigaden Franzesky und Coutard ist thcils 
dem Berichte Franzesky's an Wrede vom 12. November, theils der Meldung 
Wrede's an den Majorgeneral Bertbier vom 17. November entnommen. Wir 
hielten es für nöthig, auf die Beschaffenheit dieser Truppen naher einzugehen, 
um zu zeigen, was Wrede auch noch zu diesem Zeitpunkte hätte leisten können, 
wenn man ihm eine seinen Kräften entsprechende Aufgabe ertheilt hätte. Bei 
der Unentschlossenheit und Zaghaftigkeit, die bei den detachirteu Armeecorps 
des Französischen Heeres, z. B. bei Viktor, Macdonald, Schwarzenberg etc., 
während des ganzen Feldzuges herrschten und die auf den thatendurstigen 
Wrede im entscheidenden Augen! lieke lähmend wirkten, mussten diese werth- 
vollen Streitkräfte ruhmlos und thatenlos unter stetem Zuwarten zu Grunde 
gehen. 



150 



Das Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812. 



valleriemannschaft und dem Häuflein Chevauxlegers 3500 
Die Brigade Franzesky hatte eine Starke von 3450 Mann, won 
sich 1370 Mann Cavallerie befanden; die Brigade Coutard en 
betrag 2» »70 Mann, so dass nunmehr Wrede's ganzes Corps mit 
Train eine Gesammtstärke von 9500 Mann und 36 Geschütze 
reichte. 

So sah sich denn Wied, endlich wieder an der Spitze eijK 
icspectablen Streitmacht, und wenn sie auch nach ihrer Anzahl WH 
hinter der von ihm sanguinisch gehofften Stärke von 14,0(>0 Maam 
zurückblieb, so war sie doch schon immer beträchtlich genug, Qjm 
den kühnen General, der sich seit Wochen auf das Commando eioet 
schwachen Brigade zurückgesetzt sah, mit den ehrgeizigsten Hfl 
nungen zu erfüllen. In der That schienen sich gerade in diesem 
.Momente die Verhältnisse so anlassen zu wollen, als ob ein unvIK 
weiltes directes Eingreifen von Wrede's Corps in den Gang 
groszen Operationen unmittelbar bevorstehen sollte. 

Am 14. November hatte nämlich zwischen Wittgenstein und 
Viktor die zweite Schlacht bei Tschachniki oder Smoliany stattge- 
funden, deren Kanonendonner bis in die Aufstellung Wrede's hinüber- 
gedrungen war; zugleich erhielt dieser eine Meldung des gegen 
Dokschitzoui vorgeschobenen Generals Corbineau, dass sich der 
Russische General Wlastov anschicke, mit etwa 6000 Mann aus 
seiner Stellung bei Loujki gegen Gloubokoe vorzurücken und Wrede 
anzugreifen; endlich benachrichtigte der Herzog von Bassano am 
16. November den Bayerischen General, dass das Streifcorps des 
Obersten Czernischoff, von dem gegen Minsk vorrückenden Heere 
Tschitschagoffs kommend, am 14. November die von Wilna nach 
Minsk führende Strasze tiberschritten und sich mit der Armee Witt- 
gensteins vereinigt habe*). Nähere Nachrichten über die Vorfälle 
bei Viktor und den gegenwärtigen Zustand der groszen Armee**) 
hatten zwar weder Wrede noch Maret bis jetzt erhalten, aber eiu 
vorsichtiges Vorrücken gegen die Beresina, auf deren linkem Ufer 
das 2. und 9. Corps stehen bleiben mussten, durfte von dem nun 
über 9000 Mann starken Corps Wrede's wohl unternommen werden. 

*) Bei dieser Gelegenheit war es, dass der tapfere Czernischoff den auf der 
Heise nach Frankreich befindlichen General Winzingerode aus der Kriegs- 
gefangenschaft befreite. 

**) Das später erwähnte Schreiben Berthiers an Wrede, d. d. Smolensk den 
11. November, worin dieser benachrichtigt wird, dass die grosze Armee zwischen 
Dniepr und Düna Stellung nehmen werde, traf erst am 2U. November bei 
Wrede ein. 



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Das Ende des Bayerischen Heere« im Jahre 1812. 



151 



Um aber seinen Flankenmarsch gegen die seitwärts stehende Ab- 
theilung- Wlastov's zu sichern, beschloss der Bayerische General zu- 
erst gegen Gloubokc-e vorzudringen, Wlastov zurückzuwerfen und 
dann den Marsch nach der Beiesina anzutreten*). 

Nachdem der 15. und 16. November dazu benutzt worden, bei 
der Cavallerie die 1 1 u leisen schärfen zu lassen, was bei der damals 
schon herrschenden Kälte dringend nöthig schien, und die Truppen 
mit Vorräthen von Lebensmitteln für die nächsten Tage zu versehen, 
erliesz Wrede am 17. November den Befehl zum Abmärsche von DaniH- 
owitsch£. Er räumte diesen Ort um so lieber, als ein am 15. November 
durch Unvorsichtigkeit der Französischen Cürassiere ausgebrochener 
Brand den gröszten Theil des Dorfes in Asche gelegt hatte, wodurch 
zwei Dritttheile von Wrede's Corps sich genöthigt sahen, von nun an 
im Freien zu bivouakiren, was bei einer Kälte von 12 — 16 Grad R. 
eben kein Vergnügen war. 

Am 18. November Mittags setzte sich das ganze Corps auf der 
Strasze nach Gloubokoe in Marsch. Voran zog die Französische 
Cavallerie unter General Franzesky, dieser folgten die beiden Baye- 
rischen Divisionen, die Brigade Coutard, die ersten beiden Marsch- 
Bataillone, befehligt von Oberst Amour, dann die Artillerie, zu deren 
Deckung das 3. Französische und das aus Reconvalescenten gebildete 
Bayerische Marsch-Bataillon unter Major Ribeaupierre bestimmt waren. 
Die Truppen, in voller Gefechtsbereitschaft und in dicht geschlossener 
Zugcolonne vorrückend, gelangten am Abende mit ihrer Spitze 
nach Bariii und rückten am folgenden Tage in Gloubokoe ein, ohne 
auf einen Feind gestoszen zu sein. Kundschafter brachten die später 
auch bestätigte Nachricht, dass General Wlastov sich beim Heran- 
nahen von Wrede's Uebermacht gegen Koubloutschi**) zurückgezogen 
habe, nachdem er am 18. November die in Gloubokoe befindliche Ab- 
theilung des Obersten Andropos nach Loujki gezogen hatte. Wrede 
versäumte nicht, den weichenden Feind in der Richtung seines Rück- 
zuges verfolgen zu lassen; er schob noch am Nachmittage des 
19. Novembers seine Avantgarde, die Französische Cavallerie des 
Generals Franzesky, in die Höhe von Zabore vor und liesz am 



*) Am 16. November ertheilte Wrede an General Corbineau den be- 
stimmten Befehl, beim 2. Corps einzurücken, in Folge dessen derselbe auch am 
folgenden Tage seinen Marsch antrat und, wie wir gehört haben, über Dol- 
ghinov, Plichtehünitsoui und Zembin nach der Beresina zog, wo er am 21. No 
vember eintraf. — 

**) Er verliesz es in den folgenden Tagen und vereinigte sich mit dem 
gegen Borisov vorrückenden Heere Wittgensteins. 



152 



£)as Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812. 



20 November durch dieselbe die Orte Loujki, Plissa und Kovali be- 
setzen, während er 600 Mann Bayern nach Danielowitsche zurück- 
sandte, um bei seinem beabsichtigten Vorrücken gegen die Beresina 
die Verbindung mit Wilna nicht zu verlieren. Mit der Haupttrnppe 
seines Corps blieb General Wrcde während des 20. Novembers un- 
beweglich in Gloubokoe stehen, theils weil er über die fernere Marsch- 
richtung Wlastovs noch nicht im Klaren, theils und hauptsächlich 
aber, weil er noch immer ohne alle Nachricht von Seite der Mar- 
schälle Viktor und Oudinot war. 

Am 21. November Morgens 1) Uhr brach er jedoch mit seinem 
ganzen Corps von Gloubokoe auf und bewegte sich auf der nach 
Uscacz führenden Strasze bis nach Gholoubitschi vorwärts. Von da 
aus gedachte er am 22. November gegen Koubloutschi, wo er Wlastov's 
Corps noch aufgestellt glaubte, vorzudringen und den Russischen 
General zur Schlacht zu zwingen. Aber schon in Gholoubitschi wurde 
ihm die Nachricht, dass sich Wlastov mit Wittgenstein hinter der 
Uscacz vereinigt habe und somit der Marsch gegen Kouloubitschi ein 
Stosz in die Luft sein würde. Die zugleich eingetroffene Kunde von 
der am 16. Nov. erfolgten Einnahme Minsk's durch Tschitschagoff be- 
stärkten den Bayerischen General in dem Entschlüsse, sich nunmehr 
durch einen Flankenmarsch nach Dokschitzoui der Beresina zu nähern 
und über den Ort Beresina mit dem 2 und 9. Corps in Verbindung zu 
treten. Indem er hie von sowohl den Herzog von Bassano in Wilna, als 
auch den Herzog von Reggio, den er noch bei Tschachniki vermuthete, 
in Kenntniss setzte, behielt er sich gegen Beide die freie Wahl 
bevor, wenn er bis zum 25. Abends keine anderweitigen Befehle 
erhalten haben sollte, auf eigene Faust von Dokschitzoui aufzu- 
brechen, in forcirten Märschen auf das rechte Ufer der Düna zu 
rücken und dort im Rücken des Feindes Schrecken und Verwirrung 
zu verbreiten. Es war dies ein einfaches Zurückkommen auf seine 
Pläne vom 10. November, zu deren Ausführung jedoch damals Maret 
seine Zustimmung verweigert hatte. 

Uns, die wir von dem elenden Zustande, in dem sich die 
Französische grosze Armee in den Tagen befand, wo sie von Orsza 
nach Borowsk marschirte, vollkommen genau unterrichtet sind, 
mögen diese kühnen und weit angelegten Pläne des Bayerischen 
Generals als kaum glaubliche, fast lächerliche Ausgeburten einer 
krankhaft gereizten Phantasie erscheinen. Eine ganz andere 
Anschauung erhält man jedoch, wenn man sich in Wrede's wirkliebe 
Lage versetzt. Nach den ihm sowohl von Berthier, als auch von 



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Das Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812. lf>o 

Maret*) big jetzt zugekommenen Nachrichten hatte sieb zwar 
Kaiser Napoleon durch den herannahenden Winter und die nicht zu 
Stande gekommenen Friedensunterhandlungen gezwungen gesehen, 
Moskau zu räumen und den Rückmarsch nach Polen anzutreten. 
Aber dies Alles war — so hatte man ihn berichtet — keine Fol^e 
der Russischen Operationen, sondern lediglich der freie ungezwungene 
Entschluss des Kaisers gewesen. Nach der unbedeutenden Schlappe, 
die Murat bei Winkowo erlitten, hatten die Russen bei Malo Jaros- 
Iawetz, Wiasma, Krasnoi eine empfindliche Niederlage nach der 
anderen erhalten, und zuletzt schickte sich — nach dem eigen- 
händigen Schreiben des Majorgenerals vom 11. November aus 
Smolensk — die grosze Armee an, „de prendre position entre le 
Dniepr et la Dwina".**) Allerdings vermuthete Wrede, wenn er 
sein 'zusammengeschmolzenes Corps betrachtete, dass auch die Haupt- 
armee bedeutende Verluste gehabt haben müsse. Desto willkommener 
musste aber dem Franzosenkaiser jede Offensivbewegung eines 
seiner Flankencorps sein, welche wenigstens einen Theil der ihn 
umstehenden feindlichen Heerestheile fernerhin in Schach zu halten 
vermöchte. Die Rückzugsbewegung, welche Wlastov's Corps gerade 
in diesen Tagen zur Vereinigung mit Wittgenstein^ Armee vollzog, 
sowie das zaudernde und vorsichtige Verhalten, welches die Russische 
Heeresleitung in diesem Feldzuge überhaupt kennzeichnete, lieszen in 
Wrede nicht den leisesten Gedanken aufdämmern, dass die Sache 
Napoleons damals schon so gut wie hoffnungslos verloren war. 



*) Bekanntlich war Maret Mitursaehe, das« von der gefahrvollen Lage des 
Napoleonischen Heeres bei den detachirten Armeecorps bis zuletzt Nichts be- 
kannt wurde; dem rückhaltlosen Verehrer seines Kaisers widerstrebte es, Un- 
wahrheit zu sagen, wenn sie seinem Ideale uachtheiüg schien. Vergleiche 
darüber Thiers, Band XIII, pag. 49, dem wenigstens in dieser Beziehung aus- 
nahmsweise geglaubt werden darf. 

**) Dieses Schreiben Berthiers enthielt auazerdem die Mittheilung, dass der 
Kaiser den Marschällen Viktor und Reggio den .Befehl ertheilt habt;, d attaquer 
Tigoureusemeut l'ennemi, welchen Befehl bekanntlich die Beiden am 14. Nov. 
bei Tschachniki, wenn auch ohne den gewünschten Erfolg, vollzogen. — Die 
oben angeführte Phrase, dass die grosze Armee zwischen Dnieper und Düna 
Stellung nehmen werde, charakterisirt auf recht anschauliehe Weise das grosz- 
sprecherisehe und lügnerische Wesen der Napoleonischen Bulletins. Von einer 
Stellung zwischen Dnieper und Düna zu sprechen, nachdem die Armee seit 
dem Abmärsche von Moskau an 70,000 Streitbare verloren, nachdem sich Milo- 
radowitsch bereits Krasnoi auf der Französischen Rückzugslinie näherte, nach- 
dem endlich Witebsk vom Feinde genommen worden, ist doch der höchste Grad 
von Unverschämtheit. — 



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154 Das Eude dee Bayerischen Heere« im Jahre 1812. 

Dass es mit ihr gefährlich stünde, erkannte der Bayerische General 
freilich sehr gut, aber um so dringender glaubte er, von den Ver- 
hältnissen geboten, durch vermehrte Kühnheit und erhöhte An- 
strengungen das schwankende Gleichgewicht wiederherzustellen. 

Wir haben nicht die Absicht, eine Apotheose des Bayerischen 
Heerführers zu schreiben; aber wenn wir unsere gewissenhaft be- 
gründete Ueberzeugung immer und überall aussprechen sollen und 
wollen, so dürfen wir sie auch hier sicher nicht verschweigen. Und 
hätten die stolzen Französischen Marschälle, hätten Macdonald und 
Schwarzenberg, Viktor und Oudinot so gedacht und gehandelt, wie 
Wrede dachte und handeln wollte — aber leider nicht durfte — so 
wäre der Rückzug des Französischen Heeres nicht der geworden, 
der er wirklich ward. Und nicht mit Unrecht hat man Napoleon 
den Ausspruch in den Mund gelegt, als er den Verlust von Borowsk 
erfuhr: „So ist es denn ausgemacht, dass wir alle nichts als 
Dummheiten begehen sollen/' 

Am 22. Nov. rückte demnach Wrede gegen Dokschitzoui vor, das er 
am Abende mit seiner Vorhut erreichte, während seine Haupttruppe 
noch anderthalb Stunden weiter rückwärts ä cheval der Strasze 
lagerte; am 23. Nov. traf auch diese in Dokschitzoui ein. An demselben 
Tage erhielt der Bayerische General die Nachricht, dass die noch 
14,000 Mann starke Division Loison, aus Ostpreuszen kommend, 
in Wilna eingetroffen sei, wodurch letzteres wieder eine Besatzung 
erhalten, die es vor jedem Handstreiche sicher stellte. Diese An- 
kunft verhältnissmäszig beträchtlicher Streitkräfte setzte den General 
Wrede in keine geringe Aufregung; ihm erschien es sündhaft, die 
noch ganz intacten Regimenter Loison's ruhig und unthätig in Wilna 
garnisoniren zu lassen, während ihre Kriegsgefährten vom Feinde, 
von Noth und Kälte gedrängt, einen mühsamen und gefahrvollen 
Rückzug nach der Beresina ausführten, deren Hauptübergangspuukt 
Berisov — wie er durch einen Kundschafter erfahren — überdies 
am 20 Nov. vom Feinde genommen worden war. Bevor er aber an den 
Herzog von Bassano Vorschläge über die vortheilbafte Verwendung 
dieser frischen Streitkräfte richten konnte, rausste er den erhaltenen 
unzweideutigen Befehlen gemäsz noch einmal den Versuch wagen, 
sich mit dem 2. und ( J. Corps in Verbindung zu setzen, von denen 
immer noch keine Kunde weder zu ihm noch zu Maret gedrungen 
war. Er liesz demnach am 24. Nov. Morgens den General Franzesky 
mit der Französischen Cavallerie und einer halben Bayerischen 
Batterie gegen Beresino eine Recognoscirung ausführen. Franzesky 
gelangte auch, ohne auf einen Feind zu stoszen, bei diesem Orte an 



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Das Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812. 155 

das linke Ufer der Beresina, das er jedoch von den nach Pouichna 
zurückgewichenen Russen verlassen fand. Dort angekommen, liesz 
er von seiner Artillerie zwölf Signalschtisse geben, um allenfalls in 
der Nähe befindliche Französische Truppen von seinem Erscheinen 
in Kenntniss zu setzen. Dann kehrte er mit Einbruch der Nacht 
wieder gegen Dokschitzoui zurück. Aber vergebens wartete Wrede 
die nächsten Tage hindurch auf eine Beantwortung seines Signals; 
nur aus verworrenen und sich widersprechenden Kundschafter- 
aussagen konnte er erratben, dass die beiden Marschälle ihre bis- 
herige Aufstellung bei Czereja geräumt haben mtissten. Dass 
Oudinots Corps am 25. Nov. mit dem Schlagen der Brücken über die 
Beresina bei Studianka beschäftigt, und Viktor an demselben Tage 
bereits bis Patoulitzi, fünf Stunden östlich von Borisov, zurück- 
gegangen war, um die Nachhut der groszen Französischen Armee 
zu libernehmen, konnte Wrede freilich nicht ahnen. Aber auch 
ohne dies zu wissen, durfte er nun nicht mehr daran denken, gegen 
Czereja über die Beresina vorzurücken, nachdem er durch die 
ununterbrochen ausgeschickten Kundschafter*) aufs Bestimmteste 
erfahren hatte, dass die Armee Tschitschagoffs bereits das rechte 
Beresinaufer bis nach Zembin herauf besetzt und sich somit dem 
Heere Wittgensteins beträchtlich genähert habe. Ein Offensivstosz 
durch diese beiden Heere hindurch konnte selbst der Kühnheit 
Wrede's nur geringen Erfolg versprechen, und zwar um so weniger, 
als ein jedes der feindlichen Heere mindestens viermal so stark 
war, als Wrede's Corps; denn die letzten acht Tage hatten dessen 
Reihen bereits wieder stark gelichtet. Aus einer Meldung des 
Bayerischen Generals an den Herzog von Bassano vom 27. November 
geht hervor, dass sich die Brigade Coutard bereits um ein Viertel 
ihres Bestandes vermindert und die Cavalleiie Franzesky bereits 
300 Kranke zurückgelassen hatte. Umsonst war es, dass Wrede 
persönlich die Vertbeilung reichlicher und guter Nahrungsmittel an 
seine Mannschaft überwachte, umsonst, dass er am 25. die Reste 
seines Corps in ausgedehntere Cantonnirungen um Dokschitzoui 
verlegte, um jedem einzelnen Manne Unterkunft in einem geheizten 
Räume zu verschaffen. Wie in den heiszen Tagen des Sommers 



*) Die Kundschaftsdienste wurden in der Regel von Polnisch-Litthauischen 
Edelleuten — Sehlachzizen — vergehen, die in ihrem Hasse gegen Russland 
den Muth fanden, der Gefahr eines schimpflichen und beinahe sicheren Todes 
zu trotzen. — 



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156 Das Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812. 

die Rühr, so forderte jetzt in der erstarrenden Kälte *) des nordischen 
Winters das Nervenfieber täglich zahlreichere Opfer. 

So gerne sich aber auch der General der Hoffnung hingab, 
mittelst kluger Schonung und reichlicher Verpflegung die gänzliche 
Vernichtung seiner Truppen durch Kälte und Krankheiten mindestens 
für einige Wochen hinausschieben zu können, so durfte und mochte 
er sieh gleichwohl nicht verhehlen, dass ihm der unerbittliche Gang 
der Kriegsereignisse die hiezu nöthige Zeit nicht gewähren werde. 
In seinem Drange, auch jetzt noch zum Besten des Ganzen und. 
wenn möglich, entscheidend in den Verlauf der Dinge einzugreifen, 
schlug Wrede unterm 28. November dem Herzog von Bassano vor, 
Alles, was Maret an Truppen in Wilna zusammenzuraffen vermöchte, 
gegen den vor Borisov stehenden Admiral Tscbitschagoff vorzu- 
schicken und diesen dadurch sowohl von der Rückzugslinie der 
groszen Armee, als auch von seiner Vereinigung mit der Armee 
Wittgensteins abzudrängen. Sollte dieser Vorschlag, den Wrede bei 
bei seiner damaligen Unkenntniss der wirklich herrschenden Ver- 
hältnisse mit Recht als zweckmäszig dringendst befürwortete, die 
Genehmigung des Ministers unverweilt erhalten, so wollte er seiner- 
seits aus Dokschitzoui aufbrechen und sich über Dolghinov und 
Wileyka der linken Flanke des gegen Borisov vormarschirendeu 
Französischen Corps zur thätigen Mithilfe anschlieszen. 

Aber nur wenige Stunden nach Abgang dieses Berichtes, also 
lange bevor Maret ihn erhalten haben konnte, traf höchst unerwartet 
ein directer Befehl des Majorgenerals Alexander, d. d. Zanivki**) 
den 28. November, ein, unverzüglich nach Wileyka zu rücken, dort 
Lebensmittel anzusammeln, die Brücken über die Wilna zu besetzen, 
die Straszen nach llia und Minsk im Auge zu behalten und sich mit 
dem Commandanten von Smorghoui, dem uns als St. Cyrs General- 
stabschef bereits bekannten Oberst D'Albignac, ins Benehmen zu 
setzen. So lakonisch diese Ordre auch lautete — und auszer den 
eben angeführten Befehlen enthielt sie factisch kein anderes Wort 
— so konnte ihr Wrede doch entnehmen, dass Napoleon die Beresina 
überschritten habe, und dies war bei der gegenwärtigen Aufstellung 



*) Wie wir bereits erwähnt haben, steigerte sich die Kälte seit dem 25. Nov., 
an welchem Tage der Thermometer 8 Grad K. zeigte, ohne bemerkenswerthe 
Unterbrechung bis zum 9. December, an welchem der Thermometer bis aul 
28 Grad R. fiel. 

*) Zanivki liegt auf dem rechten Ufer der Beresina, südöstlich von Zembio 
und dircct gegenüber von Studianka, also vor den beiden Beresinabrücken der 
Franzosen. 



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Das Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812. 157 

der beiderseitigen Heere jedenfalls von der höchsten Bedeutung. 
Umgehend entsandte er mit dieser erfreulichen Nachricht einen 
Offizier als Courier an den Herzog von Bassano nach Wilna. 

Am frühen Morgen des 30. Novembers brach er dann mit seinem 
ganzen Corps von Dokschitzoui auf; voran zog die Französische 
Cavallerie des Generals Franzesky, ihr folgten die 19. Bayerische 
Division mit der Artillerie*), die 20. Bayerische Division, dann die 
Brigade Coutard; den Zug schloss das von Oberst Amour befehligte 
Marschregiment, dessen 3. Bataillon mit zwei Zügen Bayerischer 
Chevauxlegers die Arrieregarde zu bilden bestimmt war. Am Abende 
des 30. Novbr. langte das Wrede'sche Corps in Dolghinov und am 

1. Dezbr. die Cavallerie desselben in Wileyka an, während die Infanterie 
noch zwei Stunden rückwärts Bivouak bezog. Am 2. Decbr. Mittags 
hatte Wrcde seine sämmtlichen Truppen in Wileyka versammelt 
und begann zwei Brücken über die Wilna zu schlagen, die allerdings 
durch die stündlich zunehmende Kälte alsbald unnöthig gemacht 
wurden, da man auch ohne solche künstliche Uebergangsmittel auf 
der dicken Eisdecke den Fluss mit Pferden und Geschütz passiren 
konnte. Dadurch ward aber auch die Aufstellung Wrede's bei 
Wileyka in hohem Grade gefährdet; denn nunmehr vermochte auch 
der Feind ungehindert die Kamenka und den Serbetsch, deren 
Brücken Wrede bei seinem Rückzüge nach Wileyka sorgfältig hatte 
zerstören ^ssen, zu tiberschreiten und in die linke Flanke seiner 
Stellung vorzurücken. In der That zeigten sich schon im Laufe des 

2. Decbr. zahlreiche feindliche Reiterhaufen, welche auf der Strasze 
von Dolghinov bis auf zwei Meilen nördlich von Wileyka heranzogen. 
Um sich vor einer Umgehung zu sichern, entsandte Wrede am 
Morgen des 3. Decbr. den General Beckers mit 400 Mann der 
20. Bayerischen Infanteriedivision rückwärts nach Narotsch, mit dem 
Befehle, die dortige Brücke Uber die Narotsch zu besetzen und den 
Rücken seines Corps zu sichern. Einem von 1 Uhr Morgens des 
2. Decbr. aus Selitscbe datirten Befehle Berthiers entsprechend, 
hatte der Bayerische General noch im Laufe dieses Tages 40,000 
Rationen Branntwein, grosze Quantitäten Mehl, dann Schlachtvieh 
nach Melodetschno schaffen lassen, wo laut dem Schreiben Berthiers 
am Abend das Hauptquartier der Groszen Armee eintreffen werde. 
Wie schlimm es mit dieser stand, liesz jedoch keine Aeuszerung 



*) Die Artillerie der Bayern bestand damals noch aus den drei leichten 
Batterien Gotthardt, Gravenreuth und Halder, da die Batterie Dietrich wegen 
mangelnder Bespannung wieder nach Michaelitzky zurückgeschickt worden war. 
Jahrbücher f. d. Deutsche Armee n. Marine. Band XIII. 1 1 

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158 Das Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812. 

dieses Briefes errathen; l'arme'e souffre de ses longues privations, 
war das Einzige, was Wrede erkennen liesz, dass es nicht zum 
Besten stehen müsse. Dass freilich die ganze Grosze Armee sich 
in einem ähnlichen Zustande befände, wie die ausgehungertes, 
abgerissenen Leute, welche, wandelnden Gerippen gleich, seit dem 
Morgen des 3. Decbr. in zahlreichen Schaaren auf der groszen Heer- 
strasze an der Aufstellung des Wrede'schcn Corps vorbei wankten dies 
konnten weder er, noch seine mitleidig staunenden Soldaten ahnen. — 
Ein energischer Angriff, den die Russische Vorhutcavallerie*) am frühen 
Morgen des 4. Decbr. auf Wiede's Corps ausführte, liesz diesem 
jedoch nicht Zeit, sich mit dem traurigen Schicksale dieser Heeres- 
trtimmer naher bekannt zu machen und zu beschäftigen. Die 
Französischen Marschcavallerieregimenter unter ihren tapferen Führern 
Frein und Contant richteten, unterstützt vom Gewehr- und Geschütz- 
feuer, ein fürchterliches Blutbad unter den zu weit vorgedrungenen 
feindlichen Reitern an und trieben sie eine Stunde weit gegen 
Dolpbinov zurück. 

Als Wrede von diesem scharfen Ritte zurückgekehrt war, fand 
er in Wileyka einen Befehl des Majorgenerals vor, welcher ihn mit 
seinen Corps nach Marotsch beorderte. Schon um 2 Uhr Nach- 
mittags schickte sich das Corps an, den Rückmarsch anzutreten, als 
aufs Neue eine zahlreiche Russische Truppenabtheilung sichtbar 
wurde, deren Vorhut alsbald mit den Vorposten W rede's ins Gefecht 
gerieth. An einen Abmarsch unter solchen Umständen war natürlich 
nicht zu deuken; Wrede zog daher seine ganze kleine Armee durch 
die Stadt zurück und liesz sie auf einer Höhe hinter derselben in der 
Art Stellung nehmen, dass die Reiterei das erste Treffen bildete, die 
Infanterie aber mit den noch vorhandenen dreiszig Geschützen**) 
unmittelbar dahinter im zweiten Treffen aufgestellt ward. Als nun 
die Russische Avantgarde, den langsam zurückweichenden Plänklern 



*) Es war dies die Cavallerie von Streifeorps des Russischen General- 
adjutanten Grafen Golenichtsehev-Kutusow, dem wir schon einmal am 10. Nov. 
in Douchovtechnia begegnet sind. Seit der Beresina war er den Befehlen 
Wittgensteins unterstellt worden, der mit seiner Armee rechts von der Haupt- 
Rtrasze gegen Nimentzin — nördlich von Wilna au der Wilia — vorrücken 
sollte, während Platow mit seinen Kosaken links und Tschitsehagoff, dem die 
Hauptarmee unter Kutusow folgte, auf der Minsker-Hauptstrasze selbst gegen 
Wilna heranzogen. 

**) Vier Französische, zwei Westphälische und sechs Hessische ßegiments- 
geachütze und die drei Bayerischen leichten Batterien Gotthardt, Gravenreutb 
und Halder. — 



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Das Ende de» Bayerischen Heeres» im Jahre 1812. 159 

von Wrede's Corps auf dem Fusze folgend, aus der Stadt debouchirte 
und bei ihrem Erscheinen die nach beiden Seiten die Front räumende 
Reiterei die mit Geschützen gespickte feste Schlachtstellung Wrede's 
enthüllte, wichen die Russen eiligst zurück, um sich Verstärkung 
herbeizuholen. Gegen 4 Uhr traf diese auch, aus Infanterie mit 
zahlreicher Artillerie bestehend, auf dem Kampfplatze ein und 
eröffnete sogleich ein heftiges Geschützfeuer, das den Truppen 
Wrede's empfindlichen Schaden zufügte. Der kaltblütigen Tapferkeit, 
mit welcher die Artillerie Wrede's, und namentlich die Bayerischen 
Batterien Gotthardt und Gravenreuth, das feindliche Feuer allmälig 
zum Schweigen brachten, hatte es der Bayerische General vornehmlich 
zu danken, dass er nach eingebrochener Dunkelheit, etwa um 6 Uhr 
Abends, ungestört seinen Rückzug nach der Naroth antreten konnte, 
auf deren rechtem Ufer er um 11 Uhr Nachts eintraf, ohne weiter 
vom Feinde beunruhigt zu werden. Nur Oberst Graf Waldkirch, 
der mit der 1. Brigade der 19. Division zur Deckung des Rück- 
marsches beordert worden, stiesz auf einige Kosakenhaufen, die sich 
im Laufe des Tages von Kourjenets gegen Narotsch vorgewagt 
hatten; einige Gewebrsalven genügten jedoch, sie aus dem Wege 
zu scheuchen. Um die Mitternachtsstunde hatte auch Graf Wald- 
kirch die Narotsch passirt und die Brücken hinter sich abgebrochen, 
so dass das ganze Corps hinter dem steilen rechten Uferrande des 
Flüsschens ein gesichertes Nachtlager beziehen konnte. 

Am Mittag des 5. Decbr. brach Wrede aus seinem Bivouak wieder 
auf, um sich Uber Voistom der Wilia zu nähern, über welche in 
dieser Gegend nur eine einzige stehende Brücke, jene bei Michac- 
litzky, führt. Oberst d'Albignac, der Commandant von Smorghoni, 
hatte jedoch zeitig genug eine Brücke erbauen lassen, einige Stunden 
aufwärts von Danouchev, durch welche man noch vor Smorghoni 
die grosze Heerstrasze erreichen musste. Obwohl nun dem Bayerischen 
General, wie aus einem Berichte desselben an Berthier, von Wileyka 
den 4. Decbr. datirt, hervorgeht, die Existenz dieser Brücke bekannt 
war, so hielt er es doch für gerathener, auf sein gutes Glück und 
auf den zunehmenden Frost vertrauend, gerade rückwärts über 
Voistom an die Wilia zu marschiren und dort irgend einen geeigneten 
Uebergangspunkt aufzusuchen, als sich auf einem Umwege nach 
einer der vorhandenen Brücken zu wenden. Wie uns dünkt, handelte 
auch hier wieder Wrede, indem er anscheinend nur einer leichtfertigen 
Laune folgte, in hohem Grade klug; denn wenn er von Narotsch 
aus sich nach der neuerbauten Brücke oberhalb Danouchev bewegt 

und, dieselbe passirend, die grosze Heerstrasze erreicht hätte, so 

n* 



160 D as Ende des Bayerischen Heeres im Jahre lbl2. 

wurde er sich mit der Arrieregarde des Französischen Heer 
welche seit dem 3. Decbr. das 9. Armee -Corps unter Marsch 
Viktor bildete, vereinigt, aber somit auch deren linke Flanke d 
dann unbehindert vorrückenden Truppen Wittgensteins Preis gege 
haben. Dies entsprach aber weder dem Sinne der Befehle Berthie 
die ihm vorschrieben, sich in gleicher Höhe mit Viktor aber 
dessen linker Flanke gegen Wilna zurückzuziehen — noch entspr 
es seinem eigenen Gcschmacke, sich mit den Trümmern der Grosz 
Armee zu vereinigen, von deren hoffnungslosen Lage ihm doch 
nachgerade eine leise Ahnung aufgestiegen war.*) Bis zu der 
stehenden Brücke bei Michaelitzky **) abwärts zu marschiren, durfte 
er sich aber noch weniger getrauen, da er durch diese Rechts- 
bewegung nicht nur die Flanke Viktors entblöszt, sondern auch sich 
selbst vollständig isolirt und der sicheren Gefangennehmung durch 
die Küssen ausgesetzt haben würde. So blieb ihm nichts Anderes 
zu thun übrig, als was er, freilich mit der ihm eigenen Zuversicht 
sicheren Gelingens, wirklich that. Zwar als seine Truppen am 
5. Decbr. Nachmittags an dem rechten Ufer der Wilia anlangten, 
hatte es den Anschein, als sollten sich an diesem Flusse die traurigen 
Vorfälle des Ueberganges über den Wop erneuern, als sollte die 
Wilia dem Ueberreste des 6. Corps das werden, was die Beresina 
den Trümmern der Groszen Armee geworden war. Denn noch 
wälzten sich die trüben Wellen des reiszenden Flusses, mächtige 
Stücke Eises dahintreibend , zwischen den steilen Ufern fort, jede 
Möglichkeit eines Ueherganges, auszer auf einer stehenden Brücke, 
finster verwehrend. Umsonst zog Wrede am Ufer aufwärts bis nahe 
nach Danouchev, nirgends wollte sich ein geeigneter Uebergangs- 
punkt finden. So befahl er denn, beinahe an seinem Glücke ver- 



*) Nicht nur die Aussagen der Französischen Traineurs, die seit Wileyka 
seinem Marsche folgten, und die Berichte der zu Napoleon oder Berthier ent- 
sandt gewesenen Offiziere, sondern namentlich die ganz ungewöhnliche Höf- 
lichkeit in den Befehlen, die von Seite des Französischen Hauptquartiers bei 
Wrede einliefen, lieszen ihn vermuthen, dass es dort sehr schlimm aussehen 
müsse. So ward Wrede plötzlich mit votre excellence oder son excellence vou- 
drait bien etc. zu Bewegungen eingeladen, die man ihm noch vor wenig Tagen 
mit le ge'neVal Wrede sera etc. anbefohlen haben würde. 

**) Es ist hier nöthig zu erwähnen, dass General Wrede schon am 29. No?„ 
noch vor seinem Abmärsche von Dokschitzoui nach Wileyka, seineu sämmt- 
lichen Depotcommandanten in Danielowitschd, Postavoui, Kobouilniky, Michae- 
litzky, Swir etc. die gemessensten Befehle ertheilt hatte, Alles, was sich an 
Personal und Material in diesen Orten befände, unverzüglich nach Wilna zu 
schaffen; leider kam, wie wir noch hören werden, dieser Befehl zu spät. — 



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7 V - 

Das Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812. 161 

zweifelnd, am Ufer des Flusses für die Nacht ein Bivouak zu be- 
ziehen. Die 20. Bayerische Division, welche auf dem Marsche von 
Marotsch an die Wilna die Nachhut gebildet hatte, wurde bestimmt, 
die Vorpostenkette auszustellen und das lagernde Corps vor den 
unausgesetzten Neckereien der nun auch über Jodichki bereits vor- 
dringenden Kosaken zu schützen. In banger Ahnung und begreif- 
licher Spannung verbrachte Graf Wrede die Nacht wachend in einem 
Hauernhause nahe dem Flusse. (Schluss folgt.) 



IX. 

Die Cernirnng von P^ronne im Zusammenhange 
mit den Operationen der I. Armee. 

Mit 2 Karten*) und 4 Beilagen. 

I. Einleitung. 

Ueberblick über die Operationen der L Armee nach der 
Capitulation von Metz. — Gründe zur Cernirung von 
P6ronne und Art der Angriffsmittel. 

Nachdem die Deutsche Heeresleitung in rasch aufeinander fol- 
genden, gewaltigen Schlägen die gesammte Französische Feldarmee 
theils gefangen, theils eingeschlossen hatte, bildeten sich mit aner- 
kennenswerther Schnelligkeit republikanische Heere, welche von 
Norden, Westen und Süden her die mittlerweile eingetretene Cer- 
nirung von Paris bedrohten. Neben der Französischen Loirearmee 
waren es hauptsächlich die Truppenerscheinungen in den Nord-De- 
partements, welche die Aufmerksamkeit der Deutschen Heeresleitung 
auf sich zogen, da diese, durch die starken Festungen geschützt, 
einzelne schwächere Detachements zurückgewiesen hatten und selbst 
auf die Pariser Cernirungslmie nicht ganz ohne Einfluss geblieben 
waren. Es wurde daher, als die Capitulation von Metz in naher 
Aussicht stand, aus Versailles über die deranächstige Verwendung der 
I. und II. Armee behufs Deckung der Cernirung von Paris das 
Nähere bestimmt. Die bisherige I. Armee insbesondere erhielt den 
Auftrag, etwaige Entsatzversuche aus dem Norden zurückzuweisen, 
die sich wieder sammelnden Heere auf das Gebiet innerhalb der 

*} Diese 2 Karten sind mit Tnf. I u. II bezeichnet, muss aber Tat". III u. IV sei. . 



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162 Die Cernirung von Peronne im Zusammenhange 

Festungen zu beschränken und auszerdem die Verbindung Nord- und 
Süd-Frankreichs über Rouen durch Besetzung dieser Stadt aufzuheben. 
In Folge der höheren Directiven marschirte daher die I. Armee nach 
der Capitulation von Metz mit ihrem grösztcn Theile bis zur Somme, 
warf die bei Amiens concentrirte feindliche Armee über diesen Flnss 
in die Nordfestungen zurück und schritt, da nun für das Erste von 
dieser Seite keine Belästigungen zu erwarten waren, zum zweiten 
Theile ihrer Aufgabe. Mit der Besetzung von Rouen und der ganzen 
Normandie nördlich der Seine, mit Ausnahme von Havre, wurde auch 
diese ausgeführt und konnte nun zur gänzlichen Pacificirung der 
betreffenden Landestheile geschritten werden. 

Wider Erwarten schnell hatte sich aber die feindliche Armee 
innerhalb der Nordfestungen reorganisirt, durch verschiedene Unter- 
nehmungen störend auf die rückwärtigen Verbindungslinien ein- 
gewirkt und selbst die Cernirnngslinie von Paris in der Richtung 
La Fere-Soissons zu bedrohen begonnen. Daher wurden die in der 
Normandie stehenden Theile der I. Armee in Eile wieder nach der 
Somme zurückgezogen, um etwaigen weiteren Operationen des 
Gegners die Stirn bieten zu können. Die feindliche Armee hatte 
den Gedanken an eine directe Beunruhigung der Pariser Cernirungs- 
linie, wie es schien, wieder aufgegeben und war über Harn und 
Peronne auf Amiens marschirt. Da sie sich hier passiv verhielt, 
und es in der Absicht ft der Oberleitung lag , sie aus der gefahr- 
drohenden Nähe an der Somme zu entfernen, wurde sie angegriffen 
und bis unter die Mauern von Arras und Cambrai geworfen. 

Den Feind in das Gebiet der Nordfranzösischen Festungen hinein 
zu verfolgen, oder gar diese Festungen zu belagern, konnte ftir's 
Erste nicht die Aufgabe der I. Armee sein; es mussten vielmehr 
solche Anordnungen von derselben getroffen werden, weiche dem 
Gegner ein Vorbrechen aus der Linie Arras - Cambrai - Avesnes er 
schwerten. Zu diesem Punkte schien die Somme -Linie am ge 
eignetsten, da dieser Fluss parallel der genannten Festungslinie, der 
Operationsbasis des Feindes, läuft und auch in Folge seiner sumpfi- 
gen Ufer leicht zu vertheidigen ist, 

Zum Festhalten dieser Linie war* vor allen Dingen der Besitz 
der Festung Peronne nothwendig; die, wenn auch nur kleine Festung, 
konnte doch einer feindlichen Armee als Stützpunkt zu den Unter- 
nehmungen gegen Paris und direct gegen *die I. Armee dienen. 

Schon seit Beginn der Operationen der I. Armee im Norden hatte 

« 

die Festung öfters störend auf die Bewegungen eingewirkt Bis zur 
Schlacht bei Amiens hatte sie nur kleineren Abtbeilungen und Streif- 



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mit den Operationen der I. Armee. 163 



Corps Schutz und Anhalt gewährt, bei dem erneuten Vorbrechen 
der Nordarmee aber die Concentration und Bewegungen derselben 
«o vollständig gedeckt, dass man Deutscherseits von dem Ueber- 
falle von Harn erst nach Ausführung desselben Kenntniss erhielt und 
auch dann noch diese Unternehmung von der Besatzung von Peronne 
ausgeführt glaubte. 

Nach der Schlacht an der Hallue wurde nun vom Obercoraraan,do 
der I. Armee die Cernirung von Peronne am 26. December von Bray 
aus befohlen und der General von Senden mit der Vollziehung der- 
selben beauftragt. 

Es frug sich nun, auf welche Art und Weise die Wegnahme der 
Festung am schnellsten zu erzielen sei. Natürlich konnte dies nur 
durch solche Mittel geschehen, die bald erreichbar waren und die 
bald zum Ziele führten. Es war dies einerseits deshalb nothwendig, 
weil die Cernirung von Peronne unmittelbar unter den Augen des 
Feindes geschehen musste und man deshalb auf baldige Entsatz- 
versuche zu rechnen halte. 

Sowohl die Ueberwältigung der Festung durch Hunger als durch 
förmlichen Angriff würden zu viel Aufenthalt verursacht haben, des- 
halb versuchte man das Mittel anzuwenden, durch das die meisten 
Französischen Festungen gefallen waren, das Bombardement. Aber 
auch diesem stellten sich Schwierigkeiten entgegen, da ein geeigneter 
Belagerungspark nicht augenblicklich zur Disposition stand, denn 
die in Frankreich befindlichen waren vor Paris, Mezieres u. s. w. 
und dort zur Zeit nicht abkömmlich; die Heranziehung eines solchen 
aus Deutschland würde, abgesehen von anderen Schwierigkeiten, zu 
viel Zeit in Anspruch genommen haben. 

Man glaubte deshalb einen Versuch machen zu können, durch 
eine starke ßeschieszung mit Feldgeschütz die Festung zur Capitu- 
lation zu bewegen, besonders da kurz vorher die Citadelle von 
Amiens durch überraschende Entfaltung von Feldgeschtitz zur Ueber- 
gabe veranlasst worden war. Da aber ein solcher Versuch immer- 
hin fehlschlagen konnte, so musste man zeitig auf die Heranschaffung 
eines Belagerungsparkes Bedacht nehmen. Es stand, wie angedeutet, 
im Augenblicke kein Preuszischer Park zur Verfügung und sah man 
sich daher gezwungen, auf die in den Französischen Festungen vor- 
gefundenen Geschütze zurückzugreifen. Man konnte hierzu die in 
der Festung La Fere und in der Citadelle von Amiens vorgefundene 
Geschützausrüstung verwenden und wurde daher die Bereitstellung 
eines Belagerungsparkes aus den Geschützen dieser Plätze von dem 
Obercommando der I. Armee befohlen. 



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]ß4 Die Cernirung von P^ronne im Zusammenhange 

Peronne bot, wie alle ohne detachirte Werke gebauten Fran- 
zosischen Festungen, günstige Ziele für ein Bombardement. An und 
für sich klein, im Inneren mit gedrängten Häusermassen und mit 
militairischen Etablissements angefüllt, musste die Wirkung einer 
Beschieszung bedeutend sein. 

II. Lage, kurze Vorgeschichte, strategische Wichtigkeit ron 
Peronne. — Terrain um die Festung. 

Geographische Lage. Peronne ist in einer sumpfigen Nie- 
derung auf dem rechten Ufer der Somme gelegen, d%. wo ihr Lauf 
eine Biegung von Süden nach Nordwesten macht und wo ihr der 
Colognebach zuflieszt. Hauptort der zur Picardie gehörenden ehe- 
maligen Landschaft Santerre, bildet sie jetzt den Hauptort des 
Arrondissements gleichen Namens. Am Schnittpunkte der beiden 
Kaiser -Straszen Paris -Lille und Chateau Thierry - Bethune liegt 
Pöronrfe 140 Kilometer nordöstlich von Paris, 50 Kilometer östlich 
Amiens und nur 20 Kilometer südlich Bapaume ; auszerdem kreuzen 
sich hier die Departeraentalstraszen nach Amiens, St. Quentin und 
Albert. 

Die Stadt mit nur 4700 Einwohnern ist unbedeutend und hat 
seit Erbauung der Eisenbahnen an Wichtigkeit verloren, während 
früher der ganze Verkehr zwischen Nord-Frankreich, Belgien und 
Paris über diesen Ort ging. Die Stadt hat wenig Industrie und 
Handel und besitzt nur einige Gerbereien und Zucker-Raffinerien. 

Die Somme bildet in der Umgebung der Stadt mehrere sumpfige 
Arme und ist an und für sich nicht schiffbar, da ihre Tiefe ungefähr 
zwei Meter beträgt, doch ist sie durch den parallel laufenden Somme- 
Kanal dem Handel zugängig gemacht. Als Gommunicationsmittel ist 
sie ziemlich unbedeutend und mehr für militairische Zwecke geeignet 

Vorgeschichte. Die Stadt ist uralt und war schon zu den 
Zeiten der Merovinger bekannt, wechselte häufig ihren Besitzer, da 
sie bald zu Frankreich, bald zu Burgund gehörte ; durch den Madrider 
Frieden 15,6 kam sie definitiv zu Frankreich. In den häufigen 
Kriegen, deren Schauplatz Nord-Frankreich und das heutige Belgien 
bildeten, hatte die Festung öfters die Gelegenheit gehabt, eine 
wichtige militairische Rolle zu spielen. Allerdings führt sie ihre 
Devise „Urbs nescia vinci" mit Unrecht, da sie sowohl 1815 als in 
früheren Zeiten mehrmals genommen wurde, doch hat sie in vielen 
Kriegen auch erfolgreich Widerstand geleistet. Die Entstehung 
obiger Devise sehreibt sich von der Belagerung im Jahre 1536 her, 
während welcher die Stadt von den Herzögen von Guise und 



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mit den Operationen der I. Armee. 165 

Vendöme so tüchtig vertheidigt wurde, dass der Belagerer, Herzog 
Heinrich von Nassau, nach vierwöchentlicher Berennnng gezwungen 
war, abzuziehen. Bei dieser Belagerung wurden schon die Höhen 
von Mont St. Quentin und Maisonette zur Aufstellung von Geschützen 
benutzt. 

Während der Freiheitskriege gehörte Pe>onne zu den Festungen, 
die von der Englischen Armee unter Wellington belagert wurden, 
die erste Englische Garde-Brigade unter General Maitland nahm sie 
auf dem Marsche nach Paris am 26. Juni 1815 mit Sturm. 

Strategische Wichtigkeit. Kein Land hat seine Verteidi- 
gung so sehr auf die Anlage von Festungen gestutzt wie Frankreich 
und liegen diese am dichtesten in den nördlichen Departements, den 
ewigen Kriegsschauplätzen zwischen Spanien, Deutschland, Frank- 
reich und Holland. Gleichsam in drei Treffen gegliedert setzen sie 
einer Invasion von Norden her einen eisernen Riegel vor und machen 
auch eine Occupirung der Nord- Departements von Süden her zu einer 
höchst schwierigen Aufgabe. Es liegen hier die stärksten Festungen 
Frankreichs und schützen zunächst die Nordgrenze Lille -Duen- 
kireben, dann folgen in zweiter Reihe St. Omer, Bethune, Douay, 
Valenciennes und Maubeuge, während den Abschluss nach Süden 
die Plätze Arras, Cambrai, Landrecies und Avesnes bilden. Diese 
drei Linien liegen in einer Entfernung von 40 Kilometer dicht von 
der Grenze an hinter einander und lassen dann einen Raum von 
170 Kilometer zwischen sich und Paris. Man kann daher den 
Norden in strategischer Beziehung als ziemlich abgesondert vom 
übrigen Frankreich betrachten, wie sich dies auch bei den Operatio- 
nen des letzten Feldzugs gezeigt hat. 

Ungefähr 30 Kilometer von dieser südlichsten Linie gegen Paris 
vorgeschoben, liegt Peronne, und ist der Platz daher naturgemäsz 
leicht als Stützpunkt zu Operationen gegen Süden aus dem Festungs- 
complex zu benutzen , besonders da es an einer der vier vom Norden 
nach Paris führenden Straszen liegt. Obwohl es nicht an der Eisen- 
bahn gelegen ist, so ist eine Einwirkung auf die etwa 10—20 Kilo- 
meter entfernten Bahnstrecken Amiens -Tergnier und Tergnier- Cam- 
brai leicht möglich, und wurden auch öfters während des letzten 
Krieges Versuche zu Zerstörungen dieser Bahn von der Festung aus 
gemacht. 

Für Operationen gegen Süden ist der Besitz der Festung höchst 
wlinschens werth und ist derselbe zu einer eventuellen Behauptung der 
Somme-Linie durchaus nothwendig. Umgekehrt bei Operationen von 
Süden gegen Norden ist der Besitz der Festung zu einer Defensiv- Auf- 



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166 Die Cernirung vou Peronne im Zusammenhange 

Stellung längs der Somme gegen den Festungscomplex erforderlich 
und wird durch sie sowohl eine Deckung der rechten Flanke, ab 
auch die Sicherung der Somme-Uebergänge unterhalb und oberhalb 
Peronne bewerkstelligt. 

Hat somit Peronne vermöge seiner geographischen Lage eine 
gewisse Wichtigkeit, so geht doch der Werth als Festung dadurch 
verloren, dass dieselbe von keiner Eisenbahn berührt wird, auch nicht 
mit detachirten Forts umgeben ist. Fallen diese Nachtbeile fort, 
wie es beabsichtigt wird, so wird Peronne künftig wieder denselben 
Werth erhalten, den es vor Erbauung der Eisenbahnen und An- 
wendung gezogener Geschütze besasz. 

Terrain um die Festung. (Siehe Tafel 3.) Das Terrain 
im weiten Umkreise von Peronne hat den Charakter eines wellen 
förmigen Hügellandes, wie der gröszte Theil der Picardie. 

Durch die Sömme und den Colognebach wird das Terrain um 
die Festung in drei Abschnitte gesondert, welche auch für die Glie- 
derung der Cernirung8truppen maaszgebend wurden. Die tiacheo 
Höhenrücken, von denen Peronne von allen Seiten umgeben ist und 
die eine Höhe von 100 Meter erreichen, treten bis dicht an das Glacis 
der Festung und bieten auf eine Entfernung von 1000 — 2000 Meter 
Gelegenheit zu dominirendcn Artillerie - Aufstellungen. Es sind dies 
besonders die Höhen von Maisonette, die Höhe westlich Doingt, die 
von Mont St. Quentin und Halles und wird von ihnen die Stadt voll- 
ständig eingesehen. 

Die das Terrain durchflieszenden Gewässer sind in militairiseher 
Beziehung weniger durch Tiefe als durch Breite wichtig. Die 
Somme selbst wie auch der ihr zuflieszende Cologne- und Tartille- 
Bach füllen den gröszten Theil der Thalsohlen aus und erweitern 
sich an einzelnen Stellen seeartig bis auf 1200 Meter ; an den Ufern 
dieser Wässer zieht sich eine Reihe von Ortschaften hin. 

Die Communication über die Somme innerhalb des Cernirungs- 
bereiches geschieht durch zwei Brücken, oberhalb Peronne bei Brie 
an der alten Römerstrasze von Amiens nach St. Quentin und unter- 
halb bei Hem - Feuilleres ; beide waren von den Franzosen zerstört, 
wurden aber vor der Cernirung durch die 2. Sappeur Compagnie 
des Rheinischen Pionier-Bataillons Nr. 8 wieder hergestellt. Auszer- 
dem befanden sich noch bei Clery und Halles Fuszsteige, die aber 
nur für Infanterie benutzbar waren. Die Verbindung über den Co- 
lognebach wird durch Brücken bei Doingt, Cartigny und Fincourt- 
Boucly bewerkstelligt. Auszer in den erwähnten sumpfigen Thal-Nie- 
derungen ist das Land im Allgemeinen gut angebaut, hier und d* 



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mit den Operationen der I. Armee. 167 

von kleinen, in der Picardie und Normandie häufig vorkommenden 
Waldparcellen bedeckt nnd von besonders guten Straszen und Wegen 
durchzogen. Nicht allein die Staatsstraszen, sondern auch die 
Departemental- und Vicinalwege sind von besonders guter Beschaffen- 
heit und in ausreichender Zahl vorhanden. 

Diese Wege verbinden die in der Umgebung von Peronne 
äuszerst zahlreichen und meist groszen Dörfer, die durch ihre Lage 
eine geeignete Vertheidigung der Cernirungslinie zuiieszen, auszer- 
dem aber als weitläufigere Cantonnements für die Truppen benutzt 
wurden. 

Besonders günstig ist das gegen die Stadt allmälig hinabsinkende 
Terrain für Vorpostenstellungen gegen die Festung, da von den 
Höhen aus das ganze Terrain bis zu derselben zu übersehen ist. 
Auch gewähren die in nächster Nähe der Enceinte liegenden Ort- 
schaften und Gehöfte, sowie die Gehölze südlich Bussu und bei Mai- 
sonette den Vorposten einen besonderen Halt. 

III. Fortificationen, Besatzung und Armirung. 

Fortificationen. (Siehe Tafel 4.) P6ronne zählt zu den 
Festungen I. Klasse, da in Frankreich die Rangirung der Festungen 
und Plätze nicht der Grösze, sondern der Wichtigkeit nach geschieht. 
Trotzdem war in den letzten Jahrzehnten wenig für die Erhaltung 
gethan worden und wurde sie nur vor dem Verfalle bewahrt. 

Das Trace* der Festung rührt aus verschiedenen Jahrhunderten 
her und zeigt dies schon seine unregelmäszige Gestalt. Fast jedes 
neue System hat Veränderungen in dem Grundriss gebracht und 
finden sich daher die mannigfachsten Befestigungsformen vor, so dass 
dieselben eine Musterkarte der historischen Entwickelung der Fran- 
zösischen Befestigungskunst bilden. 

Die Festung ist gegen eine Erstürmung durch die in der Nähe 
der Stadt breiter werdende Somme geschützt. Da im Süden der 
Flus8 selbst und im Südosten eine Einbuchtung desselben in der 
Breite von 250—400 Meter im Vereine mit dem Colognebach ein 
natürliches Annähernngshinderniss bilden, so ist diese Seite der 
Festung ohne Befestigungsanlagen. Auch treten an dieser Stelle die 
die Festung umgebenden Höhen nicht dicht an die Stadt heran, 
sondern lassen dort noch Raum für das unter dem Feuer der Festung 
liegende Dorf Flamicourt. 

Ungünstiger gestaltet sich das Verhältniss auf der Nordwest- 
seitc, da unmittelbar von der Enceinte an das Terrain allmälig zu 
steigen beginnt, hier liegen auch die stärksten Befestigungen. 



168 ^)' e Cernirung von Peronne im Zusammenhange 

Die Festung bildet ein längliches Viereck und hat eine Längen- 
ausdehnung von 2300 Meter, während die Breite nur 600 Meter 
beträgt, nebst einem Flächeninhalte von 25 Hektaren, so dass die 
Grösze der Befestigungen ganz unverhältnissmäszig ist. 

Die Letzteren bestehen aus der Stadt-Enceiote, dem Hornwerk 
la Bretagne und dem Kronwerk de Paris, welche die gleichnamigen 
Vorstädte umschlieszen. Die Enceinte stammt in ihrem ganzen Um- 
fange aus früherer Zeit, namentlich dem 17. Jahrhunderte, und wurde 
sie durch den Chevalier de Ville vervollständigt, während das Horn- 
werk la Bretagne und die Couronne de Paris erst in diesem Jahr- 
hundert erbaut worden sind. 

Die Nordost-, Nordwest- und Süd-Seite der Enceinte sind im 
Bastionair Trace" erbaut und reihen sich von Osten nach Westen die 
fünf Bastione Royal, Vendöme, Richelieu, du Chäteau und St. Fursy 
an einander, die alle von verschiedener Grösze und Bauart sind. 

Das Bastion du Chäteau, der älteste Theil der Befestigungen, 
war ursprünglich ein abgesondertes festes Schloss zum Schutze der 
Stadt, später diente es als Citadelle und heute ist dasselbe durch 
Vorlegen der Stadtmauer in die Enceinte selbst hineingezogen worden. 
Das Schloss, aus dem 11. Jahrhundert herrührend, bildet das Reduit 
des Bastions und wurde in einem der Thürme desselben Ludwig XI. 
einst gefangen gehalten. 

Die Courtinen der Nordwestfront sind theils durch Raveline 
(Demi-lunes) wie die Demi-lunes d'Hocquincourt und St. Nicolas, 
theils durch einen inneren gedeckten Weg, der sich an letztere an- 
schlie8zt, sowie einer Grabenscheere zwischen den Bastionen Richelieu 
und du Chäteau gedeckt. 

Da die genannten fünf Bastione nur die Hälfte der Front ver- 
theidigen, so liegen dieser in der südlicheren Hälfte die Auszen- 
werke Fort St. Radegonde, Fort Caraby und Demi-lune St Mars 
vor und schlieszen sich dem detachirten, vor dem inneren gedeckten 
Wege liegenden Bastion St. Fursy an. 

Die Südfront wird durch die zu beiden Seiten der Porte de Paris 
bastionsartig hervorspringende Stadtumwallung gebildet, der hier 
die Demi-lune St. Clair, sowie zwei Contregarden vorliegen. Vor 
der Südfront beherrscht die Lünette Pate noye die Somme bis unter- 
halb des Dorfes Biaches. Die Nordostfront wird durch die beiden 
Bastione Vendome und Bastion royal gebildet und vertheidigt die 
Demi-lune de Chaulnes die in der Courtine liegende Porte de 
Bretagne. 

Die Stidostfront besitzt, wie oben angedeutet, keine Fortificationen 



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mit den Operationen der L Armee. 169 

und wird nur durch einen einfachen Wall abgeschlossen. Zum Schutz 
desselben, des Somme-Ueberganges bei Flamicourt, sowie gegen eine 
feindliche Festsetzung in Flamicourt dient die westlich dieses Dorfes 
gelegene Redoute gleichen Namens. In Verbindung mit der Stadt- 
Enceinte steht das Hornwerk de Bretagne, welches sich in der- 
selben Richtung dieser anschlieszt und die Thäler von ßussu und 
Doingt beherrscht. Abgesondert von der Festung liegt die Couronne 
de Paris zum Schutze des Faubourg de Paris und gleichzeitig als 
Brückenkopf gegen Südwesten dienend. Sie hält sowohl die Ober- 
und Nieder-Somme, als auch den Sonime-Kanal unter Feuer, macht 
Front gegen die Höhen von Maisonette und durch die mit ihr ver- 
bundene Pfaffenmütze Front gegen Südosten. Da das Kronwerk zu 
den jüngsten Befestigungen gehört, so waren sämmtliche Theile des- 
selben in gutem Zustande und befinden sich in den beiden Bastionen 
einige Hohltraversen. 

Sämmtliche Werke sind mit breiten und tiefen Wassergräben 
umgeben und haben die meisten Bastione der Nordwest- und Nordobt- 
front, sowie einzelne Auszenwerke, die Pfaffenmtitze und der mittlere 
Saillant des Hornwerkes la Bretagne, gemauerte Rev6tements. Die 
ganze Nordwestfront wird von einem gedeckten Wege, der mit Block- 
häusern versehen ist und der das Hornwerk la Bretagne und die 
Auszenwerke bei St. Radegonde einschlieszt, umgeben. Was die 
Profile der einzelnen Werke anbetrifft, so sind diese, und besonders 
die Escarpen, ziemlich steil und enthalten letztere in der Stadt- 
Enceinte meist kasemattirte Hohlräume. Die Befestigungen sind voll- 
ständig defilirt und selbst gegen die vorliegenden Höhen geschützt. 

Die Festung beherrscht die Somme bis Cle>y und Eterpigny auf 
eine Entfernung von vier Kilometern, den Somme-Kanal und die 
Straszen nach Bapaume, Cambrai, Amiens, Harn und St. Quentin. 
Die Ortschaften St. Radegonde, Halles, Mont St. Quentin, Allaines, 
ßussu, Doingt, le Mesnil, Eterpigny und Biaches liegen unter ihrem 
Feuer. 

Diejenigen Theile des Somme-Thales, die nicht schon von dem 
Flusse selbst eingenommen wurden, konnten leicht durch Inundation 
überschwemmt werden. 

Obwohl Peronne den glatten Geschützen gegenüber eine der 
stärksten Festungen Frankreichs war und auch ein förmlicher An- 
griff noch jetzt gegen sie schwierig ist, so genügt sie den gezogenen 
Geschützen gegenüber, schon in Anbetracht der geringen Ausdehnung 
und dem Mangel an detachirten Werken, nicht mehr den Anforderun- 
gen der Jetztzeit. Erst durch die Anlegung detachirter Forts auf 



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170 Die Cernirung von P<$ronne im Zusammenhange 

den dazu besonders geeigneten Höhen würde Peronne zu einer 
starken Festung werden können. 

Armirung. Wie in Frankreich Vieles bei Beginn des Krieges 
unvorbereitet und vernachlässigt war und es während des Krieges 
blieb, so auch die Mittel zur Vetheidigung der Festung. Trotzdem 
man genügend Zeit gehabt hatte, dieselbe in Vertbeidigungs- 
zustand zu setzen, so war doch weder bis zur ersten Annäherung 
der Deutschen Heere Ende November, noch während der Occupation 
der Normandie etwas dafür gelhan worden. Besonders ist dies in 
Hinsicht auf die artilleristische Armirung der Fall gewesen. 

Zu einer wirksamen Vertheidigung von Peronne war eine Ge- 
schtitzau8rüstung von 90 Geschützen noth wendig-, diese Zahl war 
aber bei Ausbruch des Krieges kaum zur Hälfte vorhanden und 
wurde später auf 49 gebracht. Anfangs September wurde auf Be- 
fehl des Kriegsministers das Artillerie-Material und Munition der auf- 
gegebenen Festung Guise nach P6ronne geschafft und so die Ge- 
schUtzzahl des Platzes etwas verstärkt. Auch erhielt die Festung 
kurz vor Beginn der Blockirung zwei Marinegeschütze (gezogene 
30-Pfünder), die im Hornwerke la Bretagne postirt wurden. 

Was die Festungsgeschütze anbetrifft, so waren sie meist glatt 
und nur 15 gezogen, einbegriffen zwei Marinegeschütze. Auch in 
den Kalibern herrsehte eine grosze Verschiedenheit, und waren zum 
gröszten Theile 12-Centimeter-Kanonen, 16- und 2-?-Centiraeter-Hau- 
bitzen, sowie 15- und 22-Centimeter Mörser vertreten. Zu den meisten 
Geschützen fehlten die Laffeten und mussten dieselben nachträglich 
in Pcrorne angefertigt werden. Munition war ebenfalls in unzu- 
reichendem Maasze vorhanden, und enthielt die Festung nur 2 >/ 00 
Projectile (Voll- und Hohlgeschosse), jedoch 750,000 Gewehr-Patronen 
und 36,000 Kilogramm Pulver. 

Im Gegensatze hierzu war die fortificatorische Armirung voll- 
ständig durchgeführt, und hatte man bei der nahenden Gefahr das 
bisher Vernachlässigte durch ununterbrochene Arbeit wieder gut zu 
machen gesucht. Obwohl Vieles zu verbessern und zu erneuern war, 
so hatte doch der Commandern* des Genies, Major Peyre, die Ar- 
mirung zur Ccrnirung fertig gestellt, und hatte sich hierbei nament- 
lich die Artillerie und das Genie ausgezeichnet. 

Die Festungswerke befanden sich in vollkommen gutem Zustande, 
und hatte man noch tiberall Verbesserungen, besonders am Horn- 
werke la Bretagne, angebracht. 

Das Vorterrain war vollständig frei gemacht und auf der Nord- 
westfront zur besseren Uebersicht der Park le Quinconce und der 



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mit den Operationen der I. Armee. 



171 



Circhhof niedergelegt. Auch hatte man die nötbigen Vorkehrungen 
getroffen, um das Vorterrain durch Schleusenspiel unter Wasser zu 
etzen. Schon vor Beginn des Feldzuges war für den Fall einer 
Belagerung die Erbauung einer Redoute auf dem Mont S. Quentin 
estgesetzt, doch versäumte man dies trotz der von allen Seiten 
.viederholten Ermahnungen. 

Besatzung. Was die Besatzung anbetrifft, so war sie der 
^ahl nach vollständig genügend, aber nicht der Beschaffenheit nach. 
Nach und nach verstärkt, hatte sie bei Anfang der Cernirung die 
Stärke von 3000 Mann erreicht. 

Der Zusammensetzung und Brauchbarkeit nach war die Garnison 
sehr verschieden, sie bestand meistens aus Mobilen und Mobilisirten. 
Letztere schlecht bewaffnet und indisciplinirt, waren während der 
Belagerung einquartiert und so der Ueberwachung ihrer Offiziere 
entzogen und leisteten daher höchst wenig. Den Gegensatz hierzu 
bildeten die Marinesoldaten, ausgezeichnet ausgebildet, versahen sie 
meist die Bedienung der Geschütze und bewährten sie sich in jeder 
Beziehung. Die Mobilen und Mobilisirten waren aus den Departe- 
ments der Somme und des Pas de Calais und nur wenig zuverlässig. 

Auszerdem bestand die Besatzung aus einer Depot-Compagnie 
des 43. Linien-Regiments, welches Regiment im Frieden in Peronne 
stand. 

Im Speciellen waren bei Beginn der Cernirung folgende Truppen 
in der Festung: 

1 Coinpagnie des 43. Linien-Regiments 139 Mann. 

5. Coinpagnie des 1. Bataillons der Marine-Füsiliere 

von Brest . 131 „ 

1 Compagnie Artillerie (Mobile der Somme) . . . 130 „ 

4 Bataillone Gardes mobiles und Gardes nationales 
mobilist^s des Pas de Calais und der Somme 

ä 6.,0 Mann . . 2600 „ 

Summa öOOO Mann. 

Auszerdem zählten noch zu der Garnison 600 Gardes nationales 
sedentaires, die aber wenig in Betracht kommen, da sie meist inner- 
halb der Stadt als Wachen und Pompiers benutzt wurden. 

Als Commandant des Platzes fungirte der Major Garnier, und 
ihm zur Seite standen Oberstlieutcnant Gontrant- Gönnet, der sich 
bei Beginn der Cernirung in die Stadt begeben hatte und die Majors 
de Bonnault und Peyre, Chefs der Artillerie und des Genies. 



172 



Die Cernirung voii P&onne im Zusammenhange 



IV. Die Festung seit der Annäherung der I. Armee. — Vor- 
marsch und Cernirung durch den General Ton Senden. 

Bei dem Vorrücken der L Armee auf Amiens marsebirte der 
rechte Fitigel derselben mit der Cavallerie- Division Graf von der 
Groeben über Ham, also in einer Entfernung von 20 Kilometern an 
Peronne vorbei; es wurde bei dieser Gelegenheit von Deutscher Seite 
ein Unternehmen gegen die Festung nicht eingeleitet, auch die Be- 
satzung derselben griff zu dieser Zeit und während der Schlacht von 
Amiens in keiner Weise in die Ereignisse ein. Nach dem Ab- 
rücken der I. Armee zur Occupation von Rouen fiel dem Detache- 
ment Graf von der Groeben (3. Cavallerie - Division und 3. In- 
fanterie-Brigade) die Sicherung von Amiens und Beobachtung von 
Peronne sowie der Truppenbewegungen zu, die unter dem Schutze 
der Festung stattfanden. Es ging daher gleich nach der Schlacht 
bei Amiens von dem zur Sicherung der rechten Flanke der Armee 
gebildeten Detachement eine Recognoscirung von Ham aus unter 
Major von Heynichen mit 2 Escadrons vom 7. Ulanen-Regimente 
gegen Peronne vor. 

Am 30. November forderte Major von Heynichen die Festung 
vergeblich zur Capitulation auf, gewann aber den Eindruck, dass 
die von Doingt her vollständig eingesehene Festung eine ernste Be- 
schieszung* nicht aushalten werde. 

Erneute Recognoscirungen durch Ingenieur -Offiziere unter Be- 
deckung von Cavallerie zu Anfang des Monats December ergaben, 
dass der Feind die in der Gegend von Peronne auf beiden Somme- 
Ufern liegenden Dörfer besetzt und zur Vertheidigung eingerichtet 
hatte, deshalb stand auch der General von der Groeben von einem 
durch das Ober-Commando in Vorschlag gebrachten Ueberfallsversucli 
gegen die Festung ab. 

Von der Festung aus wurden zu dieser Zeit ebenfalls kleinere 
Recognoscirungen nach allen Seiten entschickt, die, unterstützt durch 
die Bewohner der in der nächsten Nähe der Festung gelegenen Ort- 
schaften, den diesseitigen Patrouillen vielfach lästig wurden. 

Eine gröszere Recognoscirung wurde bis zu dem Ueberfall von 
Ham nicht mehr gegen die Festung unternommen; erst in Folge des 
Letzteren ging man wieder mit einer stärkeren Abtbeilung bis an die 
Festung heran. Behufs Aufklärung der Verhältnisse wurde nun von 
Amiens aus ein Detachement von 2 Compagnien des 4. Regiments, 
1 Escadron vom* 7. Ulanen-Regiment und 2 Geschützen unter Major 
von Heynichen gegen la Motte und Estrees vorgeschickt. Dies 
Detachement traf am 13. December auf eine Franctireurbande bei 



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mit den Operationen der I. Armee. 173 

Foucaucourt, die aus Peronne gekommen war, und warf sie nach 
einem ziemlich heftigen Gefechte in die Festung zurück. Hierbei 
rückte Französischerseits ein Detachement der augenblicklich in und 
östlich Pe>onne stehenden Division Paulze d'Jvoy zur Unterstützung 
herbei, welches aber nicht mehr ins Gefecht eingriff, da, nachdem 
ein Theil von Foucaucourt niedergebrannt worden war, das Detache- 
ment von Heyniehen seinen Rückmarsch nach Amiens antrat. Einen 
Tag nach dieser Recognoscirung, am 14. December, trat die Nordarmee 
ihren Marsch gegen Amiens zum Theil auf dem linken Somme-Ufer 
über Nesle, Chaulnes und Corbie an und nahm längs des Hallue- 
Baches Stellung. 

In Folge des plötzlichen Hervorbrechens der Nordarmee befahl 
General von Manteuffel den sofortigen Rückmarsch und Concen- 
trirung der zur Disposition stehenden Streitkräfte an der Somme. 
Auszer dem 8. Armeecorps, Theilen des 1. Armeecorps und der 3. 
Cavallerie - Division konnten noch die 3. Reserve - Division unter 
General von Senden und die Cavallerie Division Graf von der Lippe 
zur Cooperationen herangezogen werden. Die 3. Reserve - Division 
hatte bisher die Festung Mezieres belagert und war am 19. Decbr. 
durch die 14. Division abgelöst und dem Ober-Commando der 
I. Armee zur Verfügung gestellt worden, konnte jedoch erst am 
25. December über Montcornet und Marie bei St. Quentin eintreffen. 
In Folge einer Aufforderung des Ober-Conimando's, seinen Marsch zu 
beschleunigen, telegraphirte der General von Senden, dass er schon 
am 24. December bei St. Quentin eintreffen werde, und erhielt in 
Folge dessen den Befehl, durch einen Vorstoss gegen Peronne die 
Operationen der Arn ee zu secundiren und nötigenfalls seinen Rück- 
zug nach Noyon oder La Fere anzutreten. 

Die ebenfalls zur Cooperation herangezogene Sächsische Ca- 
vallerie-Division Graf von der Lippe hatte bisher bei Beauvais 
gestanden uud den Rücken der Pariser Cernirungslinie gedeckt. Sie 
erhielt jetzt die Aufforderung, am 24. December bis in die Gegend 
von Harn vorzugehen, um mit der 3. Reserve-Division die Verbindung 
aufzunehmen. 

Unterdessen hatte sich die feindliche Armee vollständig auf das 
rechte Somme-Ufer zurückgezogen und die westlich und südlich 
Peronne gelegenen Somme- Uebergänge bis an die Hallue und 
St. Christ zerstört und besetzt. 

Während der Schlacht an der Hallue gingen Deutsche Cavallerie- 
Patrouillen bis an das linke Somme - Ufer und bis dicht an Peronne 
und fanden das Terrain frei vom Feinde. 

Jiilirbücher f. d. Deutsche Armee u. Marino. Band IUI. \ 2 



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174 



Die Cernirung von Peronne im Zusammenhange 



Nachdem in Folge des siegreichen Ausgangs der Schlacht an der 
Hallue die Französische Nordarmee zum zweiten Male das freie Feld 
geräumt und sich in den Schutz der Festungen zurückgezogen hatte, 
schien, wie bereits früher erwähnt, der Zeitpunkt gekommen, zur 
Wegnahme von Peronne zu schreiten. 

Die Französische Nordarmee hatte die ganze Somme - Gegend 
verlassen und war auch das Terrain südlich der Linie Arras-Cambrai 
unbesetzt. Für die nächste Zeit war ein Wiederbeginn, der Opera- 
tionen von feindlicher Seite nicht zu erwarten. 

Was die einzelnen bezüglichen Theile der L Armee zu dieser 
Zeit anbelangt, so trat am ersten Weihnachtstage die ganze Armee 
ihren Vormarsch in der Richtung auf Arras, Bapaume, Peronne an, 
da man die Vermuthung hegte, der Feind habe seinen Rückzug 
sowohl über Albert, Bapaume, als auch Uber P6ronne, Cambrai 
angetreten. Das Detacbement von Mirus (3. Infanterie-Brigade und 
ein Cavallerie- Regiment) marsehirte auf dem linken Somme-Ufer in 
der Richtung Corbie - Peronne , die 15. Division in der Richtung 
Amiens-Albert, die 16. Division auf der Strasze Amiens-Arras. Am 

25. December erreichte die Armee die Linie Albert-Acheux und am 

26. December Bucquoi- Bapaume ; auf dem linken Flügel deckte die 

7. Cavallerie-Brigade, bis Beaumetz patrouillirend , auf dem rechten 
Flügel die combinirte Garde-Cavallerie-Brigade bei Sailly. 

Auf dem linken Somme-Ufer hatte sich das Detachement von 
Mirus am 26. December mit der Corpsartillerie des 8. Armeecorps 
in Foucaucourt und Umgegend etablirt. 

Dies Detachement, am 23. und 24. December Armee - Reserve, 
war am Abend des 24. Deeembers auf das linke Somme-Ufer gezogen 
worden, um durch einen Angriff auf Corbie die Französische Position an 
der Hallue unhaltbar zu machen. Nach dem Abzug des Feindes wurde 
dem General von Mirus die Fuszabtheilung der Corps-Artillerie des 

8. Armeecorps zugetheilt ; derselbe besetzte Corbie und Villers- 
Bretonneux und schob seine Avantgarde bis Warfusee-Abaucourt vor, 
da er vom Ober-Commando den Befehl erhalten hatte, bis in die 
Höhe von Bray vorzugehen; gleichzeitig nahm er nach Süden hin 
Verbindung mit der rechts von ihm stehenden 3. Reserve-Division auf. 

Am 26. December setzte das Detachement dann seinen Vor- 
marsch nach Herstellung der Somme -Uebergänge fort und erreichte 
nach unbedeutenden Scharmützeln mit Franctireurs mit seiner Avant- 
garde Estrees und mit dem Gros, wie erwähnt, Foucaucourt, Fay, 
Soye"court und Herleville. 

Südlich davon, bei Lihons, stand der Major von Strantz mit 



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mit den Operationen der I. Armee. 175 

2 Escadrons des Ulanen - Regiments Nr. 18, der schon früher von 
der Cavallerie- Division Graf von der Lippe zur Recognoscirung 
gegen Peronne detachirt war; und welcher am 25. December vor 
stärkeren feindlichen Abtheilungen, die von der Festung her nach 
Süden vorrückten, zurückgegangen war, am 26. December aber seine 
alte Stellung wieder eingenommen hatte, da der Feind sich zurückzog. 

An die Abtheilung des Major von Strantz lehnte sich nord- 
westlich von Harn in der Nähe von Cbaulnes der Sächsische General 
von Senft mit einem Cavallcrie-Regiment und einer Batterie, während 
der Rest der Cavallerie-Division Graf von der Lippe mit 2 Cavallerie- 
Regimentern, l /i Jäger - Bataillon und 1 Batterie sich bei Roye 
befand. 

Die Division war am 24. December bei Harn angelangt und 
hatte die erwähnten Detachirungen vorgenommen. 

Auf dem rechten Somme-Ufer stand am 26. December bei Harn 
die von Mezieres her am 25. Decbr. angelangte 3. Reserve-Division, 
und hatte dort Verbindung mit dem General von Senft. — 

So war am Abende des 26. Decembers der gröszte Theil der 
L Armee in einem weiten Umkreise nördlich, westlich und südlich 
um Peronne in einer Ausdehnung von 50 Kilometern mit dem Haupt- 
quartiere in Bray sur Somme versammelt. 

Nachdem von den verschiedenen Detachements die Meldungen 
über den Rückzug des Feindes in der Richtung auf Anas ein- 
gegangen waren, ordnete der General von Manteuffel die Cernirung 
von Peronne durch folgenden Armee -Befehl an: 

Bray sur Somme, den 26. December 1870. 

„General von Goeben bleibt in seiner Aufstellung in der Gegend 
von Bapaume , behält den nach Arras zurückgegangenen Feind , im 
Auge und deckt hierdurch die (schon früher ins Auge gefasste) 
Cernirung von Peronne, welche jetzt in folgender Weise bewirkt 
werden soll : 

General von Mirus* schiebt ein schwächeres Detachement auf 
dem linken Somme-Ufer der Festung gegenüber vor: mit dem Gros 
geht er bei Bray über die Somme und dirigirt sich gegen die Nord- 
seite der Festung. 

General von Senden rückt mit seinem ganzen Detachement 
(5 Bataillonen, 3 Batterien und Cavallerie-Brigade von Strantz) von 
Harn vor und cernirt Peronne von Süden und Osten bis einschliesz- 
lich zur Strasze Roisel - Peronne , welche die Rayongrenze zwischen 
den Detachements von Senden und von Mirus bildet. Die Cavallerie- 
Brigade von Strantz hat schon vom 27. December Morgens an in 

12* 



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176 Die Cernirung von P^ronne im Zusammenhange 

Verbindung mit der Garde - Cavallerie bei Sailly die Straszen von 
P6ronne nach Cambrai zu beherrschen und feinen etwaigen Abzug 
des Feindes zu hindern. Die Cernirurig selbst soll bis zum 27. Decbr. 
Nachmittags beendet und eine Ermittelung von geeigneten Feld- 
geschützpositionen gegen die Festung damit verbunden sein.*' 

gez. von Manteuffel. 

Das Cernirung8- Corps (s. Anlage Tafel 5) bestand also aus 11 
Bataillonen Infanterie, 16 Escadrons und 11 Batterien (6p Geschütze; 
eine Sächsische Batterie hatte nur 5 Geschütze). Die Infanterie-Ba- 
taillone waren an Mannschaften sehr schwach und betrug die gröszte 
Effectivstärke 600 Köpfe, durchschnittlich 500 Köpfe, die Escadrons 
zählten meist 100 — 120 Pferde, das ganze Corps betrug an Infanterie 
ca. 6600 Köpfe, an Cavallerie ungefähr 1800 Pferde, so dass dasselbe 
etwas mehr als doppelt so stark wie die Besatzung (3600) war. 

Was die Zusammensetzung des Cernirungs-Corps anbetrifft, so 
war der Gedanke, die Festung mittelst starker Entfaltung von Feld- 
geschütz zu überwältigen, maaszgebend gewesen, und erhellt hieraus 
die starke Dotirung mit Artillerie. 

Zum Commandeur des Cernirungs-Corps wurde der General 
von Senden ernannt, jedoch wurde der Vormarsch zur Cernirung 
von den dazu bestimmten Detachements selbstständig unternommen. 

Aus seiner am 26. December eingenommenen Stellung setzte 
sich General von Mirus am 27. December Morgens 8 Uhr in der vom 
Ober-Commando befohlenen Weise in Marsch. Zu dem auf dem linken 
Sorame-Ufer zu verbleibenden Detachement bestimmte er Ba- 
taillone des 4. Regiments, 1 Escadron und 1 Batterie. Dies Detache- 
ment unter dem Befehle des Obersten von Tietzen und Hennig schob 
sich bis in die Linie Herbecourt-Villers Carbonnel vor, setzte dort 
Vorposten gegen die Festung aus und nahm Verbindung mit dem 
bei Villers Carbonnel stehenden General von Senft auf. 

Unterdessen setzte sich der Rest des Detachements von Mirus 
über Proyard und Bray in Bewegung, liesz an letzterem Orte zum 
Schutze des Somme - Ueberganges eine Abtheilung zurück und ge- 
langte Nachmittags 4 Uhr nach Ctery. Hier ging durch die vor- 
geschickten Patrouillen die Meldung ein, dass die längs des Tortille- 
Baches liegenden Dörfer Halles, Feuillaucourt und Allaines und 
auch Bouchavesnes und Aizecourt vom Feinde besetzt seien. 

Es wurde daher vom General von Mirus befohlen, die Ort- 
schaften noch an demselben Abende zu nehmen, und formirte sich 
die Avantgarde (2 Bataillone, 1 Escadron und 1 Batterie) zum An- 
griffe. Der Feind zog sich jedoch vor erfolgtem Angriffe zurück, und 



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mit den Operationen der L Armee. 177 

gelang es nur noch den verfolgenden Ulanen, einige Gefangene zu 
machen. 

Nur bei Beucha vesnes kam es noch zu einem Scharmützel; es 
leistete hier eine kleine Abtheilung des 43. Linien-Regiments einigen 
Widerstand. Da eine weitere Verfolgung wegen der inzwischen 
eingetretenen Dunkelheit nicht mehr stattfinden konnte, so besetzte 
die Avantgarde die Dörfer Halles, Feuillaucourt und Allaines, indem 
sie zum gröszten Theile bivouakirte und sich durch Feldwachen 
sicherte. 

Das Gros bezog Alarmquartiere in Bouchavesnes und Cl6ry. 
Noch am Abend hatten Cavallerie - Patrouillen Verbindung mit dem 
Detachement von Senden aufgenommen und waren auszerdem 
Cavallerie-Abtheilungen an der Strasze nach Cambrai postirt. Eben- 
falls noch am Abende wurden die Somme-Uebergäuge bei Ham-Feuillercs 
von den dort stationirten Pontonnier-Compagnien wieder hergestellt. 

Von Seiten des Detachements von Senden war schon bei Tages- 
anbruch die Cavallerie- Brigade von Harn aus nach Tincourt- Boucly 
vorgegangen, um von dort aus Verbindung mit der bei Sailly 
stehenden Garde- Cavallerie-Brigade aufzunehmen und um die Strasze 
Pe>onne-Cambrai zu flankiren. 

Etwas später rückte die Infanterie und Artillerie über Athies 
gegen die Festung vor und fand dort ebenfalls die südlich vor- 
liegenden Dörfer Doingt und le Mesnil-Bruntel besetzt. Aus Mesnil- 
Bruntel zog sich der Feind bald zurück, während er in Doingt 
länger Stand hielt und hier durch eine Batterie beschossen wurde. 
Bei dem Rückzüge des Feindes griffen noch die Festungsgeschütze » 
ein, hatten aber der Dunkelheit wegen wenig Erfolg. 

Die Avantgarde des Detachements setzte Vorposten von Doingt 
bis an das rechte Somme-Ufer aus, während das Gros Cantonnements 
in den Ortschaften Tincourt, Boucly, Buire, Cartigny, Doingt und 
Mesnil-Bruntel bezog, und legte der General von Senden sein Stabs- 
quartier nach Boucly 

In Verbindung mit den Detachements von Mirus und von Senden 
war der General von Senft von Chaulnes aus bis Brie und Villers 
Carbonnel vorgegangen und hatte dabei die Somme-Uebergänge bei 
Brie und St. Christ intact gefunden. 

So war am Abende des 27. Decembers die Cernirung von 
Päronne fast ohne Widerstand und mit geringen Verlusten voll- 
ständig vollzogen worden, wobei die Nordostseite (Strasze nach 
Cambrai) allerdings nur durch Cavallerie-Abtheilungen abgesperrt 
war. Von der Festung aus waren nach allen Seiten hin Recognos- 



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178 Die Cernirung von Peronne im Zusammenhange 

cirungen vorgeschickt worden, die sich aber schnell zurückzogen und 
die Cernirung ohne Widerstand geschehen lieszen. Zu gleicher Zeit 
war die durch das Ober-Commando befohlene Ermittelung von Stellen 
zur geeigneten Bescbieszung mit Feldgeschütz geschehen, und hatten 
sich hierzu vorerst zwei geeignete Punkte ergeben. Der eine an 
der Strasze von Peronne nach Clery, der andere auf der Höhe 
westlich Doingt, beide ungefähr 1200 Meter von der Festung 
entfernt. 

Die zur Deckung der Cernirung bestimmten übrigen Theile der 
Armee waren am 27. December in ihren bisherigen Stellungen ge- 
blieben, und war die Cavallerie - Division Graf von der Lippe von 
Roye nach Nesle vorgegangen, wo sie den Befehl erhielt, am 
28. Dec. zur Deckung der Ostfront der Cernirung gegen St. Quentin 
vorzugehen; dieselbe zog nun auch die beiden detachirten Escadrons 
unter Major von Strantz wieder an sich. 

Das Hauptquartier der I. Armee wurde am 28. December nach 
Combles verlegt. Von hier aus ging dem General von Senden der 
Befehl zu, am nächsten Tage den Commandanten zUr Capitulation 
unter den Sodaner Bedingungen aufzufordern und zu gleicher Zeit 
die Feldbatterien in Position zu bringen, um bei einer Ablehnung 
der Capitulation sofort mit einer energischen Beschieszung beginnen 
zu können. 

Am Morgen des 28. Decembers blieb der gröszte Theil des 
Cerfiirungs-Corps, die Detachements von Senden, von Senft und von 
Tietzen, in ihrer am Abende vorher eingenommenen Stellung, nur das 
Detachement von Mirus dehnte seine Aufstellung bis zur Strasze 
Peronne Roisel aus und besetzte die Ortschaften Aizecourt le haut 
und Driencourt. Das Detachement von Tietzen wurde dabei um 
Bataillon verringert und mit zwei anderen Bataillonen zur Be- 
setzung der beiden Straszen Pe rönne -Cambrai und Peronne - Roisel 
verwendet. 

Die specielle Truppenvertheilung am 28. December nach er- 
folgter Beendigung der Aufstellung war folgende: 

I. Rechtes Somme-Ufer. 

1) Nordost-Front. 

Coramandeur d^r Front : Generalmajor von Mirus. 

Begrenzung: Von dem rechten Somme-Ufer bis zur Strasze 
Pe>onne-Roisel. 

Linie der Vorposten: Von Halles über Mont St. Quentin, 
Driencourt bis zum Bois des Bacquets. 



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mit den Operationen der 1. Armee. 179 

Stärke des Detachements : 

Va 2. Bataillon Regiments Nr. 4. 
Füsilier-Bataillon Regiments Nr. 4. 

1. Bataillon Regiments Nr. 44. 

2. Bataillon Regiments Nr. 44. 
Füsilier- Bataillon Regiments Nr. 44. 
2. Escadron Ulanen-Regiments Nr. 5. 

3 5 

4 «S 
>; » » » v> 

5. schwere Batterie Feld-Artillerie-Regiments Nr. 1. 
2. Fusz-Abtheilung Feld-Artillerie-Regiments Nr. 8. 
Pontonnicr-Compagnie Pionier-Bataillons Nr. 8. 
Summa: 4 1 /* Bataillone, :> Escadrons, 5 Batterien und 1 Pionier- 

Compagnie. 

Dislocations -Rayon: Ham, Feuilleres, Clely, Halles, 
Feuillancourt, Aizecourt le haut, Driencourt. 

2) Süd-Front. 

Commandeur der Front: Generalmajor von Strantz. 

Begrenzung: Von der Strasze Peronne-Roisel bis zum rechten 
Somme-Ufer. 

Linie der Vorposten: Von dem Bois des Bacquets in süd- 
westlicher Richtung bis nördlich Doingt, dann südlich an Flaucourt 
vorbei bis zur Somme. 

Stärke des Detachements: 

1. Bataillon Regiments Nr. 19. 

2. „ „ „ 19. 
Füsilier-Bataillon Regiments Nr. 19. 
1. Bataillon Regiments Nr. 81. 
Füsilier-Bataillon Regiments Nr. 81. 

I. Reserve-Dragoner-Regiment. 

3. Reserve-Husaren-Regiment. 
Reserve-Abtheilung Feld-Artillerie-Regiments Nr. 5. 
Summa: 5 Bataillone, 8 Escadrons und 3 Batterien. 

Dislocations-Rayon: Tincourt, Bnire, Courcelles, Boucly, 
Brusle, Cartigny, Doingt, le Mcsnil-Bruntel, Brie. 

II. Linkes Somme-Ufer. 

Commandeur der Front: Generalmajor von Senft-Pilsach. 
Begrenzung: Zwischen den beiden linken Somine-Ui'ern. 
Linie der Vorposten: Der Couronne de Paris gegenüber. 



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180 



Die Cernirong von Pe*ronne im Zusammenhange 



Stärke des Detachements: 
1. Bataillon Regiments Nr. 4. 

1. Escadron Ulanen-Regiments Nr. 6. 

2. Sächsisches Ulanen-Regiment Nr. 18. 

4. leichte Batterie Feld-Artillerie-Regiments Nr. 1. 

1. reitende Batterie Feld- Artillerie Regiments Nr. 12. 

2. reitende Batterie „ „ „ 12. 
Summa: 1 Bataillon, 5 £scadrons und 3 Batterien. 

Dislocations-Rayon: Eterpigny, Villcrs-Carbonnel, Barleux, 
Flaucourt, Herbecourt, Biacbes. 

Die Vorposten -Aufstellung in einer Ausdehnung von 10 Kilo- 
meter wurde durch das fast überall allmälig gegen die Festung 
abfallende Terrain ungemein begünstigt, und gestattete der Mangel 
an vorgeschobenen Werken ein Heranschieben der Vortruppen bis auf 
450 und 800 Meter an das Glacis. Die Linie der Vorposten lief 
überall parallel der Festung und zog sich vom rechten Som nie- Ufer 
gegenüber Biaches Uber Mont St. Quentin nach Bnssu, von dort 
nach dem Bois des Bacquets, nördlich an Doingt vorbei über den 
westlich liegenden Höhenrücken bis zur Somme und dann gegenüber 
dem Brückenkopfe Couronne de Paris. — 

Am Mittag des 28. Decembers schickte der General von Senden, 
der vom Ober-Commando empfangenen Weisung gcmäsz, einen Par- 
lamentair zu dem Commandanten von Peronne, Major Garnier, mit 
einer Aufforderung zur Capitulation , die ungefähr in folgendem 
Wortlaute abgefasst war: 

„Die Nordarmee hat sieb hinter Anas zurückgezogen, und 
schlieszen meine Truppen von allen Seiten die Festung Peronne 
ein. Indem ich Sie zur Capitulation auffordere, erkläre ich, dass 
ich die Mittel in der Hand habe, Sie zu einer solchen zu zwingen, 
und mache ich Sie ftir das Unglück verantwortlich, welches ein 
Bombardement für die Civil-Bevölkerung bringen wird." 

Nach einigen Stunden kam die Erklärung des Commandanten 
zurück, welche im Wesentlichen lautete: 

„Ich kann Ihrer Aufforderung nur eine Antwort entgegensetzen : 
Die Regierung meines Landes hat mir die Festung Peronne anver- 
traut, daher werde ich sie bis zum Aeuszersten vertheidigen und 
werfe ich auf Sie die Verantwortung aller der Leiden, welches Ihr 
bei civilisirten Nationen ungewohntes Vorgehen einer harmlosen 
Bevölkerung verursachen wird." 

Da diese abschlägige Antwort des Commandanten vorauszusehen 
war, so hatte man schon im Laufe des Morgens die Feld- Batterien 



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mit den Operationen der I. Armee. 



181 



unter dem Schutze der Cernirungstruppen auf den am Tage vorher 
recognoscirten Stellen in Position gebracht. Auszer den beiden 
schon am 27. December ermittelten Plätzen, den Höhen westlich 
Doingt und bei Clery, wurden noch die Höhenrücken bei Mont St. 
Quentin und bei Maisonette zur Placirung von Feld - Batterien be- 
stimmt. Am günstigsten zur Beschieszung waren die bei Clery und 
Doingt in Position gebrachten Batterien aufgestellt, da sie die 
schmale Seite der Festung vor sich hatten, wahrend die anderen die 
Festung höchstens der Länge nach bestreichen konnten. 

Die vier erwähnten Positionen boten Raum genug zur Auf- 
stellung von mehreren Batterien und lagen dieselben im Durchschnitte 
1200 Meter von der Festung entfernt. Die Batterien hatten fast 
freies Schussfeld bis zur Festung und waren theils durch natürliche 
Terrainwellen, theils durch leichte Erdaufwürfe gegen eine Einsicht 
von der Festung aus gesichert. 

Die Aufstellung der Feld-Batterien war im Speciellen folgende: 

I. Auf der Terrainwelle an der Strasze Peronne- 
Clery (Tafel 3, a): 

3. und 4. schwere Batterie Feld-Artillerie-Regiments Nr. 8. 
5. schwere Batterie Feldartillerie Artillerie-Regiments Nr. 1. 
Entfernung: 1200 Meter vom Glacis. 18 Geschütze. 

II. Auf der Höhe von St. Quentin (b): 

3. und 4. leichte Batterie Feld-Artillerie-Regiments Nr. 8. 
Entfernung: 1400 Meter vom Glacis. 12 Geschütze. 

III. Auf der Höhe westlich Doingt (c): 
1. und 2. schwere Reserve- Batterie, 

1. leichte Batterie Feld- Artillerie-Regiments Nr. 5. 
Entfernung: 1100 Meter vom Glacis. 18 Geschütze. 

IV. Auf der Höhe von Maisonette (d); 

4. leichte Batterie Feld-Artillerie-Regiments Nr. 1. 

1. und 2. reitende Batterie Feld- Artillerie-Regiments Nr. 12. 
Entfernung: 1100 Meter vom Glacis. 17 Geschütze. 
Summa: 11 Batterien mit 65 Geschützen. 

Der Beginn der Beschieszung war auf 1 Uhr Mittags festgesetzt 
worden, da sich aber die Ankunft des Parlamentairs verzögerte, so 
konnte derselbe erst um 3 Uhr stattfinden. 

Bei Beginn des Feuers, das von allen Seiten und zu gleicher 
feeit mit derselben Heftigkeit begann, zeigte sich die Festungs- 
artillerie sichtbar überrascht, antwortete jedoch bald darauf ziemlich 
lebhaft mit allen Geschützen. Da aber die Laffeten der Geschütze 



* • 



182 Die Cernirung von Peronne im Zusammenhange 

erst kurz vor der Cernirung aus grünem Holze angefertigt waren, 
und die Zapfen derselben, ohne Eisenunteringe, auf dem nackten 
Holze lagen, so zersprangen die Laffeten durch die Erschütterung 
bald, und hatten die Bedienungsmannschaften (Marine-Füsiliere und 
Mobile) oft mehr Zeit auf die Wiederherstellung der Geschütze, als 
auf eine Beantwortung des feindlichen Feuers zu verwenden, so dass 
man aus der Festung im Allgemeinen nur mit groszen Pansen ant 
worten konnte. 

Da die Festungs- Artillerie , wie oben erwähnt, meist auf glatte 
Rohre angewiesen war, so fügte sie bei der groszen Entfernung den 
Preuszischen Batterien wenig Schaden zu ; dazu kam noch, dass diese 
Batterien ein wenig sichtbares Ziel darboten und so hatten nur die 
weniger gedeckten auf dem Mont St. Quentin einen Verlust von 
2 verwundeten Offizieren und an Mannschaften einen solchen von 2 
Todten und 9 Verwundeten. Bei Einbruch der Dunkelheit brannte 
die Stadt an fünf verschiedenen Stellen. 

Die Garnison verhielt sich während des Bombardements voll- 
ständig ruhig und wurde theils zur Besatzung der Wälle und Be- 
dienung der Geschütze, theils zum Löschen des ausgebrochenen 
Feuers verwendet. 

Wie bereits erwähnt, war auszer den mit der Cernirung der 
Festung beauftragten Truppentheilen bei der Nähe des Festungs- 
complexes des Feindes fast die ganze I. Armee zur Deckung dieser 
Cernirung für nöthig erachtet und dem General von Goeben der 
Oberbefehl über sämmtliche Heeresabtheilungen an der Somme 
gegeben worden. 

Die Truppen waren am 28. December in den Stellungen ver- 
blieben, die sie am 26 December eingenommen hatten, nur beab- 
sichtigte der General von Goeben seine Aufstellung weiter nach 
rechts (nach Fins) auszudehnen, um zu gleicher Zeit die Strasze 
P6ronne Cambrai zu sichern ; dies kam aber in Folge von Nach- 
richten von der Seine her nicht zur Ausführung. 

Die Deckungstruppen hatten im Speciellen folgende Aufstellung 

21 Bataillone, 8 Escadrons, 66 Geschütze des 8. Armeecorps 
standen in vier combinirten Brigaden in der Linie Bucquoi, Achiet, 
Bapaume; General Graf Dohna mit 8 Escadrons bei Beaumetz, 
General Graf von der Groeben mit 1 Bataillon, 8 Escadrons, 8 
Geschützen bei Sailly und endlich Graf von der Lippe mit 1 Ba- 
taillon, 10 Escadrons bei St. Quentin. — 

Nachdem in der Nacht die Preuszischen Batterien nur aus 
einzelnen Geschützen gefeuert hatten, wurde am 29. December 



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mit den Operationen der L Armee. 



183 



Morgens die Beschieszimg auch nur mäszig fortgesetzt, da die Tags 
«uvor verschossene Munition nicht ersetzt war und eine vom General 
von Senden beim Ober-Commando erbetene Munitions-Colonne nicht 
genügende Munition zu einer energischen Fortsetzung des Bombarde- 
ments mitbrachte. General von Senden war vom Ober-Commando 
angewiesen worden, die Beschieszung nur noch am 29. December 
fortzusetzen, und wenn dann der Commandant keine Neigung zur 
Uebergabe zeige, die Batterien zurückzuziehen und das Eintreffen 
des Belagerungsparkes abzuwarten. 

In Folge dessen dauerte die Beschieszung nur noch bis Nach- 
mittags 4 Uhr. Das Bombardement hatte also 26 Stunden mit 
verschiedener Heftigkeit gedauert und wurden durchschnittlich per 
Stunde 400 Granaten in die Stadt geworfen. Unterdessen hatten 
verschiedene Theile der Stadt die Nacht durch und am Morgen des 
29. Decembers weiter gebrannt und wurde die Kirche St. Jean mit 
ihren kostbaren Glasfenstern und Kunstschätzen verschiedener Art 
gegen Mittag des 29. Decembers eine Beute der Flammen. Ebenso 
brannte das Hospital schon am Abend vorher nieder, und waren die 
Kranken und Verwundeten durch die Garnison und Einwohner in 
die Caserne transportirt worden. Der General Faidherbe behauptet 
natürlich, dass das Hospital, trotzdem es durch drei Flaggen mit 
dem Genfer Kreuz bezeichnet gewesen sei, den Preuszischen Batterien 
als Zielpunkt gedient habe. Die Ueberschtittung des Gebäudes mit 
Projectilen wird aber nur eine Folge der nahen Lage än der Kirche 
gewesen sein. 

Aus Kouen waren inzwischen beunruhigende Nachrichten über den 
dortigen Stand der Dinge eingelaufen, daher beschloss der General 
von Manteuffel, einen Theil der an der Somme stehenden Truppen 
nach der Seine zurück zu nehmen und erliesz folgenden Befehl: 

Combles, den 28. December 1870. 

„Eine Brigade des 8. Armeecorps mit 2 Batterien löst am 
29. December die 3. Brigade vor Peronne ab, welche letztere mit 
ihren beiden Batterien am 30. December nach Rouen abrückt. Das 
beim Ober-Commando befindliche Bataillon dieser Brigade marschirt 
mit demselhen zunächst nach Amiens. Die nQch in Amiens befind- 
lichen 2 Bataillone der 2. Brigade sind gleichfalls durch Truppen 
des 8. Armeecorps zu ersetzen. General von Mirus tritt nach Auf- 
lösung seines bisherigen Detachements mit dem Ulanen - Regiment 
Nr. 5 zur 3. Cavallerie-Division zurück." 

gez. von Manteuffel. 



184 Die Cerniruug von Peronne im Zusammenhange 

Zur Ablösung der 3. Infanterie-Brigade vor Peronne bestimmte 
der General von Goeben die 31. Infanterie -Brigade, die Befehl er- 
hielt, von Bucquoi aus in zwei Marschta.^en die Cernirungslinie zn 
erreichen. 

Die Ablösung fand am 30. December 12 Uhr Mittags statt, da 
die 31. Brigade am 29. December von Bucquoi nach Combles mar 
schirt und am 30. December vor Peronne eingetroffen war. 

Von der aus dem Infanterie - Reginiente Nr. 29, dem 2. und 
Füsilier -Bataillon Infanterie - Regiments Nr. 69, der 5. leichten und 
5. schweren Batterie Feld -Artillerie -Regiments Nr. 8 bestehenden 
Brigade besetzten 2 Bataillone Regiments Nr. 29, sowie 2 Bataillone 
des Regiments Nr. 69 und die 5. schwere Batterie den vom De- 
tachement von Mirus innegehabten Rayon, 1 Bataillon Regiments Nr. 29 
und die 5. leichte Batterie lösten das Detachement von Tietzen ab 
und besetzten den Abschnitt auf dem linken Somme - Ufer. Da der 
31. Brigade keine Cavallerie zur Verfügung stand, so wurde ihr vom 
General von Senden das 1. Reserve Dragoner-Regiment, sowie auch 
die Pontonnier-Compagnie in Ham zugetheilt. 

Die 3. Infanterie - Brigade marschirte am 30. December nach 
Amiens, während das Ulanen - Regiment Nr. 5 zur 3. Cavallerie 
Division zurücktrat. 

Die Cavallerie - Division von der Lippe hatte an diesem Tage 
das Detachement von Senft wieder an sich gezogen, um den rechten 
Flügel der Armee bei Le Catelet in genügender Stärke decken in 
können. 

Die Disbcation der Cernirungstruppen am Abende des 30. Decbr. 
war daher folgende (S. Anlage Tafel 6): 
I. Rechtes Somme-Ufer. 
1) Nordostfront. 

Commandeur der Front: Oberst von Rosenzweig. 
Stärke des Detachements: 

1. Bataillon Regiments Nr. 29. 
Füsilier-Bataillon Regiments Nr 29. 

2. Bataillon Regiments Nr. 69. 
Füsilier-Bataillon Regiments Nr. 69. 

2. und 4. Esjeadron 1. Reserve-Dragoner-Regiments. 
2. Fusz- Abtheilung Feld-Artillerie-Regiments Nr. 8. 
ö. schwere Batterie Feld-Artillerie-Regiments Nr. 8. 
Pontonnier-Compagnie. 
Snmma: 4 Bataillone, 2 Escadrons, 5 Batterien und 1 Pionier- 

Compagnie. 



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mit den Operationen der I. Armee. 



185 



2) Süd-Front. 

Commandeur der Front: Generalmajor von Strantz. 
Stärke des Detachements: 

2. Bataillon Regiments Nr. 19. 
Füsilier-Bataillon Regiments Nr. l^. 

1. Bataillon Regiments Nr. 81. 
Füsilier-Bataillon Regiments Nr. 81. 

3. Reserve-Husaren-Regiment. 
Reserve-Abtheilung Feld-Artillerie-Regiments Nr. 5. 

2. Sappeur-Compagnie. 

iumma: 4 Bataillone, 4 Escadrons, 3 Batterien und 1 Pionier- 

Compagnie. 

IL Linkes Somme-Ufer. 
Commandeur der Front: Major von Eiern. 
Stärke des Detachement: 
1. Bataillon Regiments Nr. 19. 

2- j; v } , 29. j 

1. und 3. Escadron 1. Reservc-Dragoner-Regiments. 

5. leichte Batterie Feld-Artillerie- Regiments Nr. 8. 

8. Compagnie der Hessischen Festungs-Artillerie-Abtheilung 

Nr. 11. 
Belagerungstrain 

Summa 2 Bataillone, 2 Escadrons und 1 Batterie. 
Summa im Ganzen: 10 Bataillone, 8 Escadrons und 9 Batterien. 

Im Laufe des 30. Decembers wurde das Bombardement aus den 
eld - Batterien zur Schonung der Munition nur mäszig fortgesetzt 
nd des Abends sogar ganz eingestellt. 

An demselben Tage traf der zu einer eventuellen Beschieszung 
on P^ronne bestimmte ßelagerungspark in Villers - Carbonnel ein, 
m sofort gegen die Festung in Position gebracht zu werden. Als 
äralich bei dem zweiten Vorgehen der L Armee über Amiens der 
bedanke an eine Beschieszung von P^ronne nahe trat, hatte General 
on Manteuffel die Zusammenstellung eines Belagerungsparkes aus 
en Französischen Geschützen der Festung La Fere und der Cita- 
elle von Amiens befohlen. 

Die beiden Plätze konnten nur wenige Geschütze abgeben und 
raren dies meist glatte. In Folge einer am 25. December an den 
Kommandanten von La Fere und der Citadelle von Amiens er- 

» 



186 



Die Cernirung von Peronne im Zusammenhange etc. 



gangenen Aufforderung erklärte ersterer 6 Mörser, letzterer einet 
Park von 6 gezogenen 12-Pfündern, 2 Mörsern und 2 Haubitzei 
fertigstellen zu können. 

General von Manteufifel erthcilte daher am 28. December Abend* 
nach erfolgter Ablehnung der Capitulation, dem Commandanten voi 
Amiens telegraphisch die Weisung, den Park am 29. December tibei 
Villers-Bretonneux nach Peronne abrücken zu lassen, und traf der 
selbe am 30. December mit 53 Wagen und 250 Pferden in Beglei 
tung einer Festungs-Artillerie-Compagnie in Villers-Carbonnel ein 
er bestand aus sechs gezogenen 12-PfUndern, zwei 22 Centimeter 
Haubitzen und zwei 22 Centimeter-Mörsern , sämmtlich Französisch* 
Geschütze. Die Munition war schon vollständig in Amiens präparirt 
worden, und war jedes Wurfgeschtitz mit 250, die gezogen« 
12-Pfünder mit 200 Schuss ausgerüstet. — 

Auch am 31. December schwieg das Bombardement vollständig 
und feuerten an diesem Tage die Festungsgeschütze nur in langei 
Pausen; dagegen wurde Deutscherseits die Vorbereitung zur Etat 
lirung der Belagerungs-Batterien getroffen. 

An diesem Tage trat die Besatzung zum erstenmale actii 
auszerhalb der Festung auf, indem sie einen Ausfall mit mehrerei 
Compagnicn auf der Strasze Peronne-C16ry unternahm. Nach kurzen 
Gefechte zog sich der Feind jedoch wieder in die Festung zurück 
Das 29. Regiment hatte hierbei einige Todte und Verwundete. 

(Schluss folgt.) 



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> 



Daa Wehrwesen der Schwei*, nach dem Gesetz-Entwürfe etc. 187 



Das Wehrwesen der Schweiz, nach dem 
Gesetz-Entwürfe des Bundesrathes vom 

13. Jnni 1874. 

* 

Von einem Preuszischen Offizier nach Originalquellen bearbeitet. 

Die Kriege in den Jahren 1866 und 1870—71 haben in allen 
gröszeren Staaten eine rege Thätigkeit auf niilitair-organisatorischeui 
Gebiete hervorgerufen; aber auch an die kleineren Staaten trat die 
Nothwendigkeit einer Reorganisation ihrer Armeen heran. Besonders 
machte sich dieses Bedürfniss bei der Schweizerischen Armee geltend, 
welche während des Feldzuges 1870—71 Gelegenheit hatte das Un- 
zulängliche ihres Wehrwesens zu erkennen. Es dürfte von Interesse 
sein, dem in Folge dessen aufgestellten neuen Gesetz-Entwurf des 
Bundesrathes der Schweiz näher zu treten, da für die Schweizerische 
Armee einzig und allein auf dem Continente das Miliz-System bei- 
behalten ist, und dieser Entwurf ein charakteristisches Bild abgiebt, 
in welchem sich die Eigentümlichkeiten des gesammten Volkslebens 
der Schweizer getreu wiederspiegeln. 

Als die Schweizerische Armee im letzten Kriege zum Grenz- 
schutze aufgeboten wurde, zeigten sich viele Missstände in der 
Organisation und Ausbildung der Truppenkörper, so dass allge- 
mein die Nothwendigkeit einer gründlichen Reorganisation des 
Wehrwesens anerkannt wurde. Die Armee war nicht einheitlich 
organisirt, die Cantone walteten nach eignem Ermessen ohne hin- 
reichende Controle von Seiten des Bundes. Ueberall fehlte es, 
besonders im Sanitäts- und Verwaltungswesen. Was die Aus- 
bildung der Truppen anbetrifft, so sagt der General Herzog in 

* 

seinem Berichte vom 22. November 1870 Folgendes: „Noch habe 
ich eine Wahrnehmung beizufügen, welche bei der diesjährigen 
Truppenaufstellung gemacht werden inusste. Sie betrifft den offen- 
bar ungenügenden Standpunkt der Ausbildung aller unserer Truppen, 
bald in höherem, bald in milderem Grade. Abgesehen von der schon 
berührten, höchst mangelhaften taktischen Ausbildung gewisser Ba 
tailloue und taktischer Einheiten von Specialwaffen, ist bei Beginn 



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m 

188 Das Wehrwesen der Schweiz, nach dem Geaetz-Entwurfe 

des Dienstes stets eine Unsicherheit in den Bewegungen des ganzen 
Truppenkörpers wie in den Dienstverrichtungen vieler Einzelner 
wahrnehmbar, welche beunruhigend ist und ihren Sitz offenbar in 
dem Mangel an praktischem Dienste hat. " In seinem Berichte vom 
28. Juni 1871 resümirt derselbe Offizier sein Urtheil in Folgendem: 
; ,Die permanente Aufstellung von Divisionairs an der Stelle der bis- 
herigen Infanterie-Inspectoren, die Ueberwachung der Infanterie-In- 
strnction und Wiederholungscurse durch Erstere, jeweilen im Rayon 
ihrer Divisionen, die vermehrten Gelegenheiten zur Ausbildung der 
Generalstabsoffiziere, die so sehr nöthige Verbesserung des Schiesz 
nnterrichts und einer Anzahl weiterer Details, die intensivere Instruction 
der Commissariatsoffiziere, Quartiermeister, Waffenoffiziere etc. sind 
Momente, die nicht genug betont werden können, um die Wehrkraft 
unseres Landes zu stiigern.'' Bei der letzten Revision der Bundes- 
verfassung hat sich daher die Reorganisation des Wehrwesens einer 
ganz besonderen Aufmerksamkeit zu erfreuen gehabt. Der Gesetz 
Entwurf des Bundesrates ist bereits von der betreffenden Commission 
des Nationalrathes berathcn und im Wesentlichen genehmigt worden. 
In Kurzem steht die Genehmigung des Gesetzes durch den National- 
rath bevor. Es soll versucht werden, in Folgendem ein Bild des 
Schweizerischen Wehrwesens, wie es vom Bundesrathe beantragt 
worden ist, zu entwerfen. — 

Stärke und Organisation. 

Die Armee der Schweiz soll nach dem neuen Entwürfe be- 
stehen aus: 

L dem „Auszuge" oder der Feldarmee und 

II. der „Landwehr". 

I. DerAuszug. 

Der Auszug soll eine Stärke von circa 1' 0,000 Mann erhalten, 
welche sich in folgender Weise zusammensetzen: 



1) Infanterie . . . . 


81,302 Mann, 


2) Cavallerie . . . . 


3396 „ 


3) Artillerie 


12,100 „ 


4) Genietruppen . . . 


4148 „ 


5) Sanitätstruppen . . 


1640 „ 


6) Verwaltungstruppen . 


2160 „ 



Summa 104,746 Mann. 



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✓ 

des BundeBrathea Tom 13. Juni 1874. 189 

1) Die Infanterie gliedert sich in: 

98 Infanterie-Bataillone ä 767 = 75,1156 Mann nnd 
8 Schützen-Bataillone ä 767 = 6136 „ 

Summa 81,302 Mann. 

Der Stab des Infanterie- oder Schützen-Bataillons besteht ans 
dem Commandeur mit Majorsrang, dem Adjutant, Quartiermeister, 
2 Aerzten und 33 Mann (Trainsoldaten, Büchsenmacher etc.). Das 
Bataillon wird eingeteilt in 8 Divisionen. Die Division hat einen 
Etat von 7 Offizieren und 236 Mann und wird commandirt von 
einem Hauptmann. Sie zerfällt in 2 Compagnien ä 3 Offizieren 
und 118 Mann, welche je von einem Oberlieutenant commandirt 
werden. 

Die Division dürfte ungefähr unserer Deutschen Compagnie ent- 
sprechen, wenn erstere auch etwas schwächer ist. Sie unterscheidet 
sich aber wesentlich von derselben durch ihre Gliederung in zwei 
selbstständige Theile (Compagnien). Es dürfte hierdurch ein etwas 
complicirter Mechanismus entstehen, welcher auf die Befehlsertheilung 
von lähmendem Einflüsse ist. Der Gesetz Entwurf spricht zwar aus- 
drücklich aus, dass die taktische Einheit die Division sein soll; aber 
dann würde wohl die Eintheilung in Züge den taktischen Anforde- 
rungen mehr entsprechen als die Gliederung in 2 Compagnien, von 
denen jede ihren Oberlieutenant, Feldwebel, Fourier etc. hat. Es 
möchte wohl zweckmäsziger sein, die taktische Einheit und 
die Einheit in dem Verpflegungswesen etc. tibereinstimmen zu 
lassen. — 

Auch die Gliederung des Bataillons in drei taktische Einheiten 
erscheint nicht gut gewählt. In den Motiven zum Gesetz-Entwürfe 
ist ausdrücklich erwähnt, dass man die groszen Vortheile, welche 
eine viertheilige Gliederung mit sich bringe, anerkenne. Man sehe 
aber von der letzteren vorläufig ab, um nicht mit der Aenderung in 
der Organisation der Armee gleichzeitig eine Aenderung des Exercir- 
Reglements nothwendig zu machen. Späterhin sei eine Gliederung 
des Bataillons (729 Mann ohne Stab) in 4 Compagnien ä 180 Mann 
(incl. Offiziere) immer noch möglich. Wenn es allerdings wohl richtig 
ist, sich vor zu groszen Umwälzungen auf einmal zu hüten, so dürfte 
doch zu bedenken sein, dass eine Compagnie zu 180 Mann den 
heutigen Anforderungen der Taktik nicht vollständig zu entsprechen 
im Stande ist; denn die ohnehin schon sehr niedrige Etatszahl 
wird bekanntlich im Kriege sehr schnell bedeutend reducirt. Will 

Jahrbücher f. d. Deutache Armee n. Marine. Band XIII. 13 



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190 Das Wehrwesen der Schweiz, nach dem Gesetz-Entwürfe 

man eine demnächstige Viertheilnng des Bataillons in Aussicht 
nehmen, so mnss die Etatsstärke von vorne herein höher bemessen 
werden. — 

Die Zahl der Offiziere ist sehr grosz. Während unsere Com 
pagnie 250 Mann und 5 Offiziere hat, stehen bei der Schweizeri- 
schen Division 236 Mann und 7 Offiziere. 

Der Bestand an Pferden und Wagen ist per Bataillon folgender: 

Bataillonscommandant 2 Pferde, 

Adjutant 2 „ 

Quartiermeister 1 „ 

Aerzte (nur 1 beritten) .... 1 „ 

Summa 6 Reitpferde. 

2 Halbcaissons a 2 Pferde ... 4 Pferde, 

1 Fourgon 3 „ 

1 Bagagewagen 2 „ 

2 Proviantwagen ä 2 Pferde . . 4 „ 

Summa 13 Zugpferde. 

Aus 2 oder 3 Bataillonen wird 1 Infanterie-Regiment formirt; 
der „Regimentscomniandant" ist Oberstlieutenant. 2 oder 3 Infanterie- 
Regimenter bilden eine Infanterie-Brigade, welche ein „Oberst-Bri 
gadier" befehligt. Bemerkens werth ist, dass der Infanterie-Brigade 
bereits ein Gencralstabsoffizier , Auditeur und Feldprediger zuge 
theilt sind. 

Die Schützen-Bataillone sind in dem neuen Gesetz-Entwürfe in 
gleicher Weise wie die Infanterie- Bataillone formirt. 

2) Die Cavallerie besteht aus: 

12 Guiden - Compagnien ä 43 Pferde = 516 Pferde und 
24 Dragoner -Schwadronen ä 120 Pferde = 2880 

Summa 3396 Pferde. 

Die geringe Stärke der Cavallerie dürfte wohl darin ihre Er- 
klärung finden, dass auf den Kriegstheatern, auf welchen die Schwei- 
zerische Armee auftreten könnte, eine ausgedehnte Verwendung von 
Cavallerie nicht möglich ist. 

Die Guiden-Compagnien (2 Offiziere und 41 Pferde) haben einen 
ausgesuchten Ersatz und werden zum Ordonnanzdienste verwendet. 

Zwei bis drei Dragoner - Schwadronen, von welchen jede eine 
Stärke von 4 Offizieren, 1 Pferdearzt und 119 Pferden hat, bilden 
ein Cavallerie -Regiment, welches von einem Major oder Oberst 



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des Bundesrathe» vom 13. Juni 1874/ 



191 



lieutenant befehligt wird. Gröszere Cavallerie-Verbände sind natur- 
gemäsz bei der geringen Zahl der Cavallerie nicht in Aussicht ge- 
nommen; es boiszt nur in Art. 49 des Gesetz-Entwurfes, dass die 
Dragoner-Schwadronen, welche direct dem Obercommando unterstellt 
sind, die Cavallerie -Reserve bilden. — 

Da die Schweizerische Armee in Friedenszeiten keine Cadres 
besitzt, so ist die Beschaffung der Pferde besonders für die Cavallerie 
mit groszen Schwierigkeiten verbunden. Die bisherigen Einrichtun- 
gen, wo der Cavallerist sein eigenes Pferd mitbrachte und von den 
Cantonen eine höhere oder geringe Entschädigung erhielt, haben sich 
als vollständig unhaltbar erwiesen. Denn der Mann hatte das Recht 
sein Pferd zu verkaufen. Die Ausbildung, welche das Pferd bei den 
Uebnngen erhalten hatte, ging dann aber für den Staat wieder ver- 
loren. Auch war der Effectivbestand an Pferden nicht gleich dem 
Sollbestande. Um diesen Uebelständen zu begegnen, sollen die nach- 
folgenden Bestimmungen getroffen werden : Der Bund resp. die Can- 
tone haben die Pferde für die Truppeneinheiten zu liefern, welche 
sie nach dem Gesetze aufstellen müssen. Die Offiziere haben sich 
gegen eine Entschädigung selbst beritten zu machen. Wenn bei 
einem bevorstehenden gröszeren Truppenaufgebote die Beschaffung 
der Pferde „auf dem Vertragswege" — wie sich das Gesetz aus- 
drückt — nicht mehr möglich erscheint, so ordnet der Bundesrath 
die „Piketstellung" der sämmtlichen Pferde im Gebiete der Eid- 
genossenschaft an, d. h. kein Pferdebesitzer darf vom Tage der Ver- 
öffentlichung des Beschlusses ab ohne Erlaubniss der Eidgenössischen 
Militärbehörden ein Pferd verkaufen. Die Uebertretun^ wird mit 
500 Francs Strafe belegt. Dann werden von Seiten des Bundes alle 
Pferde untersucht und für die unbrauchbaren wird das Veräuszerungs- 
verbot aufgehoben. Die tauglichen Pferde werden nach Bedürfniss 
eingestellt. Die Pferdebesitzer tauglicher Pferde erhalten Entschädi- 
gungen für die Zeit der Piketstellung, ebenso eventuell für den täg- 
lichen Gebrauch oder den Verlust eines eingestellten Pferdes. 

Die jährlich für die Cavallerie-Rekruten, sowie zum Ersätze für 
etwaigen Abgang nothwendigen Pferde werden vom Bunde angekauft 
und in Remonteschulen zugeritten. Wer ein eigenes Pferd zum 
Dienste mitbringt, erhält den halben „Schatzungspreis" vom Bunde 
[ausgezahlt. Dann tritt aber das Pferd in dasselbe Verhältniss wie 
rdie übrigen vom Bunde gestellten Pferde. Am Schlüsse der Remonte- 
f schulen werden die Pferde der Mannschaft für den halben Schatzungs- 
preis zugetheilt. und diese ist zur Uebernahme derselben vei'- 

13* 

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192 Das Wchrwesen der Schweiz, nach dem Gesetz- Entwurf e 

pflichtet. Da8 Pferd bleibt dann im Besitze des Cavalleristen, 
der es auszer dem Dienste auf eigene Kosten zu unterhalten hat. 
Er darf dasselbe zu allen Verrichtungen gebrauchen, welche 
die militairische Diensttauglichkeit des Pferdes nicht 
beeinträchtigen, dagegen ist ihm verboten das Pferd zu ver- 
kaufen, zu verpfänden oder zu vcrmiethen. 

Wer ein Pferd übernommen hat, bekommt jährlich l /io des von 
ihm gezahlten Kaufpreises vom Bunde zurückgezahlt, vorausgesetzt, 
dass er das Pferd ordnungsmäszig gepflegt hat; anderenfalls nur die 
Hälfte des Betrages. Wer ein eigenes Pferd gestellt hat, erhält 
jährlich Vio des anfanglichen Scbatznngspreises vom Bunde zurück. 

Wenn der Mann seine ganze zehnjährige Dienstzeit mit dem- 
selben Pferde durchgemacht hat, so geht es in seinen Besitz über. 

Eine Reihe von weiteren Specialbestimmungen regeln das Ver- 
hältniss des Bundes gegenüber dem einzelnen Manne in Betreff der 
Amortisation des gezahlten Kaufpreises und der Pflege des Pferdes. 

Streitigkeiten in dieser Hinsicht entscheidet das Militair- Departe- 
ment und in letzter Instanz der Bundesrath. 

Die Controle über die Unterbringung, Ernährung und Gebrauch 
der Pferde auszer dem Dienste soll von Truppenoffizieren geschehen. 

Dass der Werth der Schweizerischen Cavallerie bei derartigen 
Einrichtungen nur ein ganz untergeordneter sein kann, dürfte wohl 
auf der Hand liegen. — 

3) Die Artilllerie setzt sich zusammen aus: 

48 Feld Batterien a lüO Mann = 7680 Mann, 

2 Gebirgs- Batterien k 170 „ = 340 „ 

16 Park-Train-Compagnicn ä. 100 „ — 1600 „ 

16 Park-Compagnien ä 60 „ = 960 „ 

10 Positions-Compagnien ä 120 „ — 1200 „ 

2 Feuerwerker-Compagnien k 160 „ = 320 „ 



Summa 12,100 Mann. 

Die Feld- Batterie hat einen Etat von 5 Offizieren, 1 Arzt, 
l Pferdearzt, 153 Mann und 123 Pferden; dazu kommen noch 18 
Fahrzeuge (incl. 6 Geschützen). Die Feld-Artillerie zählt demnach 
in Summa xüi Geschütze; auszerdem ist für jede Batterie 1 Reserve- 
Geschütz vorhanden. Man hat die Absicht jeder der acht zu for- 
mirenden Armee-Divisionen 6 Batterien, also 36 Geschütze zuzu- 
theilen und 1 Artillerie - Reserve eventuell aus den 8 Landwehr- 
Batterien zu formiren. Die beiden Gebirgs- Batterien, welche eben- 
falls zu 6 Geschützen formirt sind, haben folgenden Etat: 5 Offiziere, 



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des Bundesrathes vom t3. Juni 1874. 193 

1 Arzt, 1 Pferdearzt, 163 Mann, 14 Pferde und 71 Saumtbiere. 
Bisher hatten die Gebirgs-Batterien (2 des Auszuges und 2 der Re- 
serve) nur je 4 Geschütze, statt dessen zieht man es jetzt vor, 

2 Batterien ä 6 Geschützen zu formiren. Die Zahl der Gebirgs- 
Batterien dürfte im Hinblicke auf die Natur der Kriegstbeater, auf 
welchen die Schweizerische Armee wirksam werden könnte, sehr 
schwach bemessen sein. Die Gesammtzahl der Feldgeschütze ist 
also 300, was pro Mille der fechtenden Truppen (Infanterie und Ca- 
vallerie 84,698 Mann) 3,5 Geschütze ausmacht. 

Zwei Feld- oder Gebirgs-Batterien bilden ein Artillerie-Regiment, 
das von einem Major oder Oberstlieutenant commandirt wird. Zwei 
oder drei Artillerie-Regimenter werden zu einer Artillerie-Brigade 
unter einem Oberst vereinigt. Der Artillerie-Brigade ist innerhalb 
der Armee-Division der Divisionspark zugetheilt, welcber aus 2 Park- 
colonnen ä 1 Park-Train-Compagnie (4 Offiziere, 1 Pferdearzt und 
95 Mann) und 1 Park-Compagnie (3 Offiziere, 1 Arzt und 56 Mann) 
besteht; auszerdem gehören dazu 69 Fahrzeuge (Munitionswagen, 
Reserve-Geschütze etc.) mit 214 Pferden. 

Die Positions-Compagnien (5 Offiziere, 1 Arzt und 114 Mann) 
entsprechen unserer Fusz -Artillerie. 

Zwei bis vier Positions-Compagnien bilden eine Positions-Ab- 
theilung unter einem Major oder Oberstlieutenant. 

Ganz neu errichtet sind die beiden Feuerwerks-Compagnien ä. 
2 Offizieren und 158 Mann, da die bisherige Herstellung der Munition 
durch ungeübte Civilarbeiter für den Kriegsfall nicht gesichert genug 
erscheint. 

4) Die Genietruppen bestehen nach dem neuen Entwürfe aus: 

12 Pionier Compagnien k 200 Mann = 2400 Mann, 

2 Park-Compagnien ä 107 „ — 214 „ 

6 Pontonier-Compagnien ä 125 „ = 750 „ 

8 Eisenbahn-Compagnien ä 98 „ = 784 „ 

Summa 4148 Mann. 

Die Pionier-Compagnien (7 Offiziere, 1 Arzt, 192 Mann, 6 Fahr- 
zeuge und 23 Pferde pro Compagnie) sind für den Sappeurdienst 
bestimmt. Jede Armee-Division soll 1 Pionier-Compagnie erhalten 
und 4 verbleiben in Reserve zur Verfügung des Oberbefehlshabers. 

Die beiden Park-Compagnien sind (bis auf den Hauptmann, 
Arzt und 12 Mann) dem Geniepark zugetheilt, welcher aus 3 Ab- 
theilungen besteht: 



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194 Das Wehrwesen der Schweiz, nach dem Gesetz-Entwürfe 

I. Telcgraphen-Abtheilung (2 Lieutenants, 2 Wachtmeister, 
40 Parksoldaten, 1«) Telegraphisten , IG Fuhrwerke mit 
56 Pferden, eingetheilt in zwei Sectionen). 

II. Schanzzeug- Abtheilung (1 Oberlieutenant, 5 Wachtmeister, 
15 Soldaten, 24 Fuhrwerke mit 96 Pferden). 

III. Material Reserve (3 Wachtmeister, 15 Soldaten, 16 Fahr- 
werke mit 60 Pferden). 

Jede dieser Abtheilungen ist in zwei gleichartige selbstständige 
Colonnen zerlegt. 

Bei der Formation der 6 Pontonier-Compagnien <4 Offiziere, 
1 Arzt und 120 Mann per Compagnie) hat als Grundlage gedient, 
dass man eine Gesammt-Brückenlänge von 2200 Fusz für die Armee 
erreichen wollte. Hierzu sind 6 Compagnien Bedienungsmannschaft 
nothwendig. Jede Pontonier-Compagnie führt einen Brückentrain von 
29 Wagen mit 110 Pferden mit sich. Merkwürdig ist, dass die 
sämmtlichen Pontonier-Compagnien der Genie -Reserve zugetheilt 
werden und unter directem Befehle des Obercommandanten stehen. 
Man fürchtet, den Wagentrain der Armee-Divisionen zu sehr zu ver- 
mehren, wenn man ihnen noch die Brückenequipage zutheilen wollte. 
Es dürfte aber sehr zweifelhaft sein, ob die Pontonier-Compagnien 
wirklich die ihnen zufallenden Aufgaben erfüllen können, wenn sie 
nicht den Armee-Divisionen unterstellt sind. 

Die Eisenbahn-Conipagnien werden aus den Beamten und Ar- 
beitern der Eisenbahn-Gesellschaften des Landes formirt. Jede Com- 
pagnie ist in vier selbstständige Sectionen zerlegbar. In Friedens- 
zeiten sollen die Leute nur ihrem Bestände nach controlirt werden; 
eine besondere Ausbildung hält man nicht für erforderlich, da die 
Leute stets in dem Dienste seien, den sie im Felde verrichten sollen. 
Im Gegensatze hierzu geben wir in Deutschland dem Eisenbahn- 
Bataillon einen besonders ausgesuchten guten Ersatz und bilden die 
Leute im Frieden aus. 

5) Das Sanitätswesen ist vollständig neu organisirt, um es, 
wie sich der Entwurf ausspricht, vor Allem zu centralisiren. Die 
8 Feld-Lazarethe werden den 8 Armee-Divisionen zugetheilt. Jedes 
Feld-Lazareth besteht aus dem Stabe (1 Major als Chefarzt, 1 Ver- 
waltungsoffizier, 1 Apotheker [Hauptmann oder Lieutenant], 1 bis 2 
Feldprediger und 2 Mann), 5 Ambulanzen ä 4 Aerzten, 1 Quartier- 
meister, 1 Apotheker und 34 Mann, sowie 38 Fuhrwerken mit 
90 Pferden. Auszerdem gehört zu den Sanitätstruppen die Sanitäts- 
Reserve, bestehend aus den Sanitäts - Transportcolonnen und den 



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des Bundesrathes vom 13. Juni 1874. 



195 



Eisenbahn-Sanitäts-Ztigen. Der Sanitäts Reserve liegt die Evacuation 
ans den Feld-Lazarethen in die im Lande zerstreut liegenden Mili- 
tair-Lazarethe ob. Das den Truppen zugetbeilte Sanitätspersonal ist 
in den Etatszahlen enthalten. 

6) Die Verwaltungstruppen sind wie folgt organisirt: 

Oberkriegscom- 
missariat im 

Hauptquartiere 14 0ffiz., — M., 22Reitpf., 2Zugpf., 1 Wgn., 

bei den Stäben 
der 8 Armee- 
Divisionen 88 „ — „112 

8 Verwaltungs- 
Divisionen 128 „ 2032 „ 256 

bei den Trup- 
pen und Feld- 
Lazarethen 144 „ — „ 104 

Summa 374 Offiz., 2032 M^494 Reitpf., 2146 Zugpf., 1255 Wgn. 

Dem „Oberst- Feld -Kriegscommissair" liegt die Leitung des 
ganzen Verwaltungswesens der Armee ob. Jede der Armee-Divisio- 
nen hat ihre Verwaltungs-Division, die sich in den Stab und drei 
Sectionen gliedert. Die erste Section (Verpflegungs-Abtheilung) hat 
von der zweiten (Transport- Abtheilung) Lebensmittel und Fourage 
zu empfangen und den Truppen direct mitzutheilen. Bei ihr be- 
finden sich 80 Bäcker und 26 Metzger. Feld-Backöfen werden nicht 
mitgefübrt. Die Transport-Abtheilung hat einen viertägigen Bedarf 
an Lebensmitteln und Fourage auf 52 Wagen mit sich zu führen. 
Die dritte Section i Magazin Abtheilung) verwaltet die Magazine und 
macht dieselben eventuell bei gröszeren Truppenbewegungen als 
zweite Staffel Lebensmittel mit viertägigem Bedarfe mobil. Die 
Fuhrwerke sind durch Requisition zu beschaffen. Das Personal wird 
der Landwehr entnommen. Die Transport-Abtheilung schöpft also 
aus der Magazin-Abtheilung. Die Armee führt an Lebensmitteln und 
Fourage demnach mit sich: 

1 Portion (eiserne), welche der Mann trägt, 

2 Portionen in den Truppenfuhrwerken, 

4 „ in der ersten Staffel des Lebensmitteltrains. 

Summa 7 Portionen, dazu noch eventuell 4 Portionen in der im Be- 
darfsfalle zu organisirenden Magazin-Colonne. 

Diese sämmtlichen Truppengattungen werden in der Armee- 



„ 1744 „ 454 



„ 400 „ 800 



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196 Das Wehrwesen der Schweiz, nach dem Gesetz-Entwürfe 

Division zu einem selbstständigen Ganzen vereinigt. Dieselbe kann 
nach dem Bedürfnisse zusammengestellt werden. Der Normalbestand 
einer Armee-Division ist: 

2 Infanterie-Brigaden ä 6 Bataillone, 

1 Cavallerie-Regiment ä 3 Schwadronen, 

1 Artillerie-Brigade 4 6 Batterien, 

Park der Armee-Division ä 2 Colonnen, 

1 Pionier-Compagnie, 

1 Feld-Lazareth, 

1 Verwaltungs-Division. 

Das sind: 

12,432 Offiziere und Mannschaften, 830 Reitpferde, 1363 Zug 
pferde, 177 Batterie - Fahrzeuge und 179 anderweitige 
.Fahrzeuge. 

Solcher Armee-Divisionen werden 8 formirt. 

7) Der Generalstab. In Friedenszeiten ist in der Schwei- 
zerischen Armee kein General vorhanden, ebenso giebt es keinen 
ständigen Generalstabschef und keine ständigen Generalstabsoffiziere. 
Die Functionen eines Generalstabschefs versieht im Frieden der Chef 
des Stabsbtireau's. Zu seiner Verfügung stehen Generalstabsoffiziere, 
welche auf 2 bis 3 Monate zu den „Abtheilungsarbeiten" einberufen 
werden. Der Generalstab rekrutirt sich aus Offizieren, welche die 
Generalstabsschule mit Erfolg absolvirt und bestimmten Truppen- 
übungen beigewohnt haben. 

Es dürfte sehr zweifelhaft sein, ob die Obliegenheiten des 
Generalstabes hinreichend erfüllt werden können von Leuten, welche 
auf 2 bis 3 Monate zu den Abtheilungsarbeiten herangezogen werden. 
Diese Zeit dürfte genügen, um die bürgerlichen Verhältnisse abzu- 
streifen und sich einzuarbeiten, nicht aber, um die Generalstabs- 
geschäfte mit Erfolg zu versehen. Hierzu gehört wohl ein eingehen- 
des längeres Studium. 

Eine besondere Eisenbahn-Abtheilung ist aus Offizieren formirt, 
welche in ihren bürgerlichen Verhältnissen der Eisenbahn-Branche 
angehören. 

Auszer diesen Offizieren besteht der Generalstab im Kriege 
aus: 3 Obersten, 16 Oberstlieutenants oder Majors und 35 Haupt- 
leuten. 



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deB BundesratheB vom 13. Juni 1874. 



197 



II. Die Landwehr. 

Die Landwehr wird gebildet aus denjenigen Leuten, welche 
ihrer Dienstzeit in dem Auszuge genügt haben. Sie soll be- 
stehen aus: 

98 Infanterie-Bataillonen ä 707 Mann = 75,166 Mann, 
8 Schützen-Bataillonen a 767 „ = f>13 > „ 

Summa der Infanterie 81,302 Mann. 
12 Guiden-Compagnien ä 43 Pferde = 516 Pferde, 
24 Dragoner Compagnien ä 120 „ = 2880 „ 

Summa der Cavallerie 339ö Pferde und 3396 Mann. 

8 Feld-Batterien k 160 Mann = 1280 Mann, 

22 Park-Train-Compagnien ä 100 „ = 2200 „ 
10 Park-Compagnien ä 60 „ == 600 „ 

15 Positions-Compagnien a 120 „ = 1800 „ 

2 Feuerwerker-Compagnien ä 160 „ = 320 „ 

Summa der Artillerie 6200 Mann. 
12 Pionier-Compagnien ä 200 Mann = 2400 Mann, 
6 Pontonier-Compagnien ä 125 „ = 750 „ 

Summa der Pioniere 3150 Mann. 
Eine unbestimmte Anzahl Sanitätstruppen. 
8 Verwaltungs-Divisionen a 270 Mann = 2160 „ 

Summa der Landwehr 96,208 Mann 
(excl. Sanitätstruppen). 

Die Etats- und organisatorischen Verhältnisse der Landwehr 
sind dieselben wie beim Auszuge. 

Von eigentlichem Werthe ist nur die Landwehr-Infanterie, für 
welche die Ausrüstung etc. bereits in Friedenszeiten vorhanden ist. 
Bei der Cavallerie und Artillerie wird der Ankauf der noth wendigen 
Pferde solche Schwierigkeiten verursachen, dass erst in späteren 
Stadien eines Krieges auf diese Waffen gerechnet werden kann. 
Die 8 Landwehr-Batterien sind als Artillerie-Reserve des Auszuges 
in Aussicht genommen. Würden sie neben der Landwehr-Infanterie 
verwendet werden, so kämen auf 1000 Mann 0,52 Geschütze. 

Auch für die Pioniere fehlt es vorläufig noch an Material zur 
Bildung eines Genieparkes. Die Formation gröszerer Truppenkörper 
der Landwehr ist in Aussicht genommen. Der Artikel 51 des Ge- 
setz-Entwurfes sagt darüber, dass die Landwehr-Infanterie in Bri- 
gaden eingetheilt werde ; über die weitere Organisation der Truppeu 
körper der Landwehr verfüge der Bundesrath nach den Grundsätzen 



198 Das Wehrwesen der Schweiz, nach dem Gesetz-Entwürfe 



des Gesetzes, wobei die Eintheilung des Auszuges als m 
hingestellt wird. 

Wehrpflicht und Rekrut irnng. 

Jeder Schweizer wird zu Anfang des Jahres wehrpflichtig, in 
welchem er das 20. Lebensjahr vollendet. Die Wehrpflicht dauert 
bis zum Schlüsse des Jahres, in dem er das 44. Lebensjahr zurück 
legt. Die ersten 12 Jahrgänge bilden den Auszug, die übrigen die 
Landwehr, jedoch ist im Kriegsfalle ein Ersatz oder eine Verstärkung 
des Auszuges durch Land weh rmannschaften zulässig. Die Haupt 
leute aller Waffen haben nur eine Gesammtdienstzeit von 15 Jahren. 
Die Stabsoffiziere können während ihrer ganzen Dienstzeit dem Aug- 
zuge oder der Landwehr zugetheilt werden. Die Cavalleristen treten 
nach 10 Jahren Dienstzeit zur Landwehr über. Bei den Mann- 
schaften der Eisenbahn-Compagnien besteht die Eintheilung in Aus- 
zug und Landwehr nicht. 

Von der Wehrpflicht sind während der Dauer ihres Amtes be- 
freit: die Mitglieder des Bundesrates und der Kanzler, die Be- 
amten und Angestellten der Post, Telegraphie, Pulververwaltung, 
militairischen Werkstätten, Zeughäuser, öffentlichen Krankenhäuser, 
Strafanstalten und Untersuchungsgefängnisse; ferner die Offiziere 
und Soldaten der Polizei und die Zoll- und Grenzwächter, die Geist- 
lichen, welche nicht Feldgeistliche sind. Die Lehrer sind von den 
Uebungen und Schulen befreit, soweit diese mit ihren sonstigen Be- 
rufspflichten collidiren. Die Beamten der Eisenbahn- und Dampf- 
schifffahrts-Gesellschaften werden nur zur Verwendung in ihrer 
Branche in Aussicht genommen. Diese sämmtlichen Kategorien haben 
jedoch einen „Rekrutencurs" zu absolviren und werden einem 
Truppenkörper zugetheilt. Wer nicht im Besitze der bürgerlichen 
Ehrenrechte ist, ist von der Wehrpflicht ausgeschlossen. Die Mit- 
glieder des Bundesrathes sind während der Dauer der Sitzungen von 
den militairischen Uebungen dispensirt. 

Auf den ersten Blick könnte es scheinen, als ob die allgemeine 
Wehrpflicht durch diese zahlreichen Ausnahmen illusorisch oder doch 
sehr beschränkt würde, namentlich wenn man die Ausnahmen, welche 
das Gesetz in Deutschland zulässt, entgegenhält. Die Verhältnisse 
der Schweiz sind indessen andere als bei uns. Dort kommt die 
eigentliche Wehrpflicht erst beim Ausbruche eines Krieges wirklich 
in Betracht, we*il dann erst ein Heer gebildet wird. Die Dispen- 
sationen von der Wehrpflicht sind wohl unserer „Unabkömmlichkeits- 



des Bundesrathea vom 13. Juni 1874. 199 

Erklärung" von Beamten im Falle einer Mobilmachung gleich- 
zustellen. 

Das Gesetz der allgemeinen Wehrpflicht besteht in der Schweiz 
schon seit 26 Jahren, aber es war, wie der Bundesrath in den Mo- 
tiven zum Gesetz-Entwürfe sagt, bisher eine „blosze Phrase". Das 
ganze Rekrutirungswesen lag in den Händen der einzelnen Oantone, 
von denen jeder nach anderen Grundsätzen handelte. Die ärztliche 
Untersuchung ergab die widersprechendsten Resultate. Grosze Städte, 
welche naturgemäsz eine gröszere Procentzahl Dienstunbrauchbarer 
haben müssen als Landdistricte, lieferten im Verbältnisse mehr Dienst- 
brauchbare als die letzteren, was wesentliche Verschiedenheiten in 
den Anforderungen, welche die einzelnen Cantone machten, voraus- 
setzen lässt. Ferner wurde das Gesetz insofern in den einzelnen 
Cantonen verschieden gehandhabt, als in dem einen die „Aufent- 
halter" (Leute, welche auszerhalb ihres Heimatheantons wohnen, ohne 
in ihrem neuen Wohnort Heimathsberechtigung erlangt zu haben) 
zum Dienste herangezogen wurden, in dem anderen vom Dienste be- 
freit blieben. Die Zahl der „militairtauglichen Aufenthalter", welche 
auf diese Weise nicht Dienst leisteten, wird vom Bundesrathe auf 
8 bis 10,000 Mann angegeben. Diese hohe Zahl erklärt sich wohl 
dadurch, dass die Cantone nicht das Interesse hatten, soviel Mann- 
schaften wie möglich auszubilden, da sie die Kosten der Equipirung 
selbst tragen mussten. Allen diesen Uebelständen will die Bundes- 
regierung dadurch begegnen, dass sie die Rekrutirung selbst in die 
Hand nimmt und so ein einheitliches Verfahren in sämmtlicben Can- 
tonen durchführt. Auch die Kosten der Armee werden nicht mehr 
von den Cantonen, sondern vom Bunde bestritten. Zum Zwecke der 
Rekrutirung wird das Territorium der Eidgenossenschaft in „Divisions- 
Kreise" eingetheilt, so dass die Infanterie-Bataillone einer Armee- 
Division (soweit wie möglich auch die übrigen Waffen) sich aus dem 
entsprechenden Divisions-Kreise rekrutiren. Die Grenzen der Di- 
visions-Kreise sollen mit den Cantonal-Grenzen möglichst tiberein- 
stimmen. Die Cantone werden wiederum in Kreise eingetheilt, von 
denen jeder den Ersatz für ein, höchstens zwei Infanterie- Bataillone 
liefern soll. Gemäsz der Bevölkerungszahl ist den Cantonen die 
Aufstellung einer bestimmten Zahl von Batai Ionen etc. auferlegt 
worden. Die Aushebung der Mannschaft wird vom Bunde veranlasst 
unter Hinzuziehung der Cantonalbehörden. Die Guiden-Pontonier- 
und Eisenbahn-Compagnien, sowie das Sanitäts- und Verwaltungs- 
Personal werden ihres ausgesuchten Ersatzes wegen vom Bunde auf- 
gestellt und sind nicht auf die Cantone vertheilt. 



200 Das Wehrwesen der Schweiz, nach dem Gesetz-Entwürfe 



Die Unteroffiziere und Offiziere. 

Das. Unteroffizier- und Offiziereorps rekrutiren sich aus den 
jenigen Soldaten, welche die vorgeschriebenen Wiederholungscurse 
und Schulen (vide Unterrichtswesen) mit Erfolg absolvirt haben, und 
es bestehen über die Ernennung und Beförderung der Unteroffiziere 
und Offiziere die nachfolgenden Vorschriften. In allen Waffen- 
gattungen werden die Unteroffiziere von den Offizieren der Truppen- 
einheiten (bei den Infanteriebataillonen durch die Divisionschefs) ans 
der Mannschaft, welche wenigstens einen Wiederholungscurs durch- 
gemacht hat, vorgeschlagen und nach gut bestandener Unteroffiziers- 
schule durch die Commandanten der betreffenden Einheiten, bei der 
Infanterie durch die Bataillonscommandanten ernannt. (Art. 37.) 
Nach Ablegung eines Wiederholungscurses werden von den can 
tonalen Regierungen qualificirte Unteroffiziere und Soldaten zu 
Offiziersaspiranten mit dem Grade „Wachtmeister" ernannt. Die 
Aspiranten, welche auf Offiziers- Aspirantenschulen das Zeugniss der 
Befähigung erlangt haben, werden von den Cantonal - Regierungen 
zu Lieutenants befördert. Die Beförderung zum Oberlieutenant er- 
folgt nach Bedarf und nach dem Dienstalter, die Beförderung zum 
Hauptmann oder Major geschieht nur nach der Tüchtigkeit, ohne 
Rücksicht auf das Dienstalter, auf Grund eines Zeugnisses des „Ober- 
instructors" der betreffenden Waffe. Alle diese Ernennungen ge- 
schehen von den Cantonal- Regierungen, nur die Chargen der Truppen 
körper, welche vom Bunde direct aufgestellt werden, sowie die 
Hauptleute der Schützendivisionon , die Offiziere der Stäbe dieser 
Bataillone, sowie der combinirten- Infanterie Bataillone erhalten ihre 
Ernennungen vom Bundesrathe. In gleicher Weise werden die 
Unteroffiziere und Offiziere der Sanitäts- und Verwaltungstruppen 
nach Absolvirung der vorgeschriebenen Unterrichtscurse etc. von 
ihren Chefs befördert. 

Ohne Berücksichtigung des Dienstalters werden die höheren 
Offiziere vom Regimentscommandanten aufwärts (ebenso der Com- 
mandeur der Brtickenequipage der Division, sowie des Genieparke* 
etc.) vom Bundesrathe aus denjenigen Officieren gewählt, welche 
seit zwei Jahren den nächstniederen Grad bekleidet und in dem 
selben Dienst gethan haben. Die Wahl erfolgt auf den Vorschlag 
einer Commission, die unter dem Vorsitze des Chefs des Militair- 
Departements, dem Divisionair, dem Waffenchef und dem Ober- 
instructor der betreffenden Waffe, sowie aus demjenigen Comman 
danten besteht,, unter dessen Befehl der zu Ernennende zu stehen 



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des Bundesrathes vom 13. Juni 1874. 201 

kommt. Die Vorschlüge zur Wahl eines Divisionairs geschehen durch 
eine Commission, welche neben dem Chef des Militair-Departements 
aus den sämmtlichen Divisionairs besteht. Sobald ein Aulgebot von 
mehreren Armee-Divisionen erfolgt, wählt die, Bundesversammlung 
einen General, welcher bis nach beendigter Truppenaufstellung den 
Oberbefehl führt ; auf kürzere Zeit wird der General durch den Chef 
des Generalstabes vertreten. Die Enthebung von einem Commando 
wegen Unfähigkeit oder die Entlassung aus dem Dienste wegen be- 
stimmter Vergehen erfolgen durch die betreffende Wahlbehörde. 

Unterricht und Ausbildung. 

Der Grad der Ausbildung einer Armee bestimmt ihre Kriegs- 
tüchtigkeit, und wenn es schon deshalb von Interesse ist, näher auf 
das Unterrichtswesen einer fremden Armee einzugehen, so ist dies 
um so mehr der Fall bei der Schweizerischen Miliz-Armee, wo der 
Mann in unverhältnissmäszig kurzer Zeit ausgebildet werden muss. 

Es fragt sich, welcher Grad der Ausbildung erreicht werden 
soll und wie man zu dem vorgesteckten Ziele gelangen will. 

Um aber den Eigenthümlichkeiten der Schweizerischen Armee 
gerecht werden zu können, dürfte es nothwendig sein, die leitenden 
Gesichtspunkte zu kennen, von welchen der Bundesrath ausging, und 
diese finden sich in den Motiven zum Gesetz-Entwürfe niedergelegt. 
Wir entnehmen denselben die folgende charakteristische Stelle: 

„Die unbestreitbare Thatsache, dass die stehenden Heere mit 
jahrelanger Dienstzeit Führern und Soldaten in vielen und wichtigen 
Beziehungen eine Ausbildung zu geben vermögen, welche weit Uber 
der jeder Milizarmee steht, legt den Gedanken nahe, Einrichtungen 
zu treffen , die unsere Armee jenem Vorbilde wenigstens „möglichst 
nahe" bringen sollen. 

Am consequentesten wird dieser Gedanke von denen aus- 
gedrückt, welche beantragen, den Unterricht der Soldaten ungefähr 
in dem bisherigen Umfange beizubehalten und dafür denjenigen der 
Cadres sehr wesentlich auszudehnen resp. permanente stehende 
( adres zu bilden. 

So viel sich auch vom rein militair-technischen Standpunkte für 
diesen Vorschlag mag sagen lassen, so nehmen wir gleichwohl 
keinen Anstand, denselben auf* das Entschiedenste zu verwerfen. 

Wir halten dafür, dass Alles, was auf eine permanente Armee 
oder auch nur zu den Anfängen einer solchen führt, den Grund- 
prineipien unseres Staatswesens und unseren socialen Lebens- 



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202 Das Wehrwesen der Schweiz, nach dem Gesetz -Entwürfe 

bedingungen widerstreite und unter keinem Vorwande Aufnahme 
finden dürfe". 

In diesen Worten liegt der Gedanke, welcher bei dem ganzen 
Gesetz-Entwürfe Richtschnur gewesen ist. Auf der einen Seite wird 
es anerkannt, dass eine Milizarmee den Armeen der Neuzeit gegen- 
über unterlegen ist, auf der anderen Seite ist es ein „Princip" (das 
Milizsystem), welches den fortschreitenden Ideen auf militair-organi- 
satorischem Gebiete lähmend in den Weg tritt. Je besser man den 
Soldaten ausbilden will, desto länger muss die Ausbildungsperiode 
sein, und je länger diese ist, desto mehr entfernt sich die Armee 
von einer „Milizarmee". 

Der Grad der militairischen Ausbildung des Mannes muss 
abhängig sein von den Aufgaben, welche die Armee zu erfüllen hat. 
Die Thätigkeit einer Armee der Schweiz wird sich wohl auf eine 
rein defensive Grenzvertheidigung , wie es während des Deutsch- 
Französischen Krieges der Fall war, beschränken. Die ganze 
politische und sociale Lage des Landes, sowie seine materiellen 
Interessen lassen nicht erwarten, dass seine Armee bei einem Euro- 
päischen Kriege auf fremden Kriegstheatern auftreten könnte. 
So dürfte wohl eine mäszig gut ausgebildete Armee für die 
politischen Zwecke der Schweiz in Wirklichkeit ausreichend sein. 
(Bieten doch die stehenden Heere der Europäischen Groszmächte der 
Schweiz hinreichende Garantie gegen eine Neutrali täts - Verletzung 
ihres Gebietes). 

Zur Erreichung des absolut nothwendigen Grades von militai- 
rischer Ausbildung sind die Unterrichtszeiten in dem neuen Gesetz- 
Entwürfe verlängert worden. Der Bundesrath motivirt die Ver- 
längerung der Ausbildungsperioden in sehr eingehender Weise, 
indem er die mangelhafte Ausbildung der Infanterie im Schieszen — 
„wo manche eine nationale Ueberlegenheit anzunehmen gewohnt 
wären" — mit Zahlen beweist. 

Auf 300 Meter Entfernung haben 49 Procent der Infanterie 
im Jahre 1873 eine Scheibe von 1,8 : 1,8 Meter Grösze, welche eine 
Gruppe von 3 Mann darstellte, gefehlt. Auf die Mannsfigur- 
Scheibe hat die Infanterie bei gleicher Entfernung nur 15 Procent 
Treffer erzielt. 

Dabei ist zu bemerken, dass das Gesetz bisher nur einen 
Tag und 10 Patronen jährlich für die Schieszübung bestimmte; im 
Jahre 1873 wurden aber 6 Tage darauf verwendet und durch- 
schnittlich 46 Schuss abgegeben. Unter 225 Meter und über 400 



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des Bundesrathes rom 13. Juni 1874. 



203 



Meter, sowie auf unbekannte Entfernungen wurde gar nicht geschossen, 
ebenso nicht auf bewegliche Ziele. 

Den Resultaten der Infanterie hält der Bundesrath die Resultate 
des Scharfschützencorps gegenüber (im Jahre 1872 erzielten die- 
selben 71,3, resp. 27,6 Procent Treffer auf die Gruppen-, resp. 
Figurscheibe) und führt dieselben auf die längere Scbieszifbung 
und gröszere Zahl der verschossenen Patronen zurück. Dieselben 
günstigen Schieszresultate erzielten die freiwilligen Schieszvereine. 

Ebenso wie die Nothwendigkeit längerer Cursen für die Aus- 
bildung im Schieszen, motivirt der Bundesrath auch die längeren 
üebungszeiten in allen anderen Dienstzweigen. 

Dies erscheint ihm aber noch nicht hinreichend, um einen 
brauchbaren Soldaten auszubilden. Es ist daher ein sehr aus- 
gedehnter Vorunterricht der schulpflichtigen Jugend bis zu ihrem 
wehrpflichtigen Alter in Aussicht genommen. 

In höchst interessanter und geistreicher Weise legt der Bundes- 
rath seine Ansichten über diesen Vorunterricht in den Motiven zuüi 
Gesetz-Entwürfe nieder. 

Er beginnt seine Ausführungen, indem er nachweist, dass die 
neuere Zeit mit Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht alle 
früheren Unterschiede zwischen einem Milizheere und einem stehenden 
Heere aus conscribirter Mannschaft zu Ungunsten der Milizheere 
ausgeglichen habe. Wenn ein Milizheer früher im Bewusstsein der 
geistigen Vollkraft einer Nation einem stehenden Heere mit ge- 
worbener Mannschaft erfolgreich gegenüber treten konnte, so sei jetzt 
jedes Heer ein Volk in Waffen. Der einzige Unterschied zwischen 
einem Milizheere und einem stehenden Heere sei heute die Unzu- 
länglichkeit der Mittel, mit denen die Milizarmee ausgebildet werden 
könne. 

Die gewaltige Kluft zwischen der Ausbildung beider Heere 
könne einzig und allein durch eine frühzeitige militairische Er- 
ziehung in Etwas ausgefüllt werden. Abgesehen von der vermehrten 
Unterrichtszeit, sei es auch vom pädagogischen Standpunkte aus 
nothwendig, schon die Jugend militairisch zu erziehen. Es sei ein 
unverzeihlicher Fehler, die Erziehung zum Staatsbürger mit den 
frühesten Kinderjahren zu beginnen und den Anfang der Erziehung 
zum Wehrmanne auf das 20. Lebensjahr zu verlegen. Ordnung, 
Pünktlichkeit, körperliche Gewandtheit und manches Andere, was 
dem Rekruten in dem 20. Jahre mit Mühe beigebracht werden soll, 
könne die Jugend spielend lernen. Das Alterthum habe in seinen 
schönsten Zeiten eine Trennung zwischen bürgerlicher und mili- 



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i» - .W'. ' . 

204 Das Wehrwe8en der Schweiz, nach dem Gesetz-Entwürfe 

ta irischer Erziehung nicht gekannt, und es habe noch viel weniger 
begriffen, dass diese beiden Elemente der Zeit nach so weit aus- 
einander liegen. 

Weiterhin wird geltend gemacht, dass in Preuszen schon seit 
dem Jahre 18G2 in den Volksschulen der Turnunterricht „als eine 
Vorbereitung auf den vaterländischen Wehrdienst" eingeführt sei 

In der Volksschule soHe die militärische Ausbildung vorzugs- 
weise eine körperliche sein, sich aber in den mittleren und höheren 
Scbulen auch auf die militair-wissenschaftlichen Disciplinen erstrecken. 

Da jeder militair- wissenschaftliche Unterricht die allgemeine 
wissenschaftliche Bildung als Basis haben müsse, so solle der allge- 
mein wissenschaftliehe Unterricht von vorne herein im Hinblick auf 
die militärische Erziehung ertheilt werden. In der Geographie, 
Geschichte, Mathematik etc. liesze sich mit groszem Vortheile auf 
die militärische Bildung hinarbeiten, ohne dass diese Wissenschaften 
geschädigt würden. 

Der Vcrunterricht der Jugend solle nicht die militärische Aus- 
bildung unnöthig machen, sondern der gesammte Unterricht in der 
Jugend und im Mannesalter solle in sich ein abgeschlossenes Ganze 
bilden. — 

Zu diesen Ansichten können wohl auch wir uns bekennen. 
Möchte auch unser Volksunterricht mehr und mehr zunehmen, damit 
dem erwachsenen Manne manche saure Stunde beim Rekruten- 
Unterrichte erspart bleibe. — 

Nach diesen leitenden Principien ist der Unterricht wie folgt 
festgestellt: 

A. Der Vorunterricht. 

Die Cantone sind verpflichtet, der schulpflichtigen Jugend den- 
jenigen militairischen Vorunterricht zu geben, welcher mit den 
gymnastischen Uebungen verbunden werden kann. In den höheren 
Schulen erhält dieser Unterricht eine weitere Ausdehnung. 

Die aus der Schule entlassene Jugend hat bis zum Beginne der 
Wehrpflicht jährlich wenigstens während 15 halben Tagen diese 
militairischen Uebungen fortzusetzen. 

Die allgemeinen Anordnungen gehen vom Bunde aus. 

Nach der angestellten Berechnung würde dies einen militai- 
rischen Vorunterricht von 840 Stunden geben. Nämlich vom zehnten 
Jahre ab wöchentlich 3 Stunden, pro 40 Wochen 120 Stunden 
jährlich , auf 4 Jahre 480 Stunden. 

Dazu bis zum 20. Jahre jährlich 15 mal täglich 4 Stunden = 



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des Bundesrates vom 13. Juni 1874. 



205 



60 Stunden. Das macht uuf 6 Jahre 360 Standen, also in Summa 
840 Stunden. 

B. Unterricht des Auszuges. 

Zu den jährlichen Unterrichtscursen sind die Offiziere des Aus- 
zuges, ferner die Unteroffiziere und Soldaten der acht ersten Jahr- 
gänge uud solche einzuberufen, welche noch nicht die vorgeschriebenen 
Uebungen absolvirt haben. Bei der Cavallerie werden alle zehn 
Jahrgänge einberufen. 

Ob noch weitere Jahrgänge einzuberufen sind, wird jährlich 
von der Bundes- Versammlung bestimmt. 

Wer einen „Wiederholungscurs" versäumt, wird nachträglich 
zum Dienste herangezogen. 

Auszer der gesetzlichen Dienstzeit sind alle Truppenoffiziere des 
Auszuges zu privaten Arbeiten verpflichtet, welche bei der Infanterie 
von den Divisions-Commandanten, bei den anderen Waffen von den 
Waffenchefs geleitet werden. 

An dem eidgenössischen Polytechnikum sollen Curse für mili- 
tairische Fächer (Taktik, Strategie, Kriegsgeschichte etc.) ein- 
gerichtet werden; auszerdem hat man in Aussicht genommen , die 
übrigen Fächer, soweit sie sich dazu eignen, und der sonstige 
Lehrplan nicht beeinträchtigt wird, von militairischem Gesichtspunkte 
aus zu lehren. Auch in den höheren Cantonschulen sollen der- 
artige Einrichtungen getroffen werden. 

Der Unterricht der Infanterie wird in acht Kreisen derartig 
gegeben, dass die gesammte Infanterie einer Armee-Division dem- 
selben Kreise zugetheilt ist. Der Rekruten- Unterricht soll 52 Tage 
dauern. Für den jährlichen „Wiederholungscurs" sind 10 Tage 
angesetzt; bei den Uebungen ist in jedem Kreise folgender Turnus 
festzuhalten : 

Im ersten Jahre: Hebungen des einzelnen Bataillons. 
Im zweiten Jahre: Regimentsweise Uebungen. 
Im dritten Jahre: Wie im ersten Jahre. 
Im vierten Jahre: Brigadeweise Uebungen. 
Im fünften Jahre: Wie im ersten Jahre. 
Im sechsten Jahre: Divisionszusammenzug. 
Wer in einem Jahre zu keinem Wiederholungscurs herangezogen 
wird, hat eine eintägige Schieszübung zu absolviren. 

Auszerdem bestehen für die Infanterie noch 3 Schulen: 
Die Cadreschule mit 4 Wochen Dauer für die zu Infanterie- 
und Schtitzenunteroffizieren vorgeschlagenen Soldaten, die allge- 
meinen Schieszschulen mit vierwöchentlicher Dauer für die 

Jahrbücher f. <1. Deutsche Armee u. Marine. Band XU1. 14 



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206 Das Wehrwesen der Schweiz, nach dem Gesetz-Entwürfe 

Infanterie- und Schützenoffiziere und Unteroffiziere, und in jedem 
Kreise eine Offiziers-Aspirantenschuie von sechswöchentlicher 
Dauer für die zu Offiziers- Aspiranten ernannten Unteroffiziere. 

Bei der Cavallerie dauert der Rekruten-Unterricht 10 Wochen. 
An demselben haben auszer den Rekruten noch die nöthigeu 
Cadres an Unteroffizieren und neuernannten Offizieren theilzunehmen, 
welche nach der ersten Hälfte der Schule abgelöst werden. Die 
jährlichen Wiederholungscurse der Cavallerie haben eine Dauer von 
12 Tagen. 

Eine Cadreschule von 6 Wochen haben die zu Unteroffizieren 
vorgeschlagenen Soldaten und die zu Hauptleuten vorgeschlagenen 
Oberlieutenants zu absolviren. 

Die Offiziers-Aspirantenschulen haben eine Dauer von 
10 Wochen. 

Bei der Artillerie dauern die Rekrutenschulen 60 Tage, nur 
für die Rekruten der Feuerwerkcr-Compagnien sind 42 Tage angesetzt. 
Zur Bildung der Cadres werden in diese Schulen einberufen: 

Die zu Hauptleuten vorgeschlagenen Oberlieutenants, die nen 
ernannten Lieutenants, Wachtmeister und Corporate und die etwa 
sonst noch zur Ergänzung der Cadres nothwendigen Offiziere, Unter- 
offiziere, Arbeiter und Spielleute. 

Alle zwei Jahre findet ein Wiedcrholungscurs von 20 Tagen 
statt, wobei Uebungen mit den anderen Waffen in Aussicht ge- 
nommen sind. 

Zu dem fünfwöchentlichen Cursus der Unteroffizierschulen werden 
jährlich alle Soldaten resp. Unteroffiziere einberufen, die zu Unter- 
offizieren resp. Feldweibeln, Fourieren oder Wachtmeistern vor- 
geschlagen sind. 

Besondere Unteroffizierschulen sind für die Park-Compagnien. 
Park-Train-Compagnien und Positions-Compagnien in Aussicht ge- 
nommen. 

Für die Offiziers- Aspiranten besteht eine besondere Schule in 
zwei Abtheilungen zu 6 resp. 9 Wochen. 

Der Unterricht der Genie-Rekruten dauert für die Pioniere 
60, für die Pontonniere 54 und für die Parksoldaten 28 Tage. Zu 
demselben werden herangezogen die zu Hauptleuten vorgeschlagenen 
Oberlieutenants, die neuernannten Lieutenants, Wachtmeister, Feld- 
weibel und Fouriere. 

Ein 18tägiger Wiederholungscurs findet für die Pioniere und 
Pontonniere alle zwei Jahre statt, für die Genie-Park-Coinpagnien 
ein siebentägiger jährlich. 



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! 

des Bundesrathes vom 13. Juni J874. 207 

Die jährlich abzuhaltenden Offiziers - Aspirantenschulen dauern 
9 Wochen. 

Auszerdeni findet jährlich noch ein Unterricht von 10 Wochen 
fhr Genie- und Artillerie -Offiziere im Genie- und Befestigungs- 
wesen statt. 

Die Sanitätsmannschaft (Krankenwärter und Träger) hat 
zunächst an einer Infanterie Rekrutenschule theilzunehmen und dann 
eine Schule von 5 Wochen zu absolviren. 

Jeder Wärter und Träger hat während seiner Dienstzeit im 
Auszuge einen „sanitarischen Wiederholungscurs" von 10 Tagen und 
einen Ours von 3 Wochen in einem Spitale mitzumachen. 

Die zu Sanitäts-Offizieren vorgeschlagenen Aerzte und Apotheker 
müssen einem Unterrichtscurse von 4 Wochen, und die Militairärzte 
während ihrer Dienstzeit einem „sanitarischen Wiederholungscurse" 
von 14 Tagen beiwohnen. 

Die Verwaltungstruppen sind in Betreff ihrer Instruction 
der Artillerie zugetheilt, bei welcher sie etwa denselben Unterricht 
wie die Park-Train-Compagnien erhalten. 

Die zu Fourieren und Unteroffizieren der Verwaltungs-Divisionen 
vorgeschlagenen Leute werden in einer Schule von 20 Tagen Dauer, 
die Offiziers- Aspiranten in einer solchen von 35 Tagen instruirt. 

Die höheren Offiziere des Verwaltungswesens (vom Hauptmanne 
aufwärts) haben Schulen von 42tägiger Dauer und Wiederholungs- 
curse von 28 Tagen zu absolviren. 

Auszerdem bestehen noch 4 „Centralschulen" ftir Offiziere. Die 
1. Centralschule (5 Wochen jährlich) ist für die Subaltern - Offiziere 
aller Waffen und speciell ftir die Adjutanten. In die 2. Central- 
schule (6 Wochen jährlich) werden die neu ernannten Divisionschefs 
der Infanterie und Schützen einberufen. An der 3. Centralschule 
(14 Tage alle 4 Jahre) haben die Bataillons - Commandanten der 
Infanterie und Schützen Theil zu nehmen. Die 4. Centralschule wird 
ftir die neuernannten Oberstlieutenants nach Bedürfniss abgehalten. 

C. Uebungen etc. der Landwehr. 

Die Infanterie und die Schützen haben jährlich eine eintägige 
Schieszübung und alle zwei Jahre eine eintägige bataillonsweise 
Inspection mitzumachen. 

Sämmtliche übrigen Truppenkörper wohnen jährlich einer ein- 
tägigen Inspection bei. 

Wenn ein Aufgebot der Landwehr in Aussicht steht, so wird 
dieselbe zu besonderen Uebungen einberufen. 

14* 



•<7W ; 1 

208 Da* Wehrwespn der Schweiz, nach dem Gesetz-Entwürfe 

D. Freiwillige Scbieszvereine. 

Wenn die Schieszübungen mit ordonnanzmäszzigen Waffen und 
in Verbindung mit militairischen Uebuügen stattfinden, so unterstützt 
der Bund die Vereine. 

Die Einrückungs- und Entlassungstage sind bei allen Zeitangaben 
nicht mit eingerechnet. 

Für den Unterricht in den Schulen existirt ein besonderes 
Instructions -Corps; jede Waffe hat ihren Oberinstructor, der das 
Unterrichtswesen beaufsichtigt, Instructoren L und 2. Classe und 
Hülfsinstructoren; die Infanterie hat für jeden Kreis einen Kreis- 
instruetor. 

In Betreff der Inspectionen besteht ein Tableau, welches jeder 
Charge ihre Inspectionen genau vorschreibt. — 

Verwaltung, Bekleidung, Besoldung etc. 

Die Militärverwaltung ist zwischen dem Bunde und den Cantonen 
getheilt. Die letzteren sind gewissermaaszen die ausführenden Or- 
gane, welche vom Bunde controlirt werden. Alles Detail ist Sache 
der Cantone, so die eigentliche Ausführung der Rekrutirung, die 
Bekleidung und Ausrüstung der sämmtlichen Truppenkörper etc. 
Der Bund wacht darüber, dass die Cantone nach den von ihm 
erlassenen allgemeinen Vorschriften bandeln und ersetzt ihnen die 
Kosten der Heeresverwaltung nach den jährlich zu normirenden 
Einheitssätzen. 

Unter den algemeinen Vorschriften über die Bekleidung ist als 
charakteristisch hervorzuheben, dass das Tragen von Orden und 
Auszeichnungen sämmtlichen Wehrpflichtigen im Dienste unter- 
sagt ist. 

Das Kriegsmaterial der höheren Truppenverbände und zwar: 
Die Geschütze etc. der Landwehrbatterien, die Ergänzungs-Geschütze, 
das Material der Positions-Artillerie, die Brtickenequipagen, Divisions- 
parks, Genieparks, das Sanitätsmaterial (soweit es nicht zu den 
Truppenkörpern gehört), das Material der Verwaltungstruppen, der 
Depotpark und die Fuhrwerke der Stäbe — steht unter directer Ver- 
fügung und Verwaltung des Bundes. 

Die Beschaffung und Verwaltung der Munition ist gleichfalls 
Sache des Bundes. 

An Kriegsmunition soll in Friedenszeiten vorräthig sein: 

1) Für jeden Infanteristen und Schützen 200 Patronen. 

2) „ „ Dragoner und Guiden 60 Patronen. 



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» • 



des Bundesrates vom 13. Juni 1874. 209 

3) Für jeden Pionier, Pontonnier, Park - Artilleristen und be- 
rittenen Artilleristen 40 Patronen. 

4, „ jedes Feldgeschtitz (incl. Ergänzungs 7 Geschütze) 400 
Schuss. 

5) „ „ Geschütz einer Gebirgsbatterie 200 Schuss. 

6) „ „ Positions- Geschütz 200 Schuss. 

Auszerdem ist vorgearbeitete Munition und Rohmaterial in Vor- 
ratb zu halten. 

» 

In Betreff Aufbewahrung allen Kriegsmaterials gilt der Grund- 
satz der territorialen Vertheilung desselben, damit es im Falle eines 
Krieges möglichst schnell zur Hand ist. 

Als besonders wichtig wird hervorgehoben, dass die Cantone 
die Berechtigung haben, Uber ihre eigenen Truppenkörper selbst- 
ständig zu verfügen, wenn dieselben nicht bereits vom Bunde auf- 
geboten sind. Die Kosten tragen dann aber die Cantone. 

Die Besoldung der Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaft, 
welche seit dem Jahre 1848 dieselbe geblieben war, soll erhöhet 
werden. 

Die dem Gesetzentwurfe beigefügte Tafel giebt nachstehende 
Sätze an: 

Tägliche 

Besoldung. Rationeu. 





Fr. 


Rp 




Oberbefehlshaber 


. 50. 


• 


6 


Chef des Generalstabes .... 


. 40. 


• 


4 


Feldkriegs-Commissair 


. 25. 


• 


3 


Generaladjutant und Divisionair 


. 30. 


* 


4 




. 25. 




4 




. 20. 




4 






'" '" • 


3 








2 








1 




. 8 




1 








1 










Adjutant-Unteroffizier 


. 3. 


• 




Feldweibel 
















Berittene Wachtmeister .... 


. 2. 


• 




Oberfeuerwerker ....... 


. 2. 


• 





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210 



Dae Wehrwesen der Schweiz, nach dem Gesetz-Entwürfe 



Tägliche Besoldung. 



Unberittene Wachtmeister . . 

Berittene Corporate 

Uebrige Corporate . . . . 

Krankenwärter 

Träger 

Trainsoldat ....... 

Guide und Dragoner . . . . 

Uebrige Soldaten 

Rekruten aller Waffengattungen 



Fr. Rp. 

1. 50. 

1. 50. 

1. — . 

1. — . 

-. 80. 

1. -. 

1. — . 

— . 80. 

— . 50. 



Alte Chargen erhalten täglich 1 Mundportion. Die den Stäben 
zugetheilten Guiden bekommen eine tägliche Zulage von 1 Fr. 50 Rp. 
Alle Adjutanten, die Hauptleutc und Oberiieutenants der Artillerie 
und alle Offiziere der Cavallerie erhalten 2 Rationen, auszerdem die 
Adjutanten eine tägliche Zulage von 2 Frcs. 

Bei Feststellung der Besoldung ist der Grundsatz maaszgebend 
gewesen, dass alte berittenen Chargen einen höheren Sold erhalten. 
Sehr eigenthümlieh wird die neue Einrichtung motivirt, den Rekruten 
einen niederen Sold zu geben. Man müsse einen Unterschied 
machen zwischen dem Soldaten, welcher den Dienst könne und 
demjenigen, der ihn noch erlerne. Für den Unterhalt seiner neuen 
Ausrüstung habe der Rekrut weniger auszugeben, als der schon 
längere Zeit im Dienste stehende Wehrmann, welcher auszer- 
dem von einem etwaigen Ueberschuss über die noth- 
wendigen Auslagen in der Regel einen zweckmäszi- 
geren Gebrauch machen werde, als der 20jährige 
Rekrut, für den es ohnehin eine gute Schule sei, neben 
guter Beköstigung und sonstiger Pflege etwas knapp 
gehalten zu werden. Diese Motivirung des geringeren Soldes 
der Rekruten erscheint wohl etwas gesucht und auch nicht zutreffend. 
Der Rekrut, weleher an die Anstrengungen des Militärdienstes 
nicht gewöhnt ist, bedarf entschieden eher einer Beköstigungszulage, 
als der gediente Soldat ; er hat auszerdem mancherlei kleine Auslagen 
für Utensilien etc., die der ältere Soldat schon besitzt. Was endlich 
den Punkt der Verwendung etwaiger Ueberschüsse anbetrifft, so 
dürften solche wohl kaum vorkommen. Der Bundesrath selbst er- 
klärt an einer anderen Stelle, dass der Sold nichts Anderes sein 
solle, als ein Zuschusz zur Verpflegung und Unterhaltung der Aus- 
rüstung und Bewaffnung, wofür fcO Ct. angemessen seien. Wenn dieser 
Satz wirklich Ueberschüsse zuliesze, wäre er sicherlich erniedrigt 



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de» Eundesrathes vom 13. Juni 1874. 211 

worden. In wiefern ein 22- oder 23jäbriger Soldat etwaige Ueber- 
schtis8e zweckmäsziger gebrauchen wird, als der 20jährige Rekrut, 
kann diesseits nicht eingesehen werden. 

Der wahre Grund liegt wohl in Ersparungs - Rücksichten , wie 
die vom Bundesrathe aufgestellten Berechnungen zeigen. An dieser 
Stelle dürften Ersparnisse nicht angängig sein. — 

Die detaillirten Kostenberechnungen, welche der Bundesrath 
aufgestellt hat, ergeben ein jährliches Militärbudget von 10,492,088 Fr. 

Hieran sind folgende interessante Vergleiche geknüpft: 

1) Wenn man das Verdienst des Einzelnen auf 5 Frcs. täglich ver- 
anschlagt, so fordert der Schweizerische Staat von seinen Bürgern, 
(bei 1,663,715 Diensttagen) ein jährliches Opfer von in Sa. 8V 2 
Millionen Frcs. 

2) Wird die Summe der jährlichen Diensttage .1,663,715) durch 
365 dividirt, so erhält man 4658 Mann, deren Arbeitskraft für die 
Dauer des ganzen Jahres entzogen wird, oder auch ein stehendes 
Heer von 4658 Mann. Dies ergiebt 0,19 Procent der Gesammt- 
bevölkerung. (Deutschland hat 1 Procent der Gesammtbevölkerung 
Friedenspräsensstärke. Nationalökonomisch würde also Deutschland 
5 Mal stärker belastet sein.) 

3) Das Schweizerische Militairbudget von 10 1 /» Millionen Frcs. 
macht pro Kopf der Gesammtbevölkerung 4,2 Frcs. aus, das Deutsche 
von 375 Millionen Fr. 9,4 Fr. 

Die Kriegsstärke der Schweiz ist 200,000 Mann, was pro Mann 
52,5 Frcs. jährliche Ausgabe macht. Das Deutsche Kriegsheer hat 
eine Stärke von 1,251,000 Mann, was pro Mann 300 Frcs. jährlicher 
Ausgabe ergiebt. Der Deutsche Soldat würde also 6 Mal mehr 
kosten als der Schweizerische. 

Diese Vergleiche sind ohne weitere Ausführungen nebeneinander 
gestellt und mögen wohl manchem Schweizerischen Bürger die Ge- 
nehmigung des Gesetz-Entwurfes erleichtern. 

Wer aber einigermaaszen mit den vorliegenden Verhältnissen 
vertraut ist, wird erkennen, dass die Vergleiche vollständig willkür- 
lich und werthlos sind. 

Abgesehen von dem Vergleiche der verschiedenen Belastung der 
Bevölkerungen im Verhältnisse von 0,19 : 1, welche ihren berechtigten 
Grund in der Grösze und politischen Stellung der Staaten findet, 
kann von einer Nebeneinanderstellung der Kriegsstärken in der Weise, 
wie es hier geschehen ist, nicht die Rede sein. 

Mit der Statistik lässt sich Alles beweisen, man muss es nur 



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212 Das Wehrwesen der Schweiz, nach dem Gesetz- Entwürfe 

verstehen, die Zahlen so nebeneinander zu stellen, wie man sie 
gerade gebrauchen will. 

200,000 Mann Schweizerische Truppen sind nicht 200,000 Deutsche 
Soldaten, so gleich auch die Zahlen auf dem Papiere aussehen mögen, 
deshalb kostet der Schweizerische Soldat in Wirklichkeit auch nicht 
V 6 der Summe, welche die Ausbildung des Deutschen Soldaten kostet, 
denn er hat nicht den militairischen Werth des letzteren. Richtig 
wäre folgender Vergleich: 4658 Mann stehendes Heer kosten der 
Schweiz lO'/s Millionen Fr. Was kosten dieselben Deutschland' 
Es würde sich dann wohl eine umgekehrte Proportion ergeber. 
Auszerdem hat das Schweizerische Kriegsbudget nicht die gewaltiger: 
Ausgaben für Unterhaltung der Festungen etc., welche auf dem 
Deutschen Militairbudget lasten*). Diese Verhältnisse sind nicht 
ein Mal angedeutet. 

Wenn nun von einer gröszeren nationalökonomischen Belastung 
Deutschlands gesprochen wird, so dürfte die Frage am Platze sein: 
Welches würde wohl nach dem Kriege 1870 — 71 die nationalöko 
nomische Belastung Deutschlands gewesen sein, wenn es Frankreich 
eine Million Schweizerische Soldaten entgegengeschickt hätte, wenn 
es eine Cavallerie aufgestellt hätte, deren Pferde auszerhalb des 
Dienstes im Karren gehen? Man möge Zahlen nebeneinanderstellen, 
die ihrer Natur nach gleich sind und sie z. B. mit demjenigen 
Theile der Oesterreichischen Landwehr vergleichen, welcher nicht im 
stehenden Heere gedient hat. 

Die übrigen Abschnitte des Gesetz-Entwurfes bieten nichts be 
sonders Interessantes, so dass ein Eingehen auf dieselben ver- 
mieden ist. 



Die Commission des Nationalrathes, welche diesen Sommer in 
Murren getagt hat, hat diesen Gesetz-Entwurf im Allgemeinen ge 
nehmigt. Wesentliche Abweichungen von dem Vorschlage fanden in 
nachstehenden Punkten statt: 

1) Das Infanterie- nnd Schützen-Bataillon soll nicht in 3 Di 
Visionen, sondern in 4 Compagnien mit 1 Hauptmann, 1 Oberliente- 
nant, 3 Lieutenants und 180 Mann eingetheilt werden. Alle Tarn 
bours sollen durch Trompeter ersetzt werden. 



*) Bekanntlich ist die einzigste Schweizerische Veste „der Luciensteig" bei 
Maienfeld am Rhein. 

Der Bau anderer Passsperren ist in jüngster Zeit wieder mehrfach der 
Gegenstand von Besprechungen gewesen 



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des Bundesrates vom 13. Juni 1874. 213 

2} Die Verwaltungstruppen sollen statt aus 21 60 Mann mit 248 
Reitpferden und 1 744 Zugpferden aus 792 Mann mit 184 Reitpferden 
und 896 Zugpferden bestehen, da man den ungeheueren Apparat der 
Armeeverwaltung, wie ihn der Bundesrath in Aussicht genommen, 
für nnnöthig hält. 

3) Die Zeiten des Unterrichts sind von der Commission folgen 
dermaaszen festgesetzt : 

Infanterie: Rekrutenschule 45 Tage (statt 52); die Cadres 
der Schule haben einen Vorcurs von 8 Tagen zu absolviren. Wieder- 
holungscurse alle 2 Jahre 16 Tage (statt jährlich 10 Tage). In den 
Jahren, wo kein Wiederholungscurs stattfindet, ist eine eintägige 
Schieszübun^ zu absolviren. 

Cavallerie: Rekrutenschule 60 Tage (statt 70); Wiederholungs- 
curs 10 Tage (statt 12), dazu für die Cadres ein viertägiger Vor- 
cnrs. Die Offiziers-Aapirantenschulen 60 Tage (statt 70 Tage). 

Artillerie: Rekrutenschule 50 Tage (statt 60); Wiederholungs- 
curs für die Feld-Batterien 18 Tage (statt 20), für die übrigen Ein- 
heiten 16 Tage (statt 20 Tage). 

Genie: Rekrutenschule für die Pioniere 50 Tage (statt 60), ftir 
die Pontoniere 42 Tage (statt 54); Wiederholungscurs der Pioniere 
und Pontoniere 16 Tage (statt 18 Tage). 

4) Den Cavalleristen soll nur 3 / 4 des Schatzungspreises ihrer 
Pferde vergütet werden. Die Pferde dürfen auch bei Bauern gegen 
die nöthigen Garantien untergebracht werden. 

5) Auszerdem sind roch kleinere Abänderungen des Entwurfes, 
namentlich in Betreff Eintheilung der Truppen - Einheiten auf die 
Cantone vorgenommen worden, die hier nicht von Interesse sein 
können. 



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• 

214 



Umschau in der Militair-Literatar 



XL 

Umschau in der Militair-Literatur. 

tieschichte des Zietenschen Husaren - Regiment». Von A. 
Freiherr y. Ardenne, Secondelientenant des Zietenschen 
Husaren-Regiments. 708 Seiten 8°, mit 2 Portrait« in Stahlstich 
und 2 Abbildungen in Buntdruck. (Preis 4 Tblr.) 

Dies ist ein — Sr. Königlichen Hoheit dem General - Feldmar- 
schall Prinz Friedrich Karl gewidmetes — Buch, dess meine alte 
Husarenbrust froh wird und welches geeignet sieh erweist, künftigen 
Husaren die Phantasie zu beleben und das Herz zu stärken. Seit 
der gediegenen Arbeit des Pastor Wiltsch: „Die Schlacht von, 
nicht bei Rossbach'' (Halle 1867, bei Anton) und seit des Herrn 
Professor Droysen neuesten Büchern „Friedrich der Grosze" und 
„Chotusitz" ist kein von mir durchlesenes Buch aus altpreuszischer 
Ruhmeszeit so erquicklich mir gewesen im jetzigen Jahre, wie das 
obengenannte des Freiherrn v. Ardenne. Dafür mehre Allah des 
Herrn Verfassers Wohl! 

Eine Geschichte der Zieten-Husaren zu bearbeiten, dazu gehört 
eine Ausdauer, eine Forschenslust und eine innige Liebe pro gloria 
patriae, ähnlich wie sie von den österreichisch - magyarischen Nord- 
polfahrern kürzlich bethätigt ward. Es ist eine mehrjährige Stra- 
paze, welcher sich der Herr Verfasser unterzog, um einer schönen 
aber schwierigen Aufgabe zu genügen. Er selbst, nachdem es ihm 
vergönnt war, mit eigenem scharfen Säbel Mitarbeiter zu sein an 
der neuesten Geschichte des Zieten-Hnsaren-Regiments, hat für seine 
litterarische Leistung den besten Lohn, wenn er die Wahrheit 
des Dichterworts „Was Du erforschet, hast Du miterlebt" anerkennt. 
Die Zeit, welche er seiner Arbeit widmete, brachte ihm hohen Ge- 
winn. Eine 133 Jahre umfassende Husaren- Regimentsgeschichte 
schreiben, das giebt eine reichhaltige husarische Ernte. Also be- 
glückwünschen wir den „Herausgeber" nochmals. — 

Es wäre unbillig, zu verlangen dass das obengenannte dicke 
Buch allen Regeln und den vielerlei Erfordernissen der geschicht- 
lichen Darstellungs k u n s t durchweg entspräche; und es lassen sich 
auch manche Einwände erheben, namentlich innerhalb der ersten 
210 Seiten. So z. B. sei mir gestattet, auf den Tadel der „sanität- 



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Umschau in der Militair-Literatur. 215 

liehen Hülfsmittel" und auf die Glosse wegen der Verwundeten beim 
Preuszenheere im siebenjährigen Kriege (S. 178) zu erwidern: 

Man muss jede Zeit in ihrer Weise beurtheilen. — Was für 
die bei Hochkirch Verwundeten geschah, ist speciell dargelegt, so 
weit dies jetzt noch möglich, in einem dem Johanniter- Wochenblatt, 
Jahrgang 1865, angehörigen Aufsatze (welchen, beiläufig bemerkt, 
ein dem Johanniter - Orden angehöriger Schlesischer Leser dieses 
Blattes in 1000 Exemplaren separat abdrucken liesz, mit des Ver- 
fassers Genehmigung, für Beförderer der öffentlichen Krankenpflege, 
eigene Freunde und Freunde des groszen Königs etc.). Auszerdem 
erhelltManches, über die während des siebenjährigen Krieges den 
kranken und blessirten Soldaten zugewendete Königliche und ärzt- 
liche Fürsorge, aus der iu den Druckschriften des Mark Branden- 
burgischen Geschichtsvereins und an anderer Stelle mitgetheilten 
Lebensbeschreibung des Königl. Leib- und ersten General- 
arztes Dr. Cothenius. Freilich gehört Dieser zu den „groszen Un- 
bekannten". In dem Zeitungsberichte — aus dem jüngst eröffneten 
i berliner Krankenhaus am Friedrichs - Hain — über das hier den 
verstorbenen Berliner medicinischen Koryphäen gewidmete plastische 
Andenken fehlte: Cothenius (gestorben in Berlin 1789, Director des 
obersten Medicinalcollegiums). Möge man dort ihn vergessen haben \ 
in der Armeegeschichte dauert sein guter Name fort. Cothenius 
war der Fridericianischen Kriegsaera ein nicht minder eifriger und 
verdienstvoller Oberarzt wie in unseren Tagen unser mustergültig 
eifriger, seliger Löffler. 

Schlieszlich sei erwähnt — da Seite 178 der Tor g au er Schlacht 
gilt — , dass Friedrich der Grosze nach dieser Schlacht in Elsnig 
eintreffend, sein Nachtquartier in der dortigen Kirche nahm, weil er 
die Pfarrerwohnung, wohin er zunächst ritt um hier seinen nächt- 
lichen Aufenthalt zu nehmen , mit Schwerverwundeten belegt fand. 
Man wollte Letztere translociren ; der humane König behinderte 
dies. Er, pflichttreue und in oberen Stellen wissenschaftlich auf 
der Höhe der Zeit befindliche, ja sogar ihr voraneilende Aerzte 
und schlieszlich die Gutherzigkeit Sächsischer Landeseinwohner 
sowie manche freiwillige Hülf sleistung in Preuszischen 
Festungen und Lazarethorten — Diese und Dieses ingesammt 
(es sei hier noch bemerkt, dass Cothenius das Krankenzerstreuungs- 
system und die gliedererhaltungsbestrebte Chirurgie schon damals 
zur Anwendung brachte; leisteten, was nach damaligen Umstän- 
den thunlich war. — Ist das, was das aerarium militare in unseren 
Tagen darreicht zur Ausrüstung der Kriegslazarethe und Verband- 



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216 



Umschau in der Militair Literatur. 



statten exorbitant splendid? Hand aufs Herz!! Unter dieser 
Sonne ist Nichts vollkommen. „Für den verwundeten Soldaten 
kann nie zu viel geschehen/' dieses Dictum des seligen Professor 
Preuss ist bcherzigenswerth für alle Zeiten und alle Länder. — 

Ob 200 Zieten- Husaren theilnahmen an dem Entsätze Colbergs 
durch Werner, dem Chef des braunen Husaren -Regiments, 1760, 
steht dahin. Zwar ist eine Quelle für diese Angabe genannt; aber 
vorläufig ersehe ich dort keine Bestätigung. (Seite des citirten 
Quellen-Buchs?) 

Die „Eroberungen" feindlicher Kriegsschiffe (S. 223) durch die 
Eben -Husaren 'vormals und jetzt wieder ,Zietenscbes Husaren- 
Regiment") kann ich nicht gelten lassen. Leider existirt noch 
mancher Irrthum in altpreuszischer Seegeschichte. (Man erlaube 
gütigst, der Kürze halber, dies abstruse Wort.) So beispielsweise: 
Gegenwärtig ist „Friedrich der Grosze" (der kürzlich mit dem Meer 
vermählte Bucentaurus; eisengepanzert und mit so und so viel Krupp- 
schen Fernhintreffern arrnirt» eine Seemacht; dass aber der grosze 
Friedrich Höchstselbst eine Seemacht hatte, d. h. eine ganz acht- 
bare maritime Kraft entfalten konnte, glaubt man nicht; aber ich 
habe es schwarz auf weisz an glaubhaftem Orte ersehen kürzlichst: 
Er konnte disponiren über Fregatten mit 25 Kanonen. 

Kehren wir zurück zu den Eben-Husaren-Fregatten-„Eroberern u . 
In der „Schlesischen Zeitung", Jahrgang 1871 Nr. 402, theilte 
Jemand mit, dass in der Dorfkirche zu Rosen eine holländische 
Kriegsschiffsflagge befindlich, die ehedem im Besitz des dortigen 
Gutsherrn, General v. Eben, gewesen. Ein in Freiburg im Breisgau 
lebender Privatgelehrter, Herr v. Wenge, hat bald darauf in der 
Schlesischen Zeitung die „Fregatteneroberungsangelegenheit'* kritisch 
beleuchtet. Ich verweise auf diese Erläuterung und füge hinzu, dass 
Herr v. Wenge in einem damals an mich gerichteten Antwort- 
schreiben, d. d. Freiburg 6. October 1871, prophetisch das (von mir 
ihm als wünschenswerth und vorbereitet erwähnte) Erscheinen einer 
Zieten -Husaren-Regimentsgeschichte freudvoll begrüszte. 

Seite 261 liest man: „Bis jetzt haben erst Wenige es unter- 
nommen, ftlr den braven Geist in der Armee, wie er in jener Zeit 
herrschte (1806), eine Lanze zu brechen." Da meine ich denn, dass 
alle Die, welche unparteiisch Geschichte sehrieben oder lasen, an- 
geekelt worden sind von dem, was producirt worden ist an Partei- 
phrasen (über die bösen Junker, welche allein Schuld waren an der 
Schmach 1806). Neuerdings enthielten die „Neuen Militairiscben 



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1 



Umschau in der Militair-Literatur. 217 

Blätter" einen am 1. December 1873 in Greifswald gehaltenen 
ruilitairischen Vortrag „Sur les cause» de la dicadence ....** 

Wird uns berichtet von Zieten — dem Musterhusaren „sei's 
trüber Tag, sei's heit'rer Sonnensehein" — , so ersteht uns jedesmal 
der Wunsch „nach mehr". Wir sind versucht — und wir wagen es 
auf ihn auch das Wort der heil. Schrift anzuwenden: „Es hat 
mich Jemand angerührt; denn ich fühle, dass eine Kraft von mir 
ausgegangen ist."*) Zieten war und bleibt ein Polargestirn, ein 
Magnet. 

Treulich hat der Herr Verfasser es gebucht, wie da und dort 
der Commandern- der Zieten- Husaren festhielt am Zietenscheu 
Diensteseifer. „Wo mein König mich hingestellt hat, will ich auch 
ganz stehen so dachte Czarnowski (S 296). Wie sich Sohr aus- 
zeichnete, nachdem eine Kugel ihm den rechten Arm zerschmettert, 
s. S. 425. 

Was man nach dem Tilsiter Frieden dachte und betete, wegen 
des Siegers Uebermuth und Frechheit, davon giebt S. 291 Aufschluss. 
— Einen körnigen Husaren -speech unmittelbar vor Beginn der 
^Völkerschlacht'' (1813) finden wir Seite 420. — Stolz lieb' ich den 
Hasaren; s. Lieut. Probst S. 511. 

Mit Eisen und Blut haben die „Zietenschen" viel verrichtet. 
Manche Opfer brachten sie dar. Von den 1756 ausgerückten (36) 
Offizieren kehrten, ausser dem Chef, vier zurück. Nach Beendigung 
des Haupttheiles des Russischen Feldzuges (1812) geriethen die 
Brandenburgischen Husaren (ehedem und jetzt wieder „Zietensche 
Husaren" betituliret) dnrch die Unbilden der Witterung etc. so in 
Auflösung, „dass eine Geschichte des Regiments aufhörte". Als 
Ueberrest zweier Feld-Escadrons kehrten aus Russland zurück: 5 
Offiziere, 6 Unteroffiziere, 13 Husaren, 11 Pferde; „diese Zahlen 
machen alle Bemerkungen unnöthig". — In der Attacke von 
Rezonville verlor das Zietensche Husaren -Regiment an Todten 2 
Offiziere, 28 Mann, 45 Pferde,**) an Verwundeten 6 Officiere, 8 OMann, 
34 Pferde, an Vermissten 50 Mann, 32 Pferde. (Von den Vermissten 
17 gefangen.) Der Gesammtverlust betrug, bei einer Stärke von 
500 Pferden am Morgen des 16. August: 8 Offiziere, 158 Mann, 
111 Pferde. — 

*) Lucas 8, V. 46- Von hier richtet sich der Gedanke auf die Heilung 
Kranker durch Königliche Berührung im alten Frankreich. „Le Roi te touche, 
Dieu te guerit." Zieten stellt sich uns dar als „Husareukönig". Dies als 
Commentar des Obengesagten. • 
**) 145 wohl ein Druckfehler, S. 614. 



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218 Umschau in der Militair-Literatnr. 

Ueber die für das Entstehen der vorliegenden Regiments- 
geschiente benutzten Quellen fehlt eine Zusammenstellung. Ist des 
Generals v. Brandt Nachlass benutzt; waren des Königl. Legations- 
rath a. D. von Bernhardi (auf Kunzendorf bei Hirschberg) kriegs- 
geschichtliche Arbeiten und das (Eingangs hier genannte) Buch über 
die Schlacht bei Reicherts werben (Rossbach) bekannt? „So Etwas" 
wünscht der kriti sirende Leser gern vorweg zu erfahren. 

Gewisse (einen geschichtsschreibungskundigen Spürer unschwer 
erkennbare) Ungleichheiten in der Darstellungsart erklären sich 
durch den Entstehungsmodus. Jedes Buch hat ja eine aparte Genesis. 
Anerkennenswerth ist die verhältnissmäszig sehr geringe Zahl von 
Druck- und Schreibfehlern. 

Wir freuen uns, dass auch diese neue Regimentsgeschichte — 
wie überhaupt dies erst seit 1860 üblich ist — den Mannschafts- 
stand angemessen hineintreten lässt in das Geschichtsbild. Ganz 
im Besonderen dünkt uns dankenswertb, dass auch des Herrn Ver- 
fassers scriptum den Unteroffizieren und Gemeinen Berücksichtignng 
gewährte hinsichtlich Lesbarkeits- Erleichterung. Mithin kann im 
„theoretischen Unterrichte" und in den winterlichen Schulstuben er- 
heblicher Nutzen gezogen werden aus dieser Regimentsgeschichte. 
(Z. B. Thema für das schriftliche Exercitium : „Was wir von unserer 
Standarte wissen?") 

„Hoffentlich wird das alte Zietensche Husaren-Regiment seinen 
alten Ruhm und seine alte Treue bewahren . . ." Mit diesen Worten 
schlieszt Freiherr v. Ardenne. Und wir wollen hinzufügen: „So sei 
es! — Möge der Herr der Heerschaaren allzeit vollauf Ehre und 
Glück spenden den Zieten-Husaren !" 

Berlin, den 3. October 1874. (Gr. L.) 



Meldedienst auf dem Marsch und bei den Vorposten, nebst 
einem Anhange über optisches Telegrapbiren der Postenlinie 
und Verständigungszeichen der Patrouillen. Von Grohinann. 
Hauptmann und Compagniechef im Groszherzoglich - Meklen- 
burgischen Jäger Bataillon Nr. 14, Berlin, Militaria, Verlags- 
Buchhandlung für Militair- Literatur. 

Verfasser will in der kleinen uns vorliegenden, 30 Seiten um- 
fassenden Schrift, Andeutungen für die praktische Einübung von 
Meldungen geben, oder, wie er im Vorworte ausspricht, dieselbe 
durch die gegebenen Beispiele erleichtern. Wir möchten der Ab- 
handlung den jetzt so beliebten Titel „einer Studie" geben und 



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Umschau in der Müitair-Literatur. 2Ü> 

glauben sie als solche den mit der Unterweisung in diesem Dienst- 
zweige betrauten Kameraden empfehlen zu können. Obwohl Mancher 
nicht viel Neues darin finden wird, giebt doch schon die Einleitung 
recht praktische, sachgemäsze Gesichtspunkte, von denen Verfasser 
bei Anleitung der Leute ausgeht. 

Als solchen möchten wir besonders den ersten vom Verfasser 
in der Einleitung ausgesprochenen hervorheben: 

„Bei allen Meldungen ist es von Wichtigkeit, dass sie wahr 
sind. Um dies zu erreichen, müssen sie kurz und einfach lauten, aus 
der eigenen Auffassung des Mannes hervorgegangen und mit seinen 
Worten gebildet sein.'' 

Gegen diesen Grundsatz wird in der Praxis bei Instruction der 
Leute gerade am häufigsten gefehlt. Unbedingt muss der, wie Ver- 
fasser meint, durch Oberst v. Verdy angebahnten applikatorischen 
Lehrmethode, — wir möchten Se. Excellenz den General v. Peuker 
für den Urheber dieser Methode halten — eine Instruction voraus- 
gehen, ohne dieselbe wird der gemeine Mann schwerlich das Erlebte 
gleich in kurzer und klarer Weise zu einer Meldung gestalten 
können. Diese Anleitung, die gewiss sehr wichtig, behandelt die 
vorliegende kleine Schrift aber in der Einleitung wohl zu kurz. Ein 
näheres Eingehen hierauf wäre gewiss recht am Flecke gewesen, 
da es ein sehr beliebtes Mittel ist, um Rekruten in der Instruction 
gut zu produciren, ihnen verschiedene Meldungen aus den einzelnen 
Theilen des Felddienstes einzupauken und sie dann mechanisch 
herbeten zu lassen. Inspicirende, welche verlangen, dass der Manu, 
welcher vorgezogen wird, sofort eine beliebige Meldung machen 
kann, werden durch dieses Mittel am ehesten zufrieden gestellt; es 
steht aber sehr in Frage, ob der so abgerichtete Rekrut nach den 
von ihm auswendig gelernten Schablonen im Stande ist, das auf 
Posten, oder als Patrouille Erlebte in kurzer, klarer Form wieder- 
zugeben. 

Diesem Unwesen tritt der Verfasser durch seine spätere Ab- 
handlung allerdings auch noch entgegen, seine Aufgaben auf 
S. 10 — 16 geben die Art und Weise an, den Mann so zu unter- 
richten, dass er befähigt wird, nach eigener Auffassung das Erlebte 
und Gesehene mit selbst gewählten Worten zu berichten. Nach 
dem Muster dieser Aufgaben könnte man den Rekruten schon in 
der Instructionsstunde ftir die späteren applieatorischen Uebungen 
vorbereiten, indem man ihm den Hergang erzählt und ihn danach 
die Meldung formuliren lässt. Derartige Uebungen werden unbe- 



220 



Usmchau in <ler Militair-Literatur. 



dingt einen gröszeren Nutzen als das Auswendiglernen der Mel- 
dungen gewähren. 

Der Anhang über das optische Telegraphiren hat uns nicht 
vollständig befriedigt. Unzweifelhaft werden sich Posten und Pa- 
trouillen bei Tage häufig Zeichen geben müssen, um sich Aber 
einzelne Vorkommnisse zu benachrichtigen. Dass man die hieran 
nothwcndigen Zeichen und Winke aber gerade dem Pirschgange 
resp. dem Sporte entlehnt, erscheint uns nicht vollständig motivirt. 
Wir sind der Ansicht, dass man in dieser Beziehung dem Manne 
Freiheit lässt, dass man ihn nicht an bestimmte Zeichen bindet 
Einmal könnte die Allgemeinheit solcher Zeichen leicht zum Ver- 
räther werden, andererseits aber haben wir die Erfahrung gemacht, 
dass die meisten Leute um solche Zeichen nie verlegen sind; gerade 
darin ist der gemeine Mann entschieden praktisch. 

Der Dienst des Adjutanten mit besonderer Berücksich- 
tigung des Regiments- und Bataillons -Adjutanten bei 
der Infanterie. Von H. von Scheel, Hauptmann a la snite 
des 3. Hessischen Infanterie-Regiments Nr. #3 und Lehrer an 
der Kriegsschule. Zweite, umgearbeitete Auflage. Berlin 1871 
Ernst Siegfried Mittler u. Sohn. — Preis 1 Thlr. 

Wenn ein junger Offizier plötzlich und ohne dass ihm Gelegen- 
heit gegeben werden konnte, sich vorzubereiten, in die Stellung 
eines Bataillons- oder Regiments- Adjutanten gelangt, steht er zum 
gröszten Theile ganz neuen Dienstverhältnissen gegenüber. 

In solchen Zeiten „plötzlichen Ueberganges" wird der Werth 
eines „ruhigen Freundes" ganz besonders hervortreten. Als einen 
solchen dürfen wir das vorliegende Buch bezeichnen, welches voller 
praktischer Winke, guter Rathschläge und wohldurchdachter An- 
sichten ist. Man gewinnt bei Durchsicht des Buches sofort die 
Ueberzeugung , dass der Verfasser selbst die Verhältnisse durchlebt 
hat, welche er schildert, dass er es an sich selbst erprobt hat, 
wo Stütze, Rath, oder sonstige wohlmeinende Hülfe am Platze sind. 
Ein junger Offizier, der sich bei dem vorliegenden Buche Rath holt, 
wird gewiss bald in seiner neuen Stellung ein sicheres Auftreten 
sich aneignen können und namentlich bald den nur zu oft vor- 
kommenden Uebergriffen belehrender, alter, gewiegter Bataillons- und 
Regiments- Schreiber gegenüber festen Boden gewinnen. 

Können wir somit das Werk jungen Offizieren behufs Klärung 
der Ansichten über den Dienst und die Stellung als Adjutant nach 



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Umschau in der Militair-Literatur. 221 

;der Richtung hin empfehlen, so wolle man in demselben aber nicht 
in Instructionsbuch erblicken, aus welchem der Adjutant genau für 
ile Dienstverhältnisse entnehmen kann, was er zu thun hat. Der 
•ienst des Truppen - Ad jutanten ist ein so sehr verzweigter und 
1 alle Dienstverhältnisse eingreifender, dass selbst Helldorfs Dienst- 
orschriften und andere eompendiöse Werke kaum gentigen, um den 
ijutanten Alles zu bringen, was er wissen muss. 

Die Stellung eines Truppen - Adjutanten hängt viel zu sehr von 
en persönlichen Verhältnissen, von den Anforderungen der Com- 
landeure, von den Einrichtungen im Armeecorps, von den speciellen 
n iständcn in der Garnison ab, als dass hierüber ein vollständig 
■schöpfendes Buch zusammenzustellen wäre. In dieser Beziehung 
ann also auch das vorliegende nicht erschöpfend genannt werden, 
nzuerkennen ist es und hat auch dem Buche einen erhöhten prak- 
schen Werth gegeben, dass in der vorliegenden zweiten Auflage 
3r praktische Dienst des Regiments- und Bataillons -Adjutanten 
af Grundlage des neuen Reglements und Instructionen eingehend 
arbeitet worden ist. Einen Grundsatz hätten wir aber in dem 
•i liegenden Buche gerne mehr durchgeführt gesehen: Wenn Be- 
immungen etc. angegeben sind, so hätte stets darauf verwiesen 
erden müssen, wo sie in ihrem ursprünglichen Wortlaute zu finden sind. 

Liesze sich auch manchem ausgesprochenen Ansichten des Ver- 
ssers vielleicht hier und da ein Einwurf entgegenhalten, so müssen 
ir das Buch doch im groszen Ganzen und in den bezeichneten 
renzen als recht gelungen ansehen und wollen ihm eine grosze 
srbreitung in den bezüglichen Kreisen wünschen. — 



Lehrbuch der Taktik nach der für die Königlich Preuszischcn 
Kriegsschulen vorgeschriebenen „genetischen Skizze" zugleich 
als sechste Auflage der Taktik von Perizonius ausgearbeitet 
von Meckel , Hauptmann ä la suite des 4. Thüringischen 
Infanterie-Regiments Nr. 72 und Lehrer an der Kriegsschule 
zu Hannover. Erster Theil: Einleitung und formelle Taktik 
mit Holzschnitten im Text. Berlin 1874. Ernst Siegfried 
Mittler und Sohn. — Preis 1 Thlr. 5 Sgr. 

Oberst von Verdy sagt in seinen allgemein bekannten , vortreff- 
hen Studien über Truppenftihrung, im Anhange des dritten Heftes : 

„Was das Studium der Taktik betrifft, so kann der Neuling 
f dem Gebiete der Kriegswissenschaft weder der sogenannten 
mientaren, noch der angewandten Taktik, wie solche in unseren 

Jahrbücher f. d. Deutsche Armee u. M»riae. Band XHI. 1 5 

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222 Umschau in der Militair-Literatur. 

alten bewährten Lehrbüchern sich befinden, wohl schwerlich ent- 
behren. Wünschen8werth erscheint mir jedoch, dass diese den 
Verhältnissen der Neuzeit mehr angepasst werden und nur da 
Nothwendige geben, um eine allgemeine Anschauung der kriegerischen 
Verhältnisse in Bezug auf die einzelnen Waffen , wie auf ihr Zu- 
sammenwirken, sowie das Wesen des Krieges zu lehren. Hiera 
werden wir wohl mit der Zeit gelangen." 

Diesen im April 1873 niedergeschriebenen Worten scheint da« 
jetzt eben erschienene, vorgenannte Werk, welches zugleich 
sechste Auflage des bekannten Perizonius'schen Buches über Ti 
dient, gerecht werden zu wollen; ein Vergleich der letzten A 
mit der fünften legt ganz besonders klar und deutlich dies Bes 
an den Tag. Und ich glaube, das Bestreben des Verfassers i 
ein erfolgreiches gewesen, man wird das Werk als eins der besten 
der Nenzeit über formelle Taktik ansehen dürfen. Namentlich iil 
das Gefecht der Hauptwaffe, der Infanterie, spricht 
Lehrbuch in einer so eingehenden und sachgemäszen Weise 
dass das hierüber Gesagte auch denjenigen, welche nicht 
„Neuling auf dem Gebiete der Kriegswissenschaft" sind, zum 
gehenden Studium auf das Wärmste empfohlen werden darf. Aller- 
dings stehe ich nicht immer auf Seiten des Verfassers , so z. B. 
nicht bei dem, was er auf Seite 32 und 33 über die Rangirung der 
Infanterie sagt, oder wenn er Seite 84 und 100 seine Infanten* 
gegen Cavallerie noch die „geschlossene Form" oder das , 
anwenden lässt, oder wenn er Seite 95 sagt, „die Schützenlinie 
Angreifers müsse von vorneherein stärker als die des V 
gemacht werden" (dies Recept — es wird allerdings durch 
Nachsatz abgeschwächt — schmeckt nach Frieden, denn im Krieg« 
weisz man n i e von vorneherein, wie stark die Schützenlinie des 
Vertheidigers), oder wenn er Seite 103 die besten Schützen i 
Vorgehen auf 1200—1600 Schritt dann und wann einen ruhig ge 
zielten Schuss abgeben lässt, oder wenn er auf Seite 20$ 
immer die Drei-Gliederung des Cavallerie-Angriffes aufrecht 
oder im §. 49 der Particular - Bedeckung der Artillerie noch 
Nothwendigkeit zuspricht, dass er ihr ein ganzes Capitel widmen 
müssen glaubt. — 

Aber trotz dieser verschiedenen Ansichten ist das Buch auch 
für mich voll der zutreffendsten Behauptungen und habe ich mich 
ganz besonders im vollen Einklänge mit den Stellen desselben 
befanden, in welchen Verfasser hervorhebt, dass in keinem Gefechte, 
sei es offensiv oder defensiv, durch die Feuerwirkung allein eine 

J 



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Umschau in der Militair-Literatur. 223 

Entscheidung herbeigeführt werden kann, dass eine solche nur durch . 
ein Vorwärtsstürmen auf den Gegner zu erreichen ist. Man begegnet 
heut zu Tage vielfach dem Streben, bei dem jetzigen Zustande der 
Feuerwaffen, der Feuerwirkung einen zu groszen Werth beizulegen ; 
es verdient daher um so mehr hervorgehoben zu werden, dass das 
vorliegende Lehrbuch in diesem, wie es mir däucht, sehr wichtigen 
Punkte nicht zu weit geht. Alle dem Guten, welches das Buch enthält, 
können wir leider hier nicht näher treten ; überhaupt lässt sich der 
reiche Inhalt desselben unmöglich in einer kurzen Besprechung, die 
uns hier nur gestattet, vollständig wiedergeben. Wer die formelle 
Taktik der Preuszischen Armee gründlich kennen lernen will, dem 
wäre kaum ein besseres Buch, wie das vorliegende, zu empfehlen. 
Aber auch manchem himmelstürmenden Titanen der höheren Taktik 
und der Strategie möchte man dies reichhaltige Buch auf den 
Schreibtisch legen, damit er durch einen Blick in dasselbe daran er- 
innert wird, wo „die Grenzen der Menschheit" sind und dass er „mit 
festen markigen Knochen auf der wohlgegrtindeten dauernden Erde" 
stehen, an dem Bestehenden in der Preuszjschen Armee festhalten 
muss, soll sein Schaffen für die Armee segensreich sein. 



Taschenkalender für Offiziere. Mit militairstatistisehen Notizen. 
Bearbeitet von IL Reinhard, Oberst - Lieutenant a. D. und 
A. Frhr. v. Fircks, Hauptmann a. D. 1875. 2. Jahrgang. 
2 Theile. Berlin. F. Schneider u. Comp. (Goldschmidt u. 
! Wilhemi.) Preis 1 Thlr. 5 Sgr. — 

Dieser Taschenkalender, der bereits in seinem 1. Jahrgange 
nach dem uns vorgelegten Ausweise, sich einer sehr groszen Ver- 
breitung in der Deutschen Armee zu erfreuen hatte, ist in seinem 
2. Jahrgange mit Rücksicht auf die den Verfassern zugegangenen 
Wünsche mit mehrfachen Veränderungen erschienen. So ist unter 
Anderm in dem ersten Theile, um möglichst viel Raum für Notizen 
in jedem einzelnen Tage zu gewinnen, die Seitenzahl anders gestellt 
worden; es sind in diesem Theile für schriftliche Befehle und Mel- 
iungen eine Anzahl bereits eingeschnittener weiszer Blätter eingefügt, 
weh in den gebrachten Listen etc. sind mehrere sachgemäsze Ver- 
Inderungen vorgenommen. 

Diese Veränderungen des 1. Theils werden im Allgemeinen 
licht sofort auffallen und erst im Gebrauche des Buches sich geltend 
nachen; der 2. Theil des Kalenders hingegen enthält wesentliche 
ind in die Augen springende Umänderungen. Anstatt der bisherigen 



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224 Umschau in der Militair-Literatur. 

14 Tabellen bringt dieser hauptsächlich statistische Theil des Ra 
lenders jetzt 56 Tabellen mit statistischen Notizen. Diese dürfen 
sich insofern auch einen grßszeren Werth als die vorigjährigen zu 
sprechen, weil sie einen Militair-Statistiker von Fach zum Verfasser 
haben, dem Material zu Gebote stand, welches der Menge gröszten 
theils nicht zugänglich. Der 2. Theil des Kalenders ist unter diesen 
Umständen ein vollständig militair-statistisches Handbuch geworden 
wie ein solches bisher in der Deutschen Armee unseres Wissens 
nicht besteht. Ob die Liebe zur Sache . den Statistiker manchmal 
nicht zu weit und ihn zuweilen auf der Militair - Statistik nicht 
ganz nahliegende Gebiete geführt hat, ob mit einem Worte nii 
zu viel gebracht ist, das wäre allerdings wohl eine Frage, die eine 
verschiedentliche Antwort erhalten dürfte. Das viele ganz Vortreff 
liehe, was diese statistischen Tabellen enthalten, wird sich aber sieber 
eine bleibende Stätte in der Armee zu verschaffen wissen. Auch die 
in dem 2. Theile des Kalenders enthaltene Eintheilung und Dislo- 
cation der Deutschen Armee sehen wir schon Rücksicht auf die 
jüngst eingeführten ne»en Benennungen der Artillerie und die letzten 
Garnison- Veränderungen nehmen. 

Wir sind überzeugt, dass der „Taschenkalenrfer Ifcr Offiziere" bei 
dem lebhaften Bestreben der Verfasser nach Möglichkeit den Wün- 
schen des betheiligten Publikums nachzukommen, sich immer mehr 
in der Armee einbürgern wird. 



Verantwortlich redigirt von Major v. Marfoa, Berlin, Derfflinger Str. 1. 
Verlag von P. Schneider & Co. (Goldschmidt & Wilhelmi), Berlin, ünt. d. Linden 2! 



Hofbuchdrnckerei. Stephan Qeibel & Co. in Altenburg. 



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Band XIII. Tafel 5. 

Zusammensetzung des Cernirungs-Corps von Päronne am 

27. December. 

Commandeur des Cernirungs-Corps: Generalmajor Schuler von Senden. 

3. Reserve-Division. 

■ 

Commandeur: Generalmajor Schuler von Senden. 
Generalstab: Major von Lettow- Vorbeck. 

Combinirte Infanterie-Brigade. 
Commandeur: Oberst von Seil. 

2. Posen'sches Infanterie - Regiment Nr. 19, Oberst von Goeben. 

3 Bataillone. 

1. Hessisches Infanterie-Regiment (1. und Ftisilier-Bataillon) Nr. 81, 
Major von Hannecken. 2 Bataillone. 

3. Reserve-Cavallerie - Brigade. 
Commandeur: Generalmajor von Strantz. 

1. Reserve-Dragoner- Regiment. Major von Keltsch. 4 Escadrons. 

3. Reserve-Husaren-Regiment. Major Graf von Pfeil. 4 Escadrons. 

Reserve-Abtheilung Niederschlesischen Feld- 
Artillerie-Regiments Nr. 5. 

Commandeur : Major von Schweinichen. 

1. schwere Batterie (Reserve) ... 6 Geschütze. 

2. n , ; ... 6 „ 
1. leichte „ „ . . . 6 „ 

Trains. 

Vi Sanitäts-Detachement, 1 Feldlazareth, 1 Fuhrenpark. 



Detachement von Mirus. 
Commandeur: Generalmajor von Mirus. 

3. Infanterie-Brigade: t 
Commandeurr Generalmajor von Memerty. 

3. Ostpreuszisches Grenadier -Regiment Nr. 4. Oberst von Tietzen 

und Hennig. 3 Bataillone. 
7 . Ostpreuszisches Infanterie-Regiment Nr. 44. Major Bock. 3 Bataillone. 
Ulanen-Regiment Nr. 5. Oberst von Reitzenstein. 4 Escadrons. 

4. leichte Batterie Ostpreuszischen Feld-Artillerie-Regiments Nr. 1. 

6 Geschütze. 



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5. schwere Batterie Ostpreuszischen Feld-Aitillerie-Regiments Nr. 1 

6 Geschütze. 

Pontonnier-Compagnie Rheinischen Pionier- Bataillons Nr. 8. 

Hauptmann Kluge. 
2. Sappeur-Compagnie Rheinischen Pionier Bataillons Nr. 8. 

Hauptmann Pagenstecher. 



Corps-Artillerie 8. Armee-Corps. 

2. Fusz-Abtheilung Feld-Artillerie- Regiments Nr. 8. 

Commandeur: Major Zwirnemann. 

3. und 4. schwere Batterie ... 12 Geschütze. 
3. „ 4. leichte ... 12 „ 



Detachement von Senft. 

Commandeur: Generalmajor von Senft Pilsach. 

2. Sächsisches Ulanen-Regiment Nr. 18. Oberstlieutenant von Trosky. 

4 Escadrons. 

1. und 2. reitende Batterie Sächsischen Feld-Artillerie-Regiments Nr. 12. 

11 Geschütze. 
(Eine Batterie hatte nur 5 Geschütze.) 



Recapitulation : 3. Reserve-Division 5 Batl., 8 Escdr., 18 Gesch. 

Detachement v. Miras 6 „ 4 12 

v. Senft — 4 
Corps-Artillerie — „ — 



n *** »' 

H n 
24 



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11 Batl., 12 Escdr., 65 Gesch. 



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! 



Band XIII. Tafel 6. 

Zusammensetzung des Cemirungs-Corps von Pöronne am 

1. Januar. 

Commandern- des Cernirungs-Corps : Generallieutenant v. Barnekow. 

Generalstab: Major Hassel. 
Comniandeur der Artillerie: Oberst von Kameke. 

16. Infanterie-Division. 
Commandenr: Generallieutenant von Barnekow. 

Combinirte Infanterie-Brigade. 

Commandenr: Oberst von Rosenzweig. 

3. Rheinisches Infanterie - Regiment Nr. 29, Major von Eiern. 

3 Bataillone. 

7. Rheinisches Infanterie- Regiment (2. und Füsilier-Bataillon Nr. 69, 

Oberstlieutenant Steinfeld. 2 Bataillone. 
5. leichte Batterie Feld-Artillerie-Regiments Nr. 8. 6 Geschütze. 
5. schwere „ „ „ „ „ 8. 6 „ 

2. Sappeur-Compagnie Rheinischen Pionier- Bataillons Nr. 8, Haupt- 
mann Pagenstecher. 
Pontonier-Compagnie Rheinischen Pionier-Bataillons Nr. 8, Haupt- 
mann Kluge. 

Trains. 

Ponton-Colonne des 8. Armee-Corps, Sanitäts-Detachement Nr. 2, 
Feld-Lazareth Nr. 6, Proviant Colonne Nr. 3 und 4. 



3. Reserve-Division. (Tafel 5). 
Corps-Artillerie. (Tafel 5.) 
8. Compagnie Hessischen Festungs-Artillerie-Regiments Nr. 11. 



Recapitulation: 16. Inf -Division 5 Batl., — Escadr., 12 Gesch. 

3. Res -Division 5 „ 8 „ 18 „ 
Corps-Artillerie — „ — „ 24 „ 

Summa 10 Batl. 8 Escadr., 54 Gesch. 



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XII. 

I 

Carl von Clausewitz. 

Vortrag, gehalten in der militairischen Gesellschaft zu Berlin am 23. October 1874, 
von F. von leerheimb, Oberst im Nebenetat des groszen Generalstabes. 

Ein Lebensbild aus einer groszen vergangenen Zeit will ich ver- 
suchen Ihnen vorzuführen: wohl bin ich mir der Schwierigkeit be- 
wusst, über dies Thema zu sprechen, da Clausewitz's Werke längst 
in Fleisch und Blut der Preuszischen Armee übergegangen sind ; aber 
seine äuszeren Lebensverhältnisse sind so wenig allgemein bekannt, 
Vieles in seinen Werken ist so verschieden aufgefasst worden, Anderes 
hat so mannigfachen Widerspruch gefunden, dass es mir doch viel- 
leicht gelingt, Einzelnen einzelnes Neue darzubieten. 

Carl von Clausewitz wurde am 1. Juni 1780 in Burg geboren; 
er stammte aus einer Polnischen Familie, die am Ende des 17. Jahr- 
hunderts nach Deutschland, Holstein und Dänemark zog. Sein Vater 
hatte als Lieutenant im Regiment Nassau- Usingen den siebenjährigen 
Krieg mitgemacht und lebte mit seiner zahlreichen Familie von dem 
Einkommen einer kleinen Civilanstellung im Steueramte, die ihm 
300 Thaler einbrachte. Der Familienname der Mutter war Schmidtin. 
1792 trat Clausewitz als Junker bei dem Regiment Prinz Ferdinand 
in Nen-Ruppin ein, marschirte im folgenden Jahre mit demselben 
nach dem Rhein und wurde bei der Belagerung von Mainz Offizier. 
Nach dem Frieden zu Basel kehrte das Regiment in seine alte 
Garnison zurück, und nun begann Clausewitz, dessen Unterricht im 
elterlichen Hause bei so beschränkten Mitteln nur höchst unzu- 
reichend gewesen war, sich auszubilden und mit eisernem Fleisze 
zu lernen; noch fehlten ihm die ersten Elemente jeder Wissenschaft: 
dennoch spricht es für die Tüchtigkeit der Eltern und die Erziehung 
im Vaterhause, dass von den vier Söhnen drei Generale wurden 
und mit dem Orden pour le merite und dem eisernen Kreuze erster 
Klasse geschmückt aus den Freiheitskriegen heimkehrten. Trotz des 

Jahrbücher f. d. Deutsche Armee u. Marine. Band XIII. 16 



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226 Carl von Clausewitz. 

gänzlichen Mangels an gründlichem Schulunterrichte, und trotz der 
geringen Bildungsmittel, die Neu Kuppin damals bot; gelang es ihm 
soviel Kenntnisse zu erwerben, dass er die unter Scharnhorsts Hin- 
du sse 1801 in Berlin umgestaltete Kriegsschule besuchen durfte. 
Dort zog er durch seinen scharfen Verstand, sein sicheres Unheil, 
seine geistige Lebendigkeit Scharnhorsts Blick auf sich, der in dem 
ernsten, rastlos arbeitenden, äuszerlich schüchternen jungen Offiziere 
einen ihm verwandten Geist erkannte. Scharnhorst wurde seil 
Lehrer und väterlicher Freund; der sittliche Ernst, die Arbeitskraft, 
der ideale Schwung der Seele und der nüchterne praktische Blick 
des groszen Mannes gingen auf dessen Schüler über — wieviel 
Clausewitz ihm verdankte, wie innig die Beziehungen Beider ge 
wesen, hat er in dem trefflichen Aufsatze Uber Scharnhorst ausge- 
sprochen, der 1832 in Ranke's hist.-pol. Zeitschrift erschien. 

Während des Besuchs der Kriegsschule verlebte er schwere 
Jahre voll Arbeit und Entbehrungen, seine pecuniairen Verhältnisse 
waren äuszerst beschränkt, seine Vorbildung war so mangelhaft, 
dass er den Vorträgen kaum folgen konnte; oft war er dem Ver- 
zagen nahe, und er hätte sein Streben aufgegeben, wenn ihn nicht 
Scharnhorst, den er später „den Vater seiner Geister" nannte, zum 
Ausharren ermuthigt hätte. Clausewitz war ein Autodidakt im besten 
Sinne des Wortes, ihm fehlte die Schule, welche dem Le 
den Weg zeigt und bahnt, ihm die Erfahrungen von J; 
geordnet und gesichtet tiberliefert — aber ein solcher Geist 
auf dem mühevolleren Wege, unter Irrthtimern und nach 
Irrgängen sich selbst zurechtfindend, durch die Arbeit des 
mehr sittliche Kraft, die Arbeit ist ihm geistige Gymnastik und stählt 
den Charakter. Die von ihm auf der Schule und bei seinem Examen 
angefertigten Aufsätze sind charakteristischer für die damals gelten* 
den kriegswissenschaftlichen Anschauungen und für das Niveau 
geforderten Kenntnisse als für ihn selbst. Urtheile über ihn 
seine Leistungen im Examen habe ich nicht auffinden können; 
gegen führe ich als Curiosum an, dass Müffling in allen 
matischen Disciplinen sehr wenig genügte, sich aber durch 
Zeichnen und durch Kenntnisse der neueren Sprachen auszeichnete. 
Ueber seine Kindheit und Entwickelung bis zu jener Zeit schrieb Clause- 
witz selbst : „Mein Vater war ein Offizier des siebenjährigen Kriege* 
voll der Vorurtheile seines Standes; im elterlichen Hause sah ich fast 
nur Offiziere, und zwar nicht die gebildetsten und vielseitigsten; 
dem 1?. Jahre wurde ich selbst Soldat, machte die Feldzüge von 1 
und 94 gegen Frankreich mit, und sog in der ganzen ersten 




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I 



Carl von Clausewitz. 227 

meines Dienstes bis 1800 keine anderen Meinungen ein, als die in 
der Armee zu Hause waren, von der überwiegenden Vortrefflicbkeit 
des Preusziscben Heeres und seiner Einrichtungen. Das National- 
and selbst das Eastengefühl war in mir von jeher so stark und 
festgewurzelt durch die Erziehung, welche das Leben giebt, wte es 
überhaupt sein kann. In der Preuszischen Armee war es mir stets 
über Maasz und Verdienst gut gegangen, ich war Preuszischer Offi- 
zier im ganzen Sinne des Wortes, und wenn ich bald anders über 
die Preuszische Armee denken lernte, so war das nur Folge des 
Nachdenkens. Je gröszer und tiefer meine Vorliebe für meinen 
Stand war, um so mehr fühlte ich mich angeregt die Schwächen 
unverhohlen aufzudecken, um so mehr erkannte ich das Bedürfniss, 
dass ein belebender, schöpferischer Geist , eine werkthätige Hand 
sich finden möchte, das Gebäude neu einzurichten, ehe es in Trüm- 
mern fiele." 

Auf Scharnhorsts Empfehlung wurde Clausewitz 1803 als Adju- 
tant zum Prinzen August commandirt, nahm in dieser Stellung am 
Feldzuge von 1806 Theil, und wurde, nachdem Hohenlohe bei Prenz- 
[au capitulirt hatte, mit dem Prinzen nach der glänzendsten Ver- 
teidigung des von diesem geführten Grenadier-Bataillons gegen weit 
iberlegene Cavallerie gefangen, da die sumpfigen Wiesen der Aecker 
and die Seeen einen weiteren Rückzug unmöglich machten. Murat 
jchickte den Prinzen mit dessen Adjutanten, begleitet durch einen 
Französischen Stabsoffizier, nach Berlin, dort wurde er auf dem 
Schlosse zum Kaiser Napoleon geführt, und erhielt die Erlaubniss in 
Berlin zu bleiben. Doch schickte ihn einige Monate darauf der 
jouverneur von Berlin als kriegsgefangen nach Nancy; Clausewitz 
>egleitete den Prinzen. Beide erhielten später Erlaubniss nach der 
Schweiz zu gehen, und kehrten erst nach dem Frieden von Tilsit 
lach Preuszen zurück. Das in jenen Jahren eingereichte Memoire des 
Binzen über die Reorganisation der Preuszischen Armee ist groszen- 
heils in Nancy entworfen, es zeigt vielfach den Einfluss von Clause- 
vitz's Ideen und ist im Sinne der Männer geschrieben, welche die 
ieformparthei des Preuszischen Heeres genannt wurden. 

In Berlin hörte Clausewitz, immer eifrig fortarbeitend, in den 
fahren nach dem Kriege des Professors Kiesewetter — eines 
vantianers — philosophische Vorträge, denen er mit lebendigem 
nteresse folgte. Die Spuren von dessen dialektischer Methode 
ollen sich, nach Varnhagens spöttischer Bemerkung, noch in der 
Jedankenentwickelung seiner theoretischen Werke finden. 

1809 wurde er als Bureauchef im Kriegsministerium angestellt 

16* 

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228 Carl von Clausewit«. 

und arbeitete unter Scharnhorsts persönlicher Leitung; im folgenden 
Jahre wurde er Lehrer der Kriegswissenschaften an der allgemeinen 
Kriegsschule. Seine geistvollen, anregenden Vorträge, sowie Scharn- 
horsts Empfehlung wurden Veranlassung ihm den Unterricht 
15jährigen Kronprinzen in den militairischen Wissenschaften zu 
tragen, den er von 1810 — 12 ertheilte. Der Plan des Unterricty 
der dem General von Gaudi vorgelegt und von diesem genehmigt 
wurde, und der Aufsatz, den er 1812 am Schlüsse des Unterrichts 
geschrieben, enthalten im Keime alle Gedanken des späteren grosza 
Werkes vom Kriege. 1810 vermählte sich Clausewitz mit der 
Maria von Brühl. 

Als Preuszen 1812 eine Alliance mit Frankreich schloss 
ein Contingent zum Französischen Heere stellte, nahm Cl 
mit anderen gleichgesinnten Offizieren den Abschied, ich nenne 
Gneisenau, Grolman Boyen, und trat in Russische Dienste. 
Februar desselben Jahres hatte der damalige Oberstlieutenant 
Clausewitz eine Denkschrift entworfen, die zur Veröffentlichung be- 
stimmt war, um seine und seiner Freunde Handlungsweise zu recht- 
fertigen, ein bleibendes Zeugniss ihres Wirkens und Wollens ti 
hinterlassen, das früher oder später für die grosze Sache des Vata* 
landes wirken könne. Diese Denkschrift (abgedruckt in Perti, Bio- 
graphie Gneisenau's, Thl. III) sucht die Nachtheile des Bündnisse! 
mit Frankreich zu zeigen, weist nach, was für die Vorbereitung de« 
Kampfes geschehen sei , was noch geschehen müsse, und wie der 
Krieg geführt werden könne. In flammenden Worten wird die fast 
allgemeine Stimmung und öffentliche Meinung angegriffen, die ».offen 
ausspreche, dass sie an der Erhaltung des Staats auf dem Weg« 
der Ehre und der Pflicht verzweifele". Welche Mittel die V 
der Parthei des Friedens um jeden Preis damals anwendeten, 
die unbequemen Reformer und Dränger zum Kriege zu 
mag man aus diesem Memoire sehen, das Gneisenau zur 
zugeschickt wurde. Der Druck „dieses Denkmals des Heldengeist 
der kriegerischen Kühnheit, der unbegränzten Vaterlandsliebe del 
edlen Freunde" wurde aus Rücksicht auf die Regierung tc* 
schoben, und unterblieb dann im Drange der kriegerischen Zeitei 
Bei aller Verehrung des Sinnes, der jene besten Männer unsere! 
Volkes damals beseelte, mag es mir gestattet sein, meine lieber 
zeugung auszusprechen d a8s di e damalige Politik der Regii 
eine traurige Noth wendigkeit war; dass Hardenberg, wie 1 
beim Abschlüsse des Waffenstillstandes und während d< 
den Preuszischen Staat durch ein stürmisches Meer voll Klippel 




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Carl von Clauaewit«. 229 

schickt gelenkt hat ; eine Gewandtheit, deren gröszere, energischere 
inner von höherem Sinne nicht fähig gewesen wären. Aber die 
:nkschrift ist l'tlr den Geist jenes patriotischen Freundeskreises be- 
iebnend, — Scharnhorst, Stein, Gneisenau, Bojen und Clausewitz, 
an sie müssen hier in erster Linie genannt werden — haben durch 
e unbeugsame Willenskraft die Idee der Möglichkeit eines Wider- 
tndes, das Gefühl der heiligen Pflicht, für die Befreiung zu kämpfen, 

Volke geweckt und lebendig erhalten, so dass ich noch eine 
:11c aus diesem Zeugnisse ihres Wirkens mittheile. 

„Wenn Preuszen sich ganz Frankreich in die Arme geworfen 
t, wenn die Männer, deren Glaubensbekenntniss hier niedergelegt 
, diesem Staate äuszerlich nicht mehr angehören (wiewohl ewig 

Herzen), so wird diese Schrift erscheinen können, ohne die Re- 
srung zu compromittiren, vielleicht wird sie einst im Stande sein 

den Köpfen und Herzen der Unterthanen einen Funken anzu- 
jben, der der Regierung heilsam werden könnte. Ich kann kein 
llständiges Bild der öffentlichen Meinung und Stimmung in Preu- 
sn entwerfen, da ich hauptsächlich die Hauptstadt und die vor- 
timeren Kreise kenne, aber indem ich mich von einer öffent- 
hen Meinung, die mich umgiebt, feierlich lossage, bin ich ge- 
thigt sie in ihren Hauptzügen flüchtig zu berühren. Die Meinung, 
3s man Frankreich widerstehen könne, ist unter uns fast gänzlich 
rschwunden. Man glaubt an die Notwendigkeit einer Alliance 
ae Bedingungen, einer Unterwerfung auf Gnade und Ungnade, 
llich einer Entsagung auf den Vorzug eines eigenen Fürsten- 
ases. Man giebt diese Gradationen der Uebel mit Achselzucken 

und erröthet höchstens, indem man die Augen niederschlägt. 
Das ist die allgemeine Stimmung; Einzelne zeichnen sich noch 
rch die Frechheit aus, mit der sie auf den ruhigen Genuss des 
rgerlichen Eigenthums pochen, auf die Notwendigkeit diesem 
es zu opfern — auch die Rechte des Königs, auch die Ehre des 
nigs, auch die Sicherheit und Freiheit des Königs. Die vornehmen 
inde sind die verderbteren, Hof und Staatsbeamte die verderbtesten. 
; denken nicht blos wie die anderen an Ruhe und Sicherheit, sie 
d nicht blos des Gedankens entwöhnt, unter Gefahren ihre Pflicht 

erfüllen, sondern sie verfolgen jeden mit dem unversöhnlichsten 
sse, der nicht verzweifelt. Wer also nicht verzweifelt an der 
baltung des Staates auf dem Wege der Pflicht und der Ehre, wer 
ht glaubt, dass die bedingungsloseste, schändlichste Unterwerfung 
icht sei, und dass es der Ehre nicht bedürfe, der ist ein Staats- 
Täther, der darf sicher sein gehasst, verfolgt, verläumdet, angeklagt 



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• * 

230 Carl von Clausewitz. 

zu werden. Von dieser Meinung sage ich mich feierlich los. Ich 
sage mich los 

Von der leichtsinnigen Hoffnung auf Errettung durch die Hand 
des Zufalls. 

Von der dumpfen Erwartung der Zukunft, die nur ein stumpfer ! 
Sinn nicht erkennen will. 

Von der kindischen Hoffnung den Zorn eines Tyrannen durch 
freiwillige Unterwerfung zu beschwören. 

Von der schamlosen Aufopferung aller Ehre des Staates, aller 
persönlichen und Menschenwürde. 

Ich glaube und bekenne: 

Dass ein Volk nichts höher zu achten hat, als die Würde und 
Freiheit seines Daseins. 

Dass die Ehre des Königs und seiner Regierung e i n s ?st mit 
der Ehre seines Volkes und das einzige Palladium seines Wohles. 

Dass selbst der Untergang dieser Freiheit nach einem blutigen, 
ehrenvollen Kampfe die Wiedergeburt des Volkes sichert und der 
Kern des Lebens ist, aus dem einst ein neuer Baum sicher Wurzel 
schlägt." 

Um die Leidenschaftlichkeit der Sprache zu begreifen, muss! 
man sich in jene Zeit versetzen und sich die bittere Empfindung 
der Männer vergegenwärtigen, die mit dem Abschlüsse des Vertrages 
mit Frankreich alle ihre Hoffnungen, all' ihre Arbeit für die Wieder- 
geburt des Vaterlandes begraben wähnten. Welche Feuerseele be- 
lebte den Mann, der in seinen Schriften als ein kühler Dialektiker 
erscheint! Der Ton dieser Rechtfertigung erklärt, dass Clausewitz 
und seine Freunde viele Gegner hatten, und vielleicht ist sein ganzer 
Werth auch deshalb erst längere Zeit nach seinem Tode allgemein 
erkannt worden. Das Manuscript fand sich von der Hand der Frau 
von Clausewitz geschrieben vor, es war mit Randbemerkungen von 
Gneisenau und Boyen versehen ; Gruner, dem es ebenfalls mitgetheilt 
worden, hielt die Urtheile über die Stimmung der Beamten und Hof- 
kreise für zu hart. 

Da die Bildung der Russisch-Deutschen Legion, bei der Clause- 
witz angestellt werden sollte, sich verzögerte, wurde er Adjutant 
des General Phull, früher in Würtembergischen Diensten, dann Chef 
eines Kriegstheaters im Preuszischen Generalstabe. Phull war Mfli- 
tairlehrer des Kaisers Alexander gewesen, und befand sich jetzt, 
ohne bestimmte Functionen, im groszen Hauptquartiere. Er war ein 
einseitiger Theoretiker, voll Verstand, aber ohne Kenntnisse, hart- 
näckig ohne Energie, und ohne die Fähigkeit selbstständige Ent- 



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Carl von Clausewitz. 231 



Schlüsse zu fassen. Im Manuscripte über den Krieg von 1806, wie 
in der Geschichte des Feldzngs 1812 hat Clausewitz das Bild des 
Mannes mit der seltenen Gabe anschaulicher, persönlicher Cha- 
rakteristik dargestellt, die ihn auszeichnete. Die Gestalten von 
Phull, Massenbach, Braunschweig, Prinz Louis Ferdinand und vieler 
anderer werden, so lange sie in der Geschichte genannt werden, in 
dem Bilde leben, das seine Meisterhand entworfen. Phulls Plan war, 
die Französische Armee im Lager von Drissa zu erwarten, obwohl 
er nicht mit der obersten Leitung der Operationen betraut war, galt 
er doch als Generaladjutant und Vertrauter des Kaisers für die 
Seele der Heeresfübrung, und alle Kritik richtete sich wesentlich 
gegen ihn. Clausewitz, zur Besichtigung der Lagerarbeiten bei Drissa 
und zur Bezeichnung der Marschquartiere bis zur Düna vorgeschickt, 
fand alle von Phull vorgeschriebenen Befestigungsanlagen sehr un- 
zweckmäszig, hielt es Uberhaupt für unmöglich, dass die Russische 
Armee bei ihrer damaligen Stärke und bei ihrem Zustande schon 
bei Wilna der Französischen Armee entgegengestellt werden könne. 
Ebenso wurde die Vereinigung mit Bagration bei dieser ersten Auf- 
stellung fast unausführbar. Von allen diesen Nachtheilen wusste 
Clausewitz den Kaiser bei einem Gespräche zu tiberzeugen, ohne 
den ihm wohlwollenden Phull bloszzustellen ; diesen wusste er zu be- 
stimmen, dem Kaiser, welcher ohnehin das Misstrauen der Armee 
gegen Phulls Befähigung theilte, die Ernennung Barclay's zum Ober- 
befehlshaber der Armee vorzuschlagen, selbst aber die Armee zu ver- 
lassen. — Barclay führte das Heer nach Smolensk und Moskau zu- 
rück, was mehr Folge der Gewalt der Umstände, als eines prämedi- 
tirten Planes war. Clausewitz wurde nach Phulls Rücktritt Quartier- 
meister bei dem Grafen Pahlen und machte in dieser Stellung das 
Gefecht bei Witepsk, die Schlacht bei Smolensk und im Gefolge des 
Generals Uwaroff die Schlacht an der Moskwa mit. Bald darauf 
wurde er zum Chef des Generalstabs der Besatzung von Riga unter 
Graf Essen ernannt, blieb aber, als der Rückzug der groszen Armee 
begann, in Wittgensteins Hauptquartier. Ende December der Avant- 
garde unter Diebitsch zugetheilt, welche sich zwischen Macdonald 
und das Preuszische Corps unter York zu schieben suchte, leitete 
er die Verhandlungen mit York, die zur Convention von Tauroggen 
führten (abgeschlossen in der Windmühle zu Poscherun den 31. Dec. 
1812). Kaiser Alexander schickte ihn bei Beginn des Feldzuges 
1813 ins Preuszische Hauptquartier, wo er bis zum Ende des Waffen- 
stillstandes blieb, aber keine Gelegenheit fand in das Preuszische 
Heer zurückzutreten, da König Friedrich Wilhelm 111. eine sehr er- 



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232 Carl von Clausewitz. 

klärliche Missstimmung gegen alle Offiziere bewahrte, die bei Ab- 
schlüss der Alliance mit Frankreich und bei der Stellang eines 
Preuszischen Htilfscorps in fremde Dienste getreten waren. 

Den Tod seines geliebten Lehrers nnd Freundes Scharnhorst 
empfand er mit tiefem Schmerze, im Sinne des Verewigten hat er 
lebenslänglich fortgewirkt. Da der so nothwendige und segensreiche 
Abschluss des Waffenstillstandes am 4. Juni bei der patriotischen 
Begeisterung im Volke vielfach missdeutet wurde und auch Ein- 
sichtsvolle, selbst ein Gneisenau, fürchteten, dass er die Brücke zu 
einem schimpflichen Frieden werden würde, schrieb Clausewitz einen 
Bericht über den Feldzug von 1813 bis zum Waffenstillstände, der 
auch in die Gesammtausgabe seiner Werke aufgenommen ist: die 
einzige seiner Schriften, die während seines Lebens veröffentlicht 
worden. Er suchte darin die Vortheile anzudeuten, welche der 
Waffenstillstand den Alliirten bot, und die Hoffnung auf einen glück- 
lichen Erfolg des Kampfes zu begründen. 

Als Blücher zum Oberbefehlshaber der Schlesischen Armee, 
Gneisenau zum Chef des Generalstabs derselben berufen war ? 
wünschte letzterer den ihm befreundeten und geistesverwandten 
Clausewitz zum Generalquartiermeister ernannt zu sehen. Doch 
wurde auf des Generaladjutanten Knesebeck Rath der Oberst Müff- 
ling gewählt, weil man in dessen pedantischer Natur und schul- 
mäsziger Kriegsgelehrtheit ein Gegengewicht gegen Blüchers rück- 
sichtslose Energie und Gneisenau's hochfliegende Pläne zu finden 
hoffte. Der Erfolg hat die Wahl, trotz mancher Reibungen und Ver- 
stimmungen, die im Hauptquartiere stattfanden, bestätigt; mit Recht 
ist gesagt worden, Blücher sei das vorwärts treibende, Gneisenau 
das beseelende, Müffling das rechnende Element in der Leitung der 
Schlesischen Armee gewesen. Blücher hatte zu Gneisenau das un- 
bedingteste Vertrauen; dieser war eine zu überlegene Natur, um 
durch Müffling beschränkt werden zu können, und erkannte anderer- 
seits dessen technische Leistungen willig an. Clausewitz, noch in 
Russischem Dienste, wurde Chef des Generalstabs in Walmodens 
Corps und nahm in dieser Stellung mit Auszeichnung an dem, we- 
sentlich von ihm geleiteten Gefechte an der Göhrde Theii. 

Anfang 1814 wurde er in Blüchers Hauptquartier geschickt, 
trat aber erst nach dem Frieden wieder in Preuszische Dienste und 
wurde 1815 bei dem neuen Ausbruche des Krieges Chef des General- 
stabs im 3. Armeecorps (Thielemann), das bei Ligny und Wavre 
kämpfte. Auch nach dem Frieden blieb er in demselben Verhältnisse 



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Carl von Clausewitz. 233 

zu Thielemann, als Chef des Generalstabs im Generalcommando am 
Rhein, in Coblenz. 

1818 wurde er als Generalmajor zum Director der allgemeinen 
Kriegsschule in Berlin ernannt; die Hoffnungen, welche man an die 
Wirksamkeit einer so hervorragenden Intelligenz an dieser Stelle 
geknüpft, sollten sich nicht erfüllen. Der verstorbene General von 
Brandt in seinen trefflichen Memoiren und ein mit vieler Sachkennt- 
nis8 geschriebener Artikel des Wagner'schen Conversationslexikons 
stimmen im Wesentlichen darin überein, dass Clausewitz s Versuch, 
eine strengere Disciplin einzuführen und den wissenschaftlichen Geist 
zu beleben, an manchen Gegenwirkungen scheiterte. Brandt sagt 
unter Anderem : „Niemand hat in dieser Stellung bitterere Erfahrun- 
gen gemacht als Clausewitz, der bei einer groszen Urbanität, ja bei 
einer gewissen Blödigkeit sich gewiss nie zu herben oder voreiligen 
Schritten oder Aeuszerungen hat hinreiszen lassen. Nichtsdesto- 
weniger ward er in allerlei Verdrieszlichkeiten verwickelt, die zu 
Beschwerden bei der Generalinspection und beim Kriegsministerium 
Veranlassung gaben, und die später wahrscheinlich dazu beitrugen, 
dass er in eine ganz andere Sphäre versetzt wurde. 1 * Dennoch ist 
das damalige, ihm oft peinliche und drückende Verhältniss für die 
Militairwissenschaft und die gesammte Armee zum reichsten Segen 
geworden, denn hier fand er Zeit zur Ausarbeitung der nach seinem 
Tode herausgegebenen Werke, deren Grundgedanken die kriegs- 
wissenschaftliche Anschauung im Deutschen Heere seit Jahrzehnten 
bestimmen, und die groszen Erfolge der letzten Kriege mit bedingt 
und vorbereitet haben. Sie stammen aus der Zeit seines innigen 
Verkehrs mit Scharnhorst, gewannen die erste Gestalt, als Clause- 
witz dem Kronprinzen militairischen Unterricht ertheilte, wurden 
entwickelt und gereift in den reichen Erfahrungen der Kriege von 
1812—15, und im geistigen Verkehre mit vielen bedeutenden Heer- 
führern und Staatsmännern, namentlich mit Gneisenau, den er jähr- 
lich auf dessen Landsitz Erdmannsdorf besuchte. 

1830 wurde Clausewitz auf den Vorschlag des Prinzen August 
von Preuszen, des Chefs der Artillerie, als Inspecteur der zweiten 
Artillerieinspection nach Breslau versetzt, womit seine Arbeit an den 
später herausgegebenen Werken geschlossen wurde. Die Manuscripte 
fanden sich, damals in Berlin von ihm versiegelt und als unvollendet 
bezeichnet, nach seinem Tode vor; er hatte mit schwerem Herzen 
von der ihm lieb gewordenen Arbeit Abschied genommen. 

Schon im December desselben Jahres wurde er auf Gneisenau's 
Wunsch nach Berlin berufen und zum Chef des Generalstabs der 



I 

< 

234 Carl von Clausewitz. 

vier, dem Feldmarschalle unterstellten Armeecorps zum Schutze 
der östlichen Gränze, ernannt. Im März des folgenden Jahres ging 
das Obercommando nach Posen; da die Preuszischen Truppen zu 
keiner kriegerischen Verwendung kamen, war seine Thätigkeit we- 
sentlich administrativ, aber bei dem genauen Studium des Russisch- 
Polnischen Krieges, desseD tägliche Operationen im Preuszischen 
Hauptquartiere genau verfolgt und eingehend mit Gneisenau be- 
sprochen wurden, zeigte Clausewitz, wie General Brandt, damals ein 
Theilnehmer jener Unterredungen, sagt, die ganze Schärfe seines 
kritischen Geistes. 

„Die Art und Weise, wie er die Dinge beurtbeilte, wie er aus 
einzelnen Bewegungen und Märschen Folgerungen zog, die Ge- 
schwindigkeit und Dauer der Märsche calculirte und die Punkte 
vorausbestimmte, wo es zu Entscheidungen kommen sollte, waren 
vom höchsten Interesse. Was später von Historikern mühsam 
herausgeklügelt, von Militair-Schriftstellern nach langen Studien als 
die Quintessenz des Wissens aufgestellt worden ist, erschloss sich 
ihm im Augenblicke. Das Schicksal hat es ihm leider versagt, in 
einer höheren Wirksamkeit seine Talente zu beweisen, aber ich 
habe die feste Ueberzeugung, er würde als Stratege Auszerordent- 
liches geleistet haben." 

Weniger günstig ist das Gesammturtheil über Clausewitz, das 
vielfach aus General Brandts Memoiren geschöpft worden. Diesem 
war er im Ganzen keine sympathische Natur, und wenn der edle 
Mann auch weit entfernt war, dem Einen Einfluss auf sein unbe- 
stechliches Urtheil zu gestatten, so fühlt sich doch aus Allem, was 
über ihn an verschiedenen Stellen der Memoiren gesagt ist, heraus, 
dass hier die Wärme und Innigkeit fehlt, die bei der Charakter- 
schilderung Gneisenau's und anderer Persönlichkeiten so wohlthuend 
hervortritt. Ich führe das an, weil das Urtheil Brandts, bisher das 
letzte eines Mitlebenden, weite Verbreitung, selbst im Auslande, ge- 
funden; ein gründlicher Kenner unserer Militair-Literatur, Oberst 
Chesney, hat in einer Versammlung der militairischen Gesellschaft in 
London die obigen und gleich folgenden einzelnen Züge aus Brandts 
Memoiren zu einer Charakteristik von Clausewitz benutzt, die, auf 
einzelnen, aus dem Zusammenhange gerissenen Aeuszerungen be- 
ruhend, unrichtig, mindestens unvollständig ist, und die Bedeutung 
des groszen Mannes und Schriftstellers nicht genügend würdigt. 
Brandt fährt fort: „Auf einem Schlachtfelde würde er weniger an 
seinem Platze gewesen sein, es ging ihm die Kunst ab, „d'enlever les 
troupes"; es war dies nicht allein Blödigkeit und Befangenheit, es 



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Carl von Clausewitz. 235 

war „un manque d'habitude du commandement". Wenn man ihn bei 
den. Truppen sab, so merkte man ihm eine gewisse Unbehaglichkeit 
an, die sich erst verlor, wenn er sich von ihnen entfernte/' Aehn- 
liche Zöge werden von seiner Stellung als Director der Kriegsschule 
und als Inspecteur in Breslau erzählt, — gewiss mit Recht, aber das 
sind nur verschwindend kleine Schatten, deren Bedeutung Chesney 
weit überschätzt hat. Wie vor ihm Diebitsch, wurde auch Gneisenau 
am 23. August ein Opfer der Preuszischen Generalen so verderb- 
lichen Cholera; Clausewitz wurde durch den Tod des geliebten und 
hochverehrten Feldherrn aufs tiefste erschüttert, noch im Jahre 1831 
am 16. November erlag er kurz nach seiner Rückkehr in Breslau 
derselben Krankheit, nur neun Stunden nachdem er von ihr ergriffen 
worden. 

Er hinterliesz keine Kinder, nur seine unsterblichen Werke, 
welche seine Wittwe, unter Mitwirkung des Generals Grafen Gröben, 
des Majors O'Etzel und anderer Freunde herausgab. Der bekannte 
Schriftsteller Pz sagt sehr wahr: „Alle anderen militairischen 
Schriftsteller werden mit der Zeit, in der sie gelebt, vergessen 
werden, nur zwei werden unvergänglichen Ruhm und Werth be- 
halten — Behrenhorst und Clausewitz". — Beide geben keine 
Theorie, die aus den Gefechtsverhältnissen ihrer Zeit abstrahirt 
und auf sie berechnet ist, sondern sie zeigen, dass im Kriege vor 
Allem die intellectuellen und moralischen Eigenschaften des Feld- 
herrn, der Offiziere und der Soldaten entscheiden, und das gilt für 
alle taktischen Formen, für jede Bewaffnung und jede Art der 
Heeresorganisation. 

Der kurzen Angabe und Charakteristik von Clausewitz's Werken 
mögen hier die schönen und treffenden Worte des Generals Gröben, 
des Herausgebers des 9. und 10. Theiles der Gesammtwerke, voran- 
gehen. „Selten findet sich in einer Person eine solche Stärke der 
Meditation mit so groszer Tiefe des Gemtiths und Zartheit der Em- 
pfindung verbunden, als in Clausewitz. Wem die Wahrheit indessen 
nicht mehr gilt als der Schmerz, sie zu tragen, dem konnte sein 
Urtheil auch im gewöhnlichen Leben oft da zu scharf dünken, wo 
es nur gerecht war; oder der, dessen Blick nur an der Oberfläche 
streift, konnte sich wohl von ihm abwenden, weil ihm das Herz kalt 
erschien, das gleichwohl so tief, wahr und warm empfand. Freund 
und Feind fanden in allen Wechselfällen des Lebens in ihm den 
Ehrenmann, der tiberall nur die Sache kennt, nicht die Person. Er 
war der Mann ruhiger Besonnenheit, seltener Klarheit, unerschtitter- 



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236 



Carl von Clausewitz. 



lieber Festigkeit der Gesinnung. Aber nicht allein im Gebiete mili- 
tärischen Wissens war er stark, er war es auch als Staatsmann im 
höheren Sinne des Wortes. Und eben weil er so war, stand er den 
Männern so nahe, welche die Zeitgeschichte mit höchster Achtung 
nennt." 

Es war ein Vermächtniss des vielgeliebten Verstorbenen, dass 
es der Wittwe zur Pflicht machte die hinterlassenen Werke heraus- 
zugeben, was er, selbstlos und fern von aller Eitelkeit, nicht bei 
seinen Lebzeiten hatte thun wollen. Die Herausgeberin, nach dem 
Tode des Gatten Oberhofmeisterin der Prinzessin Wilhelm von 
Preuszen und Gouvernante Sr. Königl. Hoheit des Kronprinzen, 
hatte dessen Geistesarbeit mit dem lebendigsten Antheile begleitet, 
da sie „in der glückseligen Ehe Alles miteinander theilten, nicht 
allein Freud und Leid, auch jede Beschäftigung, jedes Interesse des 
täglichen Lebens''. Sie konnte Zeugniss geben von dem Eifer, von 
der Liebe, mit der er sich seiner Arbeit widmete, von den Hoffnun- 
gen, die er damit verband, sowie von der Art und dem Zeitpunkte 
ihres Entstehens, und durfte in der Vorrede sagen: „War ich 21 
Jahre hoch beglückt an der Hand eines solchen Mannes, so bin ich 
es auch noch, trotz des unersetzlichen Verlustes, durch den reichen 
Schatz meiner Erinnerungen und meiner Hoffnungen, durch das Ver- 
mächtniss von Freundschaft und Theilnahme, das ich dem geliebtem 
Verstorbenen verdanke, durch das erhebende Gefühl seinen seltenen 
Werth so allgemein und so ehrenvoll anerkannt zu sehen." Diese 
liebevollen Züge einer weiblichen Hand dürfen dem Gesamratbilde 
des groszen Schriftstellers um so weniger fehlen, da die Schärfe 
seiner Kritik leicht zu einem unrichtigen Urtheiie über den Menschen 
verleiten kann. Von 1832 an erschienen die hinterlassenen Werke 
in 10 Bänden, in unregelmäsziger Folge. Zuerst die beiden ersten 
Bände des theoretischen Werkes vom Kriege, 1834 der Feldzug von 
1796, dem andere kriegshistorische Werke folgten, erst später der 
dritte Theil der Werke vom Kriege. 

Clausewitz sagt in der Vorrede: „System ist in dieser Dar- 
stellung auf der Oberfläche gar nicht zu finden, und statt eines ferti- 
gen Lehrgebäudes sind eB nichts als Werkstücke. Die wissenschaft- 
liche Form liegt in dem Bestreben das Wesen der kriegerischen Er- 
scheinungen zu erforschen, ihre Verbindung mit der Natur der Dinge, 
aus denen sie zusammengesetzt sind, zu zeigen." „Ich betrachte," 
sagt er an anderer Stelle, „die ersten sechs Bücher nur als eine 
ziemlich unförmliche Masse, die durchaus noch einmal umgearbeitet 
werden muss. Das Manuscript über die Führung des groszen Krieges, 



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Carl von Clausewitz. 237 

das man nach meinem Tode finden wird, kann, sowie es da ist, nur 
als eine Sammlang von Werkstücken betrachtet werden, aus denen 
eine Theorie des groszen Krieges aufgebaut werden sollte. Das Meiste 
hat mich noch nicht befriedigt; allein die Hauptlineamente, die man 
in diesen Materialien herrschen sieht, halte ich für die richtigen in 
der Ansicht vom Kriege. Sie sind die Frucht vielseitigen Nach- 
denkens , mit beständiger Richtung gegen das praktische Leben, in 
beständiger Erinnerung dessen, was die Erfahrung und der Umgang 
mit ausgezeichneten Soldaten mich gelehrt hatte." Er hielt eine 
Theorie des groszen Krieges oder der „sogenannten Strategie" für 
sehr schwierig, aber keineswegs für unnütz oder unmöglich ; sie war 
das Ziel seines Strebens, das er noch nicht erreicht zu haben be- 
kannte. Nach seinem Worte giebt es für die Kriegführung „keine 
Gesetze, aber Grundsätze, Regeln, Vorschriften und Methoden, 
namentlich für die Taktik. Die Methode wird um so mehr ge- 
braucht, je weiter die Thätigkeit hinuntersteigt, nach oben hin wird 
sie (d. h. die Methode) abnehmen, bis sie sich in den höchsten 
Stellen ganz verliert. Darum wird sie mehr in der Taktik, als in 
der Strategie zu Hause sein, denn der Krieg in seinen höchsten 
Bestimmungen besteht nicht aus einer unendlichen Menge kleiner 
Ereignisse, sondern aus einzelnen groszen, die individuell behandelt 
sein wollen. Für den Feldherrn ist daher Klarheit des Geistes, 
Energie der Charakters das Entscheidende." Der wichtigste Theil 
der Strategie liegt im Gebiete des Willens. 

„Die groszen Schwierigkeiten, welche ein philosophischer Auf- 
bau der Kriegskunst hat, und die vielen schlechten Versuche, die 
gemacht sind, haben die meisten Leute dahin gebracht, zu sagen, 
es ist eine solche Theorie nicht möglich, denn es ist von Dingen die 
Rede, welche kein stehendes Gesetz umfassen kann. Wir würden 
in diese Meinung einstimmen, wenn sich nicht eine ganze Anzahl 
von Sätzen ohne Schwierigkeit ganz evident machen liesze," und in 
dem Abschnitte über die Wirkung der Gefechte, „wo die materiellen 
Erfolge zu Motiven werden und man es nur mit der geistigen Natur 
zu thun hat", hebt er hervor, dass hier die Theorie nur eine Be- 
trachtung, keine Lehre seid solle. Er fügt aber hinzu: „Bilden sich 
aus den Betrachtungen, welche die Theorie anstellt, von selbst Grund- 
sätze und Regeln, schieszt die Wahrheit von selbst in diese Crystall- 
form zusammen, so wird die Theorie diesem Naturgesetze des Geistes 
nicht widerstreben, sie wird vielmehr, wo der Bogen in einem 
solchen Schlussstein endet, diesen noch mehr hervorheben." Er hatte 
ursprünglich in kurzen präcisen Sätzen, ohne Rücksicht auf System 



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I 

238 



Carl vqn Clausewitz. 



und strengen Zusammenhang, seine Gedanken in kurzen sentenzen- 
reichen Capitcln, ähnlich wie Montesquieu, niederschreiben wollen, 
aber „meine Natur, die mich immer zum Entwickeln und Systemati- 
siren treibt, hat sich am Ende auch hier wieder hervorgearbeitet, 
und je mehr ich mich dem Geiste der Untersuchung hingegeben 
habe, um so mehr bin ich auf das System zurückgeführt worden." 
Clausewitz's geistige Natur wird völlig verkannt, wenn man in ihm 
einen Analytiker sieht, der nur zu negativen Resultaten gekommen; 
er wendet in ächt philosophischem Geiste die deductive Methode an, 
um von den gefundenen Grundsätzen zu den einzelnen Erscheinungen 
hinabzusteigen; inductiv, wie die Naturforscher, prüft er die Grund- 
sätze an der Erfahrung, und sucht von der Fülle der Einzelheiten 
aufsteigend zu allgemeinen Anschauungen zu gelangen. Eine exacte 
Wissenschaft, wie Logik und Mathematik kann die des Krieges 
freilich nicht sein, weil die Freiheit des Willens, die Leidenschaft 
und tausend moralische und intellektuelle Momente jeden seiner 
Acte durchziehen. Als hätte er vorhergesehen, dass nach groszen, 
glänzenden Siegen sich ein gewisser Naturalismus geltend machen 
werde, eine Ueberschätzung des Materiellen, des Handwerks, der 
Routine, sagt er: „Die Leute, bei denen der Mutterwitz die Ober- 
hand behält, kommen zu einer Art von Freigeisterei, indem sie allen 
Glauben an die Theorie von sich weisen, und das Kriegführen für 
eine natürliche Function des Menschen halten, die er mehr oder 
weniger gut verrichtet, je nachdem er weniger oder mehr Anlagen 
dazu auf die Welt gebracht hat. Aber keine Thätigkeit des mensch- 
lichen Geistes ist ohne einen gewissen Reichthum von Vorstellungen 
möglich, und diese werden ihm nicht angeboren, sondern erworben, 
und machen sein Wissen aus."*) 

*) Decker citirt sein Wort: „eine positive Lehre der Kriegskunst ist un- 
möglich", aber daraus folgt keineswegs, dass er eine Theorie derselben für un- 
möglich erklärt. Die theoretische Behandlung eines Gegenstandes ist die 
wissenschaftliche im Gegensatze zur empirischen Behandlung, und im Gegen- 
satze zur Praxis. Aber Theorie und Praxis schlieszen sich nicht aus, sie fassen 
nur den Gegenstand von verschiedenen Seiten und auf verschiedene Weise auf. 
Beide ergänzen vielmehr einander; eine unpraktische Theorie, deren Betrachtung 
mit der . Wirklichkeit im Widerspruche steht , ist gar keine Theorie. Aber 
heute werden die von der Wissenschaft längst festgestellten und in ihrer 
Sphäre begränzten Begriffe bunt durcheinander geworfen , Methode , Lehre, 
Theorie, System, Grundsätze, Maximen werden als Synonyma gebraucht, und 
dadurch die Verworrenheit des Geistes, die Unsicherheit des Gedankens, die 
Unbestimmtheit des Ausdnicks und die Verwilderung des Styls, an dem unsere 
heutige Militair-Litcratur, namentlich die journalistische, leidet, bedenklich ver- 
mehrt. 



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Carl von Clausewitz. 



Freilich ist seine Wirkung oft negativ gewesen, und sie musste 
es sein, denn die ächte Theorie, d. h. wissenschaftliche Erkenntniss, 
muss die falschen zerstören; die vielen schlechten Versuche eines 
philosophischen Aufbaues der Kriegskunst verglich er mit Lichten- 
bergs bekanntem Auszug aus einer Feuerlöschordnung. Mit uner- 
bittlicher Kritik, oft mit überlegenem Hohn hat er die ausgeklügelten 
Systeme eines H. v. Bülow, des Erzherzogs Carl und anderer ver- 
nichtet; wieviel die Deutschen Heere seiner Polemik danken, wird 
jeder erkennen, der Krismannic's Kriegsplan von 1866, Bazaine's und 
und Frossard's militairische Anschauungen mit den Plänen und der 
Ausführung der Preuszischen und Deutschen Feldzüge von 1864, 66, 
70 — 71 vergleicht, — in den tiefgedachten und so einfachen Con- 
ceptionen, in dem energischen Wollen und in der sorgsamsten Aus- 
führung mit eiserner Consequenz festgehaltener Entschlüsse spürt 
man das Wehen seines Geistes. 

Auch Clausewitz hat das Schicksal gehabt, dass die volle Be- 
deutung seines Geistes und seiner Werke in weiteren Kreisen erst 
lange nach seinem Tode erkannt worden ist. Wenige Tage nach 
seinem Tode brachte die Staatszeitung einen Nekrolog, dessen warme 
Freundesworte wohl Gröben zuzuschreiben sind; aber ich habe in 
allen damaligen Militair-Zeitschriften umsonst nach einem Nekrologe 
unseres ersten Militair-Schriftstellers gesucht, freilich waren seine 
Werke noch nicht erschienen. Aber selbst dann fanden sie keines- 
wegs eine allgemeine enthusiastische Begrüszung. Das Militair- 
Wochenblatt, die Zeitschrift für K., W. und G. des Krieges erwähnt 
sie in den Jahren 1832 und 33 mit keinem Worte; in der Militair- 
Literatur-Zeitung werden die Werke durch Blesson ziemlich kühl an- 
gezeigt, der längere Artikel macht den Eindruck, als wolle der Ver- 
fasser sein Urtheil bis nach dem Erfolge zurückhalten. Nur Decker 
widmete dem neuen Lichte begeisterte Worte: Clausewitzs Todes- 
tag sollte in der damals von ihm commandirten Brigade jährlich ge- 
feiert werden, aller Dienst sollte ruhen und eine Vorlesung aus den 
Werken des Unsterblichen dessen Gedächtniss erneuern. Aber die 
Wärme des leidenschaftlichen Apostels nahm ab, als 1834 in der Vor- 
rede zum Feldzuge von 17^6 ein sehr ungünstiges Urtheil über Deckers 
Geschichte desselben Feldzugs abgedruckt wurde, Clausewitz sagt 
daselbst: „Die später als alles andere erschienene Geschichte des 
Feldzugs von Major von Decker ist unbrauchbarer als alles andere." 
Doch war dies nur eine mit Bleistift geschriebene Randbemerkung 
von seiner Hand ; die Herausgeber haben hier wie in anderen Fällen 
sich nicht für befugt gehalten einzelne Härten zu mildern, Urtheile 



240* Carl von Clausewit*. 

wegzulassen oder zu ändern, was Clausewitz selbst vor der Ver- 
öffentlichung wahrscheinlich gethan hätte, denn wie die Wittwe in 
der Vorrede des siebenten Bandes sagt: „hat seinem Tadel nie ein 
feindseliges Gefühl zu Grunde gelegen, — wer sein edles Gemüth, 
seine Milde, sein Zartgefühl kannte, wird wissen, wie ungern er 
jemand verletzte." Trotz der tief empfundenen Kränkung bespricht 
Decker die Geschichte des Feldzugs von 1796 noch in würdiger 
und anerkennender Weise. 

Die Oesterreichische Militair-Zeitschrift äuszert sich in den ersten 
Jahren nach dem Erscheinen des Werkes vom Kriege über dasselbe mit 
groszem Lobe ; um so mehr wurden die Geschichte der Feldzüge von 
1796 und 99 getadelt, besonders wohl wegen einzelner ungünstiger 
Urtheile über den Erzherzog Carl und weil Clausewitz einzelne in 
späteren Werken und Zeitschriften gegebene Aufklärungen nicht be- 
nutzt hatte; der Vorwurf wäre verdient, wenn er selbst die Werke 
veröffentlicht hätte, es waren aber für ihn nur Studien. Dasselbe 
gilt von dem, was Prinz Eugen von Würtemberg in seinen von Hell- 
dorf herausgegebenen Aufzeichnungen über die Beurtheilung des 
Feldzugs von 1812 durch Clausewitz sagt. 

Der Schweizer Oberst Lecomte, bekannt durch die grosze An- 
zahl seiner Schriften, wagt es, in seiner Biographie des ihm persön- 
lich bekannten, von ihm einseitig bewunderten Jomini, die nur nega- 
tive Richtung in Clausewitz's Schriften eine Folge d'un vice de son 
esprit et de son caractere zu nennen. „Qu'a t'il fond6?" fragt er, 
„nous ne savons". Das bedarf weder Beantwortung noch Widerlegung. 

Keiner hat mehr für die Anerkennung und das Verständniss von 
Clausewitz's Werken gewirkt als der Sächsische Hauptmann Pönitz, der 
in der Allgemeinen Militair-Zeitung sie sehr günstig recensirte, und sich 
in den militärischen Briefen eines Verstorbenen an seine Freunde aus 
dem Olymp die Aufgabe stellte, ihn zu apotheosiren und zu popularisiren. 

Wenn ich die Grundgedanken der Werke von Clausewitz hier 
wiedergebe, so weisz ich, wie unzureichend ein solcher Versuch 
auch im besten Falle ist, wie schwer es oft ist, den Sinn aus 
dem Zusammenhange gerissener Sätze richtig aufzufassen. Aber 
bei ihm ziehen sich wenige, grosze, fruchtbare Gedanken wie rothe 
Fäden durch das ganze Gewebe, und eben diese, die groszentheils 
längst unser Gemeingut geworden, will ich hervorheben. Denn 
ihm geht es wie unseren groszen Dichtern und Philosophen, — 
selbst diejenigen, die nie eine Zeile aus ihren Werken gelesen, 
stehen unter dem gewaltigen Einflüsse ihres Denkens und Dichtens. 
So beherrscht heute Clausewitz die kriegswissenschaftliche An- 



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t 



Carl von Clausewitz. 241 

schauung des Preuszischen Heeres, und manche, die vielleicht kaum 
einen ßand seiner Werke kennen, sind unbewusst seine Schüler, 
vor allem in dem negativen Theile seiner Wirksamkeit. 

Göthe sagt irgendwo: „Wenn ich einige Seiten in Kants Schriften 
lese, ist es mir, als wenn ich in ein hell erleuchtetes Zimmer träte" — 
ich meine den gleichen Eindruck muss Jeder empfangen, der Clause- 
witz's Schriften liest. Nichts ist unrichtiger, als das Vorurtheil, er 
sei schwer zu verstehen. Weil er mit höchster Klarheit dachte, war 
Alles, was er schrieb, durchsichtig und correct, es ist weit leichter 
zu verstehen als etwa Rühle von Lilienstern oder Erzherzog Carl. 

Der Krieg ist nach Clausewitz die fortgesetzte Staatspolitik mit 
anderen Mitteln, — eine unendlich fruchtbare Definition, die von 
vorne herein alle abstracten, mathematischen oder eng an das Terrain 
geknüpften Anschauungen abweist. Das Ziel des Kampfes ist, den 
Feind wehrlos zu machen, dessen materielle und moralische Streit- 
kräfte zu vernichten; . die Mittel dazu lassen sich alle auf eins zu- 
rückführen — den Kampf. Das ist ganz im Sinne Friedrich des 
GroBzen und Napoleon's, Blücher's und Gneisenau's gedacht, es hat 
sich 1866 und 70 glänzend bewährt. „Der Kampf aber ist ein Ab- 
messen der geistigen und körperlichen Kräfte vermittelst der körper- 
lichen. Die Kriegführung — zu der im weitesten Sinne alle Thätig- 
keiten gehören, die um des Krieges willen da sind, also die Schöpfung 
der Streitkräfte u. s. f. — besteht in der Anordnung und Führung 
des Kampfes, der aus einer groszen Zahl in sich geschlossener Acte, 
Gefechte, besteht. Daraus entspringt die ganz verschiedene Thätig- 
keit, diese Gefechte in sich anzuordnen und sie unter sich zum 
Zwecke des Krieges zu verbinden. Das eine ist Taktik, das andere 
Strategie genannt worden, erstere ist die Lehre vom Gebrauche der 
Streitkräfte im Gefechte, letztere die Lehre vom Gebrauche der Ge- 
fechte zum Zwecke des Krieges. Die moralischen und intellectucllen 
Momente der kriegerischen Thätigkeit entziehen sich jeder Berechnung, 
aber sie wirken nicht tiberall gleich stark ein. Der Muth persön- 
licher Aufopferung wird bei den Soldaten und niederen Führern 
mehr in Anspruch genommen, fiir den Verstand und das Urtheil 
desselben sind die Schwierigkeiten geringer. Das Feld der Er- 
scheinungen ist geschlossener, Zwecke und Mittel in der Zahl be- 
schränkter, die Data bestimmter, meist in wirklichen Anschauungen 
enthalten, — die Schwierigkeiten nehmen bei den höchsten Stellen 
zu, und bei dem obersten Feldherrn muss fast Alles dem Genius 
überlassen bleiben. Die Mittel und Formen, deren sich die Strategie 
bedient, sind so sehr einfach, durch ihre beständige Wiederholung 

Jahrbücher f. d. Deutsche Armeo u. Marine. Band Xnl. 17 



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242 



Carl von Clausewitz. 



so bekannt, dass es dem gesunden Menschenverstände nur lächerlich 
vorkommen kann, wenn er häufig die Kritik mit geschraubter Em- 
phase davon sprechen hört Dies wird noch lächerlicher dadurch, 
dass diese Kritik nach der gemeinsten Meinung alle moralischen 
Gröszen von der Theorie ausschlieszt , so dass Alles auf ein Paar 
mathematische Verhältnisse von Gleichgewicht und Uebergewicht, 
von Zeit und Raum beschränkt wird. Die Verhältnisse der mate- 
riellen Dinge sind alle sehr einfach, schwieriger ist das AufFasseo 
der geistigen Kräfte, die im Spiele sind. So ist auch in der Stra- 
tegie Alles sehr einfach, aber nicht Alles sehr leicht; den einmal ge- 
fassten Plan durchzuführen, das erfordert neben einer groszen Stärke 
des Charakters eine grosze Klarheit und Sicherheit des Geistes." 

„Die moralischen Gröszen sind die Geister, die das ganze Element 
des Krieges beherrschend durchdringen, und die sich an den Willen, 
der die ganze Masse der Kräfte in Bewegung setzt — also an den 
Feldherrn — anschlieszen und mit ihm in eins zusammenrinnen. 
Diese moralischen Hauptpotenzen sind die Talente des Feldherrn, 
die kriegerische Tugend des Heeres und der Volksgeist desselben, 
die sich freilich aller Bucherweisheit entziehen und sich weder in 
Zahlen oder Formeln darstellen noch classificiren lassen. Beim 
Handeln folgen die Meisten einem bloszen Takte des Urtheils, so 
haben alle groszen Feldherrn gehandelt, und darin lag ihre Grosze 
und ihr Genie, dass sie mit diesem Takte immer das Rechte trafen. 
Aber, wenn es darauf ankommt, nicht selbst zu handeln, sondern 
Andere zu tiberzeugen dann kommt es auf klare Ueberzeugungen, 
auf das Nachweisen des inneren Zusammenhanges an ... . Di© 
Theorie soll den Geist des künftigen Führers im Kriege erziehen 
oder ihn vielmehr bei seiner Selbsterziehung leiten, nicht aber ihn 
auf das Schlachtfeld begleiten, sowie ein weiser Erzieher die Geistes 
entwickelung eines Jünglings lenkt und erleichtert, ohne ihn das 
ganze Leben am Gängelbande zu führen." 

„Trotz der groszen Schwierigkeit einer Theorie lassen sich doch 
eine Reihe von Sätzen evident machen, welche die Grundlage der- 
selben bilden können"; ich bemerke, dass Clausewitz hier von der 
Strategie spricht, nicht von der Taktik, in welcher sich die Theorie 
von selbst versteht. Und nun folgt der viel angefochtene Satz, dass 
die Verteidigung die stärkere Form des Krieges sei. Als Willisen's 
geistreiche Theorie des groszen Krieges erschienen war, die viel- 
fach in, wenn auch latentem, Gegensatze zu Clausewitz steht, wurde 
das Werk durch Decker recensirt und gesagt : „Wer Clausewitz wahr- 
haft verehrt, wird wünschen, dass er jene Ansicht nie nieder-; 



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Larl von Clausewitz. 



243 



geschrieben/' Blesson vertheidigte dagegen Clausewitz's Behauptung, 
die auch von Französischen Schriftstellern vielfach angegriffen wurde. 
Meist war es ein Streit um Worte, deren verschieden aufgefasste 
Bedeutung selten genau festgestellt wurde. 

Clausewitz sagt in dem Abschnitte seines Werkes „über Angriff 
und Verteidigung": „Ist die Vertheidigung eine stärkere Form des 
Kriegftihren8 , die aber einen negativen Zweck hat, so folgt von 
6elbst, dass man sich ihrer nur so lange bedienen muss, als man 
ihrer der Schwäche wegen bedarf, und sie verlassen muss, sobald 
man stark genug ist, sich den positiven Zweck vorzusetzen. Es ist 
ein Widerspruch mit dem Begriffe des Krieges, die VertheidigUDg 
den letzten Zweck sein zu lassen, — ein Krieg, bei dem man seine 
Siege nur zur Abwehr benutzen wollte, wäre so widersinnig als 
eine Schlacht, in der absolute Vertheidigung in allen Maaszregeln 
herrschen sollte. Wer stark genug ist sich der schwächeren Form 
bedienen zu können, der darf den gröszeren Zweck wollen, der nur 
mit höheren Opfern erkauft werden kann." Aus dem Folgenden 
geht hervor, dass er die Defensive für die stärkere Form erklärt, 
weil sie Zeit, Ort und Gelegenheit zur Offensive wähle, weil sie alle 
Vortheile des Kriegstheaters wie des Gefechtsfeldes vollständiger 
ausnutzen kann. Friedrich der Grosze dachte wenigstens in den 
drei letzten Jahren des siebenjährigen Krieges nicht an die Offensive, 
er wählte also die stärkere Form, als seine Kräfte nicht ausreichten, 
um den positiven Zweck des Krieges zu verfolgen. 

Als solche Grundsätze, aus denen eine Theorie gebildet werden 
könne, führt er ferner an, dass die groszen Erfolge die kleinen mit- 
bestimmen, dass man also die strategischen Wirkungen auf gewisse 
Schwerpunkte zurückführen kann; dass eine Demonstration eine 
schwächere Kraftverwendung ist als ein wirkliches Gefecht, dass 
sie also besonders bedingt sein muss, dass der Sieg nicht blos in 
der Eroberung des feindlichen Schlachtfeldes, sondern in der Ver- 
nichtung der physischen und moralischen Streitkräfte des Feindes 
besteht, und dass diese meist erst im Verfolgen erreicht wird, dass 
der Erfolg immer da am gröszten ist, w o der Sieg erfochten wurde, 
dass also das Uebersp ringen von einer Linie und Richtung auf die 
andere nur als nothwendiges Uebel betrachtet werden kann, dass 
die Berechtigung zum Umgehen nur aus der Ueberlegenheit Über- 
haupt oder aus der Ueberlegenheit der eigenen Verbindungen und 
Rtickzugslinie Uber die des Gegners entstehen kann. — 

Diese und andere in seinen Schriften verstreute Gedanken 
nannte Clausewitz nur kleine Körner gediegenen Metalls, und wies 

17* 



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244 



Carl 



Clausewitz. 




auf einen gröszeren Kopf hin, der noch erscheinen möge, um statt 
der einzelnen Körner das Ganze in einem Gusse ohne Schlacken 
zu geben. Im Obigen sind die aus den drei ersten Theilen seiner 
Werke gezogenen Gedanken tiberall mit dessen eigenen Worten 
wiedergegeben, weil bei der Schärfe seines Denkens, der Knappheit 
und Prägnanz seines Ausdrucks sich Wort und Gedanke überall 
decken. Viele seiner Goldkörner, ich erinnere nur an den so treffen- 
* den Begriff „der Friction der Kriegsmaschine", sind längst geflügelte 
Worte geworden. 

Nur das erste Capitel des ersten Buches über die Natur des 
Krieges hielt der bescheidene Mann für vollendet, alle anderen 
Theile der sechs Bücher sollten noch umgearbeitet und gekünt 
werden, das siebente und achte Buch über den Angriff und den 
Kriegsplan hielt er nur für Vorarbeiten und flüchtige Skizzen. 
Ebenso sind seine kriegsgcschichtlichen Werke unvollendet, er hätte 
deren keines bei längerem Leben in dieser Gestalt veröffentlicht. Uns 
aber sind auch sie von unschätzbarem Werthe; was er in einzelnen 
Capiteln des Werkes vom Kriege über Festungen, Über Fluss- nnd 
Gebirgsvertheidigung, über Volksbewaffnung sagt, hat noch heute, 
trotz der gewaltigen Umgestaltungen der Communicationen und 
Waffen, volle Gültigkeit Leuchtende Beispiele seiner Geistesschärfe 
bieten die Abschnitte Uber Operationsbasis, Schlüsselstellungen und 
Ueberhöhen; die Capitel über Märsche, Quartiere, Verpflegung zeigen 
den nüchternen Blick des erfahrenen Mannes für das praktische 
Leben, der alle kleinen Bedingungen und Hemmungen der Heeres- 
maschine mit derselben geistigen Klarheit beherrschte, mit welcher 
er die luftigen Spinngewebe abstracter Theorien zerriss und sich 
selbst im freiesten Aether der Speculation bewegte. 

Er hat uns befreit von der hohlen Gelehrsamkeit früherer Zeiten, 
er hat uns, vor allen zuerst, gelehrt, wie man den Krieg studiren 
und seine Geschichte schreiben soll, und uns gezeigt, dass im Kriege 
wie in der Politik und im gewöhnlichen Leben die intellectuellen 
und moralischen Potenzen die materiellen unendlich überwiegen. 
Die Freiheit und ideale Erhebung des Geistes, die Stärke und Zucht 
des Willens im Dienste der Pflicht athmen in jedem Satze seiner 



Unter den kritischen Darstellungen einzelner Feldzüge sind die 
in den beiden letzten Bänden enthaltenen am wenigsten ausgearbeitet 
und abgerundet, die Herausgeber haben sie daher nur strategische 
Beleuchtungen genannt. Doch enthalten auch sie einen reichen 
Schatz treffender Bemerkungen und klarer Anschauungen. Sie ge- 



Werke. 



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Carl von Clausewitz. 



245 



währen dadurch das höchste Interesse, dass sie uns einen Blick in 
die Werkstätte seines eminenten, rastlos arbeitenden Geistes ver- 
gönnen. Clausewitz's Genie zeigt seine Stärke und Eigenthümlich- 
keit besonders in seiner kritischen Betrachtung der Kriegsgeschichte. 
Ueberall fasst er, seinem leitenden Grundsatze gemäsz, dass die 
Kriegsgeschichte die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln 
ist, die politischen Verhältnisse ins Auge, und weist nach, welchen 
Einfluss sie auf den Kriegsplan und auf die späteren Entschlüsse 
des Feldherrn ausübten. Glänzend ist sein Talent der Charakter- 
schilderung; von dem Gesammtbilde der Versammlung der Streit- 
kräfte, der Operationen und Gefechte heben sich die Gestalten der 
Führer mit ihren Talenten und Fehlern scharf gezeichnet ab, die 
Darstellung belebend und erwärmend; er zeigt, dass die Motive des 
Handelns, die Schicksale der Heere oft in der starken oder schwa- 
chen Seele des Feldherrn liegen. 

„In der geschichtlichen Kritik," sagt er, „lassen sich die drei 
Thätigkeiten des Verstandes unterscheiden: erstens die geschicht- 
liche Ermittelung und Feststellung zweifelhafter Thatsachen, zweitens 
die Ableitung der Wirkung aus den Ursachen, drittens die Prüfung 
der angewandten Mittel, dies ist die eigentliche Kritik, in der Lob 
und Tadel enthalten sind. In den meisten kritischen Betrachtungen 
herrscht eine unbehülfliche , unzulässige Anwendung einseitiger 
Systeme als einer förmlichen Gesetzgebung. Noch gröszer ist der 
Nachtheil, der in dem Hofstaate von Terminologien, Kunstausdrücken 
und Metaphern liegt, den die Systeme mit sich schleppen, und der 
überall wie loses Gesindel, wie der Tross eines Heeres, von seinem 
Principal loslassend, sich umhertreibt. Die Meisten können gar nicht 
raisonniren, ohne ein solches Fragment wissenschaftlicher Lehre als 
Stützpunkt zu gebrauchen; alle Terminologien verlieren aber ihren 
Werth, wenn sie ihn hatten, sobald sie aus dem Systeme, dem sie 
angehören, herausgerissen werden. So ist es gekommen, dass die 
theoretischen und kritischen Bücher statt einer schlichten Ueber- 
legung wimmelnd voll sind von diesen Terminologien, die dunkle 
Kreuzpunkte bilden, an denen Autor und Leser von einander ab- 
kommen." Gilt das nicht auch für viele Schriften der Gegenwart? 

Ueberall fordert Clausewitz vor allem Einfachheit und Klarheit ; 
beides sind mehr Folgen der Charakter- als der Verstandes-Eigen- 
8c haften 

Die Napoleonischen Feldzüge haben wesentlich seine An- 
schauungsweise bestimmt, welche in den Befreiungskriegen ihre Be- 
stätigung fand. In Napoleons Feldzügen wurde die Entscheidung 



246 



Carl von Claueewitz. 



meist durch wenige grosze Schlachten herbeigeführt, in denen er 
seine ganze Macht concentrirte, und nach dem, oft an sich wenig 
bedeutenden, Siege durch die Energie der Verfolgung, durch die 
Consequenz, mit welcher er den klar erkannten Zweck festhielt, 
den mehr überraschten, unentschlossenen, zersplitterten als taktisch 
unfähig gewordenen Gegner vernichtete. Er suchte die Entscheidung 
nicht in der Behauptung aller wichtigen Punkte, nicht in künstlichen 
Operationen auf die Rückzugslinie oder die Ernährungsquellen des 
Feindes, sondern allein in der Schlacht. Zu dieser müssen alle 
Kräfte vereinigt, in ihr aber successive gebraucht werden, um den 
ermüdeten Gegner, der alle seine Truppen bereits ins Gefecht ge- 
führt hat, durch den Stosz frischer Kräfte zu überwältigen. In den 
Schlesischen Kriegen entzündeten sich die Gefechte wie trockenes 
Pulver, in den Napoleonischen wie feuchtes Pulver. Die Truppen 
wurden in ihnen sparsamer und nacheinander verbraucht, um den 
Gegner zum schnellen Verbrauche seiner Kräfte zu verleiten, und 
dann durch massenhafte Verwendung der Cavallerie und Artillerie, 
wie durch brüsque Colonnenangriffe die Entscheidung herbeizuführen. 
Diese taktischen Anschauungen, die Höpfner, der ganz in Clause- 
witz's Sinne dachte und schrieb, noch tiberall theilt, waren vor 10 
Jahren in der Preuszischen Armee fast allgemein herrschend, und 
es wurde selbst 1866 noch theilweise als Gesetz betrachtet, die 
Streitkräfte allruählig zu entwickeln, starke Reserven aller Waffen, 
namentlich der Cavallerie und Artillerie zurückzubehalten, und jede 
Gefechtseinheit, aus allen drei Waffen gemischt, in Avantgarde, 
Gros und Reserve zu gliedern. Durch die moderne Entwickelung 
der Feuerwaffen und die geänderte Gefechtsthätigkeit der Infanterie 
und Artillerie haben Clausewitz's taktische, aus den Napoleonischen 
Feldzügen geschöpfte Anschauungen nicht mehr dieselbe Gültigkeit, 
während Alles, was er über Strategie, Kriegsgeschichte und histo- 
rische Kritik sagt, für alle Zeit Dauer und Geltung behalten wird. 
Nicht an elementar-taktische Formen, an die Behauptung wichtiger 
Terrainpunkte, an tiefe strategische Combinationen, sondern an die 
intellectuelle und moralische Ueberlegenheit des Feldherrn, über die 
Plan- und Entschlusslosigkeit des Gegners, an den Muth, die Aus- 
bildung und Disciplin der Truppen, an die Sorge für ihre Be- 
waffnung und Ernährung war der Sieg von jeher geknüpft. Da- 
her hat die Kriegswissenschaft nickt dahin zu streben ein speku- 
latives System der Kriegführung, Recepte ftlr den Gewinn der 
Schlachten zu ersinnen: die Kriegsgeschichte soll nur die Erfahrun- 
gen der Vergangenheit ermitteln und mit denen der Gegenwart ver- 



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Carl von Clausewitz. 



247 



gleichen. Nur wenige allgemeine Grundsätze giebt es, die so fest 
eingeprägt werden müssen, dass sie die Gewalt der Anschauung er- 
langen — aber bei den immer geänderten Verhältnissen fordert 
jeder einzelne Fall seine besondere Regel, die nicht in der Studier - 
stnbe, sondern nur in der Atmosphäre der Gefahr entworfen werden 
und Geltung finden krnn. 

Die Zeitschrift für K., W. und G. des Krieges brachte 1858 
einen Aufsatz von Clausewitz über die^Preuszische Kriegsverfassung, 
der in der letzten Ausgabe der Werke von 1873 keine Aufnahme 
gefunden hat. Dennoch ist er unzweifelhaft von seiner Hand, und 
wahrscheinlich 1819 geschrieben, nachdem Boyen und Grolman wegen 
der Aenderung der Landwehreinrichtung den Abschied genommen 
hatten. Er weist nach, dass die Grösze des Preuszischen Heeres 
damals im Verhältnisse zur Bevölkerung geringer war als unter dem 
groszen Churfürsten und Friedrich IL, warnt vor jeder Verminderung 
des Heeresbudgets, und zeigt, dass die Ruhe und Sicherheit des 
Thrones und des Vaterlandes von der damals von mancher Seite 
als bedenklich angesehenen allgemeinen und gleichen Dienstpflicht 
nichts zu fürchten habe. Seine schlagende Beweisführung ist nicht 
ohne Schärfe, sie erklärt, dass ein Manu, der seine Ueberzeugungen 
so deutlich, seinen sittlichen Zorn, wo es sein musste, so schonungs- 
los aussprach, manchen Gegner hatte. Er sagt: „Aus drei Haupt- 
ursachen gehen alle der Landwehreinrichtung in unserer Kriegs- 
verfassung entgegenstehenden Meinungen hervor. Es ist unserem 
Edelmanne ein unerträglicher Gedanke sich neben seinen Bauern 
in Reih' und Glied zu stellen. Ferner glaubt man, dass die Offiziere, 
wie wir sie in der Landwehr haben können, dem Esprit du corps, 
dem Tone der höheren Stände, selbst einer gewissen militairischen 
Einförmigkeit des Anstandes nachtheilig werden könnten. Aber man 
überschätzt jene Eigenschaften ; der mögliche Nachtheil wird dadurch 
ersetzt, dass kräftige, ausgezeichnete Individualitäten aus der ganzen 
Masse der Nation hineingezogen werden. Drittens fürchtet man die 
Landwehr im Falle einer Revolution, aber fast alle neueren Revo- 
lutionen haben sich durch das stehende Heer gemacht: die Fran- 
zösische hat sich ohne alle Landwehr gemacht, die Garden sind zu- 
erst abgefallen, haben die Bastille erobern helfen, das Regiment Kö- 
nigin rebellirte in Nancy, 1792 war die ganze Französische Armee, 
mit Ausnahme der Emigranten^ unter republikanischen Fahnen. Die 
rohe Volkskraft, insofern sie in einer Revolution als Instrument ge- 
braucht wird, ist die der Hauptstadt, und darauf hat die Landwehr 
wenig Einfluss. — Preuszen, so schlieszt der Aufsatz, hat das Be- 



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248 Carl von Clausewitz. 

dürfniss sein ganzes Volk zu bewaffnen, damit es den beiden Co- 
lossen widerstehen könne, die es von Osten und Westen her be- 
drohen." 

Auf die zögernde und späte Anerkennung des hohen Werthes 
von Clausewitz's Werken übte die politische Partheistellung, die ihm 
zugeschrieben wurde, ihren Einfluss: um so mehr, als seine Werke 
bald nach den Revolutionen in Frankreich, Belgien und Polen, also 
zur Zeit der Gegenströmung, veröffentlicht wurden. 

Clausewitz's Nachlass enthält noch viele bisher nicht veröffent- 
lichte Schriften von hohem Werthe, sie sind theils militairischeD, 
theils aesthetischen und philosophischen Inhalts und zeigen seine 
seltene Vielseitigkeit ; ich erwähne hier nur einen Aufsatz über das 
Französische Volk aus dem Jahre 1807, einen Operationsplan für 
den Fall eines Krieges gegen Frankreich, ein Fragment über Pesta 
lozzi und eine Arbeit über Architektur. Aus Höpfners Geschichte des 
Feldzugs von 1806 ist Clausewitz's Manuscript über denselben Krieg 
bekannt, Höpfner hat es vielfach benutzt, und namentlich einzelne 
der trefflichen Charakterschilderungen gegeben. Aber keineswegs 
ist damit dessen Werth erschöpft, es durfte damals vielleicht wegen 
der einschneidenden Schärfe der Kritik nicht gedruckt werden, heute, 
nach den längst verbreiteten Schriften von Höpfner, Häuszer und 
Gervinus liegt kein Grund vor eine so werthvolle Quelle der ge- 
schichtlichen Forschung im Staube der Archive verschüttet zu lassen. 
Das Manuscript ist wohl bald nach dem Frieden von Tilsit begonnen, 
aber mehrfach umgearbeitet und vervollständigt; aus einem Citate 
sehe ich, dass es nach 1816 vollendet worden. Im Ganzen giebt 
das erste Capitel die Charakteristik von 16 bei der Katastrophe be- 
theiligten Männern, und das bisherige Urtheil der Geschichte über 
Einzelne würde wesentlich nach der Veröffentlichung von Clause- 
witz's Urtheil modificirt werden. Von dem bekannten Lombard er- 
zählt er folgende Anekdote : „Der Vater des Cabinetsraths Lombard 
war nach seiner Erzählung Perrückenmacher, der Vater der Fran 
Barbier eigentlich Regimentschirurg, die damals für wenig mehr 
galten. Der stolz gewordenen Frau war diese Abstammung unan- 
genehm, und der unbefangenere Lombard fragte sie oft: 
Quel vers prefere tu ma ch&re, 

L'hirondelle d'un aile rapide frise la surface des eaux, 
ou rase la surface des eaux 

le premier me rapelle mon pere, le second le tien." 
Dass Clausewitz in einer historisch - politischen Schrift diese 
Anekdote erzählt, ist bezeichnend. Der ernste Mann war höchst 



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Carl von Clausewitz. 



249 



empfänglich für das Komische, es konnte oft überwältigend auf ihn 
wirken, und sein Lachen sich bis zum Lachkrampf steigern. Seine 
Schriften enthalten manche witzigen Vergleiche, so spricht er von 
den Schlüsselstellungen, die ihr zähes Judenleben noch immer in 
den Büchern an einem dünnen Faden fortspinnen, und vergleicht 
einen General des siebenjährigen Krieges mit einem Manne, der 
Puten hütet. Blesson, der Clausewitz persönlich kannte, deutet in 
der ersten Recension seiner Werke auf diesen Zug hin. 

Nur einen kurzen Auszug aus seiner Darstellung der Preuszi- 
schen Politik im Jahre 1805, der traurigsten seit Georg Wilhelms 
Zeit, will ich anführen, um einen Begriff von der Bedeutung der 
Schrift zu geben, und zu zeigen, dass sie von der Darstellung 
Häuszers in dessen bekanntem Werke doch in einzelnen wesent- 
lichen Punkten abweicht. Clausewitz hatte von 1808 — 12 und 
1818 — 29 in Berlin in lebendigem geselligen Verkehre mit hoch- 
stehenden Staatsmännern, Hofleuten und Offizieren gestanden und 
konnte manche Quelle benutzen, die den späteren Gelehrten bei 
allem Fleisze und Scharfblicke verschlossen blieb. Aus keinem mir 
bekannten Werke geht mit so ergreifender Klarheit hervor, dass die 
Katastrophe von 1806 die fast nothwendige Folge der Zustände des 
Heeres und Volkes in Preuszen und der Politik der vorangegangenen 
Jahre war. 

Als Bernadotte durch die Fränkischen Herzogthümer marschirte, 
ohne es angesagt zu haben, erliesz Hardenberg eine energische Note 
an den Französischen Gesandten, und den Russen wurde der Durch- 
marsch durch Schlesien erlaubt. Preuszen näherte sich den Ver- 
bündeten, Kaiser Alexander kam selbst nach Berlin und vollendete 
durch persönliche Ueberredung den Entschluss des Königs zum Bei- 
tritte. Am 3. November 1805 wurde die Convention von Potsdam 
geschlossen, in welcher Preuszen erklärt den Verbündeten beizutreten, 
wenn kein allgemeiner Friede auf der Basis der Friedensschlüsse 
zu erhalten wäre. Haugwitz sollte das Ultimatum Napoleon über- 
bringen. Er reiste spät ab und langsam, weil er hoffte, dass bis 
dahin die Franzosen die entscheidende Schlacht gewonnen haben 
würden — erst am 25. November traf er in Wien ein. Da der er- 
wartete Schlag noch nicht gefallen war, verschwieg er in der Unter- 
redung mit Talleyrand seinen Auftrag ganz. Am 2. December siegte 
Napoleon bei Austerlitz. Haugwitz reiste zu ihm, traf ihn in Brünn 
und schlo8s am 15. December mit ihm den Tractat, nach welchem 
Preuszen die Resultate des noch nicht abgeschlossenen Pressburger 
Friedens garantirte, Cleve, Wesel, Ansbach, Neufchatel abtrat und 



I 



4 

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250 Carl von Clausewitz. 

dafür Hannover annahm. Erst am 25. December trat er in Berlin 
ein, um die Nachricht des von ihm, ganz gegen seinen Auftrag, ge- 
schlossenen Tractats zu überbringen. Claucewitz meint, Napoleon 
habe sich von Haugwitz nicht täuschen lassen, und dieser habe ihm 
seinen eigentlichen Auftrag — das zu stellende Ultimatum — nicht 
verhehlt, aber hinzugefügt, er habe ihn nur übernommen, um dem 
Wahnsinne vorzubeugen, wozu der herrliche Sieg bei Austerlitz Ge- 
legenheit böte. Es ist das ein Zug der feinen psychologischen Cha- 
rakteristik, die Clausewitz's historische Schriften zeigen; wer Haug- 
witz's grenzenlose Eitelkeit aus dessen Schrift über diese Verhand- 
lungen kennt, wird Clausewitz's Erklärung für höchst wahrschein- 
lich halten. Haugwitz bildete sich ein in besonderer Gunst bei Na- 
poleon zu stehen, und verdankte diesem von der Regierung getheilten 
Irrthume zum Theile seinen anseligen Einfluss. Napoleons Interesse 
war damals, noch nicht mit Preuszen zu brechen, im nächsten 
Jahre stand es ihm allein gegenüber. In Berlin war erst allgemeine 
Entrüstung, Hardenberg legte das Ministerium der auswärtigen An- 
gelegenheiten nieder. Clausewitz sagt: „Man muss Uber HaugwhVs 
Kühnheit erstaunen, es sind die Wirkungen einer an keine Klarheit, 
Festigkeit und Strenge gewöhnten Regierung, mit deren Absichten 
ein liederlicher Kopf, wie Haugwitz, spielen durfte. Aber die In- 
dignation schwacher Menschen erliegt immer den Streichen kalter 
List und entschlossener Schlechtigkeit." Um den Verrath gegen 
England zu neutralisiren wurde Haugwitz nach Paris geschickt, er 
sollte die Modification des Vertrages erlangen, dass der Austausch 
der Länder erst nach geschlossenem Frieden, also mit Zustimmung 
Englands, geschehen dürfe; — Napoleon hielt ihn hin und forderte 
dann den sofortigen Austausch, dem der Befehl hinzugefügt wurde, 
dass Preuszen England seine Häfen verschlieszen solle — und auch 
das unterzeichnete Haugwitz am 14. Februar 1806. 

Clausewitz billigt den Plan des Herzogs von Braunschweig beim 
Beginne des Krieges eventuell eine Defensivstellung zu nehmen, in 
welcher die Armee die natürliche Rtickzugslinie zur Seite hatte, nnd 
sagt:. „Gegen diesen Plan, der mir nie anders als einfach, natürlich 
und verständig vorgekommen ist, waren Hohenlohe und Massenbach 
empört. Gewöhnlich wird die Katastrophe von 1806 auf diese schiefe 
Aufstellung zurückgeführt, das ist aber durchaus falsch, wer die 
schiefe Aufstellung hinter der Saale als einen nothwendigen Grund 
des Unglücks ansieht, ist ein Ignorant in der Kriegsgeschichte. 
Friedrich der Grosze hat solclie Stellungen oft freiwillig gewählt, 
und er durfte es bei der moralischen Ueberlegenheit seines Heeres." 



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Carl von Clausewitz. 



251 



Die Siege von Mars la Tour und Gravelotte bewähren es aufs 
Neue. 

Clausewitz meint, die Preuszische Armee hätte sich vor der 
Schlacht bei Jena, mit Ausnahme der unglücklichen Gefechte bei 
Schleiz und Saalfeld und der Entsendung von 12,000 Mann nach 
Franken, in so günstiger strategischer Lage befunden, als ihre phy- 
sische und moralische Stärke zuliesz. „Alles, was von Zeitschrift- 
stellern über die verderbliche Lage der Preuszischen Armee gesagt 
worden, ist ohne jeden Grand, ist ein Raisonnement, das in der Luft 
schwebt, in willkührlichen, veränderlichen Richtungen sich hin und 
her dreht, und deshalb lauter willkührliche Resultate hat; so ist 
über diesen Gegenstand eine wahre Spiegelfechterei in hochtönenden, 
hohlen, ganz nichtssagenden Phrasen gemacht worden." Er legt den 
Accent auf die schlechte Organisation und Administration der Heere, 
den ungeschickten Verpflegungsmodus, die unfähigen alten Offiziere, 
die willenlose, schwankende Politik, nicht auf einzelne Bewegungen 
und Stellungen. Aus Höpfner ist die Beschreibung des Helden- 
kampfes des Grenadier-Bataillons Prinz August bei Prenzlau be- 
kannt. Clausewitz fügt hinzu: „Die Verhältnisse jeder Art waren 
flir die 250 Infanteristen gegen 1500 Mann Cavallerie so ungünstig 
als möglich; die Infanterie war erschöpft, hatte schlechte Gewehre, 
formirte hohle Quarre's, die Cavallerie war dreist und tibermtithig. 
Aber ich habe mich tiberzeugt, dass es nun einmal in der Natur der 
Cavalleristen ist, sich bei solcher Gelegenheit nicht todt schieszen 
lassen zu wollen. Gewöhnlich glaubt man, dass die feindliche Ca- 
vallerie im Augenblicke, wo sie umdreht, ohne Gefahr hätte hinein- i. 
reiten können; das ist aber eine falsche Vorstellung; das Feuer der 
Infanterie, in welcher Form es auch gegeben werden mag, reiszt 
nicht so schnell ab, dass die Cavallerie nicht bei fortgesetztem Ein- 
reiten nähere Schüsse, zuletzt ä bout portant, bekäme, und diese 
sind es, die jeder scheut." » 

Diese kurzen Mittheilungen werden gentigen, um die Bedeutung 
des Manuscripts von 1806 zu zeigen; zum Schlüsse bitte ich noch 
auf einen Brief aus dem Jahre 1827 an den damaligen Major von 
Röder hinweisen zu dürfen, in welchem Clausewitz die Grund- 
gedanken seiner Werke in seltener Klarheit ausspricht. Der Chef 
des General8tabes, Mtiffling, hatte seinen Offizieren Aufgaben über 
mögliche Operationen gegen Oesterreich gestellt, mit Berechnungen 
von Zeit und Raum; ferner war gefragt, welche Operation Oester- 
reichs für Preuszen am gefährlichsten werden und wie ihr am besten 
begegnet werden könne. Die allgemeine Aufstellung des Preuszischen 



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252 Carl von Clausewitz. 

Heeres war anzugeben. Bei der Generalstabsreise, die sich daran 
schloss, war Röder Chef des Generalstabes der Oesterreichischen 
Armee an der Elster. Als Basis des Memoire war gegeben: 
Oesterreich hat 130,000 Mann an der Gränze, 
Sachsen kann mit 30,000 Mann dazu stoszen, 
Preuszen hat 5 Corps ä 30,000 Mann. 
Röder schickte die Aufgabe mit zwei Lösungen an Clausewitz und 
bat um dessen Meinung. 

Clausewitz antwortet: „Verzeihen Sie mir, wenn ich ab ovo be- 
ginne, denn nichts entbehrt so sehr aller Grundlagen, d. h. aller 
ganz wahren und notwendigen Beziehungen, als die sogenannte 
Strategie. Der Krieg ist kein selbstständiges Ding, sondern die 
Fortsetzung der Politik mit veränderten Mitteln, daher sind die 
Hauptlineamente aller groszen strategischen Entwürfe groszentheils 
politischer Natur, und immer um so mehr, je mehr sie das Ganze 
des Krieges und Staates umfassen. Der ganze Kriegsplan geht un- 
mittelbar aus dem politischen Dasein der beiden kriegführenden 
Staaten, sowie aus ihren Verhältnissen zu einander hervor. Aus 
dem Kriegsplane geht der Feldzugsplan hervor, der oft mit ihm 
identisch ist. Aber auch in die einzelnen Theile des Feldzugs zieht 
sich das politische Element, und in fast jedem groszen Acte des- 
selben, z. B. in einer Schlacht, wird sich noch dessen Einfluss zeigen. 
Nach dieser Ansicht kann von einer rein militairischen Be- 
urtheilung eines groszen strategischen Ganzen nicht die Rede 
sein, ebensowenig von einem rein militairischen Entwürfe. Dass 
diese Ansicht eine ganz nothwendige, bedarf keines Beweises, dass 
sie aber bis jetzt nicht festgestellt worden, dass man bis jetzt immer 
das rein Milita irische eines groszen strategischen Entwurfes von dem 
Politischen hat trennen und letzteres als etwas Ungehöriges hat be- 
trachten wollen, ist ebenso wahr." 

„Wie ist es nur möglich einen Feldzugsplan für ein oder mehr 
Kriegstheater zu entwerfen, ohne den politischen Zustand der Staaten 
und ihre Constellation zu einander anzugeben. Das führt zu den 
gröszten Absurditäten. Jeder grosze kriegerische Entwurf geht ans 
einer solchen Masse individueller Umstände hervor, die ihn so und 
nicht anders bestimmen, dass es unmöglich ist einen iingirten Fall 
so festzustellen, wie es der wirkliche sein würde. Man vergleicht 
z. B. Bonaparte mit Friedrich II. zuweilen, ohne viel daran zu 
denken, dass der eine 5, der andere 40 Millionen Unterthanen hatte, 
aber ich will nun auf eine andere, viel unmerklichere Distinction auf- 
merksam machen, dass Napoleon ein Usurpator war, der seine un- 



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Carl von Clausewitz. 



253 



geheure Macht durch eine Art beständigen Hazardspiels gewonnen 
hatte, der, während des gröszten Theils seiner Laufbahn, nicht ein- 
mal einen Erben hatte, dass aber Friedrich II. ein wahres Patri- 
monium verwaltete. Wenn Beide in ihrer Individualität von der 
Natur genau dieselben geschaffen wären, wäre es möglich, dass die- 
selben auf gleiche Weise handelten? Gewiss nicht, und schon aus 
diesem Grunde darf man Beide nicht mit demselben Maasze messen." 

Vor Allem will Clausewitz wissen, ob die Oesterreicher Preuszen 
niederwerfen oder sich mit einem beschränkten Ziele begnügen 
wollen, die grosze Mehrzahl aller Kriege zeigt, dass nur dies be- 
schränktere Ziel erstrebt worden. Schwer ist zu bestimmen, was 
die gefahrbringendste Operation ist; die Theorie muss bei der Ver- 
teidigung anfangen, weil alle im Frieden bestehenden Anordnungen 
der Kriegsverfassung auf sie gerichtet sind, und weil die Anordnun- 
gen der Verteidigung erst den Angriff ins Leben rufen, der ohne 
sie keine Data hätte. „Die Aufgabe ist viel zu unvollständig, um 
eine Auflösung zuzulassen, die eine innere Nothwendigkeit hätte." 
Sich zu einer der Lösungen wendend fährt er fort: „Mit dem Vor- 
theile der Initiative ist hier der Vortheil der Ueberraschung ge- 
meint, nur dadurch hat sie Vortheile, sonst ist sie im 
Kriege jedesmal nachtheilig, so gut wie im Spiele. 
Was heiszt es, die Preuszische Armee soll Herr ihrer Bewegungen 
bleiben? Sie ist um so mehr Herr ihrer Bewegungen, je mehr sie 
ihre Aufstellung vorwärts nimmt, denn um so mehr mögliche Di- 
rectionen fUr den Rückzug nimmt sie hinter sich. Dieser Ausdruck 
ist eine der verderblichsten strategischen Phrasen, weil er mehr als 
andere gebraucht wird, und Niemand sich verpiiichtet fühlt eine 
eigentliche Beziehung näher anzugeben. Die Schlacht wird hier als 
ein Uebel dargestellt, wenigstens die Schlacht, die man ohne Zögern 
geben muss. Hier treffen wir auf den Morast verworrener Begriffe, 
welcher die alte Generalstabswissenschaft ausmacht. Gegen einen 
entschlossenen Gegner, der selbst die Schlacht nicht scheut, giebt 
es kein Aequivalent für die Schlacht. Hat der Vertheidiger sich in 
einer zu starken Stellung aufgestellt, so zwingt er den Angreifer 
vorbeizugehen; in diesem Vorbeigehen liegt für den Vertheidiger, 
wenn seine Stellung gut gelegen war, ein Vortheil, aber dieser Vor- 
theil wird nur zur Realität, wenn er den Angreifenden in diesem 
Vorbeigehen en flagrant delit, wie Bonaparte sagt, angreift. Also 
ohne Schlacht kann es immer nicht abgehen." 

In der einen Lösung der Aufgabe tadelt er weniger die Re- 
sultate als die Beweisform. „Ich hasse diese Terminologien, durch 



I 

254 Carl von Clausewits. 

welche man den besonderen Fall auf etwas Allgemeines und Not- 
wendiges zurückzuführen glaubt. Die Strategen verfahren mit diesen 
Terminologien als ob es algebraische Formeln wären, deren Richtig- 
keit längst bewiesen wäre, und die man in der Kürze statt der ur- 
sprünglichen Wahrheit brauchen dürfe. Aber diese Terminologien 
sind nicht einmal klare, bestimmte Sätze, sondern sämmtlich relative, 
schwankende Ausdrücke, nach deren wahrem Sinne immer erst ge- 
fragt werden muss. Dies sind sie nicht zufällig, sondern ganz ab- 
sichtlich, eben weil sie nicht auf das Nothwendige zurückgeführt 
und als allgemeine Wahrheiten gezeigt werden konnten, haben ihre 
Erfinder es natürlich gefunden, den Vorstellungen einen gewissen 

Spielraum zu gewähren. Ihre Lösung (die des Majors von 

Röder) der Aufgabe befriedigt mich vollkommen durch ihre Einfach- 
heit und Natürlichkeit. Sie haben kein Gerüst von unnützen Ver- 
hältnissen und kein auf blosze Redensarten gestutztes Raisonnement." 
Nur einmal monirt er den Ausdruck „Bewegungskrieg der Division" 
als eine jener schlimmen Terminologien, und fügt hinzu : „Verzeihen 
Sie mir, ich glaube Sie haben sich nichts Klares dabei gedacht" 
Zwei Tage später folgte ein neuer Brief Uber eine mehr ins Einzelne 
gehende Aufgabe. In diesen Briefen spricht sich die Eigenthtimlich- 
keit des Schriftstellers wie des Menschen deutlich aus, sie enthalten 
die groszen Gedanken, die ihn in jenen Jahren, in denen er seine 
hinterlassenen Werke schrieb, vor Allem bewegten; diese Gedanken 
sind nicht nur Grundriss und Fundament des Gebäudes, das zu vollen- 
den ihm nicht vergönnt war, sie bilden auch das Gertist, an das sich 
jede Ausführung, jedes Beispiel lehnt. Ueberall legt er den höchsten 
Werth auf die Persönlichkeit, daher bildet die Charakteristik der 
Feldherrn und Staatsmänner eine der hervorragenden Seiten in seinen 
historischen Werken. Nicht an die abstracten Verhältnisse von Zeit 
und Raum, nicht an die Configuration des Terrains, die Wahl der 
Stellungen ist die Entscheidung geknüpft; Sieg oder Niederlage 
liegt vor Allem in der Seele des Feldherrn; seine Geistesklarheit 
und Willensstärke, die Organisation, die Zucht und der Geist des 
Heeres verbürgen den Sieg. — 

Clausewitz erlebte nicht die späte Erfüllung alles dessen, was 
er und seine Freunde von der Zeit der Fremdherrschaft an vor- 
bereitet hatten; ebenso hatten Heer und Volk in weiteren Kreisen, 
erst lange nach seinem Tode, in Folge der späten Wirkung seiner 
Schriften, die Grösze seines Wesens erkannt — heute wird die höhere 
wissenschaftliche Anschauung im Deutschen Heere durch ihn be- 



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Carl Ton Clausewit*. 255 

stimmt; die Feldztige von 1866 und 1870—71 sind in seinem Geiste 
gedacht und geführt worden. — 

Clausewitz war von mittlerer Grösze und schlanker Figur, das 
Profil war scharf geschnitten, die Gesichtsfarbe, in Folge der sitzen- 
den Lebensweise in Berlin, oft stark geröthet. Im Gespräche be- 
lebten und erheiterten sich die sonst ernsten Züge; die geistreiche 
Stirn, das tiefliegende, aber lebhafte Auge, die meist festgeschlosse- 
nen Lippen erhöhten die Wirkung der oft scharf pointirten, immer 
anregenden Worte. In der eigenen Häuslichkeit, deren Glück er 
innig empfand, im Verkehre mit gleichgesinnten Freunden zeigte 
sich am liebenswürdigsten die Einfachheit und ungetrübte Heiterkeit 
seiner Seele. Damals war das gesellige Leben noch durch eine « 
Conversation gehoben und veredelt, die alle Interessen der Religion, 
der Kunst und Wissenschaft in ihren Kreis zog. Auch in der wissen- 
schaftlichen Discussion, die er liebte, zeigte er seine unerbittliche 
Logik, den Reichthum an Kenntnissen, die ihm immer bereit lagen, 
und die Idealität seines Geistes. Die Wärme und Güte seines Her- 
zens, die Zartheit seiner Empfindung haben alle, die ihm näher 
standen und seinen Verlust lebenslänglich betrauerten, tief em- 
pfunden. 



XIII. 

Das Ende des Bayerischen Heeres im 

Jahre 1812. 

(Schiusa.) *) 

Um uns über die Bewegungen der Französischen groszen Armee 
nach dem Uebergange über die Beresina zu unterrichten, müssen 
wir hier Wrede mit den Seinen auf einige Augenblicke verlassen. 
Von der groszen Armee hatten sich noch etwa 12,000 Bewaffnete 
und 2000 Berittene auf das rechte Ufer der Beresina gerettet und, 
über Zembin, Kamen, Plächtchenitsoui und Ilia marschirend, am 
2. December das Städtchen Molodetschno erreicht. Voran zog das 



*) Man vergleiche Jahrbücher Band XIII, Seite 138 (November 1874). 



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256 Das Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812. 

4 Corps, ihm folgten das 1., der Kaiser mit den Garden, das 9. Corps 
und endlich Ney, mit dem 2., 3. und 5. Corps die Nachhut bildend. 
Aber schon in den nächsten vier Tagen nach dem Beresina-Ueber- 
gange waren von den 14,000 noch Kampffähigen über 30OO wieder 
zu Verlust gegangen und Ney's Arrieregarde so geschwächt und zu- 
sammengeschmolzen, dass Viktor mit dem noch etwa 2000 Mann 
zählenden 9. Corps von Molodetschno an zum Dienste der Nachhut 
bestimmt ward. Den 3. December hielt die Armee Rasttag um 
Molodetschno*), marschirte den 4. December nach Bienitsa und langte 
den 5. December in Smorghoni an-, Viktor hatte mit der Arriere- 
garde am 4. December in Molodetschno übernachtet, nachdem er vor 
0 dem Orte ein ehrenvolles Gefecht mit der nachdrängenden Division 
Tschaglitz von Tschitschagoffs Armee bestanden und die Russen 
blutig zurückgewiesen hatte. 

Da sich nach dem Uebergange über die Beresina die den Kaiser 
unmittelbar begleitende escadron sacrö in der allgemeinen Verwirrung 
dieser Tage aufgelöst hatte, so waren die derselben bisher zuge- 
theilten wenigen Berittenen, welche von den sechs Chevauxlegere- 
Regimentern und der Batterie Widemann noch übrig geblieben, 
wieder auf sich selbst allein angewiesen. Sie schlössen sieb daher 
in einen kleinen Trupp zusammen, der zusammen marschirte, über- 
nachtete, abkochte, so gut oder übel es eben gehen wollte. Aller- 
dings verminderte sich auch ihre Zahl mit jedem Tage mehr, sei es, 
dass die einen dem Feinde in die Hände, andere der Krankheit oder 
Kälte als Opfer fielen. Am 29. November auf dem Marsche von 
Zembin nach Kamen erlebten sie den Schmerz, ihren würdigen 
Commandanten Grafen Preysing, nebst seinem Adjutanten Ober- 
lieutenant von Flotow, in die Russische Gefangenschaft fallen zu 
sehen, ohne bei ihrer numerischen Schwäche und der Kraftlosigkeit 
ihrer Pferde einen Versuch zur Befreiung derselben aus der Gewalt 
der zahlreichen und flüchtigen Kosaken wagen zu können**). 

Als die kleine Schaar Bayern am 5. December Nachmittags vor 



*) Aus Molodetschno vom 3. December ward das berühmte XXIX. Bulletin 
datirt, welches, im Moniteur veröffentlicht, das Misslingen des Völkerzuges nach 
Kussland der staunenden Welt officiell bekannt gab; hier kündigte auch Na- 
poleon seinen Lieutenants seine bevorstehende Abreise nach Paris an, die er 
am 5. December von Smorghoni antrat. — 

**) Es gebricht uns hier leider der Raum, um der Gefangennehmung dieses 
vortrefflichen Generals und des von Seite des Oberlieutenants von Flotow hier- 
bei bewiesenen ritterlichen Benehmens mehr als diese kurze Andeutung widmen 
zu können. 



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Das Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812. 257 

Smorghoni anlangte und die dort herrschende arge Verwirrung 
wahrnahm, beschloss sie in einem rechts von der Strasze abseits 
liegenden Dorfe ihr Nachtquartier zu nehmen. 

Schon stand der Topf mit dem frugalen Nachtmahle (Kartoffeln) 
am Feuer, als die berittene Leibwache des Königs von Neapel an- 
langte und die Bayerischen Offiziere wieder aus den Häusern ver- 
trieb. So mussten sich diese, wenn auch im höchsten Grade und 
mit Recht über die ihnen zu Theil gewordene Behandlung entrüstet, 
entschlieszen, ein anderes Nachtquartier aufzuspüren. Sie ritten auf 
einem gebahnten Wege in einen Wald hinein, in der Hoffnung, jen- 
seits desselben wieder ein Dorf zu finden. Aber der Wald wurde 
immer dichter, in der zunehmenden Dunkelheit verloren die müden 
Reiter gar bald den Weg; zudem nahm die Kälte so zu, dass sie 
sich nur durch rasches Reiten vor dem Erfrieren zu retten ver- 
mochten. Endlich, nachdem sie eine gute Strecke so fortgetrabt, 
erblickten sie durch die Stämme des Holzes hindurch das Blinken 
eines Lichtes und erreichten, dieser Richtung folgend, auch nach 
wenigen Minuten ein Litthauisches Dorf. Zum zweiten Male hatten 
sie sichs bald bequem gemacht, der Topf mit Kartoffeln stand aber- 
mals am Feuer, als der Bediente des Hauptmanns Widemann mit 
der Meldung eintrat, dass jenseits des am Hause vortiberflieszenden 
Gewässers Truppen angekommen seien, die sich anschickten ein 
Bivouak zu beziehen. Man deliberirte, was nun zu thun sei, und 
kam endlich tiberein, einen der Offiziersbedienten an's andere Ufer 
als Kundschafter abzuschicken. Während dies geschah, machte man 
sich an die Mahlzeit und fütterte die Pferde, um für den Fall, dass 
die Truppen jenseits des Wassers Russen wären, augenblicklich 
wieder abreiten zu können. Es verfloss eine geraume Zeit und der 
Bediente kam nicht zurück; schon begannen sich die Offiziere über 
dessen langes Ausbleiben zu ängstigen, als nahende Tritte und Säbel- 
geklirre vor dem Hause sich vernehmen lieszen. Die Thtire öffnete 
sich und herein trat — der Bayerische Artilleriehauptmann Baron 
Gravenreuth von Wrede's Corps. Zu diesem gehörten nämlich die 
Truppen, welche jenseits des Flüsschens lagerten. Durch einen 
glücklichen Zufall hatten sich die von Moskau heimziehenden Bayern 
gerade dahin verirrt, wo Wrede am nächsten Tage die Wilia über- 
schreiten zu können hoffte. Und in der That, seine Hoffnung wurde 
nicht zu Schanden. 

Schon der als Kundschafter abgeschickte Offiziersbediente hatte 
an einer festgefrorenen Stelle den Fluss zu passiren vermocht, und 
als Wrede am frühen Morgen des 6. Decembers sich an's Ufer be- 

Jahrbücher f. d. Deutsche Armee n. Marine. Band XIII. 18 



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258 Das Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812. 

gab, fand er, dass die furchtbar gesteigerte Kälte der vergangenen 
Nacht*) die gestern noch schäumenden Wogen der Wilia in eine 
dicke Eisdecke verwandelt hatten. Aber nicht ohne empfindliche 
Opfer sollte das Corps Wrede's seine Errettung aus feindlicher 
Kriegsgefangenschaft erkaufen, denn nicht weniger als 30 Mann der 
auf Vorposten stehenden Bayerischen 20. Division fand der wacht- 
habende Offizier am Morgen des 6. December erfroren am Boden 
liegen, als er seine Vedetten einziehen wollte ; die Uebrigen freilich 
waren um diesen Preis gerettet 

Mit seinem ganzen Corps nebst Geschützen und Munitionswagen 
zog Wrede nun unbehindert über die Wilia und gelangte, der vor 
ihm liegenden Strasze folgend, unweit Smorghoni auf die grosze 
Heerstrasze und damit auch zum ersten Male in directe Berührung ' 
mit dem unaufhaltsam gegen Wilia sich fortwälzenden Strome 
der flüchtigen groszen Armee. Der Anblick dieses ungeheueren 
Elendes wirkte augenblicklich ansteckend auf die Leute von Wrede's 
Corps, die, von einem so jammervollen Zustande von Napoleons Heer 
Nichts ahnend, im Gegentheile in der Vereinigung mit ihm ein Ende 
ihrer Leiden und Entbehrungen zu finden gehofft hatten. Nament- 
lich verlieszen die Leute der Französischen Marsch-Regimenter in 
ganzen Trupps ihre Glieder, um sich unter die Reihen der ordnungs- 
los dahinziehenden Flüchtlinge zu mischen; von dem einen Fran- 
zösischen Cavallerie-Regimente war nach ein paar Stunden nur noch 
der Commandant zu finden. Umsonst machte Wrede, machten seine 
Unterbefehlshaber alle Anstrengungen, um die Auflösung des Corps 
zu verhindern; die leichter erregbaren, aber auch leichter herab- 
gestimmten Franzosen vermochten nicht der Ansteckung Widerstand 
zu leisten ; nur die Deutschen Regimenter, die Bayern, Hessen, West- 
phalen, durch das Beispiel und die Worte ihrer Offiziere ermuntert, 
hielten, in dem allgemeinen Chaos ihren Bestand und die militairische I 
Ordnung aufrecht. Mit der Zeit freilich — und das konnte sich) 
Wrede nicht verhehlen — würden auch sie sich dem allgemeinen 
Loose nicht haben entziehen können, glücklicherweise bog aber schon 
in dem Städtchen Solloui die Strasze nach Slobodka von der groszen 
Hauptstrasze rechts ab, und dieser folgend traf Wrede am Nach- 
mittage des 6. Decembers in Slobodka ein, wohin er nach den ihm 
gewordenen Befehlen im Laufe des Tages marschiren sollte. Aber 



*) In der Nacht vom 5. auf den 6. December 1812 stieg bekanntlich die 
Kälte von 18 Grad auf 25 Grad Reaumur; vergleiche Schütz: Kriege in Europa, 
Band IX ; Abtheilung 2, pag. 75. — - 



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Das Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812. 



259 



in den drei oder vier Standen, welche sein Corps im Geleite der auf 
gelösten Französischen Armee auf der groszen Strasze zurückgelegt 
hatte, war seine Zahl auf die Hälfte herabgeschmolzen -, denn von 
5000 Kampffähigen und 30 Geschützen, die am Morgen dieses Tages 
mit Wrede über die Wilia gegangen, gelangten etwa noch 2800 Mann 
mit 24 Geschützen nach Slobodka. 

Während des 7. Decembers verblieb Wrede daselbst, theils um 
seinen sehr erschöpften Truppen einen Rasttag zu gewähren, theils 
nm die Französische Arrieregarde unter Marschall Viktor in ihrer 
linken Flanke zu sichern. Er zog deshalb auch nicht sein ganzes 
Corps gleichzeitig nach Slobodka zurück, sondern liesz die von 
Solloui nach Slobodka führende Strasze selbst am 7. December noch 
en echelons besetzt halten, namentlich um die zahlreichen Traineurs 
der groszen Armee, die sich seitwärts von der Heerstrasze fort- 
bewegten, so weit wie möglich vor Gefangenschaft zu bewahren. An 
5000 solcher Leute konnte Wrede bis zum 7. December Abends nach 
Wilna in Sicherheit bringen lassen; der gröszere Tbeil von ihnen 
gehörte zu der Division Loison, die noch vor wenigen Tagen 13,000 
Mann stark von Wilna ausgezogen und in Smorghoni mit der Haupt- 
armee zusammengestoszen war. Schon bis dahin hatte die Kälte 
and die ungewohnten Strapazen den bisher in Wilna casernirenden 
Truppen einen Verlust von 3000 Mann verursacht, der sich in den 
nächsten drei Tagen aber noch um das Doppelte vermehrte, denn 
am 9. December zählte die Division Loison kaum noch 3000 Mann*) 

a 4 

Im Laufe des 7. Decembers erhielt Wrede eine Ordre Berthiers 
vom Morgen desselben Tages aus Ochmiana, worin ihm dieser im 
Auftrage Seiner Majestät — das war nämlich der von dem abge- 
reisten Kaiser mit dem Oberbefehle betraute Murat, wovon aber 
Wrede mit keinem Worte in Kenntniss gesetzt wurde — den Befehl 
ertheilte, am 8. December Morgens nach Slob-Choumska zurück - 



*) Nur noch einmal wollen wir auf die Art und Weise, wie Herr Thiers 
Kriegsgeschichte macht, zurückkommen, indem wir auf pag. 521 von Bd. XIV, 
seiner Histoire verweisen. Er zählt hier die Streitkräfte auf, über welche Na- 
poleon, wenn er nur gewollt hätte, noch Anfangs December zu verfügen ver- 
mochte und kömmt zu dem Resultate, dass dieser mit Leichtigkeit innerhalb 
aeht bis zehn Tagen bei Wilna eine Armee von „100,000 combattants bien armeV 1 
hätte vereinigen können. Es würde zu weit fuhren, auf die Details dieser 
groszen Lüge näher einzugehen, aber des komischen Umstandes müssen wir er- 
wähnen, dass Thiers mit echt jesuitischer Ehrlichkeitsmiene versichert, alle seine 
Angaben müssten unfehlbar richtig sein; denn sie seien der Correspondenz 
des — Herzogs von Bassano entnommen! — 

18* 



260 



Das Ende des Bayerischen Heere« im Jahre 1812. 



zugehen und dort den Tag über zu verbleiben; Viktor, mit den 
Resten des 9. Corps und der Division Loison die Arrieregarde 
bildend, würde am 8. December in Miedniki eintreffen. Diesem 
Befehle nach seinem Wortlaute nachzukommen, war jedoch Wrede 
nicht im Stande; seine auf der Strasze nach Solloui vorgeschobenen 
Echelons wurden noch am 7. December Nachmittags vom Feinde 
heftig angegriffen und auf Slobodka zurückgedrängt. Und als er 
am Morgen des 8. Decembers von da aufbrach, um nach Slob- 
Choumska zu marschiren, beunruhigten erst Kosaken, später aber 
auch Infanterie mit Artillerie die Nachhut seines Corps, welche für 
diesen Tag von den beiden Regimentern der Brigade Coutard ge- 
bildet wurde. Unter fortwährendem Gefechte, wobei die Hessen und 
Westphalen unter ihrem tapfern Generale Coutard eine bewunderungs- 
würdige Kaltblütigkeit an den Tag legten, gelangte Wrede nach 
Slob-Choumska, das er aber nach allen Seiten so offen und leicht 
zugängig gelegen fand, dass er bei dem gänzlichen Mangel an ver- 
wendbarer Cavallerie*) es nicht gerathen erachtete, hier Halt zu 
machen. Er zog deshalb noch etwa zwei Wegstunden weiter nach 
Kena, wo er die Nacht Uber zu bleiben und aller nur irgend ent- 
behrlichen und seinen Marsch erschwerenden Gegenstände sich zu 
entledigen beschloss. Zu dem Ende beauftragte er seinen Artillerie- 
Commandanten Oberstlieutenant von Zoller, die sämmtlichen Ge- 
schütze des Corps nach Wilna zurückzubringen und mit ihnen auszer- 
halb der Stadt einen Park zu beziehen. Noch am selben Tage ver- 
liesz die Artillerie den Ort; nur drei Sechspfünder der 4. Bayerischen 
leichten Batterie Gravenreuth blieben unter den Befehlen des Ober- 
lieutenants Klier beim Corps zurück. Es war höchste Zeit, dass 
Wrede diese kostbaren Lasten — leider nur für wenige Tage — 
in Sicherheit brachte, denn noch in der Nacht vom 8. auf den 
9. December traf ein Befehl Berthiers, datirt aus Wilna den 8. De- 
cember 9 Uhr Abends, bei ihm ein, welcher die Aufforderung ent- 
hielt, sogleich nach Empfang der Ordre nach Roukoni an der groszen 
Minsker-Wilnaerstrasze abzumarschiren, wo er die weiteren Befehle 
des Herzogs von Elchingen erhalten werde, dem Seine Majestät 
(Joachim I. von Neapel) den Oberbefehl der Arrieregarde Ubertragen 



*) Ueber seine Reiterei berichtete Wrede aus Kena den 8. December an 
Berthier: „Je n'ose plus mettre ma cavallerie en bataille; eile est si fondne, 
depuis qu'elle s'est approche" k la grande armee, ou une gründe quantite des 
hommes courent apres leurs regimenta, que je dois prdferer de n'employer que 
de l'infanterie a rarriere-garde." 



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Das Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812. 201 

« 

habe. „Arriv6 lä (ä Roukoni)," fährt das Schreiben fort, „c'est votre 
Excellence qui se trouvera faire notre arriere-garde. Si nous avons 
encore des trainards, vous les protegerez et yous anrez grand soin 
de vous faire eclairer aussi bien que possible sur votre droite et sur 
votre gauche. Les troupes du Duc d'Elcbingen (2. et 3ieme Corps) 
doivent vous soutenir. — Sa Majeste* compte sur vos talents et sur 
votre zele dans cette circonstance, oü vous allez §tre ä m6me de 
rendre de grands Services ä l'armce." 

Die Ueberzeugung von dem Verderben, welches dieser in eine 
Wolke ungewohnter Schmeicheleien verhüllte Auftrag den Resten 
seines Corps bringen musste, lähmte in Wrede nicht den Eifer, mit 
dem er jeden gefahrvollen und wichtigen Auftrag zu erfüllen ge- 
wohnt war; unmittelbar nach Empfang der Ordre zogen seine schwa- 
chen Streitkräfte von Kena nach Roukoni. Es war ein ungangbarer, 
durch dichten Wald führender Seitenweg, den man im Dunkel der 
Nacht zurücklegen musste, und nicht weniger mangelte die Kraft, 
sich durch den mehrere Fusz hohen festgefrorenen Schnee der Co- 
lonne nachzuschleppen, die so, wieder um einen guten Theil schwä- 
cher, aber noch vor Tagesanbruch, in die neue Position einrückte. 

Zu seiner Ueberraschung fand Wrede, dort angekommen, weder 
die versprochenen Truppen des 2. und 3. Corps, welche ihn unter- 
stützen sollten, noch ihren Anführer, Marschall Ney, der zu einer 
Besprechung mit Berthier nach Wilna zurückgeritten war; nur Mar- 
schall Viktor, von einigen hundert Mann umgeben, hielt am Platze 
und liesz die Entsetzen erregenden, zahlreichen Schaaren der Trai- 
neurs an sich vorüberziehen. So sah sich denn General Wrede auch 
hier wieder auf seine eigene Kraft angewiesen; zudem konnte er 
sich darüber nicht täuschen, dass die auf der Strasze von Slobodka 
gegen Wilna vorrückende feindliche Vorhut Wittgensteins nunmehr, 
da durch den Rechtsabmarsch Wrede's diese Strasze von allen 
Truppen entblöszt war, keinen Augenblick säumen würde, gegen 
Wilna vorzurücken und dadurch seinen Rückzug dorthin im hohen 
Grade zu gefährden. Aber umsonst theilte er diese seine Bedenken 
wiederholt dem Majorgeneral mit und bat um Absendung einer, 
wenn auch nur kleinen Truppenabtheilung in der Richtung gegen 
Kena. Es geschah dieses nicht, wie auch sonst von alledem Nichts 
geschah, was noch hätte geschehen sollen und können: es bestand 
in diesen Tagen factisch kein Armeecommando im Französischen 
Heere mehr. Napoleon näherte sich bereits den Thoren Warschaus, 
Murat, von der Wucht der ihm plötzlich auferlegten Verantwortlich- 
keit erdrückt, hatte seinen ohnehin unklaren Kopf vollends verloren, 



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262 Das Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812. 

and Berthier war in Folge der überstandenen Strapazen nnd beim 
Anblicke des hereinbrecbenden Schicksals körperlich nnd geistig 
wie vernichtet und unfähig zum Befehlen geworden*). So befahl 
eben Niemand mehr, und wenn in den Tagen des Rückzuges von 
Wilna an den Niemen wieder eine Art von Befeblsgebung wenigstens 
in den Reihen der Französischen Arri&regarde stattfand, so war dies 
lediglich der eisernen Festigkeit des Herzogs von Elchingen zu 
danken, den seine Kampflust immer dahin rief, wo Gefahr nnd Tod 
zu finden waren. Vorläufig war aber Ney noch nicht da und Viktor 
schloss sich mit seinen wenigen Getreuen den Flüchtlingen an, die 
dem bereits am westlichen Horizonte sichtbaren Wilna entgegen- 
wankten. So blieb es denn dem Bayerischen Generale tiberlassen 
die Anordnungen zu treffen, um den sich scheu, aber stetig nähern- 
den Kosakenschwärmen von Tschitschagoffs Avantgarde das allzn- 
rasche Vordringen zu verwehren. Und Wrede traf diese Anordnun- 
gen mit der Umsicht und Besonnenheit, die ihn in den Momenten 
der Gefahr niemals verlieszen, und die ihn, in Verbindung mit der 
ihm angebornen Kühnheit und Waghalsigkeit, zu dem ausgezeichne- 
ten Truppenführer machten, als welcher er stets die höchste Be- 
wunderung verdient. Am 9. December um 10 Uhr Vormittags, nach- 
dem die letzten Traineurs der groszen Französischen Armee vorüber 
waren, setzte General Wrede sein kleines Corps in Bewegung. 
Voran zogen die Trümmer der Französisch-Bayerischen Cavallerie, 
der sich auch die aus Moskau zurückgekehrten Offiziere und Sol- 
daten der Bayerischen Chevauxlegers-Regimenter und der Batterie 
Widemann angeschlossen hatten. Dienstleistungen waren bei dem 
Zustande ihrer Pferde von den Reitern keine mehr zu erwarten, 
man durfte froh sein, wenn sich die Thiere im müden Schritte bis 
zum Niemen schleppen würden. Diesen Berittenen folgten auf der 
Strasze die drei Bayerischen Geschütze des Oberlieutenants Klier 
an der Prolongeleine, rechts der Strasze zog die Brigade Coutard. 
links derselben die 19. Bayerische Division, beide in geschlossenen 
Colonnen marschirend; rückwärts zwischen diesen folgte die 20. 
Bayerische Division, die äuszerste Spitze der Nachhut bildend. 

Langsam und schweigend setzte die Truppe so ihren Marsch 
auf der spiegelglatten Strasze fort bis zum Mittag ; nur selten unter- 
brach ein vereinzelter Flintenschuss die düstere Stille, wenn sich 



*) Vergleiche darüber Thiers tome XIV, pag. 524 und 530, dem man hier, 
da für ihn kein Grund zu einer Unwahrheit vorliegt, ausnahmsweise wieder ein- 
mal glauben darf. — 



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Das Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812. 263 

■ 

ein Hänfen Kosaken zu nahe heranwagte. Hin und wieder stockte 
auch der Zug, wenn man auf einen Fourgon stiesz, in dem man 
Branntwein oder Lebensmittel zu finden hoffte, und dessen Be- 
deckungsmannschaft, neben der Bespannung erfroren zu Boden lie- 
gend, sich der Durchsuchung des Wagens nicht mehr widersetzen 
konnte. Gierig zerschlugen die hungrigen Leute den Deckel und 
fanden — Fässer mit Gold gefüllt. Was half ihnen Gold in dieser 
verlassenen, ausgeplünderten Schneewüste; und dennoch stopften 
manche in blinder Habgierde ihre Taschen voll mit dieser kostbaren 
Last, warfen auch ihre Waffen weg, die sie bisher mit Ehren ge- 
führt, nur um recht viel von diesen Schätzen mit forttragen zu 
können. Einigen gelang es, bis zu 80,000 Franken in doppelten 
Napoleond'ors mit sich fortzuschleppen; aber wie lange währte es, 
so erlagen sie dem Gewichte ihres Raubes und fielen den nach- 
setzenden Kosaken als reiche Beute in die Hände. 

Als sich Wrede's Corps um Mittag Wilna bis auf eine Stunde 
genähert hatte, gewahrte er auf einer vor sich liegenden, sanften 
Anhöhe eine zahlreiche Linie Cavallerie und Artillerie aufgestellt, 
in der er die endlich aus der Stadt entgegengeschickten Truppen 
der Division Loison zu erkennen glaubte. Mit seiner Suite sprengte 
er der Marschcolonne voraus auf die Trnppenlinie zu, als ihm plötz- 
lich ein Kartätschenhagel entgegenprasselte; bald darauf näherte 
sich ein Russischer Generalstabsoffizier, der ihn aufforderte, mit 
seinem Corps die Waffen zu strecken, da er durch die Division 
Tschoglitz von Wilna abgeschnitten und von einer sechsfachen 
Uebermacht von allen Seiten umgeben sei. Mit Unwillen wies 
Wrede den feindlichen Parlamentair zurück und ertheilte unverweilt 
seinen Truppen den Befehl zum Vorrücken. Weder das vernichtende 
Feuer der vor ihm stehenden feindlichen Batterien, noch die von 
der Strasze von Kena her wie im Rücken mit stürmischer Heftigkeit 
unternommenen Reiterangriflfe vermochten die Festigkeit dieser tapfern 
Deutschen Männer zu erschüttern. In ein Carre* formirt und wie 
auf dem Exercirplatze manövrirend rückten die Bayern, Hessen, 
Westphalen, von der Strasze links abbiegend, unter fortwährendem 
Kampfe, aber unaufhaltsam gegen Wilna fort; mochten ihre Reihen 
auch mit jeder Minute lichter werden, Ordnung und sichere Haltung 
wichen nicht aus ihnen. Erst gegen 5 Uhr Nachmittags gelang es 
der Arrieregarde auf den eingeschlagenen Querwegen die südwest- 
liche Vorstadt von Wilna zu erreichen, wo sie sich nothdtirftig ge- 
deckt aufzustellen vermochte. Den auf dem naheliegenden Hügel 
placirten zehn Geschützen der Russen vermochten sie freilich nicht 

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264 Das Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812. 

mehr zu antworten, da ihre drei noch übrigen Geschütze während 
des Rückzuges im hohen Schnee hatten stehen bleiben müssen 
Glücklicherweise erlahmte mit einbrechender Dunkelheit anch bei 
dem Feinde die Kampflust, da die vor den Thoren Wilna's in langen 
Reihen zurückgelassenen Cassa- und Bagagewagen verführerisch zum 
Beutemachen lockten*). 

Wie viel Leute von Wrede's Corps am Abende des 9. Decembers 
in der Vorstadt Wilna's anlangten, wäre schwer zu ermitteln ; jeden- 
falls waren nicht Wenige in den Nachmittagsstunden dieses Tages 
erlegen. Der noch übrige Rest verfiel endlich ebenfalls dem Gesetze 
der allgemeinen Auflösung; es wäre auch zu verwundern gewesen, 
wie nach allem bereits Vorgefallenen dies Häuflein Braver hätte die 
Kraft bewahren sollen, im Dunkel der Nacht und jedem feindlichen 
Angriffe preisgegeben, von Hunger, Kälte und Ermüdung gepeinigt, 
vor den Mauern einer Stadt auszuhalten, innerhalb welcher sie Schutz 
vor dem Feinde, Feuer, Licht, Speise, Trank, Nachtruhe, kurz Alles, 
was ihnen mangelte — und was maugelte ihnen seit langen Wochen 
nicht! — reichlich zu finden hofften. Als Wrede, der in die Stadt 
geritten war, um von Ney den Befehl an Loison zum Vorrücken 
gegen die Russische Avantgarde zu erwirken, am späten Abende, 
nachdem er dies endlich erreicht, in die Vorstadt zurückkehrte, fand 
er auszer einigen wenigen Offizieren von seinem Corps nichts mehr 
vor. Erst einzeln, dann in ganzen Haufen hatten sich seine Lente 
nach der Stadt geschlichen, in welcher die ganze Armee, wie einst 
in Smolensk, das Ende und die Erlösung von all' ihren Leiden er- 
wartete. — Möge Derjenige, welcher sich keiner Schuld bewusst ist, 
den ersten Stein auf diese Armee werfen! 

Es war aber dies nicht der einzige Schlag, welcher Wrede in 
Wilna treffen sollte: von einzelnen glücklich entronnenen Offizieren 
erfuhr er am Abende des 9. Decembers, dass seine sämmtlichen 



*) Man hat hier dem Rassischen Avantgardeführer den Vorwurf der Kurz- 
sichtigkeit gemacht: statt seine Leute plündern zu lassen, hätte er am Abende 
des 9. Decembers noch seine Truppen zum Sturme auf Wilna vorführen sollen; 
die Stadt und ihr ganzer Inhalt wäre ohne Widerstand sein gewesen. Man 
thut hierin, wie wir glauben, den Russen unrecht: was Werthvolles zu erbeuten 
war, musste, wie die Sachen damals standen, ihnen von selbst in die Hände 
fallen; ein nächtlicher Kampf in den Straszen Wilna's würde auch den ein- 
dringenden Siegern grosze Verluste gekostet haben; zudem waren die Russi- 
schen Truppen des Krieges und des fortwährenden Schlachtens müde geworden 
und wusste damals Niemand, ob der Krieg über den Niemen hinaus fortgesetit 
werden würde. - 



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Das Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812. 265 

Depots, die, wie wir wissen, zu spät von Danielowitsche, Koubouil- 
niky, Postawoui, Swir, Michaelitzky nach Wilna zurückbeordert 
worden, dem Streifcorps des Bussischen Obersten Tettenborn in die 
Hände gerathen seien ; darunter befand sich auch die in Michaelitzky 
gestandene Batterie Dietrich und eine beträchtliche Anzahl Bayeri- 
scher Offiziere*). 

Den Bemühungen Wrede's und seiner Offiziere gelang es in der 
schrecklichen Verwirrung der Nacht vom 9. auf den 10. December 
allmälig wieder eine kleine Schaar Bayern zu vereinigen; aber es 
waren nicht mehr als 300 Mann Infanterie und einige 20 Chevaux- 
legers, die sich am Morgen des 10. Decembers auf dem Platze vor 
dem Wilnaer Rathhause versammelten; die Hessischen und West- 
phälischen Regimenter hatten sich in der Nacht gänzlich und ftir 
immer aufgelöst**) und zu ihren bei der groszen Armee befindlichen 
Kameraden und Landsleuten gesellt ; von den Franzosen waren schon 
am Tage vorher die letzten davongegangen. Aber so klein diese 
Schaar der Bayern auch war, so war sie dennoch mit Ausnahme 
der etwa noch 2000 Mann zählenden Division Loison die einzige 
noch irgend kampffähige Truppe des ganzen groszen Heeres. Wrede's 
und Loisons Abtheilungen wurden demnach auch von Wilna aus 
wieder als Nachhut bestimmt und unter Ney's Befehle gestellt. 

Um 8 Uhr griff die Russische Avantgarde die vor der Stadt 
und in den Vorstädten aufgestellte Division Loison an, und um 
10 Uhr gab Ney den Befehl den Rückzug anzutreten. Es ist hier 
nicht der Ort, eine Schilderung von dem chaotischen Zustande zu 
versuchen, der in Wilna bei dem Abzüge der letzten geordneten 
Truppen herrschte; es genügt zu sagen, dass die Russischen Corps 
der Generale Tschaplitz, Platow, Orurk, den abziehenden Franzosen 
auf den Fersen folgend, bald nach 10 Uhr in die Stadt drangen, wo 
ihnen, auszer den dort aufgespeicherten unermesslichen Lebensmittel- 
vorräthen und Magazinen aller Art, an 250 Generale und Offiziere 



*) In Koubouilniky allein geriethen 25 Offiziere des Bayerischen Heeres 
in die Gefangenschaft Tettenborns; darunter der Unterlieutenant Tettenborn des 
ersten Linien-Infanterie-Regiments König, ein Neffe des Obersten, in dessen 
Armen der am Nervenfieber Darniederliegende noch am selben Tage starb. 

**) Der Augenzeuge Fürst August Taxis erzählt in seinem Tagebuche, dass 
er am Morgen des 10. Decembers beim Abmärsche aus Wilna dem Obersten 
des bei Wrede's Corps gestandenen Westphälischen Regiments begegnet sei 
und dass dieser die beiden Fahnen seines Regiments mit sich auf seinem Pferde 
fortbrachte, weil er keinen einzigen seiner Leute mehr hatte, um solche zu 
tragen. — 



266 Daa Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812. 

und 9000 Mann, die aus Entkräftung oder Gleichgültigkeit zurück- 
blieben, und über 5000 Mann in den Spitälern in die Hände fielen. 
Auch der gröszte Theil der Cassa- und Bagagewagen gerieth hierbei 
in ihren Besitz, und was hiervon aus Wilna allenfalls noch fortge- 
schafft worden, musste eine Stunde unterhalb Wilna's, am Fusze des 
Ponaryberges, zurückgelassen werden, da die abgetriebenen und aos- 
gehungerten Pferde absolut nicht mehr im Stande waren, die steile 
und hartgefrorene Böschung hinaufzuklimmen, geschweige denn eine 
schwere Last hinaufzubewegen. Sämmtliche Wagen des Kaisers, 
der Marschälle, Generale, Cassa- und Bagagewagen, Geschütze, Am- 
bulancen, Munitionskarren, kurz, alles Material der Armee, was nicht 
schon früher verloren gegangen, blieb hier als Beute des Feindes 
zurück. 

Als Wrede, der mit Ney, Junot und Hogendorpp und zahlreichen 
andern Generalen an der Spitze seiner Bayern aus Wilna ritt, am 
Ponaryberg anlangte, gewahrte er mit schmerzlicher Empfindung, 
dass auch die 15 Geschütze der Batterien Gravenreuth, Gotthardt 
und Halder, welche er zwei Tage früher von Kena nach Wilna 
zurückgeschickt hatte, sich in diesem wirr verfahrenen Knäuel von 
Fuhrwerken aller Art befanden. Umsonst hatte Oberstlieutenant von 
Zoller alle Kräfte seiner Leute im höchsten Grade angestrengt, um- 
sonst hatte er an 20 Pferde an ein Geschütz angespannt — die 
Schwäche von Menschen und Thieren, die Glätte des Bodens spotte- 
ten aller seiner Bemühungen. Um den auf solche Weise vollständig 
versperrten Berg herummarschirend und erst jenseits desselben wie- 
der in die Hauptstrasze einbiegend, langte Wrede mit seinen Bayern 
gegen Abend in Ev6 an, wo Stellung genommen wurde. Da dieselbe 
jedoch von allen Seiten zu umgehen war, so beschloss Ney schon 
um 2 Uhr Morgens wieder, dieselbe zu verlassen und nach Zimoroni 
zu marschiren. Bis jetzt zwar hatte man weder auf dieser Strasze 
noch auf jener über Novo Treki führenden, wo sich die Division 
Loison zurückzog, Etwas von einer feindlichen Verfolgung wahr- 
genommen. Die Russen waren zu sehr mit der Plünderung der ge- 
fahrlos erworbenen ungeheuren Beute beschäftigt, als dass sie die 
Trümmer des feindlichen Heeres von Ort zu Ort hätten jagen mögen. 
Aber endlich musste doch einmal von Seite ihrer Führer der Ver- 
such unternommen werden, das Versäumte mit doppeltem Nachdrucke 
einzuholen, und dann war es nicht gerathen, sich in ungedeckter 
Stellung von zahlreicher Reiterei angegriffen zu sehen, die man 
weder durch Geschützfeuer in Entfernung halten, noch durch die 
eigene Cavallerie zurücktreiben konnte. Am Morgen des 11. Dec 



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Daß Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812. 267 

'tickte Ney mit Wrede's Bayern in Zimoroui ein, von wo soeben 
Serthier, der hier übernachtet hatte, aufzubrechen im Begriffe stand. 
Der Majorgeneral, von dem eiligen Rückzüge der Arrieregarde be- 
troffen, liesz den Herzog von Elchingen hierüber ziemlich barsch an, 
worauf dieser, über die Ungerechtigkeit des Vorwurfes piquirt, ant- 
wortete, dass er sich nun nicht weiter zurückziehen werde, bis er 
von einer Uebermacht gedrängt sei. Dass Ney diesen einmal aus- 
gesprochenen Entschluss in vollem Sinne des Wortes ausführen 
würde, dafür bürgte die zähe Testigkeit seines Charakters; dass 
aber dann auch der Rest der Bayern innerhalb weniger Stunden 
vernichtet sein müsste, war unter den obwaltenden Umständen nicht 
mehr zu bezweifeln. Und so kam es auch. 

Schon gegen Mittag des 11. Decembers zeigten sich zahlreiche 
feindliche Reiterschaaren, die gegen die Aufstellung der Bayern vor- 
rückten. Als sie aber wahrnahmen, dass sich diese nicht vom Platze 
bewegten, sondern zur Vertheidigung anschickten, verlieszen sie 
rechts und links ausbiegend die Heerstrasze, um den Ort zu um- 
gehen. Wrede hatte seine 20. Division (etwa noch lj50 Mann) unter 
Generalmajor Graf Beckers rechts der Strasze, seine 19. Division 
(etwa noch 110 Mann) unter Generalmajor Lamotte links derselben 
aufgestellt, um den Angriff des Feindes zu empfangen ; seine letzten 
20 Bayerischen Chevauxlegers waren wenige Stunden vorher in einer 
Scheune abseits der Strasze, wo sie ihre Pferde zu füttern versucht 
hatten, von den Kosaken zu Gefangenen gemacht worden. Als Ney 
bemerkte, dass die Russischen Reiter vor der Aufstellung der Bayern 
auszuweichen gedachten, liesz er trotz des Widerspruches Wrede's 
die 19. Bayerische Division ein kleines Gehölz links ab von der 
Strasze besetzen und versuchte mit der 20. Division allein den Ort 
gegen die sich nähernde Russische Infanterie zu vertheidigen. So- 
bald aber der Feind die Trennung der ohnehin so schwachen Streit- 
kräfte der Französischen Nachhut inne ward, schritt er auch unver- 
züglich zum Angriffe. Was geschehen musste, geschah: die 20. Di- 
vision, auf allen Seiten von einer Mehrzahl angegriffen und durch 
die feindlichen Geschütze decimirt, musste endlich von Ney zurück- 
genommen werden, der sich ununterbrochen an Wrede's Seite im 
heftigsten Kugelregen und Kampfgetümmel befand. Unter fort- 
währendem Gefechte und starken Verlusten zog sie sich nach 
Roumchichki, unweit des Niemens, zurück, wo sie am Abende noch 
68 Mann stark ankam. Nach einer am Bivouakfeuer durchbrachten . 
Nacht retteten sich am Morgen des 12. Decembers noch 20 be- 
waffnete Leute und vielleicht ebenso viele Offiziere dieser ehemals 



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268 Das Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812. 

12,000 Mann starken Division Uber den Niemen. Nicht einmal so 
glücklich war die 19. Division; denn von ihrer Rtickzugslinie ab- 
geschnitten und dadurch genöthigt, auf gut Glück einen Weg nach 
dem Niemeu zu suchen, fielen ihre letzten Reste, etwa 12 Mann mit 
ebenso vielen Offizieren am 12. December Vormittags in feindliche 
Gefangenschaft; dem Generale Lamotte und einigen berittenen Offi- 
zieren gelang es, das linke Ufer des Niemen glücklich zu er- 
reichen. 

Die Bayerische Armee war nun vollständig vernichtet, aber zum 
ewigen Ruhme wird ihr gereichen, dass ihre Reste die letzten 
Truppen der groszen Armee*) gewesen, welche noch in Ordnung 
und voller Kampffähigkeit an dem verhängnissvollen Grenzflüsse 
des Russischen Reiches anlangten und erst an dessen Ufern der all- 
gemeinen Auflösung verfielen. Mit diesem ehrenvollen Bewusstseb 
mag sie sich trösten Angesichts der Verdächtigungen, welche Partei- 
leidenschaft und Starameshass auf ihre fleckenlose Ehre und auf 
ihren kriegerischen Ruhm zu schleudern gewagt haben. 

Während General Graf Beckers die letzten Reste der 20. Di- 
vision nach dem Depotplatze des 6. Corps, Balwierzisky, führte, 
wohin schon früher ein Theil der Bayerischen Artillerie zurückge- 
schickt worden, eilte Wrede mit den wenigen Offizieren seiner Suite 
nach Kowno, wo er am 12. December Nachmittags 4 Uhr ankam 
und sich sogleich zu Berthier verfügte. Dieser theilte ihm seine 
Absicht mit, Alles, was von der groszen Armee noch am Leben war, 
nach der Weichsel zurückzudirigiren und in den dort liegenden 
Depotplätzen sich corpsweise sammeln zu lassen. Demgemäsz sollten 
das 1. Corps in Thorn, das 2. in Marienberg, das 3. in Braunsberg, 
das 4. in Marienwerder, das 5. in Warschau, das 6. in Plock, das 
8. in Posen, das 9. in Danzig sich zu organisiren suchen ; Schwarzen- 
berg mit den Oesterreichern und dem 7. Corps sollte vor Warschau 
Stellung nehmen, während Macdonald mit den Preuszen unter York 
und dem 10. Corps Tilsit festhalten sollte; Königsberg, das zum 
Sammelplatze für die Französische Garde bestimmt war, wählte Murat 
zum Hauptquartiere. 

Diesem Dislocationsentwurfe gemäsz erliesz Wrede an den De- 
potcommandanten von Balwierzisky, Oberstlieutenant von Theobald, 



*) Dass von Loisons Truppen noch einige hundert Mann in leidlicher 
militairischer Verfassung über den Niemen zurückkehrten, ist wohl nicht zu 
bewundern, da sie erst am 22. November aus Königsberg in Wilna eingetroffen 
waren. 



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Das Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 18J2. 269 

en Befehl, für die ungesäumte Räumung dieses Ortes Sorge zu 
agen und sämmtliche zum 6. Corps gehörigen Leute, ferner das 
och vorhandene Kriegsmaterial, Geschütze, Wagen etc. über Lyk 
nd Willenberg nach Plock an der Weichsel zu instradiren. Theo- 
ald selbst mit einem schon früher von ihm aus Reconvalescenten*) 
)rmirten Bataillone und der noch am besten bespannten Batterie 
lofstetten sollte den Rückzug dieser formlosen Masse decken. Am 
4. December stiesz Wrede mit ihr zu Kalwary zusammen und ge- 
äitete sie nach Lyk, wo er am 18. December eintraf. Hier formirte 
r aus Theobalds Mannschaft und einigen hundert Soldaten, die sich 
us verschiedenen rückwärtigen Spitälern inzwischen eingefunden 
latten, drei schwache Bataillone, deren Führung er dem Generale 
'oller anvertraute; dann eilte er, dem ungeordneten Heerhaufen 
oran, nach Willenberg, wo er den 19. December Abends eintraf. 

Viel Sorge bereitete ihm in diesen Tagen die Ungewissheit über 
las Geschick der drei aus Bayern erwarteten Ergänzungscolonnen, 
iou welchen ihm bekannt war, dass sie bereits vor längerer Zeit 
lie Weichsel überschritten. Der Zeit nach mussten sie sich jetzt 
)ereits dem Niemen genähert haben, was ihnen jedoch die höchste 
5efahr bringen konnte. In der That hatte auch die erste Ergänzungs- 
lolonne, welche, 1024 Mann Infanterie, 61 Mann Cavallerie und 60 
Pferde stark, unter dem Befehle des Obersten Rodt vom 7. Linien- 
[nfanterie-Regimente am 8. October von Bayreuth abmarschirt war, 
im 13. December Grodno erreicht; ihr Commandant hatte aber bei 
iera gänzlichen Mangel an verlässigen Nachrichten den Beschluss 
^efasst, sich wieder vom Niemen zu entfernen. Auf diesem Rück- 
märsche traf ihn am 15. December Abends in Lomza ein von Wrede 
abgeschickter Ordonnanzoffizier mit dem Befehle, nach Willenberg 
zurückzugehen. Ebenso rechtzeitig wurde die vom Oberst Hoffnass 
des 2. Linien -Infanterie -Regiments befehligte dritte Ergänzungs- 
colonne, welche am 14. October, 1533 Mann Infanterie, 102 Mann 
Cavallerie und 100 Pferde zählend, aus Bayreuth abmarschirt war, 
von dem Rückzüge nach der Weichsel in Kenntniss gesetzt; Oberst 
Rodt traf am 21., Oberst Hoffnass am 22. December in Willenberg 



*) In Balwierzisky befanden sich seit Ende November etwa 1800 Recon- 
valescenten des Bayerischen Armeecorps, von denen jedoch nach einem Berichte 
des Oberstlieutenants von Theobald vom 11. November etwa 2 1 0 Mann bewaffnet 
md nur 100 Mann wirklich dienstfähig waren; der Ausdruck Bataillon ist daher 
auf dieser wie auf den nächsten Seiten nicht im gewöhnlichen Sinne zu ver- 
stehen. Dieser Bericht Theobalds liegt in dem Fascikel: Feld-Lazarethe von 
1 S 1 2 — 1815 in der Registratur des Königl. Bayerischen Kriegsministeriums. 



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270 



Das Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812. 



ein. Mit diesen im höchsten Grade erwünschten Verstärkungen ver- 
eint, zogen die traurigen Reste des 6. Corps nach einigen Ruhetagen 
von Willenberg weiter gegen Plock, wo sie am 28. December ein- j 
rückten. Am 29. December traf dann auch die von Oberst Baron 
Rummel des 10. Linien-Regiments commandirte zweite Ergänzung? 
colonne in Plock eiü, welcher am 10. October mit 1280 Mann In- 
fanterie, 173 Mann Cavallerie, 42 Mann Artillerie und 170 Pferden 
aus Bayreuth abmarschirt und am 19. December in Grodno ange-! 
langt war, wo er auf die Arrieregarde des Fürsten Schwarzenberg 
unter General Fröhlich stiesz, der ihn von der Bewegung Wrede'sj 
nach Plock unterrichtete. 

Bis Kalvary waren die zurückweichenden Bayern von den 
leichten Truppen des Feindes verfolgt worden, welche vom 17. bis 
19. December zwar die Departements Marienpol, Kalvary und Seynie 
besetzten, aber den Rückzug Wrede's nicht weiter beunruhigten 
So konnte dieser nunmehr ohne Gefahr dazu schreiten, eine Reorgani- 
sation seiner Streitkräfte ohne Uebereilung durchzuführen. 

Es war eine schmerzliche Aufgabe, die der General zu erfüllen 
hatte, da sich ihm erst jetzt die ganze unglaubliche Grösze seiner 
Verluste enthüllte. Sein Corps, welches zu Anfang März 1812 m 
einer Stärke von 28 Bataillons*), 24 Escadrons und 9 Batterien mit 
54 Geschützen, d. h. mit 22,500 Mann Infanterie, 3100 Mann Ca- 
vallerie, 1000 Mann Artillerie, 900 Mann Fuhrwesen und 5400 Pferden 
der Cavallerie und des Fuhrwesens aus Bayern abmarschirt war, wel- 
ches im Laufe des Feldzuges 5258 Mann Verstärkung und 838 Pferde 
nachgeschickt erhalten hatte, zählte nach der neuen Formation vom 
L Januar 1813 in einer Infanterie-Division zu zwei Brigaden, einem 
Cavallerie -Regimente zu drei Escadrons, dann drei Sechspfünder- und 
einer Zwölfpflinder-Fusz-Batterie noch 231 Offiziere und 3608 Mann 
Infanterie, 9 Offiziere und 296 Mann Cavallerie, 11 Offiziere und 65 
Mann Artillerie, 3 Offiziere und 35 Mann Fuhrwesen mit 16 Ge- 
schützen**), 308 Reit- und 145 Zugpferde, in Summa 254 Offiziere, 
4004 Mann und 463 Pferde; von diesen 4000 Mann waren 587 Mann 



*) Das 13. Infanterie-Regiment und die in Danzig stehende Batterie Berüff 
bleiben hier selbstverständlich auszer Berechnung. 

**) Die geretteten Geschütze (8 Sechs-, 2 Zwölfpfünder und 6 Haubitzen! 
waren je 6 den Batterien Hofstetten und Wagner, und 4 der Zwölfpfünder 
Batterie Roys; verloren waren gegangen 4 Zwölfpfünder und 2 Haubitzen der 
Batterie Weiszhaupt, 2 Zwölfpfünder der Batterie Roys; 4 Sechspfünder und 
2 Haubitzen der Fusz-Batterie Dietrich, dann 16 Sechspfünder, 8 Haubitzen 
der vier leichten Batterien Widemann, Gotthardt, Gravenreuth und Halder. 



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Das Ende dea Bayerischen Heeres im Jahre 1812. 271 

ohne Waffen; auszerdem lagen 40 Offiziere und 476 Mann, die 
meisten vom Nervenfieber ergriffen, im Spitale zu Plock, und etwa 
400 Mann und 30 Pferde waren in der Umgegend „pour le service 
de l'armce" detachirt. Der von den Bayern im Jahre 1812 erlittene 
Verlust entziffert sich demnach im Ganzen auf 28,500 Mann und 
5780 Pferde; an Trophäen und Material waren dem Feinde 22 
Fahnen, 38 Geschütze*), 12 Reservelafetten, 260 Munitions- und 
318 andere Wagen, die vollständige Bewaffnung für mehr denn 
30,000 Mann, reiche Vorräthe von Munition, Montur u. s. w. in die 
Hände gefallen. An Generalen und Stabsoffizieren befanden sich 
unter den Vorlornen, als todt: die Generale Deroy, Siebein, Vincenti 
(gestorben zu Kalwary, 22. December), Minuzzi (gestorben zu Mün- 
chen, 24. September); die Obersten Graf Preysing, Wreden, Gedoni, 
Düppel, La Roche, Wittgenstein, Lamey; die Majore Tröltsch, 
Straszer, Heinrichen, Rueff, Jett, Hahn, Frank, Zweibrticken, Gad- 
dum, Gravenreuth, von Douve, Tausch, Hazzi u. a.; als gefangen: 
der General Preysing; die Obersten Colonge, Comeau, Dietz, Bern- 
klau; die Oberstlieutenants Scherer, Merz; die Majore Obermayer, 
Schleich, Bieber, Aubert u. m. a. Von Offizieren überhaupt waren 
43 vor dem Feinde geblieben, 148 in den Spitälern gestorben und 
307 in feindliche Gefangenschaft gerathen, in Summa 495 Offiziere 
verloren gegangen, weit über die Hälfte der ganzen nach Rassland 
gezogenen etwa 800 Köpfe starken Anzahl von Offizieren. 

Wie aus alledem hervorgeht, war nur eine verhältnissmäszig 
kleine Anzahl an den Wirkungen der feindlichen Waffen, die unge- 
heure Mehrzahl aber an Krankheiten gestorben und zwar, wie wir 
weiter oben gesehen haben, schon vor Anfang October, also lange, 
ehe die Kälte des nordischen Winters eingetreten war. Was konnten 
denn nun die Ursachen sein, welche bei dem Bayerischen Armee- 
corps, das doch nicht einmal, wie die meisten übrigen der groszen 
Armee, Theil an dem verderblichen Zuge nach Moskau genommen 
hatte, diese so ungewöhnlich bedeutende Sterblichkeit hervorriefen? 
General Wrede giebt uns in einem mit ärztlichem Gutachten reich- 
lich belegten Berichte aus Polotzk vom 28. September 1812 hierüber 
genügenden Aufschluss. In diesem Berichte und seinen Belegen 
finden sich drei mehr oder minder untereinander verschiedene An- 
sichten über den Gesundheitszustand beim 6. Armeecorps ausge- 
sprochen, als deren hauptsächliche Vertreter der commandirende 
General Graf Wrede, der Oberfeldspitalmedicus Dr. Dressler und der 



*) Siehe Seite 270 Note **. 



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272 



Das Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812. 



Oberapotheker Dr. Pettenkofer, betrachtet werden können. General 
Wrede findet die Hauptursache der zahlreichen Erkrankungen in dem 
Umstände, dass die Mehrzahl seines Armeecorps aus Rekruten und 
lange beurlaubt gewesenen Leuten bestehe, die in ihrer kurzen Prä- 
senzzeit sich daher weder an die Disciplin noch an die Lebensweise 
des Soldatenstandes zu gewöhnen vermocht hätten. Er betont be- 
sonders, wie es nicht genüge, um tüchtige Feldsoldaten zu bekommen, 
dass man den vom Pfluge weggenommenen Bauer in eine bunte 
Montur stecke; er hebt hervor, dass die langen Beurlaubungen ein 
zwar für die Finanzen vortheilhaftes, aber für die Armee höchst ver- 
derbliches System seien; er schlieszt endlich, dass hierunter aoeh 
der militairische Geist in den Offizierscorps empfindlich Schaden 
leide und die Offiziere durch Mangel an Beschäftigung zu Excessen 
verleitet würden, welche der Armee nicht zur Ehre gereichten. 
Oberfeldspitalmedicus Dressler findet den Grund hiervon darin, dass 
der an vegetabilische Nahrung, an Milch und Bier gewöhnte Baye- 
rische Landmann ein gröszeres Quantum Lebensmittel zu seiner Er- 
nährung in Anspruch nehme, als ein anderer, der durch die weniger 
günstigen Bodenverhältnisse seiner Heimath auf animalische Nahrung 
angewiesen ist. In Ermangelung der schon von der Weichsel an 
sich täglich vermindernden vegetabilischen Lebensmittel suchte nun 
der Bayerische Soldat seine ohnehin starke und durch die Fatiguen 
des Marsches, die reichliche Transpiration u. s. w. noch mehr ge- 
steigerte Esslust durch ein gleich groszes Quantum von Fleisch zn 
befriedigen, ohne ihm die nöthige Masse an mehligen Substanzen 
hinzuzufügen. Die Folgen hiervon seien dann die häufigen Indi- 
gestionen, Diarrhöen etc. gewesen, die sich bald in die epidemische 
Ruhr verwandelt hätten. Oberapotheker Dr. Pettenkofer endlich er- 
klärt von seinem Standpunkte als Chemiker die überraschende 
Krankheitszunahme im Heere häuptsächlich als die Folge des Man- 
gels an Kohlensäure in der eingeathmeten Luft, wie im reichlich 
genossenen Wasser, welch' letzteres zudem in der Regel stark mit 
Eisen, Schwefel, sauren Salzen und Stickluft vermengt ist; auch des 
nachtheiligen Einflusses der mit dem Vorschreiten nach Norden mehr 
und mehr abnehmenden Intensität des Lichtes, dieses allbelebenden 
Principes, wird von ihm erwähnt. Alle drei, und ohne Zweifel alle 
drei richtigen Behauptungen stimmen aber in der Ansicht überein, 
dass, was auch immer die primitive Ursache der Erkrankungen sein 
mochte, der gänzliche Mangel an geeigneten Medicamenten und 
Spitalrequisiten jedenfalls daran Schuld gewesen sei, dass nur in 



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Das Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812. 



273 



den seltensten Fällen eine völlige Wiederherstellung des Erkrankten 
erreicht werden konnte. 

Es würde zu weit führen, in das Detail dieser Missstände näher 
einzudringen, aber schon einige Beispiele gentigen, um die traurige 
Lage zu kennzeichnen, in der sich Kranke und Aerzte in Folge der 
unverantwortlichen Versäumniss der Armeeverwaltung befanden. 
Doctor Dressler, dessen Verdienste als Mensch und als Arzt sowohl 
im Spitale als im Gefechte von der ganzen Armee freudig anerkannt 
wurden, gesteht in seinem eigenhändig geschriebenen Gutachten ein, 
dass sich im Sommer 1812 die Spitalärzte, bei dem gänzlichen 
Mangel an Medicamenten, genöthigt gesehen, die unglücklichen, stets 
nach Arznei schreienden Kranken dadurch zu täuschen, dass sie 
Wermuth, Kalamus, Flieder, Chamomilla etc. sammeln, daraus ver- 
schiedene Arzneiarten fertigen und diese wirkungslosen Ingredienzien 
den Patienten verabreichen lieszen. Oberfeldspitalchirurgus Doctor 
Adam Floschuez giebt an, dass ihm keine anderen Heilmittel als 
Absynth, Leutiana und Quassia zu Gebote standen. 

Die Kranken lagen auf halb verfaultem Stroh, hatten nur ihren 
zerrissenen Mantel als Decke, ihren Tornister als Kopfkissen; die 
Lebensmittel bestanden aus einem nassen, von geschrotenem Korne 
auf die gewissenloseste Art gebackenem Brode, aus schlechtem Kuh- 
fleische; von Weizen, Mehl, Hirse, Grünkern, Gerste, Reis etc. war 
nirgends ein Vorrath zu finden, ungeachtet die Gegend an der Düna 
reichlich mit Frucht bebaut ist. 

Das den Feldspitälern zugetheilte administrative Personal — 
und hier geben wir die eigenen Worte des Doctors Adam Floschuez 
wieder*) — - hatte fiir den eigentlichen Spitaldienst gar keine Kennt- 
niss, keinen Sinn; es glaubte Alles geleistet zu haben, wenn nur 
der Zahlungsentwurf richtig, die klägliche Imitation eines Monats- 
rapportes gestellt und mit der Namensschrift unterfertigt war. Alles 
Uebrige, sich auf den Kranken direct Beziehende, dünkte dieser 
Branche Nebensache und für den ihr angewiesenen Wirkungskreis 
entweder zu klein oder ganz auszer deren Horizont liegend. Es 
blieb also auch die Leitung und Polizei eines Spitals dem ersten 
Arzte oder Wundarzte tiberlassen, der sich besonders anfangs wegen 
immerwährender Anstände kaum entfernen durfte, sondern der guten 
Sache wegen sogar seine Wohnung in der Mitte des Jammers und 
Elendes aufschlagen musste, während er auch noch seinem an sich 
schweren Berufe ohne Pflichtverletzung vorstehen sollte. 




*) In seinem Berichte an Wrede vom 23. September 1812 aas Polotak. 

Jahrbücher f. d. Deiche Armee u. Marine. Band XUI. 1 9 



274 



Das Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812. 



Was konnte solchen Zuständen gegenüber der Wagen voll 
Medicamenten und alten Weinen aus dem Hofkeller nützen, welchen 
das gute Herz des Königs Max I. seinen fernen Landeskindern im 
September nachschickte! Vermochte doch selbst Wrede's eiserner 
Wille nicht, alle Offiziere seines Corps mit dem Gefühle der Kampf- 
lust und Opferfreudigkeit zu beleben, wie er in einem bittern Be- 
richte vom 9. November aus Danielowitsche' dem Kriegsminister 

i 

General Triva gesteht; wie machtlos fand er sich aber erst der ge- 
schlossenen Phalanx der militairischen Verwaltungsbureaukratie 
gegenüber, welche auf die papierenen Säulen ihrer Rechnungsarten 
und Verpflegsreglements gestützt und im Bewusstsein formeller Un- 
fehlbarkeit alle ihre feindlichen Bemühungen mit der Zauberformel 
abwies: Fiat revisio, pereat mundus! — 

In der That ist auch nicht zu verkennen, dass selbst Wrede's 
thatkräftige und elastische Natur allmälig an den Hemmnissen er- 
lahmte, welche ihm durch die Verhältnisse und den Lauf der Kriegs- 
ereignisse von allen Seiten in den Weg geworfen wurden. Seine 
Berichte, die sonst immer von übersprudelndem That en drang und 
kühnen Plänen erfüllt sind, tragen schon im October 1812 hin und 
wieder unverkennbar den Stempel der Entmuthigung und selbst der 
Hoffnungslosigkeit. Mochte an diesen Gefühlen, deren Erscheinung 
an einem Manne von Wrede's Schlag doppelt überraschen musste, 
mochte hieran in letzter Linie vornehmlich die Zurücksetzung Schuld 
sein, welche sich Wrede nach den Schlachten im August, wie oben 
erwähnt wurde, absichtlich zugefügt glaubte, oder waren es die 
Willkür und Rücksichtslosigkeit der Französischen Generale gegen 
ihre Verbündeten, welche er schon früher, und in wiederholten Fällen 
auch später gegen sich und sein Corps gerichtet fand; oder wirkte 
endlich die sich jeden Tag mehr befestigende Ueberzeugung mit 
dass der gänzliche Untergang seines schönen Armeecorps mit Ein- 
tritt der kalten Jahreszeit unvermeidlich bevorstehe: — schon am 
13. October stellte Wrede *) in einem Schreiben an den König die 
Bitte, einen Nachfolger zu ernennen, welcher nach Beendigung dieses 
Feldzuges den Befehl über die Bayerische Armee Ubernehmen könne. 
„Je sens de jour en jour plus" — fährt er fort — „que mes forces 
pbysiques et morales ne sont plus les meines, mon äge avance ä 
mesure qu'elles reculent, mon caractere et mes principes s'opposent 
aux choses, qui sont ä l'ordre du jour." Und als dies Gesuch, wie 



*) Wrede, geboren 1767, war damals 4ö Jahre alt, und stand demnach im 
kräftigsten Mannesalter. 



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Das Ende des Bayerischen Heeres im Jahre 1812. 275 

sich von selbst versteht, nicht berücksichtigt wurde, und Wrede nach 
Wochen der höchsten Anstrengungen, in welchen seine kraftvolle, 
energische Persönlichkeit die härtesten Proben siegreich bestanden, 
wieder einmal von einem Momente des Kleinmuthes tiberfallen wird, 
erneuerte er, am 11. November aus Danielowitsche, sein Entlassungs- 
gesuch. „J'ai fait", schreibt er dem Könige, „dans cette campagne 
ce qu'un honnete homme peut faire. J'ai lutte contre tous les des- 
agrements, dont jamais un general a pu etre accable. Ma conscience 
me dit, que j'ai scrupuleusement remplis les devoirs que mon sou- 
verain et la patrie ont pu exiger de moi. Mais tout a son terme — 
je ne peux plus. Je mets donc de nouveau aux pieds de Votre 
Majeste ma tres respectueuse demande de daigner nommer mon 
successeur et me permettre de quitter l'armee, lorsque la campagne 
sera finie." Auch diesmal blieb das Entlassungsgesuch des Com- 
mandirenden ohne genehmigenden Bescheid; erst nach einigen Wo- 
chen, im Anfange des Jahres 1813, erhielt Wrede die Erlaubniss 
nach Bayern zurückzukehren. — 



XIV. 

Die Cernirung von P^ronne im Zusammenhänge 
mit den Operationen der I. Armee. 

Mit 2 Karten und 4 Beilagen. 
(Schluss.)*) 

V. Cernirung durch den General von Barnekow bis zur 

Schlacht bei Bapanme» 

An Stelle des Generals von Senden, welcher zum Commandeur 
der 14. Infanterie-Division ernannt war, übernahm am 1. Januar 
der Generallieutenant von Barnekow, Commandeur der 16. Infanterie- 
Division, das Commando über die Cernirungstruppen von Peronne. 
Zu dieser Zeit stand die 15. Division noch bei Bapaume und hatte 
eine Brigade nach Sapignies vorgeschoben, während General Graf 
von der Groeben mit 12 Escadrons, 1 Bataillon und einer Batterie 
bei Bucquoi stand. Die Cavalleric-Division Graf von der Lippe, die 

*) Man vergleiche Jahrbücher Band XIII, Seite 161 (November 1874). 

19* 



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276 



Die Cernirung von Pöronne im Zusammenhange 



inzwischen sowohl das vor Pdronne stehende Detachement von Senft, 
als auch anderweitige Detachirnngen herangezogen hatte, stand mit 
12 Escadrons, 1 Bataillon und 2 Batterien bei Le Chatelet. General 
von Goeben hatte die Aufstellung etwas nach rechts geschoben und 
mit dem Detachement Prinz Albrecht Fins besetzt. Die Armee 
stand also in der Linie Bucquoi - Bapaume - Le Chatelet und sicherte 
dadurch die Cernirung gegen feindliche Operationen auf den Straszen 
Cambrai-St. Quentin, Cambrai - Peronne, Arras- Peronne und Arras- 
Amiens. 

Die Lage der Dinge bei den Cernirungstruppen änderte sich 
bei der Uebernahme des Commando's durch den General von Barne- 
kow nicht, nur fand eine Verstärkung des Detachements von 
Eiern behufs Deckung der Belagerungs-Batterien um 1 Bataillon 
29. Regiments statt. 

Der Vorpostendienst war bei der ausgedehnten Cernirungslinie, 
der Ungeheuern Kälte und den sehr oft verschneiten Wegen ein 
äuszerst schwieriger. Dazu kam noch, dass der Feind die Vor- 
posten unaufhörlich mit Granaten bewarf; sonst wurden dieselben 
jedoch nicht von der Besatzung belästigt. Die Feldwachen wurden 
direct von den in den betreffenden Ortschaften cantonnirten Truppen 
ausgestellt. Zu einer eventuellen Unterstützung der Feldwachen 
waren in» den Cantonnements bei Nacht Allarmhäuser von einer 
oder mehreren Compagnien eingerichtet und genügte dies besonders 
bei dir Passivität der Besatzung vollkommen. Fast sämmtliche 
Feldwachen befanden sich in Gebäuden, was schon an und für sich 
durch die grosze »Kälte geboten war. Die Postenkette, in groszer 
Nähe der Feldwachen, hatte wegen des tiberall nach der Festung 
abfallenden Terrains eine vortreffliche üebersicht. Als eigentliche 
Verteidigungslinie waren die Dörfer an den Hauptstraszen mit Barri- 
kaden geschlossen und ihre Lisiere zur Verteidigung eingerichtet. 
Die Cantonnements, im Allgemeinen ziemlich weitläufig, waren doch 
stellenweise stark belegt, z. B. die in der Nähe des Belagerungs- 
parkes, und im Norden Aizecourt, an der wahrscheinlichen Durch- 
bruchsstrasze gegen Norden, während andere wie die am Cologne- 
Bache sehr schwach belegt waren. Auch konnten viele Ortschaften, 
da sie fortwährend vom Feinde beschossen wurden, wie Allaines 
und Mont St. Quentin nicht zu Cantonnements benutzt werden; da- 
gegen wurden in Anbetracht der rauhen Jahreszeit viele, die öfters 
beschossen wurden, wie Biaches, Eterpigny, Le Mesnil, Doingt und 
Bu8su, zur Truppenbelegung herangezogen. In Folge dessen lagen 
an einzelnen Stellen die Truppen in weitläufigen Cantonnements, 



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mit den Oüerationen der I. Armee. 



277 



und hätte es hier allerdings ganz besonderern Anstrengungen bedurft, 
einem Ausfalle sofort mit genügenden Kräften entgegen zu treten. 

Die Besatzung der Festung hatte nur die beiden dicht unter 
den Kanonen liegenden Dörfer Flamicourt und St Radegonde be- 
setzt. Im Allgemeinen waren sonst Seitens des Feindes keine Posten 
vorgeschoben, sondern begnügte man sich mit solchen auf den 
Wällen, so dass einzelne Patrouillen bis an das Glacis vordrangen 
und dort lange Zeit unbehelligt von der Besatzung ihr Wesen trieben; 
erst gegen Ende der Cernirung änderte sich dies. — 

Gemäsz Corpsbefehls vom 1. Januar sollte mit der Beschieszung 
so schnell wie möglich vorgegangen werden, und so wurde daher 
die Erbauung der Belagerungs-Batterien auf die Nacht vom 1. zum 
2. Januar festgesetzt Mit der Leitung des artilleristischen Angriffs 
war der Oberst von Kameke/ Commandern* der 8. Artillerie-Brigade 
beauftragt. Am geeignetsten zur Aufstellung der Belagerungs- 
geschütze erwies sich die Höhe von Maisonette, auf welcher schon 
am 28. December die Feld -Batterien Position genommen hatten. 
Diese Höhe erstreckt sich bis in die nächste Nähe der Festung und 
konnte man von dort aus die ganze Festung tibersehen. 

Den 31. December und den 1. Januar hatte man zum Herbei- 
schaffen und Anfertigen des Baumaterials für die Batterien benutzt 
und am Nachmittage des 1. Januar konnte mit dem Baue der 
Batterien begonnen werden. Besondere Schwierigkeiten beim Batterie- 
baue verursachte der einen halben Meter tief gefrorene Boden, und 
mussten statt der Erde meist Sandsäcke benutzt werden; doch war 
dagegen reichliches Bettungsmaterial aus dem Gehölze bei Maisonette 
vorhanden. 

Trotz der ungünstigen Bodenverhältnisse und der ungewöhnlichen 
Kälte vollendete die Festungs- Artillerie -Compagnie unter Befehl 
des Premierlieutenants Schmidt*) den Batteriebau und das Heran- 
schaffen der Geschütze in einer Nacht und waren die Batterien schon 
gegen 2 Uhr Nachts schussfähig. Betrachtet man die ungünstigen 
Verhältnisse, unter denen der Batteriebau stattfand, so ist die Fertig- 
stellung des Geschtitzemplacements in einer Nacht eine bedeutende 
Leistung zu nennen. 

Die Aufstellung der Belagerungsgeschütze im Einzelnen war 
folgende : 

1) An dem Wege von Maisonette zur Strasze Peronne- 
Barleux sechs gezogene Zwölfpfünder in einer Entfernung von 



*) Am 30. Juni d. J. von den Carlisten in Eatella erschossen. 

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278 Die Cernirung von Peronne im Zusammenhange 

1000 Meter von der Couronne de Paris ; es war für jedes Geschütz 
ein Emplacement angelegt, um den Feind über die Grösze der 
Batterie zu täuschen (Tafel 3 e.) 

2) Im Gehölze von Maisonette zwei 22 Centimeter- 
Mörser, 1200 Meter vom Glacis entfernt. Für dieselben waren 
keinerlei Emplacements angelegt, da sie in einer natürlichen Terrain- 
versenkung standen, und brauchten sie nur mit Bettungen versehen 
zu werden, (f.) 

3) An der Lisiere des Dorfes Biaches zu beiden Seiten 
der Strasze je eine 22 Centimeter-Haubitze, 1200 Meter vom Glacis 
entfernt, (g.) 

Sämmtliche Geschütze waren der Sicht des Feindes entzogen 
mit Ausnahme der beiden Haubitzen bei Biaches. — 

Der Wiederbeginn des Bombardements war auf den 2. Januar 
festgesetzt, und hatte General von Goeben eine mäszige Mitwirkung 
der Feld-Artillerie unter der Maaszgabe gestattet, dass die Batterien 
zu den Operationen im freien Felde mit genügender Munition ver- 
sehen blieben. Das Feuer der Belagerungs-Batterien begann daher 
Morgens 10 Uhr unter Mitwirkung von zwei Geschützen jeder Feld- 
Batterie. Das Feuer richtete sich ausschlieszlich auf die Stadt und 
wurden trotz der heftig antwortenden Festungs-Artillerie nur einige 
Schüsse auf die Couronne de Paris abgegeben, so dass nach kurzer 
Beschieszung die Stadt wieder an mehreren Stellen brannte. Bei 
Beginn der Beschieszung zeigte sich die Artillerie des Feindes sehr 
überrascht, nahm aber dann rasch das Feuer auf und erwiderte das 
diesseitige ziemlich lebhaft. 

Auch am Morgen des 3. Januar wurde das Feuer fortgesetzt 
und von den Franzosen lebhafter als am 2. Januar beantwortet, 
da sie während der Nacht eine Anzahl neuer Geschütze auf die An- 
griffsfront gebracht hatten. Schon an diesem Tage wurde einer der 
im Gehölze von Maisonette stehenden Mörser demontirt, so dass der- 
selbe in der Folge nicht mehr schussfähig war. 

Nach dem Beginne des Bombardements am 2. Januar fand sich 
Nachmittags eine Deputation aus Peronne in dem Stabsquartiere 
(Bouchy) des 6enerals von Barnekow ein, mit der Bitte, Greise, 
Frauen und Kinder aus der Festung entlassen zu dürfen, was aber 
abgeschlagen werden musste. 

Anfänglich hatte der General von Barnekow die Absicht, das 
auf dem linken Somme-Ufer gelegene Kronwerk de Paris durch 
einen Ueberfall nehmen zu lassen, und war die Nacht vom 2. anf 
den 3. Januar dazu bestimmt worden, doch kam es in Folge der 



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mit den Operationen der I. Armee. 279 

von Bapaume anlangenden Nachrichten nicht dazu. Ein solcher 
Ueberfall wäre auszerdem mit groszen Schwierigkeiten verbunden 
gewesen, da die Couronne de Paris mit tiefen nassen Gräben um- 
geben ist, und die Kehle derselben von der Festung unter Feuer 
gehalten werden konnte; auch wäre es wegen der groszen Kälte 
höchst schwierig gewesen, eine Deckung in der Kehle des genom- 
menen Werkes gegen das Feuer der Festung herzustellen. — 

Unterdessen hatte sich die Französische Nordarmee von den 
Folgen der Schlacht an der Hallue erholt und in ihren Cantonne- 
ments um Arras wieder retablirt. Hier erhielt der General Faidherbe 
Nachricht von der Cernirung von Peronne und beschloss durch einen 
Angriff auf die Deckungsarmee die für die Operationen der Nord- 
armee so wichtige Festung zu befreien. Er griff daher mit groszer 
Ueberlegenheit am 2. Januar die, wie bereits angedeutet, vorgeschobene 
Stellung der Brigade von Strubberg an und machte durch die Weg- 
nahme von Achiel dieselbe unhaltbar. 

Da voraussichtlich die feindliche Armee am nächsten Tage zu 
erneuter Offensive übergeben würde, so traf der General von Goeben 
hiernach seine Maaszregeln und erliesz folgenden Befehl: 

Combles, den 2. Januar 1871. 

„Der Feind hat heute die Offensive gegen Bapaume und Bucquoi 
ergriffen. Die Division Kummer hat einen Angriff zurückgewiesen 
und steht um Bapaume, die Cavallerie-Division befindet sich bei 
Miraumont. Für morgen befehle ich was folgt: 

Der Generallieutenant von Barnekow setzt die vier Batterien 
der 2. Fuszabthcilung mit drei Bataillonen derart in Marsch, dass 
diese Truppen um 9 Uhr bei Sailly - Saillizel eintreffen." 

gez. von Goeben. 

In Folge dessen bestimmte der General von Barnekow auszer 
den Batterien das Füsilier-Bataillon Regiments Nr. 6J und das 2. 
und Füsilier -Bataillon Regiments Nr. 19 unter dem Befehle des 
Obersten von Goeben, da diese Truppen am leichtesten aus der Cer- 
nirungslinie zu ziehen waren, zum Abmärsche nach Sailly. 

Das Detachement des Obersten von Rosenzweig, welches in 
seinen Stellungen am ersten einen Ausfall der Besatzung zu ge- 
wärtigen hatte, erhielt den Befehl, einem solchen in einer con- 
centrirten Stellung (bei Aizecourt) entgegenzutreten, und wurde ihm 
zu diesem Zwecke noch das Füsilier - Bataillon 29. Regiments und 
eine schwere Reserve-Batterie überwiesen. — 

Der Commandant von Peronm hatte, als der Geschützdonner 
von Bapaume herüberschallte, auch wirklich den Entschluss gefasst, 



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280 Die Cernirung von Pe"ronne im Zusammenhange 

einen Ausfall zu machen. Derselbe war auf den 4. Januar Morgens 
festgesetzt und sollte mit 600 Mann unternommen werden, unter- 
blieb jedoch in Folge des Zusammentreffens mehrerer eigentüm- 
lichen Umstände. 

Auszer den erwähnten Truppenabsendungen nach Bapaume 
nahm der General von Barnekow noch solche in der Richtung auf 
St. Quentin und le Chatelet vor, um den Rücken der Cernirungslinie 
auch in dieser Richtung zu decken und gleichzeitig in Verbindung 
mit der Cavallerie- Division Graf von der Lippe zu treten. 

Es standen demnach vom Cernirungscorps am 3. Januar nur 
folgende Truppen vor der Festung: 

1) Nordostfront: Detachement von Rosenzweig. 

1. Bataillon Regiments Nr. 29. 
Füsilier-Bataillon Regiments Nr. 29. 

2. Bataillon Regiments Nr. 69. 

1. schwere Reserve-Batterie Feld-Artillerie-Regiments Nr. 5. 
5. schwere Batterie Feld-Artillerie-Regiments Nr. 8. 

2. und 4. Escadron Reserve-Dragoner-Regiments. 
Pontonier-Compagnie. 

Summa: 3 Bataillone, 2 Batterien, 2 Escadrons und 1 Pionier- 

Compagnie. 

2) Süd front: Detachement von Seil. 

»/< 1. Bataillon Regiments Nr. 81. 

Füsilier-Bataillon Regiments Nr. 81. 

2. schwere Reserve-Batterie Feld- Artillerie-Regiments Nr. 5. 

1. leichte „ „ ,, „ „ n 5. 

2. und 3. Escadron 3. Reserve-Husaren-Regiments. 
2. Sappenr-Compagnie. 

Summa: l 3 / 4 Bataillone, 2 Batterien, 2 Escadrons uitd 1 Pionier- 

Compagnie. 

3) Linkes Somme-Ufer: Detachement von Eiern. 

1. Bataillon Regiments Nr. 19. 
s / 4 2. Bataillon Regiments Nr. 29. 
5. leichte Batterie Feld-Artillerie-Regiments Nr. 8. 
1 Escadron Reserve- Dragoner. 
Summa: l 3 / 4 Bataillone, 1 Batterie und 1 Escadron. 
Die Cernirungstruppen waren daher auf 6 1 /* Bataillone, 5 Es- 
cadrons und 5 Feld-Batterien reducirt worden. 

Durch das ebenso plötzliche wie unerwartete Wiedererscheinen 
des Feindes in der Gegend von Bapaume und den am 2. und 3. Januar 
erfolgten Angriff der I. Armee war die Lage des Cernirungscorps 



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mit den Operationen der L Armee. 281 

ne kritische geworden, and konnte womöglich die Aufhebung der 
srnirung durch ein Zurückgehen der bei Bapaume stehenden Truppen 
thwendig werden. Es mussten daher die geeigneten Maaszregeln 
troffen werden, um auf alle Möglichkeiten vorbereitet zu sein. Es 
irde zunächst die Nordostfront der Cernirungslinie, der wahrschein- 
>he Durchbruchsort der Besatzung, am stärksten besetzt, und hatte 
jerst von Rosenzweig, wie schon erwähnt, den Befehl erhalten, 
lern Ausfalle in einer concentrirten Stellung entgegenzutreten. 

Folge der schwachen Besatzung des linken Somme-Ufers schien 
i einem Ausfalle nach dieser Seite der Belagerungspark gefährdet 
id erhielt daher das Detachement von Eiern ebenfalls Befehl, am 

Januar in concentrirter Stellung bei Maisonette stehen zu bleiben. 

Anbetracht der in Folge eines ungünstigen Ausgangs der Schlacht 
i Bapaume ins Auge zu fassenden Aufhebung der Oernirung war es 
mer nöthig, in Verbindung mit der Armee den Rückzug über die 
mime- und Cologne Defileen zu decken und dieselben zu besetzen, 
id wurden auch in dieser Beziehung die erforderlichen Vorbereitun- 
n getroffen. Zunächst bestimmte General von Barnekow, dass für 
esen Fall zum Festhalten des Somme-Uebergangs bei Feuilleres 
rei Bataillone und eine Batterie des Detachements von Rosenzweig 
er Clery nach Feuilleres rücken sollten. Der Rest der Truppen 
Ute dann im Vereine mit dem Detachement von Seil über den 
»lognebach zurückgehen und den Uebergang bei Brie besetzen. 
18 Detachement von Eiern erhielt die Weisung, bei einer eventuellen 
ifhebung der Cernirung die Stellung bei Maisonette festzuhalten. 

Unterdessen war die feindliche Armee am Morgen des 3. Januar 
t zwei Armeecorps zum Angriffe gegen Bapaume vorgegangen und 
irde die Lage der Dinge dort von Stunde zu Stunde ernsthafter. 
$r Feind gewann mit seiner erdrückenden Uebermacht nach und 
ch mehr Terrain und stand gegen Mittag mit seinen Spitzen dicht 
r Bapaume. Die Feld - Batterien hatten sich zum Theile ver- 
lossen, und wurde daher vom General von Goeben die Absendung 
u tätlicher Munitionswagen der noch vor Peronne stehenden fünf 
ld-Batterien nach dem Schlachtfelde befohlen. Gegen 2 Uhr er- 
}lt der General von Barnekow Seitens des Generalcommando's die 
ttheilung, Alles vorzubereiten, um bei einer etwaigen Aufhebung 
r Cernirung auf das linke Somme-Ufer übergehen zu können, 
mmtliche Trains und Bagagen erhielten daher den Befehl, sofort 
f das linke Somme-Ufer zu rücken, während die schon gefechts- 
reiten Truppen mehr concentrirt wurden. 
Es trat nun auch die Nothwendigkeit heran, den Belagerungs- 

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282 Die Cernirong von Peronne im Zusammenhange 



park zum Abfahren bereit zu machen, um auf alle Fälle denselben 
gesichert abrücken lassen zu können. Bis zum Eintreffen der letzten 
Kachrichten vom Schlachtfelde hatten die Belagerungsgeschütze un- 
ausgesetzt ihr Feuer auf die Stadt unterhalten, und waren weiter 
keine Vorsichtsmaaszregeln getroffen worden. Jetzt forderte der 
General von Barnekow den Obersten von Kameke zur Erklärung 
auf, ob das Abfahren des Belagerungsparkes geboten sei oder Dicht 
und sollte derselbe eventuell über Nesle nach La Fere dirigirt werden. 
Der Oberst von Kameke beschloss drei Geschütze im Feuer zu be- 
lassen, mit dem Rest des Belagerungsparkes aber, sollte es noth- 
wendig sein, am 4. Januar nach La Fere abzurücken, und wurden 
daher sämmtliche Geschütze mit Ausnahme der drei im Feuer a 
belassenden fahrbar gemacht. 

Der günstige Ausgang der Schlacht bei Baupaume lim ei 
jedoch zu einem Abfahren des Belagerungsparkes nicht kommen, 
und wurden die Geschütze schon wieder im Laufe des 4. Janaar in 
ihre Positionen gebracht. 

VI. Cerairung von der Schlacht bei Bapaume bis m 

Capitulation. 

Der Ausgang der Schlacht bei Bapaume änderte die Lage der 
Cernirungstruppen vollständig. War auch die Befürchtung, die Cer- 
nirung aufgeben zu müssen, nicht eingetroffen, so waren docb in 
Folge der Schlacht Aenderungen in der Aufstellung der Armee ein- 
getreten, die die Schwierigkeiten, mit denen das Cernirungscorps ■ 
kämpfen hatte, noch vermehrten. General von Goeben beschloß 
nach dem glücklichen Ausgange der Schlacht bei Bapaume einen 
neuen Angriff des Feindes nicht mehr aus einer in der Luft hän- 
genden Defensivstellung , wie bei Bapaume, entgegen zu treten, 
und ordnete den Rückmarsch der Armee hinter die Somme an. 
Die 15. Division besetzte die Somme von Peronne bis Bray, und 
das Detachement Prinz Albrecht, Königliche Hoheit, die Linie Roisei- 
Marquaix östlich Peronne, nur die 3. Cavallerie-Division blieb zor 
Aufklärung in der Gegend von Bapaume. 

Der Corpsbefehl vom 3. Januar Abends verfügte die energische 
Fortsetzung der Cernirung und Beschieszung von Peronne, so lange 
die Cernirungstruppen nicht durch einen neuen feindlichen Angrüfl 
gezwungen würden, dieselbe aufzugeben. 

In Folge dessen trat an das Cernirungscorps die schwierige 
Aufgabe heran, zu gleicher Zeit die Festung zu blockiren und auch 
gegen Norden Vorposten auszusetzen. Die nach dieser Richtung 

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mit den Operationen der I. Armee. 283 

irenden Straszen Peronne-Bapaume und Päronne-Cambrai lagen in 
m Rayon des Detachements von Rosenzweig und erhielt dieses da- 
r den Auftrag, sich nach Norden zu decken. Aus diesem Grunde 
irde dem Detachement von Rosenzweig das 1. und Füsilier-Ba- 
llon Regiments Nr. 69, welche beiden Bataillone am 4. Januar bei 
m Cernirungscorps eintrafen, ersteres von seiner Detachirung zur 
ivallerie-Division, Graf von der Groeben, letzteres von Bapaume 
r, zugetheilt, wohingegen die beiden nach Bapaume beorderten Ba- 
llone des 19. Regiments zur Cavallerie-Division Graf von der 
•oeben traten. Zur Beobachtung der beiden Straszen Peronne- 
imbrai und Pöronne-Bapaume wurde ein Detachement von einer 
scadron und einer Compagnie nach Moislains geschickt, von wo 
is Abtheilungen bis Sailly und Nurlu vorgeschoben wurden. Auszer- 
m sicherte sich das Detachement von Rosenzweig durch Vorposten 
der Linie Aizecourt le bas - Moislains. Die Hauptkräfte des De- 
chements blieben bei Aizecourt concentrirt, und erhielt dasselbe 
e Weisung sich beim Anmärsche des Feindes mit dem bei Halles 
shenden Bataillone Über Hem-Feuilleres, mit den anderen Truppen- 
eilen aber über Cartigny zurückzuziehen, wo es vom Detachement 
m Seil aufgenommen werden sollte. 

Auf dem linken Somme-Ufer wurden durch das Eintreffen der 
>. Division die Cantonnements Barleux, Flaucourt, Feuilleres ge- 
umt und auch die bisher beim Detachement von Rosenzweig befind- 
men Batterien zur Sicherheit dem Detachement von Seil überwiesen. 

Erst jetzt kam die durch Armeebefehl vom 31. December ange- 
dnete Vereinigung der Infanterie und Artillerie der 3. Reserve- 
ivision und der Garde - Cavallerie -Brigade unter Prinz Albrecht, 
önigliche Hoheit, mittelst Corpsbefehl vom 4. Januar zur Ausführung, 
leichzeitig wurde :die ganze 16. Division, sowie das Detachement 
rinz Albrecht, unter den Befehl des Generals von Barnekow gestellt. 

Seit dem 2. Januar hatte die 32. Infanterie - Brigade mit dem 
Husaren-Regimente und der combinirten Garde- Cavallerie-Brigade 
is Detachement Prinz 'Albrecht gebildet, und cantonnirte letzteres in 
im Rayon Guyencourt, Lieramont, Tincourt, und hatte die Cavallerie 
ie Beobachtung auf St. Quentin, Cambrai und Bapaume übernommen. 

In Folge dessen befahl der General von Barnekow für den 
Januar einen gröszeren Dislocationswechsel zwischen der 3. Re- 
srve-Division und der 16. Division. Am 6. Januar Morgens tiber- 
ahm das 2. Bataillon des 69. Regiments und das Füsilier-Bataillon 
es 29. Regiments die Vorposten des Detachements von Seil von 
toingt bis Brie, während dasselbe sich bei Cartigny concentrirte und 



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284 



Die Cerairong von Peronne im Zusammenhange 



mit 2 Bataillonen des 81. Regiments, 1 Bataillon des 19. Regiments 
nnd 3 Batterien in den Verband des Detachements Prinz Albrecht 
abrückte. Zu derselben Zeit war die 32. Infanterie-Brigade unter 
Befehl des Obersten von Hertzberg mit dem 1. nnd 2. Bataillon des 
40. Regiments, der 6. leichten und schweren Batterie in Cartigny 
angelangt und Übernahm von dort aus die Vorposten des Detache- 
ments von Seil. Das 9. Husaren-Regiment verblieb noch in seiner 
Stellung, damit nach dem Abmärsche der 32. Brigade von Lieramont 
die Linie Ep£hy - Lieramont nicht unbesetzt blieb. 

Nach erfolgter Ablösung war die 16. Division mit der Cavallerie- 
Brigade von Strantz als Cernirungstruppen von Peronne folgender- 
maaszen dislocirt (Tafel 7): 

1) Nordostfront: Detachement von Rosenzweig. 

1. Bataillon Regiments Nr. 29. 

1. „ „ „ 69. 
Füsilier-Bataillon Regiments Nr. 69. 

2. und 4. Escadron 1. Reserve-Dragoner-Regiments. 

3. Escadron 3. Reserve-Husaren-Regiments. 

Summa: 3 Bataillone und 3 Escadrons. 

2) Südost front : Detachement von Hertzberg. 

1. Bataillon Regiments Nr. 40. 

2. „ „ „ 40. 
2. „ „ „ 69. 

2. Escadron 3. Reserve-Husaren-Regiments/ 
5. schwere, 6. leichte, 6. schwere Batterie Feld-Artillerie- 
Regiments Nr. 8. 
Summa: 3 Bataillone,1 Escadron und 3 Batterien. 

3) Linkes Somme-Ufer: Detachement von Eiern. 

2. Bataillon Regiments Nr. 29. 

Füsilier-Bataillon Regiments Nr. 29. 

1. Escadron 1. Reserve-Dragoner-Regiments. 

5. leichte Batterie Feld-Artillerie-Regiments Nr. 8. 

Pontonier-Compagnie. 

Sappeur-Compagnie. 

Belagerungstrain und Festungs-Compagnie. 
Summa: 2 Bataillone, 1 Escadron und 1 Batterie. 
Das Detachement des Prinzen Albrecht erhielt Befehl, im An- 
schluss an die Cernirungstruppen Cantonnements östlich Peronne zu 
beziehen, mit der Garde-Cavallerie-Brigade bei Roisel den rechten 
Flügel zu decken und die Gegend in der Richtung von Masnieres, 
Le Chatelet und St. Quentin aufzuklären. — 



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mit den Operationen der L Armee. 



285 



Nachdem durch die Cavallerie-Division von der Groeben der 
Uständige Rückzug des Feindes in die Gegend von Arras und 
»uay gemeldet worden war, veränderte Generai von Goeben die 
ifstellung der Armee an der Somme und beschloss, bei einem er- 
nten Vorgehen des Feindes gegen Peronne demselben die beiden 
raszen Arras -Peronne und Cambrai- Peronne freizulassen, dann ihm 
er aus einer Stellung bei Albert in Flanke und Rücken zu fallen. 

wurde daher die 15. Division bei Albert längs der Eisenbahn 
ch Arras, das Detachement Prinz Albrecht und die Corps- Artillerie 
ch Combles dislocirt, während die Cavallerie-Division in ihrer 
eilung blieb. Es war diese Aufstellung der Armee bei den eigen- 
ilmlichen Verhältnissen während der Cernirung diejenige, aus der 
1 leichtesten ein neuer Entsatzversuch zurückgewiesen werden 
nnte. Die Stellung bei Bapaume, in nächster Nähe der Festungen 
legen, aus denen der Feind überraschend hervorbrechen konnte, 
t an und für sich keine natürliche VertheidigUDgslinie dar und 
tte auszerdem die Somme im Rücken, ein Umstand, der bei einem 
ftigen Drängen des Gegners leicht gefährlich werden konnte, 
e Stärke der am Abend des 6. Januars bei Albert, Combles, Ba- 
ume versammelten Armee betrug 18 Bataillone, 24 Escadrons und 

Geschütze. 

Als jedoch am 7. Januar im Hauptquartiere des Generals von 
•eben Nachrichten einliefen, dass der Feind wieder bedeutende 
issen in der Stärke von 3 Armeecorps bei Arras versammele, be- 
aloss derselbe einem erneuten Angriffe hinter der Somme zu be- 
gnen, da er sich bei der groszen Ueberlegenheit des Feindes einer 
ederlage nördlich der Somme nicht aussetzen wollte. In letzterem 
lle musste vielleicht zeitweise die Cernirung von Peronne im 
>rden aufgegeben, doch konnte die Beschieszung der Festung durch 
q südlich stehen bleibenden Belagerungspark auch dann noch fort- 
setzt werden. Da es jedoch bis zur Capitulation von Peronne 
;ht zu einem erneuten Vorgehen des Feindes kam, so blieb die 
mee in ihrer eingenommenen Stellung. 

In Anbetracht der Schwierigkeiten, welche die Cernirung bereitete, 
ig am 6. Januar dem Generale von Barnekow der Vorschlag zu, 
versuchen, ob Peronne durch einen überraschenden Angriff zu 
hmen sei, da sichere Nachrichten eingelaufen wären, die Besatzung 
trüge nur 1800 Mann. Am geeignetsten zu einem Ueberfalle wurde 
irbei die Süd-Ost-Front der Festung hingestellt 

Ein Angriff von der Westseite würde auf viele Schwierig- 
iten gestoszen sein, da gerade an dieser Front die stärksten- 



t | 

286 Die Cemirung von PeVonne im Zusammenhange 

Auszenwerke (Fort St. Radegonde, Fort Caraby, Demi lune, St. Man, 
Bastion St Fursy und du Chäteau) die Festung decken, und die- 
selben von mehreren hinter einander liegenden nassen Gräben um- 
geben sind. Auch würde der hier besonders hohe Hauptwall dea 
Sturmcolonnen ein groszes Hinderniss entgegengesetzt haben. 

Es wurde daher am Abend des 6. Januars die Festung durch 
mehrere Ingenieuroffiziere recognoscirt ; dieselben gelangten bis an 
das Glacis der Festung und bemerkten, dass die Vertheidigungsein- 
richtungen vervollständigt waren, besonders bei dem an der Südostfroat 
liegenden Dorfe Flamicourt; auch waren die Vorstädte gut besetzt 

Die Südostfront hätte sich allerdings am besten zum Angriffe 
geeignet, da die nassen Gräben zugefroren waren und die Festung 
hier nur durch einen einfachen Wall mit Mauer geschützt wird. In dea 
Gräben fanden sich jedoch verschiedene eisfreie Stellen vor, die durcli 
ein künstliches Schleusenspiel von der Festung aus entstanden waren. 

Für einen Ueberfall ungünstig waren ferner die in dieser 
Zeit meist mondhellen Nächte, die sofort jede Truppenbewegung 
verrathen hätten; auch war die Wachsamkeit der verschiedenen 
Auszenposten, besonders in letzterer Zeit, nicht eine solche, dass eine 
Ueberraschung wenig Wahrscheinlichkeit für sich hatte. Es musste 
unter diesen Umständen von einem Sturme auf die sonst so günstige 
Stidostfront abgesehen werden. 

Wahrscheinlich hatte der Commandant der Festung Nachriebt 
von diesem Vorhaben erhalten; denn es wurde nicht nur die ganze 
Nord- und Nordwestfront der Cernirungslinie, besonders Bussu und 
Mont St Quentin, am Mittag und Abend des 6. Januars mit Granaten 
beworfen, sondern man bemerkte auch im Laufe des ganzen Tages 
Truppenbewegungen in der Festung, und auch Nachts wurde das 
Vorterrain mehrfach elektrisch und mit Leuchtkugeln erhellt. 

Inzwischen hatten die Belagerungsgeschütze am 4. Januar ihr 
Feuer wieder aufgenommen, dasselbe wurde jedoch wegen Munitions- 
mangels mäszig fortgesetzt, von der Festung aber kräftig beantwortet 
Besonders war dies am 6. Januar der Fall, wo der Feind die ganze 
Front vom Bois des Bacquets bis Mont St. Quentin stark mit Gra- 
naten bewarf. Als jedoch am 5. Januar ein Munitionstransport von 
3500 Geschossen aus Amiens eintraf, wurde das Feuer der Be- 
lagerungs-Artillerie wieder lebhafter. 

Jetzt war auch die vor Beginn der Cemirung schon in Angriff 
genommene Fertigstellung eines zweiten ßelagerungsparkes in La 
Fere vollendet, und hatte sich der Park am 4. Januar von La Fere 
aus nach Villers - Carbonnel in Bewegung gesetzt. Da aber an 



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mit den Operationen der I. Armee. 287 

esem Tage eine Aufhebung der Cernirung in Frage stand, so liesz 
eneral von Barnekow denselben wieder umkehren, beorderte ihn 
idoch schon wieder am 6. Januar nach Villers -Carbonnel, wo er 
a demselben Abende eintraf. Dieser Park bestand aus 11 Ge- 
;htitzen (vier 22 Centimeter-Mörsern, einer 22 Centimeter- und einer 
3 Centimeter-Haubitze und fünf gezogenen 12 und 16 Centimeter- 
anonen). Zu gleicher Zeit langte eine Festungs- Artillerie -Com- 
agnie des Festungs-Artillerie-Regiments Nr. 8 und ein neuer Mu- 
itionstransport an. 

Von artilleristischer Seite glaubte man aber die jetzt vor Peronne 
orhandene Zahl von Belagerungsgeschützen (21) noch nicht aus- 
sehend, um eine schnelle Wirkung gegen die Festung zu erzielen, und 
'urde daher das weitere Herbeischaffen von Geschützen aus La Fere, 
Dweit es die Verteidigung dieses Platzes zuliesz, eingeleitet. Auszer- 
em erschien die Verwendung eines Preuszischen Belagerungsparkes 
ebst Bedienung wünschenswerth. Es war daher von dem Obercom- 
lando der I. Armee ein Theil des Belagerungsparkes der nach der 
!apitulation von Mezieres frei geworden war, erbeten ; doch konnten 
u einer Verwendung vor Peronne nur 28 Geschütze (zwei gezogene 
4-PfÜnder, sechszehn gezogene 12-Pfünder, zehn Französische Mörser) 
ewilligt werden, da man den gröszeren Theil des Materials für 
'aris nothwendig erachtete. Aber auch diesen Preuszischen Be- 
igerungstrain hielt die Artillerie - Oberleitung in Anbetracht der 
Fähigkeit des Commandanten Garnier und in Hinsicht auf den Be- 
iinn des förmlichen Angriffs nicht für ausreichend, und beantragte 
Jeneral von Manteuffel nochmals die Ueberweisung einer gröszeren 
Vnzahl Belagerungsgeschütze. Da zu einem artilleristischen Angriffe 
ier Festung hauptsächlich 24-Pfünder nöthig waren, so wurden der 
. Armee in Folge dessen noch zehn gezogene 24-Pfünder aus dem 
*arke von Mezieres zugewiesen, welche zur Zeit durch die Weg- 
lahme der Ardennenfestung Rocroy disponibel geworden waren. 
Ü8 hatten somit zu einem artilleristischen Angriffe auf Pe'ronne 59 
Belagerungsgeschütze zur Verfügung gestanden; an Preuszischen: 
;ecbszehn gezogene 12-Pfünder, zwölf gezogene 24-Pfünder, an 
französischen: sechs gezogene 12-Pfünder, fünf gezogene 16 und 
2 Centimeter-Kanonen, drei 22 Centimeter- und eine 16 Centimeter- 
laubitze und sechszehn 22 Centimeter -Mörser. Dieses Material 
lätte zu einem erfolgreichen artilleristischen Angriffe genügt, doch 
wäre noch eine geraume Zeit bis zum Eintreffen der Preuszischen 
Geschütze von Mezieres vergangen, da die Eisenbahnen in Folge 
des Transports der 14. Division nach dem Süden ein Heranschaffen 



288 Di« Cernirung von P^ronne im Zusammenhange 



des Belagerungsparkes nicht sofort bewerkstelligen konnten. Mit 
Rücksicht auf diese in Aussicht stehende Vermehrung des Belagerung^ 
parkes nnd des Eintreffens der Geschütze aus La Fere traf der den 
artilleristischen Angriff leitende Oberst von Kameke nunmehr die 
Vorbereitung, um den förmlichen Angriff auf die Festung möglichst 
bald eröffnen zu können. 

In Folge des erneuten Abmarsches der I. Armee nach der Gegend 
Albert -Bapaume fiel dem Cernirungscorps wieder die Deckung in 
der Richtung Arras-Cambrai allein zu. Zu diesem Zwecke befahl 
der General von Goeben, ein Detachement von einem Bataillon, drei 
Esc ad rem s und zwei Geschützen nach Fins vorzuschieben, wozu der 
Oberst von Wittich mit drei Escadrons des 9. Husaren-Regiments 
und des Reserve-Dragoner-Regiments, dem 1. Bataillon des 69. Regi- 
ments und zwei Geschützen bestimmt wurde. Gleichzeitig Übertrag 
der General von Barnekow der Cavallerie- Brigade von Strantz den 
Aufklärungsdienst in dem Rayon Bonavy-Le Ghatelet-St. Qnentin. 
Da der vermehrte Vorpostendienst die Kräfte der Cernirungstruppen 
sehr in Ansprach nahm, so wurde dem Generale die Heranziehung 
der detachirten Truppentheile gestattet, dagegen ihm auch die Si- 
cherung der Somme-Uebergänge bei Feuilleres und Cappy übertragen. 
Zur Bewachung der rückwärtigen Verbindungen und der Somme- 
Uebergänge bei Ham wurde ein Detachement, bestehend aus einem 
Vt Bataillone und 17 2 Escadrons nach diesem Orte verlegt und 
waren nach Ausführung der bezüglichen Anordnungen die Cernirungs- 
truppen folgendermaaszen dislocirt: 

1) Detachement von Wittich in Fins. 

1. Bataillon Regiments Nr. 69. 

2. und 4. Escadron Husaren-Regiments Nr. 9. 
4. Escadron 1. Reserve-Dragoner-Regiments. 
2 Geschütze der 6. leichten Batterie. 

Summa: 1 Bataillon, 3 Escadrons und 2 Geschütze. 

2) Detachement von Holleben in Ham. 

Vi 3. Bataillon Regiments Nr. 40. 
*/i 1. und 3. Escadron Husaren-Regiments Nr. 9. 
Summa: 1 j 2 Bataillon und l 1 /* Escadrons. 

3) Detachement von Rosenzweig. Nordostfront. 

1. Bataillon Regiments Nr. 29. 

2. „ „ „ 69. 
Füsilier-Bataillon Regiments Nr. 69. 

1. und 2. Escadron 1. Reserve-Dragoner-Regiments. 
Summa: 3 Bataillone und 5 Escadrons. 



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i , 

mit den Operationen der I. Armee. 289 

4) Detachement von Hertzberg. Südostfront. 

1. Bataillon Regiments Nr. 40. 

2. ,, „ „ 40. 

*/ s 3. Bataillon Regiments Nr. 40. 

1 Escadron 3. Reserve- Husaren-Regiments. 

5. und 6. schwere Batterie Feld-Artillerie Regiments Nr. 8. 

6. leichte Batterie (4 Geschütze) Feld-Artillerie-Regiments 
Nr. 8. 

Summa: 2 1 /» Bataillone, 1 Escadron und 16 Geschütze. 

5) Detachement von Eiern. Linkes Somme-Ufer. 

2. Bataillon Regiments Nr. 29. 
Füsilier-Bataillon Regiments Nr 29. 

3. Escadron Reserve-Dragoncr-Regiments. 

5. leichte Batterie Feld- Artillerie Regiments Nr. 8. 

Pontonier- und 2. Sappeur Compagnie. 

Summa: 2 Bataillone, 1 Escadron und 6 Geschütze, 
summa im Ganzen: 9 Bataillone, 87 2 Escadrons und 24 Geschütze. 

Auszerdem waren zur Beobachtung in der rechten Flanke zwei 
iscadrons des 3. Reserve-Husaren-Regiments nach Boucly und Roisel 
letacbirt. 

Die Verbindung zwischen der Garde-Cavallerie bei Sailly und 
ler 3. Cavallerie Division bei Bapaume wurde von dem Cernirungs- 
:orps durch Cavallerie-Patrouillen hergestellt. 

Unterdessen waren im Laufe des 7. Januars Nachrichten von dem 
iViedererscheinen des Feindes eingelaufen, und erhielt in Folge dessen 
ler General von Barnekow Befehl, bei etwaigem Anmärsche der 
fordarmee die Cernirung aufzuheben und sich über die Somme zu* 
ückzuziehen. Das Vorgehen der feindlichen Armee zum Entsätze 
on Peronne bestätigte sich nicht, nur hatte das Detachement von 
Vittich Marcoing und Masnieres, südlich Cambrai, vom Feinde be- 
etzt gefunden. 

Auch im Laufe des 8. Januars zeigte sich der Feind wieder mit 
tarken Abtheilungen; so meldete an diesem Tage das Detachement 
on Wittich aus Fins den Marsch einer Colonne (Infanterie und Ca- 
allerie) in südlicher Richtung über Rumilly und Masnieres; diese 
Kolonne war bei Bonavy von Patrouillen der Cavallerie-Brigade von 
trantz ebenfalls bemerkt worden. 

Die Belagcrungs- Batterien hatten am 7. und 8. Januar das Feuer 
chwach unterhalten, um es bis zum Eintreffen neuer Munition fort- 
etzen zu können. Am 8. Januar langte ein Theil dieser Munition, 
owie sechs Belagerungsgeschütze unter Begleitung einer Compagnie 

Jahrbücher f. J. Deutsche Armee u. Marine. Band XIII. 20 



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290 



Die Cernirung von PeVonne im Zusammenhange 



des Festungs- Artillerie -Regiments Nr. 5 aus La Fere an. Am 
7. Januar wurden die Vorstädte La Bretagne und de Paris beschossen, 
da eingegangenen Nachrichten zufolge dort sich der gröszte Theil 
der Besatzung aufhalten sollte. Die Festung antwortete nach wie 
vor lebhaft und hatte man allmälig 27 Geschütze (mehr als die Hälfte 
der Armirung) auf die Angriffsfront gebracht. 

Zur Vorbereitung des artilleristischen Angriffs wurden die in 
der Nähe der projectirten Belagerungs-Batterien gelegenen Oertlich- 
keiten zur Infanterievertheidigung eingerichtet und 320 Meter vor 
der Couronne de Paris in der Nacht vom 8. zum 9. Januar Schützen 
graben ausgehoben (Tafel 3, m.), um die Scharten dieses Werkes 
unter Infanteriefeucr halten zu können. Zu diesem Zwecke schob 
das Detachement von Eiern, welches am Tage um ein halbes Ba 
taillon 29. Regiments verstärkt worden war, Compagnien von Eter- 
pigny und Biaches aus gegen den Brückenkopf vor. 

Am Morgen des 9. Januars wurde der Bau der Demontir-Bat- 
terien begonnen, und wurden solche längs der Ostlisiere des Boiß 
de Maisonette in einer Entfernung von 1200 Meter vom Glacis und 
westlich der Strasze Peronne - Amiens 1000 Meter vom Glacis ent- 
fernt angelegt (Tafel 3, i. h.). 

Auszerdem wurden noch einige Feldgeschtitz-Emplacements m 
beiden Seiten des Weges Peronne- Barleux erbaut (Tafel 3, 1). 

In Folge der Anlage der Demontir-Batterien wurde das Detacbe- 
ment von Eiern um weitere zwei Compagnien verstärkt und der 
Befehl über das Detachement von Eiern dem Obersten von Rosen- 
zweig tibertragen, während auf der Nordostfront der Oberstlieutenant 
Steinfeld, Commandern- des 69. Regiments, das Commando tibernahm 

VII. Capitulation. 

Am Abende des 8. Januars hatte der Oberst von Kameke in 
Folge des erwähnten Eintreffens eines Munitionstransportes ver- 
stärktes Feuer gegen die Festung befohlen und dem General von 
Barnekow hiervon Mittheilung gemacht. 

Letzterer hielt diesen Zeitpunkt fiir geeignet, um den Commar 
danten von Peronne nochmals zur Capitulation aufzufordern. Am 
Morgen des 9. Januars schickte er einen Parlamentair in die Festung, 
indem er gleichzeitig dem Obersten von Kameke die vorläufige Ein- 
stellung des Feuers anbefahl. Der Commandant wurde in einer 
schriftlichen Aufforderung darauf aufmerksam gemacht, dass die am 
3. Januar zurückgeschlagene Nordarmee noch keinen neuen Entsatz- 
versuch unternommen habe, auch eine fernere Vertheidigung gegenüber 



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I 



mit den Operationen der I. Armee. 291 

den neuen Belagerungsgeschützen zwecklos sein werde. Ferner er- 
klärte der General, bis 12 Uhr die Beschieszung einstellen zu wollen, 
dann aber bei abschlägiger Antwort mit erneuter Heftigkeit dieselbe 
fortzusetzen. 

In Folge der Wichtigkeit, die der Besitz von P6ronne für die 
diesseitigen Operationen hatte, frug General von Barnekow unter- 
dessen bei dem commandirenden General von Goeben an, ob er 
mit günstigeren Bedingungen, eventuell auch freien Abzug der Garni- 
son, unterhandeln könne, und erhielt eine zustimmende Antwort. 

In Folge dieser Aufforderung schickte der Commandant Morgens 
11 Uhr drei Offiziere in das Stabsquartier des Generals von Barne- 
kow nach Cartigny, um sich über die Bedingungen der Capitulation 
in Kenntniss zu setzen. Mit der Führung der Verhandlungen Seitens 
des Cernirungscorps wurde der Oberst von Hertzberg beauftragt. 
Die Parlamentaire, nicht abgeneigt, die Capitulation abzuschlieszen, 
verlangten wiederholt die Belagerungs-Artillerie zu sehen, um sich 
zu überzeugen, ob fernerer Widerstand gegen sie nutzlos sei; doch 
wurde ihnen dies natürlich nicht gewährt. Nach längerem Unter- 
handeln stellte der General von Barnekow den freien Abzug der # 
Besatzung und Rücksichtnahme auf die Stadt in Aussicht. Mit diesen 
Bedingungen kehrten die Parlamentaire in die Stadt zurück, und 
wurden die Feindseligkeiten bis 7 1 /* Uhr eingestellt. Zu dieser Zeit 
sollten die Parlamentaire mit weiterer Vollmacht in Cartigny einge- 
troffen sein. 

Inzwischen gingen Nachrichten von einem erneuten Vorgehen 
des Feindes von dem Detachement von Wittich ein, die nicht ohne 
Einfluss auf die Capitulationsverhandlungen blieben. Am Morgen 
waren von Fins aus drei Escadrons nach Moeuvres westlich Cambrai 
vorgegangen und war eine nach Marquion an der Strasze Cambrai- • 
Arras vorgegangene Offizierspatrouille auf eine feindliche Colonne 
von zwei Escadrons Dragoner und ein Bataillon gestoszen, so dass 
erstere auf Incby zurückgehen musste. Ebenso waren südlich Cam- 
brai zwischen Ribecourt und Marcoing feindliche Abtheilungen ein- 
getroffen, und hatten Husaren-Patrouillen beim Vorgehen auf Mas- 
nieres in der Höhe von Bonavy Feuer erhalten. Diese Meldungen 
waren bis 7% Uhr Abends eingegangen, als die Französischen Parla- 
mentaire wieder in Cartigny eintrafen. Anfangs bestanden dieselben 
auf den freien Abzug der Besatzung, gaben jedoch nachher in Folge 
des Zugeständnisses die Offiziere auf Ehrenwort zu entlassen nach 
und unterschrieben nach langwierigen Verhandinngen gegen ll 3 / 4 Uhr 
Abends die Capitulation (S. Anl. Nr. 8). Noch in letzter Stunde 

20* 

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■ : - ! 

292 Die Cernirung von PcYonne im Zusammenhange 

schien die Unterzeichnung der Capitulation fraglich, da einer der 
Französischen Bevollmächtigten sich zu unterzeichnen weigerte. Auch 
in dem in Pöronne abgehaltenen Kriegsratbe waren die Stimmen sehr 
getheilt und hatte sich anfangs eine starke Opposition gegen die 
Capitulationsverhandlungen erhoben. 

Während dieser Verhnndlungcn trafen neue Nachrichten von dem 
weiteren Vorgehen des Feindes in der Richtung von Carabrai auf 
P6ronne ein. Das Detachement von Wittich war am Abende von 
Fins nach Nurlu zurückgegangen, da der Feind Gouzeaucourt besetzt 
hatte. Auch wurden Riböcourt, Fontaine- Notre Dame und Fains 
les Marquion besetzt gefunden, alles Ortschatten, die Morgens noch 
frei vom Feinde waren. Es bewies dies einen Vormarsch des Fein- 
des in der Richtung nach Peronne. Die Entfernung zwischen Gon- 
zeaueourt und Peronne beträgt nur 18 Kilometer, und schien es da- 
her leicht möglich, dass der Commandant von Pe>onne bei der Aus- 
führung der Capitulation Schwierigkeiten erheben könne, wenn er 
den Anmarsch der eigenen Armee nördlich der Festung durch den 
Geschützdonner erführe. Die Cernirungstruppcn konnten daher in die 
Lage kommen, die Cernirung auf dem rechten Somme-Ufer aufzu- 
geben und gleichzeitig Vorkehrungen treffen zu müssen, um in die 
Festung einzurücken, nachdem sie die ausrückende Besatzung in 
Empfang genommen hatten. 

In Folne dessen befahl der General von Barnekow für den 
10. Januar Folgendes: 

1) Das Detachement von Wittich (verstärkt durch ein 
Bataillon 69. Regiments und zwei Escadrons der Cavallerie-Brigade 
von Strantz) rückt am 10. Januar früh 8 Uhr von Nurlu wieder auf 
Fins, hat den Feind zu recognosciren und nach Maaszgabe seiner 
Kräfte dem etwaigen Vormarsche desselben entgegen zu treten, oder 
eventuell sich auf Tincourt- Cartigny zurückzuziehen. 

2) Das Detachement Steinfeld hat mit dem ihm ver- 
bliebenen einen Bataillon die Cernirungslinie nördlich besetzt zu 
halten, im Falle einer Räumung des rechten Somme-Ufers sich über 
Hem abzuziehen, eventuell um 12 Uhr Mittags durch die Porte 
St. Nicolas in Peronne einzurücken. 

3) Das Detachement von Hertzberg hält den Rayon 
südlich der Festung und die Defileen des Colognebachs besetzt und 
zieht um 12 Uhr Mittags mit einem Bataillon durch die Porte de 
Bretagne in Peronne ein. 

4) Das Detachement von Rosenzweig nimmt um 12 Uhr 
Mittags westlich der Strasze Peronne -Eterpigny eine Aufstellung, 



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mit den Operationen der I. Armee. 



293 



entwaffnet die ausrückende Garnison, führt die Gefangenen ab und 
marschirt in Peronne durch die Couronne de Paris ein. — Die noch 
zur Verfügung stehenden Escadrons der Cavallcrie- Brigade von 
Strantz wurden zur Deckung der rechten Flanke St. Quentin-Cam- 
brai bestimmt. 

Nach Ausgabe dieser Befehle lief Nachts 2y 2 Uhr die Meldung 
vom Detachement von Wittich ein, dass der Feind Gouzeaucourt wie- 
der geräumt habe und sich in der Richtung auf Bonavy zurückziehe. 

Ein Vorgehen des Feindes gegen Peronne schien also unwahr- 
scheinlich geworden zu sein, und befahl deshalb der General von 
Barnekow, dass das eine Bataillon 69. Regiments nicht auf Nurlu 
abrücken, sondern in Aizeeourt bleiben solle. 

Am 10. Januar gegen 3 Uhr Morgens traf jedoch bei dem De- 
tachement Steinfeld in Aizeeourt le haut eine in Rancourt (an der 
Strasze Peronne -Bapaume) stationirt gewesene Offizierspatrouille des 
Reserve Dragoner-Regiments mit der Meldung ein, dass sie durch 
eine Abtheilung des 2. Garde-Ulanen-Regimcnts aus Sailly die Mit- 
theilung empfangen habe, der Feind befinde sich mit stärkeren Ab- 
tbeilungen südlich Bapaume und westlich der Strasze Bapaume- 
P6ronne im Vorgehen. Gleichzeitig sagte diese Patrouille aus, dass 
Sailly von den Garde-Ulanen geräumt worden sei. Das Detachement 
Steinfeld legte diese Meldung dem General von Barnekow vor mit dem 
Hinzufügen, dass sich dasselbe bei einem wirklich stattfindenden Vor- 
gehen des Feindes Uber Hem oder Cartigny zurückziehen werde. 

Die „Angaben dieser Meldung erschienen dem General von 
Barnekow jedoch zweifelhaft, da am Abende des 9. Januars Bapaume 
noch von der 3. Cavallerie Division besetzt war, und befahl derselbe 
dem Detachement Steinfeld bis zum letzten Augenblicke stehen zu 
bleiben. 

Auf die Mittheilung dieser Meldung an den General von Goeben 
erhielt der General von Barnekow durch folgenden Befehl Antwort: 
, „Gegen den vorgehenden Feind kann von hier aus nichts angeordnet 
werden, was schon heute zur Wirkung käme. Ist es Ihnen nicht 
möglich, sein Vordringen bis zur erfolgten Besetzung der Festung 
zu verhindern, so bleiben die gegebenen Befehle in Kraft. Also 
Stellung hinter der Sommc." 

Bald stellten sich denn auch die Irrthtimer der Meldung heraus, 
und war wahrscheinlich der Nachtmarsch eines Bataillons 19. Regi- 
ments von Bapaume nach Maurepas Veranlassung zu dieser Nach- 
richt gewesen. Unterdess wurden keine Vorsichtsmaaszregcln itir 
die Ausführung der Capitulation auszer Acht gelassen, und erbat 



294 



Die Cernimng von Peronne im Zusammenhange 



sich der General von Barnekow dazu die Unterstützung der bei 
St. Quentin stehenden Sächsischen Cavallerie- Division Graf von der 
Lippe durch Vortreiben gröszerer Detachenients in der Richtung auf 
(Jambrai. Ebenso veranlasste derselbe das 8. Ctirassicr-Regiment, 
das bei Flers, nordwestlich von Combles, stand, bei einem feind- 
lichen Vormarsche gegen Fins vorzugehen. 

Die Vollziehung der Capitulation ging währenddem ohne Störung 
von Statten. Nachdem die Munitions- und Pulver -Magazine um 
10 Uhr übernommen worden waren, rückten erst um l 1 /* Uhr die 
beiden Bataillone (2. Bataillone des 40. und 69. Regiments) und zwei 
Compagnien Festungs- Artillerie durch die Porte St. Nicolas in 
Peronne ein, da die Franzosen ihren Ausmarsch nicht pünktlich be- 1 
wirkt und das Thor nicht früh genug geöffnet hatten. 

Zu derselben Zeit raarschirte die Garnison aus der Porte de 
Paris in guter Haltung auf der Strasze nach Eterpigny aus. Hier 
standen zwei Bataillone, zwei Batterien und eine Escadron des De- 
tachements von Rosenzweig, sowie ein halbes Jäger-Bataillon und 
zwei Batterien der 15. Division, deren Unterstützung sich der General 
von Barnekow erbeten hatte, zur Uebernahme der Garnison bereit 
Bei dem Gehöfte Bellevue fand die Waffenstreckung Statt, und er- 
gab die Zählung der Garnison 2950 Mann mit 75 Offizieren, von 
denen erstere als Kriegsgefangene nach Foucaucourt und am 
11. Januar nach La Fere gebracht wurden. Von den Offizieren 
wurden dagegen 50 gegen Ehrenwort entlassen, 25 aber in Kriegs- 
gefangenschaft abgeführt. In der Festung wurden 47 Geschütze 
(zwei waren demontirt), 5000 Gewehre, grosze Vorräthe an Munition 
und Lebensmitteln vorgefunden. 

Durch das Bombardement hatten die Festungswerke mit Aus- 
nahme der Front an der Porte de Paris fast gar nicht gelitten, da- 
gegen waren in der Stadt 80 Häuser niedergebrannt und ungefähr 
600 unbewohnbar. Was die Garnison anbelangt, so hatte dieselbe 
wenig durch die Geschosse gelitten und zählte sie nur 16 Todte und 
52 Verwundete, dagegen hatten die Pocken und andere Epidemien, 
die bei Beginn der Cernirung ausbrachen, ein Drittel der Mobilisirten 
und Nationalgarden dienstunfähig gemacht. Noch mehr litt die 
Civilbevölkerung durch Krankheiten, und waren hierbei die feuchten 
Kasematten, in denen sich ein Theil der Einwohner aufhielt, von be- 
sonderem Einflüsse. 

Die Verluste des Cernirungscorps waren denen der Garnison 
ziemlich gleich und beliefen sich auf fünf Offiziere verwundet, an 
Mannschaften acht Todte, fünfzig Verwundete und drei Vermisste. 



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mit den Operationen der L Armee. 



295 



Auszer den beiden Bataillonen und zwei Festungs -Artillerie- Com- 
pagnien rückte als Besatzung die 2. Sappeur-Compagnie und ein 
Cavallerie - Detachement in die Festung ein. Zum Commandanten 
wurde der Major von Horn vom 40. Regiment ernannt, zum In- 
genieuroffizier vom Platz Hauptmann Kluge, der sofort die Ver- 
theidigungseinrichtungen der Festung in Angriff nehmen liesz. 

VIII. Folgen der Capitulation. — Schlussbctrachtung. 

Durch den Fall der Festung veränderte sich die Sachlage im 
Norden wesentlich. Erst jetzt war ein ungehinderter Besitz der Somme- 
Linie möglich geworden und konnte eine Besetzung derselben mit 
mehr Sicherheit vorgenommen worden, als vor der Capitulation. Die 
I Armee war jetzt im Stande, ihre Hauptkräfte hinter der Somme 
aufzustellen, und das Terrain nördlich des Flusses bis zum Festungs- 
complex nur durch kleinere vorgeschobene Abtheilungen oder auch 
blos durch die Cavallerie-Division (bei Bapaume) beobachten zu lassen. 
Bei einem Angriffe des Feindes war es der Armee leicht möglich, sich 
mit der gröszten Schnelligkeit unter dem Schutze der Somme und 
der Festung Peronne zu concentriren und dem Feinde entgegen- 
zutreten. Bei Operationen gegen Norden konnte die Festung ein 
gesichertes Debouchiren Uber die Somme bewirken. 

Als die Französische Armee den im Angesichte einer vom Feinde 
besetzten Festung gewagten Flankenmarsch auf St. Quentin antrat, 
erleichterte die Festung nicht nur die Concentration der L Armee 
unter ihren Mauern, sondern verbarg auch dieselbe den Augen des 
Feindes und verdeckte den der Nordarmee cotoyirenden Marsch eines 
Theiles der I. Armee zur Schlacht bei St. Quentin. 

Hätte der Oberbefehlshaber der Französischen Armee seinen 
Marsch nach St. Quentin vor der Capitulation angetreten, so wäre 
nicht nur eine vollständige Aufhebung der Cernirung, sondern auch 
wahrscheinlich ein sehr empfindlicher Einfluss auf die Operationen 
die Folge davon gewesen. 

Wie die meisten der Französischen Festungen, so fiel also auch 
Peronne durch das Bombardement. Ohne den Schutz detachirter 
Werke musste eine Beschieszung der Stadt durch die Einwirkung 
der Bevölkerung bald die Capitulation herbeiführen. Ebenso, wie 
bei der Uebergabe der übrigen Festungen, war es ajuch hier die 
Bürgerschaft, die den Commandanten dazu veranlasste, die Festung 
zu tibergeben. Die Civilbevölkerung hatte allerdings während der 
Cernirung durch das Bombardement und Krankheiten viel zu leiden 
und war es daher natürlich, dass sie alle Mittel anwandte, um auf 
den energischen und thätigen Commandanten einzuwirken. 



296 Die Cernirung von Peronne im Zusammenhange 

Vom militairiscben Standpunkte aus betrachtet, wäre eine Fort- 
setzung der Verteidigung unbedingte Pflicht gewesen. Die Festungs- 
werke waren mit alleiniger Ausnahme der Südfront intakt, die 
Geschütze, obwohl ihrer Zahl und Art nach unzureichend, noch voll- 
zählig auf den Wällen, Munition und Lebensmittel reichlich, letztere 
auf 14 Tage vorhanden. Allerdings war ein Drittel der Besatzung 
unfähig zum Dienste. 

Ausserdem war auf die Besatzung schon in Folge ihrer Zu- 
sammenstellung aus Mobilen und Mobilisirten wenig zu zählen, und 
hatte sich dies schon wiederholentlich während der Belagerung 
gezeigt. Die letzteren Umstände und das Drängen der Civil. 
bcvOlkerung haben denn auch schlieszlich den Commandanten den 
Entschluss fassen lassen, die Festung zu tibergeben 

Was das Bombardement anbetrifft, so wirft der General Faid- 
herbe in seiner Schrift: „La campagne de l'armee du Nord" der 
Preuszischen Kriegführung die Erfindung dieses barbarischen Kriegs- 
mittels vor, und betrachtet die „procedös peu chcvaleresques" als unheil- 
voll für die Zukunft. Der General scheint ganz vergessen zu haben, 
dass es gerade die Franzosen gewesen sind, die sich zuerst des 
Bombardements zur Bewältigung einer Festung bedient haben. Es 
ist allerdings auffallend, wie sich ein sonst in jeder Beziehung aus- 
gezeichneter General einer solchen Vcrgesslichkeit schuldig machen 
kann. Der General sollte sich doch erinnern, dass im Hinblicke auf 
Humanitätsrücksichten das Bombardement noch eines der weriger 
grausamen Mittel ist Treffen alle die Voraussetzungen ein, unter 
denen der belagernde Theil das Bombardement beschlieszt, so wird 
die Zeit der Berennung abgekürzt. Bei solchen Beschicszungen wird 
meistens viel Eigenthum der Civilbcvölkerung zerstört, aber es gehen 
weniger Menschenleben zu Grunde. Bei einer regelmäszigen Be- 
lagerung dagegen geht allerdings weniger Eigenthum verloren, aber 
es werden sowohl durch Kugel, als auch durch Hunger und Krankheiten 
mehr Menschenleben weggerafft, als durch eine kürze Beschieszung. 

So hat die CerniruDg von Peronne auf beiden Seiten zusammen 
nur T;0 Menschenleben gekostet, während bei regelniäszi^er Belagerung 
von der eng gebauten Stadt unverhältniszuiäszig mehr Opfer durch 
Kugeln und Krankheiten gefordert worden wären. 

Die Capitulation erfolgte gerade zur richtigen Zeit, wäre der 
Widerstand nur noch einige Tage länger fortgesetzt worden, so hätte 
das Cernirungs- Corps ein neues Vorgehen der Nord -Armee von 
Cambrai her zu gewärtigen gehabt, und wäre die Möglichkeit, die 
Cernirung fortzusetzen, alsdann sehr fraglich geworden. 



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mit den Operationen der I. Armee. 



297 



Von thatsächlich geringer Einwirkung auf die Cernirung und 
den endlichen Fall der Festung waren die Operationen der Fran- 
zösischen Nord -Armee. 

Nach der Schlacht bei Bapaume zog sich der Französische 
Oberbefehlshaber in den Schutz der nördlichen Festungen zurück, 
ohne sich im Geringsten über die Absichten des Feindes zu unter- 
richten, und verlor dort die für die Festung so kostbare Zeit, indem 
er sich mit der ungewissen Nachricht begnügte, dass die Cernirung 
aufgehoben sei. Als die Nord- Armee sich endlich am 9. Januar zu 
einem erneuten Angriffe anschickte, war die Capitulation schon ab- 
geschlossen, und ein weiterer Vormarsch zu spät. 

Der General Faidherbe will die Capitulation von P6ronne erst am 
12 Januar in Bapaume erfahren haben, obwohl dieselbe schon in der 
Nacht vom 9. Januar abgeschlossen wurde, und am 11. Januar 
schon Offiziere der Besatzung in Bapaume eintrafen. Ebenso erschien 
schon in den Zeitungen von Arras die Nachricht über die Capitu- 
lation von Peronne am 11. Januar. Als nun der General wirklich 
die Capitulation erfahrt, hat er nichts Eiligeres zu thun, als den 
Commandanten Garnier zur Rechtfertigung seines unerhörten Ver- 
fahrens aufzufordern und ihn in einem Tagesbefehle streng zu tadeln. 
An den Kriegsminister richtete er folgende Depesche: 

Arras, 12. Janvier, trois heure 35 de l'apres-midi. 
Ge"n6ral Faidherbe a. commissaire de la defense, k major adjoint, 
et a ministre de la guerre. 

„A mon arrivee ä Bapaume, j' apprends avec stupefaction (!) que 
Peronne est entre les mains des Prussiens; cependant j'avais et6 
inforrad de la maniere la plus certaine que le 3. Jan vier, par suite 
de la bataille de Bapaume, le siöge avait 6te* lev6, et l'artillerie 
assiegeante retiröe de devant la place. Depuis, j'avais manoeuvrö 
en presence de Tarmee prussienne sur la foi de renseignements 
journaliers qui m'annoncaient qne le bombardement n'avait pas 
recommence. Que s'est-il donc passe? si vous Tapprenez, faites le 
moi savoir. II est certain, que pendant le bombardement l'artillerie 
de Peronne avait abimß l'artillerie assiegeante, et que les defenses 
\e cette place etaient restees intactes." Signe: Faidherbe. 

Wie in aller Welt kommt der General zu der ganz sicheren 
Nachricht („de la maniere la plus certaine"), dass die Cernirung von 
Pöronne aufgehoben sei? Unter solchen Verhältnissen ist es doch 
iine der ersten Anforderungen, die an einen General en chef gestellt 
werden, dass er über Operationen des Gegners, die doch nicht 
inbemerkt bleiben können, wie die Aufhebung einer Cernirung, sich 
jewissheit verschafft. 



298 



Die Cernirung von Peronne im Zusammenhange 



Ebenso ist Dach dem General Faidherbe das Bombardement seit 
dem 3. Januar eingestellt worden ; doch hat dasselbe gerade vom 
2. Janaar ab aus den Festungsgeschützcn mit erneuter Heftigkeit 
stattgefunden und bis zur Beendigung der Cernirung fortgedauert 
Das heftige Schieszen der Belagerungs- und Festungs - Artillerie 
musste man auf eine Entfernung von 35—40 Kilometer hören, so 
dass man sowohl vor der Schlacht bei Bapaume, als nach derselben 
in dem Hauptquartiere der Nordarmee den Donner der Geschütze 
vernommen haben mttsste, wenn man einige Aufmerksamkeit darauf 
verwendet hätte. Doch von wem mag der General die Nachriebt 
der Aufhebung der Belagerung und des Bombardements erhalten 
haben, da er es so sicher glaubte? Statt nun seinen Irrthum m 
beklagen, in den er sich selbst versetzt hat, oder in den er versetzt 
worden, wirft er alle Verantwortlichkeit auf die Stadt Peronne und 
ihren Commandanten. 

Auch nach der Capitulation selbst bleibt der General Faidherbe 
in Folge der Vereinigung von falschen Nachrichten bei dem Glauben, 
dass das Bombardement und die Cernirung in der fraglichen Zeit 
aufgehoben gewesen seien, und am 13. Januar schickte er folgende 
Depesche ab: 

Achiet, 13. Janvier, 10 heures Matin. 

General Faidherbe ä commissaire de la defense, ä major adjoint, 
et ä ministre de la guerre. 

„J'ai döcide que le commandant de place de Peronne serait 
traduit devant un conseil de guerre pour rendre compte de la 
reddition de cette place lorsque les defense* 6taient restees intactes, 
et q'une armöe de secours etait ä cinq ou six lieues manoeuvrant 
pour la degager." Signe: Faid herbe. 

Welches sind nun die „Manöver", die General Faid herbe zum 
Entsätze von Peronne ausgeführt hat? 

Allerdings hatte der General dem Commandanten von Peronu« 
dieselben in einem Schreiben vom 15. December versprochen, indem 
er ihn auszerdem ermahnte, nicht das Beispiel der übrigen Coinmau- 
danten nachzuahmen. 

Am 2. Januar marschirte die Nordarmee gegen Bapaume, um 
Peronne zu entsetzen. Der General Faidherbe trägt nach seinefl 
Ansicht den Sieg von Bapaume davon, die Nachricht von der Auf- 
hebung der Belagerung kommt ihm zu und trotzdem „il reprend sei 
cantonnements ä quelques kilometres en arriere, en remettant 1 
quelques jours la marche sur Peronne si eile redevenait necessaire^ 
obwohl ihm nach seiner „Campagne de l'armee du Nord" der Wefj 



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mit den Opex-ationen der I. Armee. 299 

,ch Peronne offen steht. Der unbefangene Beobachter steht in 
eser Beziehung vor einem Räthsel, da es wohl nicht zum zweiten 
ale in der Kriegsgeschichte vorkommen wird, dass ein zum Entsätze 
aer Festung heranrückender siegreicher Feldherr plötzlich umkehrt, 
snn ihn nichts hindert, den Entsatz auch wirklich auszuführen, 
eshalb bleibt nun der General Faidherbe vom 4. bis 10. Januar 
Boisleux, ohne sich weiter um das Schicksal von Peronne zu 
Immern? Nach den Angaben in der „Campagne de l'armee du 
)rd u ist dies allerdings höchst merkwürdig, nicht aber, wenn wir 
e wirklichen Folgen der Schlacht bei Bapaume auf die Nordarmee 
innen. Hierdurch ist allerdings erklärt, weshalb die Nordarmee 
cht ihren Vormarsch fortsetzte, nicht aber, weshalb sie nach drei 
!er vier Tagen nicht von Neuem einen Entsatz versuchte. Endlich, 
a 10. Januar, beschlieszt der General einen neuen Vormarsch, um 
jh über das Schicksal von Peronne zu orientiren, über das er 
sht genügend aufgeklärt ist („suffisamment renseigne" — Campagne 

Tarmed du Nord). Doch auch dieses Vorgehen wird äuszerst 
Qgsam ausgeführt, so dass das Schicksal von Peronne besiegelt ist, 
e der General überhaupt in Bapaume anlangt. 

Bei dem schon im Laufe des 9. Januars erfolgten Vorgehen wäre 
le Einwirkung auf die Capitulationsverhandlungen und auf die 
isführung derselben noch möglich gewesen, wenn die Nordarmee 
len kräftigen und schnellen Vorstosz in der Richtung auf Fins 
ternommen hätte. 

Weit eher liegt in dem strengen Vorgehen gegen den Comman- 
nten Garnier eine Selbstanklage des Generals, der einen Theil 
r Schuld des Verlustes von Peronne in Folge seiner Operationen 
m 2. bis 10. Januar auf seinen Schultern ruhen fühlt, als eine ge- 
mte Beurtheilung des Commandanten. Dieser Ansicht wurde später 
ch Ausdruck gegeben durch den im Mai 1872 durch die Unter- 
:hungs - Commission über die Capitulationen der Französischen 
stungen erfolgten Ausspruch, in welchem der Commandant von 
rönne gleich den meisten übrigen nur getadelt wurde, dass er 
pitulirt hatte, ehe der Feind Bresche gelegt oder Sturm gelaufen war, 
d in der Capitulation einen Artikel über die Rückkehr der Offiziere 
die Heimath bei der Verpflichtung auf Ehrenwort, nicht mehr in 
:sera Kriege gegen Deutschland zu kämpfen, aufgenommen habe. 

Wie aus der vorstehenden Darstellung hervorgeht, ist der Besitz 
r, obwohl kleinen und mit geringen Widerstandsmitteln aus- 
rüsteten, Festung Peronne von nicht unwesentlichem Einflüsse auf 
t Operationen der beiderseitigen Heere gewesen , und dauerte 



300 F>n Rückblick auf Friedrich» des Groszen Fürsorge und Theilnahme 

dieser Einfluss von der Schlacbt an der Hallue bis zur Schlacht bei 
St. Quentin, indem 8ämmtliche Operationen der I. Armee während dieser 
Zeit mit der Festung oder der Heiagerung in Verbindung standen 
Wenn nun die Festung Peronne im letzten Kriege schon keine 
unbedeutende Rolle gespielt hat, so wird sie in späteren Kriegen 
gewiss einen noch gröszeren Werth erhalten, sobald sie, mit 
detachirten Forts umgeben und mit der Eisenbahn in Verbindung ge- 
bracht, ihre frühere strategische Wichtigkeit zum Theil wieder erhält 



XV. 

Ein Rückblick auf Friedrichs des Groszen 
Fürsorge und Theilnahme für Seine BIcssirten 

und die des Feindes. 

Kürzlich lasen wir in einer Zeitung („Norddeutsche" vom 
8. November a. c.) eine Reminiscenz an König Friedrichs Aufenthalt 
in Oldau 1741, vom 11. bis 20. April. Man brachte dortbin damals 
die Mollwitzer Sicgestrophäcn und die meisten Preusziscben Blessirten. 

In den Tagen vom 12. bis 16. April fand Preusziscberseits eine 
Sonderung der gesammten Verwundeten Statt: Freund und Feind, 
Schwer- und Leichtblessirte — um ein Krankenzerstreuungs- 
system und einen Verwundetentransport zu Wasser zur 
Ausführung zu bringen. Man handhabte also diese sehr wichtigen 
und vorteilhaften Angelegenheiten schon vor 133 Jahren, in einer 
den jetzigen wissenschaftlichen und humanitairen „Gepflogenheiten" 
adäquaten Art. 

Der König widmete in Ohlau (so berichtet die obenerwähnte 
Zcitungsreminiscenz) den gröszten Theil seiner Zeit den Verwundeten, 

Diese Rückschau auf Friedenaus Rex nach Seiner ersten Schlacbt 
giebt uns Anlass zu anderweiten Mittheilungen. — »Ayez soin des! 
blosses, ce sont nies enfants"; dies schreibt der König in Grottkaq 
am 10 Januar 1741 dem Feldmarschall Graf y. Schwerin. Auch 1 
das graue Haupt des „alten Dessauers" musste von dem jungen 
Kriegsherrn eine Belehrung entgegennehmen über Das, was man dem 
blessirten Soldaten schulde. Dem Fürst -Feldmarscball wurde 
d. d. Berlin 28. Januar 1745 ein Mahnschreiben zugefertigt, welchei 
nicht in der Tonart des an Schwerin gerichteten gnädigen Aviso. 



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für Seine Blessirten und die des Feindes. 301 

„Wenn Ich auch vernehme, wie zur Besorgung der armen Kranken 
in dortigen Lazarethen (auf dem Schlesischen Kriegsschauplatze) 
bishero noch gar schlechte Veranstaltungen gemacht sind und ge- 
dachte Kranke fast ohne Medicos, Feldschers und Medicin . . . ge- 
lassen, oder wenigstens damit nicht so, wie es sein sollte, versorgt 
werden — so habe Ich E. Liehden hierdurch ersuchen wollen . . 

Dem Markgraf Karl verdeutlichte der König schriftlich am 
2. Februar 1745 Seinen Wunsch, Erkrankungsfalle möglichst zu 
verhüten, bei der zur Zeit auszergewöhnlich rauhen Witterung. 
„Nächstdem werden E. Lbdn Verfassung machen, dass für die 
Kranken gebührend gesorgt und bei denselben in Allem, was zu 
ihrer Genesung und ihrem Unterhalte gehört, Nichts gespart werde; 
zu welchem Ende E. Lbdn die Lazarethe etc. von Zeit zu Zeit durch 
Offiziers visitiren und Sich davon Rapport abstatten lassen sollen." 

In der d. d. Potsdam 14. August 1748 den Infanterie-General- 
majors ertheilten Instruction heiszt es: „Wenn die Bataille vorbei 
ist, müssen die Generale sowohl für die Blessirten und Kranken, 
als auch für die verlorenen Montirungsstücke sorgen."*) 

Die Beschaffung und Heranbildung einer möglichst groszen Zahl 
tüchtiger Rlilitair-Oberärzte liesz sieb der König stets sehr an- 
gelegen sein. So z. B. schickte Er im Jahre 1770 den „Feldscher" 
Salomo als Volontair in den Russischen Feldzug. Salomo war ein 
gnter Operateur; nach seiner Rückkehr berief der König ihn nach 
Berlin und ernannte ihn zum Regiments -Feldscher der Gardes du 
Corps. 

Ebenmäszig nahm der König fortgesetzt einen regen Antheil an 
der Förderung der Heilwissenschaft. Als der Generalchirurg Bilgncr 
(ein Schweizer, 1741 aus Württembergischcm in Preußischen Dienst 
getreten, 1758 zweiter Generalchirurg) ein Buch geschrieben, in 
welchem er zuerst, als Anwalt der conservativen Chirurgie, seine 
Stimme erhob gegen die vielen Amputationen, fand dieses Buch viel 
Verbreitung und Beifall, weil man erfuhr, dass König Friedrich sich 
sehr anerkennend ausgesprochen über Bilgners Vorschläge. — 

Ein, anlässlich der Enthüllung der Berliner Friedrichs-Statue, 



*) In den „General-Principia" vom Kriege sagt der König auch: „Wann 
der Sieg erhalten worden, so fordere ich, dass mau ein Detacheinent von denen 
Regimentern mache, welche am meisten gelitten haben, welches sodann vor die 
Blessirten sorgen, und solche nach den Lazareths bringen lassen muss, die man 
r tuvor praepariren lassen; zuforderst sorget man vor seine Blessirten, doch so t 
dass man auch das menschliche Mitleiden gegen die von dem Feinde nicht 
Tergisset. 44 D. Red. 



302 Ein Rückblick auf Friedrichs des Groszen Fürsorge und Theilnahme 

von einem Johanniter in der Kirche zu Elsnig, bei Torgau, gestiftete 
Marmordenkmal erinnert an des groszen Königs Samariterthaten nach 
Seinem Siege am 3. November 1760. 

Dem Verhältnisse Friedrichs des Groszen zu Seinen verwundeten 
und kranken Soldaten ist ein besonderes Capitel gewidmet in dem 
1866 (bei Mittler in Berlin) zum Besten Preuszischer Verwundeter, 
herausgegebenen Buch: „Militaria aus König Friedrichs des Groszen 
Zeit" (S. 22 u. ff.). *) 

Wenn das Lazarethwesen in der Armee des groszen Königs 
nicht das leistete, was heut von demselben geleistet werden kann 
und muss, so lag dies an allerhand Hemmnissen, die man füglich 
berücksichtigen und kennen zu lernen bemüht sein sollte (armee- 
geschichtlich, culturhistorisch und heilkunstgeschichtlich) , bevor 
man aburtelt Uber die „ungenügenden*' (unwissenschaftlichen, laxen, 
lieblosen?) Maasznahmen zur Heilung der Verwundeten des „alten Fritz". 

Es zeigt sich die Menschenfreundlichkeit dieses groszen Feld- 
herrn im schönsten Lichte, wenn man Nachforschungen hält wegen 
der Seinerseits persönlich den feindlichen Blessirten zu Theil ge- 
wordenen liebevollen Aufmerksamkeiten. 

Beginnen wir auch hier mit Mollwitz. Am 10. April fand die 
Schlacht Statt. (Anfang um 2 Uhr Nachmittags, Ende in der Dunkel- j 
heit.) Vom 12. bis 16. April beschäftigte man sich, wie wir bereits i 
wissen, beim Preuszischen Heere mit der Vertheilung und Fort- 
schaffung der Verwundeten. Die Oesterreichischen Gefangenen wor- 
den sämmtlich nach Breslau dirigirt, zu weiterem Transporte von 
dort aus; etliche Hundert derselben, schwerblessirt, schickte man 
jedoch nach Brieg, um sie dem Oesterreichischen Commandanten 
„zu besserer Verpflegung" auszuliefern, „wogegen sich Dieser ver- 
pflichtete, dass Diejenigen, welche etwa wieder geheilt werden 
möchten, während der Belagerung der ihm anvertrauten Festung 
keine Dienste thnn sollten". Für die übrigen in und bei Ohlau 
untergebrachten blessirten Kriegsgefangenen hat man, „wie fiir die 
eigenen Preuszischen Verwundeten, alle mögliche Sorgfalt getragen". 
„Ja der König soll verschiedene derselben in allerhöchster Person 
besucht und beschenkt haben." Schlieszlich brachte man die Mehr- 
zahl aller bei Mollwitz Verwundeten und eine Menge Kranker nach 
Breslau in die Klöster, die evangelische Schule und das Maria- 
Magdalena-Gymnasium etc. Da gab es denn hier viel Arbeit und 

*) Auch findet man in der Allg. Mil. Zeit., Jahrg. 1869, Nr. 41, 42 und 
43 einen „Rückblick auf die Humanität in den Kriegen des vorigen Jahr- 
hunderts". D. Red, 



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für Seine Blessirten und die des Feindes. 



303 



Gefahr bei einer so groszen und schönen Hilfsleistung. Aus Ungarn 
schleppte der Feind die Pest ein in die Breslauer Kriegshospitale. 
Aerzte, Mönche, Nonnen, Prediger, bezahlte und freiwillige Kranken- 
pfleger und Pflegerinnen — Alle bemüheten sich bestens, ihren 
Standes- und Christenpflichten gerecht zu werden. Freilich büszten 
Manche dabei das Leben ein; aber „lies est sacra miseril" 

Wir finden somit schon nach der Mollwitzer Schlacht: in optima 
forma eine Blessirten-Neutralität und freiwillige Kriegs-Lazarethhtilfe, 
inclus. Frauenvereine — ; hocherfreuliche Angelegenheiten, welche in 
neuester Zeit (nach Solferino) nur modernisirt wurden*). 

Nach der Schlacht bei Hohenfriedberg brachte man noch am 
4. Juni (1745) Oesterreichische und Sächsische Verwundete nach 
Striegau. Dieselben wurden durch den Preuszischen Regiments- 
Feldscher Theden und die ihm zugetheilten Feldscherer nebst allen 
Striegauer Chirurgen „nach aller Möglichkeit" verbunden. Noch am 
gleichen Tage kam von der Preuszischen Armee ein Chirurgen- 
Succurs nach Striegau. Am folgenden Tage (5. Juni) traf die Königl. 
Feldapotheke ein, mit dem Königl. Leibmedicus Hofrath Lesser, dem 
Generalchirurg Bonesz und 50 Lazarethchirurgen ; sie mussten sämmt- 
lich auf ausdrücklichen Befehl des Königs in Striegau verbleiben. 

„Se. Majestät kamen auch Selbst hierher (am 5. Juni) und be- 
suchten die blessirten Offiziere, besonders den Herrn Baron Ber- 
lichingen (Kaiserl. Königl. General der Cavallerie), den Herrn Grafen 
St. Jgnon (Feldmarschall-Lieutenant; er Btarb in Striegau) und den 
Grafen Sonnau (Commandern- des Regiments „St. Ignon" ; starb eben- 
falls). Se. Maj. lieszen ihnen auch Verschiedenes aus Höchstdero 
Kellerei reichen." 

Es befanden sich circa 4000 feindliche Verwundete in Striegau. 
Ueber 500 vom Mannschaftsstande erlagen ihren Blessuren. Nur 
drei Preuszische Stabsoffiziere starben in Striegau ; alle übrigen dort- 
hin gekommenen Preuszischen Offiziere wurden nach Schweidnitz ge- 
bracht, „damit die verwundeten Feinde desto besser gewartet werden 
könnten". (In der evangelischen Kirche zu Schweidnitz ruhen zwölf 
Preuszische Offiziere von ihrer Hohenfriedberger Siegesthat, in der 
katholischen ein Offizier.) 

Der Stabschirurg Krauschke und der Regimentsarzt Theden 
hatten die Oberaufsicht in Striegau. Es wurde ihnen beigeordnet 
der Landphysicus Dr. Keuschler ; und diesem assistirten acht La- 

*) Es ist uns speciell bekannt, dass damals in Breslau einige Kaufmanns- 
frauen sich associirten, um den Blessirten und Kranken eine gewisse Menge 
Fleisch und Suppe täglich darzureichen. 



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304 Ein Rückblick auf Friedrichs des Groszen Fürsorge u. Theiluahme etc. 

zaretbebirurgen. Anszer allen Stadt- und Landchirurgen des Strie- 
gauer Sanitätsbezirks (Bader sive Heildiener, resp. Bartputzer) mussten 
sieben Oesterreichische und drei Sächsische gefangene „Feldscherer" 
Hand anlegen. Die Stadt- und Landcbirurgen wurden entlassen 
nach Eintreffen von noch zwölf Oesterreichischen und 11 Sächsischen 
Lazarethkünstlern ; „und man half den Sächsischen Feldschers sowohl 
mit Instrumenten als mit Medicin". 

Der König postirte in Striegau einen Feldapotheker und einen 
Lazarethcommissair (Intendanturbeamter). Noch am 18. Augntf 
funetionirten dieselben dort, „um Alles zu guter Verpflegung der 
Verwundeten bestens einzurichten*'. Der Regimentsarzt Theden blieb 
beim General Berlichingen bis zu dessen Genesung, „weil der General 
sich denselben bei Sr. Majestät ausgebeten". Theden, 1714 in 
Mecklenburg geboren als 23. Kind eines verarmten Gutspächters, 
verdankte es Beinern Talente, seiner Wissbegierde und seinem uner 
mtidbaren Berufseifer, dass er den Ansprüchen des Königs auf prompte 
und gewissenhafte, theilnahmsvolle und hingebungsbereite ärztliehe 
Dienstleistungen gentlgen und als erster (oberster) Generalchirurg de» 
Preuszischen Heeres sterben konnte (1^97), mit Hinterlassung eines 
ehrenreichen Andenkens bei Freund und Feind. (Der Russische 
Feldmarschall Graf Fermor lernte ihn 1759 als Kriegsgefangenen 
kennen, und behandelte ihn „hochachtungsvoll".) 

Nach der Schlacht bei Hochkirch hatte man in der Prcuszischer- 
seits besetzten Stadt Bauzen Sorge und Noth vollauf mit der groszen 
Zahl eigener Verwundeter. Jedoch die Oesterreichischen Blessirten, 
welche hierher kamen, wurden auf des Königs besonderen Befehl 
wie die eigenen behandelt. Der 14. October 1758 ist eingezeichnet 
in die Geschichte der Fürsorge für verwundete Krieger mit groszen 
Ziffern. Eine alte Liste aus jener Zeit weist nach: in den Dörfern 
zwischen Löbau und Bauzen 10,500 Verwundete; in dem Dorfe 
Kunersdorf allein waren 1100 untergebracht. Die Oesterreicher 
hatten im Schlosse Lämberg bei Gabel ein Hauptlazareth eingerichtet 
Prcuszischerseit8 waren das nächtliche Gemetzel bei Hochkirch und 
die vielen Opfer desselben „an untoward eve>4". 

Gleichviel übrigens, ob Sieger oder Besiegter; immer war und 
blieb der grosze König im Superlativ der Philanthropie — ein hoch- 
herziger Helfer für den verwundeten Feincl, und tür den verwundeten 
Kampfgenossen ein väterlicher Freund. („Ayez soin des blesses, ce 
sont mes enfants." Oeuvres T. XXV, p. 5l>7.) 

Berlin, den 10. November 1874. (Gr. L.) 



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Ein Vergleichsschie8zen zwischen Bronce-Vorderlader etc 



305 



* 

0 * 

XVL { 

Ein Vergleichsschieszen zwischen Bronce- 
Vorderlader und Gussstahl -Hinterlader. 

Die Schlachten der beiden letzten groszen Kriege haben den 
tedentenden Einfluss der Artillerie anf den Ausgang des Kampfes 
largethan; sie haben aber auch bewiesen, dass die heutige Kampf- 
reise sehr grosze Anforderungen an die Artillerie-Taktik stellt und 
lass nur mit einem ausgezeichneten Materiale es der Artillerie möglich 
rird, die an sie gestellten Anforderungen zu erfüllen. Steht das 
Lrtillerie-Material nicht auf der Höhe der Zeit, so kann die opfer- 
lereiteste Hingebung es nicht verhindern, dass die Wirkung der 
Artillerie ganz in den Hintergrund tritt. Man wird gewiss allerseits 
ugeben, dass 1866 die Preuszische Artillerie, 1870 die Französische 
;eleistet haben, was bei dem vorhandenen Materiale nur irgendwie 
abglich war; aber 1866 überragte das Oesterreichische, 1870 das 
»reuszische Material dasjenige des Gegners in erheblicher Weise 
nd wurde schon hierdurch eine wesentliche Wirkung der Preuszi - 
chen, resp. Französischen Artillerie unmöglich. Diese Thatsachen 
ind so offenkundig und auch wohl so allgemein anerkannt, dass es 
ines Beweises durch Anführung kriegsgeschichtlicher Vorgänge ge- 
wiss nicht mehr bedarf. Die beiden letzten groszen Kriege haben end- 
ich auch die Zweifel und Unklarheiten beseitigt, welche viele Jahre 
indurch in der Artillerie -Taktik, genährt durch die Theorie, ihr 
chadenvolles Dasein fortschleppen konnten. Die Grundsätze für 
las Auftreten der Artillerie im Kampfe haben jetzt einen festen, 
;esunden, praktischen Boden erhalten. 

Unter all' diesen Umständen ist es leicht begreiflich, dass 
ämmtliche Europäischen Groszmächte es in den letzten Jahren mit 
;anz besonderer Sorgfalt sich angelegen sein lassen, ihr Artillerie- 
Material auf solchem Standpunkte zu erhalten, dass die Fortschritte 
!er Wissenschaft und Technik zur vollen Verwerthung gelangten. 

In Oesterreich, dessen Artillerie sich von jeher eines besonderen 
tafes zu erfreuen hatte und im Jahre 1866 sich mit neuem Ruhme 
edeckte, hat selbstredend auch die Regierung eine Verbesserung 
es bisher im Gebrauche befindlichen Artillerie - Materiales für noth- 
rendig erachten müssen, und aus diesem Grunde namentlich in der 

Jahrbücher f. d. Deutsche Arraoe u. Marine. Band XIIT. 21 



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306 Ein Vergleichsschieszen zwischen Bronce-Vorderlader 

r 

letzten Zeit eingehende, höchst interessante Versuche anstellen lassen. 
Ueber das Material , welches in Folge dieser Versuche nunmehr bei 
der Oesterreichischen Artillerie eingeführt werden soll, hat sich die 
Regierung noch nicht entschieden und ergreift die Oesterreichische 
Militair- Literatur die günstige Gelegenheit, um diese Frage nach 
allen Seiten hin auf das Gründlichste zu beleuchten, aufzuklären 
und zur Entscheidung reif zu machen. 

Es dürfte weniger von allgemeinem Interesse sein, den aus- 
gesprochenen Ansichten der einzelnen Oesterreichischen Blätter hier 
näher zu treten, da sie ja im Wesentlichen nur auf Oesterreiehische 
Verhältnisse berechnet sind. Die Ergebnisse der verschiedenen Ver- 
suche, welche bei dieser Gelegenheit veröffentlicht werden, verdienen 
aber zweifelsohne grosze Beachtung und Verbreitung. Unter diesen 
Versuchen werden diejenigen, welche einen Vergleich der Wirkung 
von Bronce- Vorderladern und Gussstahl-Hinterladern 
auf Truppen-Ziele zum Zwecke hatten, von einem allgemein militair- 
wissenschaftlichen Standpunkte aus ein ganz besonders erhöhtes 
Interesse für sich in Anspruch nehmen und sollen in den nach- 
folgenden Zeilen einige der bezeichnendsten Resultate Wiedergabe 
finden. 

Die Geschütze, welche bei diesen Vergleichsschieszen in den 
Kampf traten, waren einerseits der jetzt in der Oesterreichischen 
Feld- Artillerie im Gebrauche befindliche 8-Pftluder, Bronce-Vorder- 
lader, andererseits das Krupp'sche 8,7 Centimeter- Geschütz, Guss- 
stahl-Hinterlader. 

Bei dem Oesterreichischen 8-Pftinder beträgt bekanntlich 
das Gewicht des Rohres mit Verschluss .... 498 Klgr., 
„ „ der Laffete mit Ausrüstung .... 602 „ 
„ „ des Rohres mit Ausrüstung .... 1100 „ 
„ „ der Protze mit Ausrüstung und Munition 628 „ 
„ „ des ausgerüsteten Geschützes also . 1728 „ 
Das Geschütz hat 8 Parallel-Bogenztige. 

Die in Gebrauch genommenen 8,7 Centimeter-Gussstahl-Hinter- 
lader datiren ihre erste Existenz vom März 1873 ab, zu welcher 
Zeit die Firma Krupp der Oesterreichischen Regierung 4 Gussstahl- 
Geschütze zu Versuchszwecken zur Verfügung stellte. Dieselben 
genügten jedoch nicht den Anforderungen, da namentlich beim 
Feuern mehrfach Granaten im Rohre zerschellten. Unter Berück- 
sichtigung eines von der Oesterreichischen Regierung vorgeschriebenen 
Maximal-Gewichtes und einer Anfangsgeschwindigkeit von 473 Meter 
— bei dem erwähnten 8-Pfünder beträgt sie 343 Meter — so wie nach 



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und Gusastahl-Hinterlader. 307 

Ausführung mehrfacher Aenderungen waren dann schlieszlich am 
25. Juli 1874 von der Oesterreichischen Regierung 4 Krupp'sche 
Gussstahl - Geschütze , welche den gestellten Anforderungen voll- 
ständig entsprachen, als Probe Geschütze in Gebrauch genommen. 

Bei diesem 8,7 Centimeter- Hinterlader beträgt 
das Gewicht des Rohres mit Verschluss .... 487 Klgr. 
„ „ der Laffete (die Wände derselben be- 
stehen aus gepresztem Stahlblech) 

mit Ausrüstung 498 „ 

„ „ des Rohres mit Ausrüstung .... 985 „ 
„ „ der eisernen Protze mit Ausrüstung und 

Munition 797 „ 

„ „ des ausgerüsteten Geschützes also . 1782 „ 

Das Geschütz hat 24 Züge; der Drallwinkel, welcher beim 
8-Pftinder 8° 30' grosz ist, beträgt 3° 59' 10". 

Während beide Geschütze 34 Schüsse oder Würfe mit sich 
führen, enthält der Munitions wagen des 8-Pfünders 94, der des 
8,7 Centimeter-Geschützes 99. 

Die zur Anwendung gebrachte Granate des 8-Pfünders hatte 
Führung durch einen Zinnzink -Mantel und wog mit Sprengladung 
6,580 Klgr.; die Granate des 8,7 Centimeter-Geschützes war doppel- 
wandig, hatte zur Führung 4 Kupferringe und mit Sprengladung 
versehen ein Gewicht von 6,355 Klgr. 

Ehe die 8,7 Centimeter- Geschütze zu dem Vergleichsschieszen 
in Gebrauch genommen wurden, bildete man während einiger Tage 
(16 Dienststunden) die mit der Bedienung beauftragten Mannschaften 
an denselben aus und ertheilte ihnen in dieser Zeit auch Unterricht 
über die Einrichtung und den Gebrauch des Geschützes. Am 
19. August begannen alsdann die Schieszübungen mit demselben aul 
dem Steinfelde. Nachdem mehrere Tage hindurch Uebungen in der 
verschiedensten Weise stattgefunden hatten, benutzte man noch zwei 
Tage zu dem bereits angedeuteten Vergleichsschieszen. 

Am 24. August bestand die Uebung aus einem Werfen scharf 
geladener Granaten gegen gedeckte Ziele. Das Ziel, eine auf- 
geschlossene Compagnie Colonne darstellend, deren erster Zug dicht 
hinter einer 2,5 Meter hohen Brustwehr stand — waren 4 Bretter- 
wände, 1,8 Meter hoch, 15 Meter lang, mit je 5,3 Meter Abstand 
hintereinander. Die Entfernung betrug 2000 Schritt. Die von den 
beiden Geschtitzarten abgegebenen je 30 Schüsze hatten eine ziem- 
lich gleiche Wirkung und bewiesen vor Allem, dass ein Werfen 

21* 

L 



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308 



Ein Vergleichsschieszen zwischen ßronce- Vorderlader 



scharf geladener Granaten bei weitem dem Schieszen mit solchen 
Hohlgeschossen an Wirkung nachsteht. 

Am 26. Augast fand dann mit den beiden Geschützarten ein 
Batteriefeuer auf bekannte Distancen Statt. 

Die erste Distance betrug 5000 Schritt; das Ziel waren 7 
Bretterwände, je 20 Meter hintereinander stehend, 2,7 Meter hoch, 
36 Meter lang. 

Jedes Geschütz gab 40 Schuss ab. 

Das Ergebniss war: 

8-Pfünder. 8,7 Centim.-Geschütz. 

Treffer 68. 491. 

Rotten waren getroffen in 
den 7 Wänden .... 43. 207. 
Auf der zweiten Distance, welche 3000 Schritt betrug, waren 
das Ziel 3 ebenfalls je 20 Meter hintereinander stehende Bretter- 
wände, von gleicher Länge wie die Vorigen, aber nur 1,8 Meter 
hoch Das Resultat von je 40 Schusz jeder Geschützart war: 

8-Pfünder. 8,7 Centim.-Geschütz. 
Treffer in den 3 Wänden . 163. 1411. 
Getroffene Rotten in den 3 

Wänden 66. 162. 

Als dritte Distance waren 2000 Schritt bestimmt. Die Scheiben 
hatten ganz dieselben Abstände und Gröszenverbältnisse wie bei der 
Uebung auf 3000 Schritt. Es ergaben sich nach wiederum 40 
Schüssen bei dem 

8-Pftinder. 8,7 Centim.-Geschütz. 
Treffer in allen 3 Wänden 387. 1497. 
Getroffene Rotten in allen 

3 Wänden 126. - 175. 

Nach diesen Vergleichsschieszen auf dem Steinfelde beschloss 
man, die 4 Gussstahl-Hinterlader, in einer Halb-Batterie zusammen- 
gestellt, auch in Betreff ihrer Ausdauer und Manövrirfähigkeit im 
September an den Manövern im Brucker Lager Theil nehmen zu 
lassen. Die Geschütze entsprachen auch hier allen Anforderungen 
in jeder Weise und zeigten gegen die Oesterreichischen Feldgeschütze 
einen nicht unbedeutenden Vortheil dadurch, dass sie auf dem Flecke 
wenden konnten, während die Oesterreichischen Geschütze zu diesem 
Zwecke erst abprotzen müssen. Es ist nicht die Absicht, hier 
die Einzelheiten dieser Uebungen aufzuführen. Das Vergleichsschieszen 
aber, welches auch im Brucker Lager zwischen den zwei bezeich- 
neten Geschützarten stattfand, dürfte mit seinen Ergebnissen deutlich 



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und Gussstahl-Hinterlader. 309 

beweisen, welche Wirkung Bronce -Vorderlader im Vergleiche zu 
Gussstahl - Hinterladern im Feldkriege haben. Im Brucker Lager 
fanden am 17. September d. J. folgende Schieszübungen Statt, bei 
welchen ebenfalls jede Geschützart jedesmal 40 Schuss abgab. 

Bei der ersten Uebung nahmen die 8-PfUnder den Aufsatz für 
2700 Schritt, die 8,7 Centimer-Geschtitze den für 2750 Schritt. Als Ziel 
dienten 414 Figuren - Scheiben , 57 2 ' hoch, 2 Compagnie - Colonnen 
darstellend. Das Resultat war: 

8-Pfünder. 8,7 Centim.-Geschtitz. 

Treffer 212. 1262. 

Getroffene Figuren . . . 105. 290. 

Gegen eine Infanterielinie, 50 Schritt lang, 1,8 Meter hoch, 60 
Figuren und mit dem Aufsatze für 1150 resp. 1350 Schritt waren 
bei dem 

8-Pftinder. 8,7 Centim.-Geschütz. 

Treffer 69. 329. 

Getroffene Figuren ... 37. 53. 
während gegen 500 Mann Infanterie, 4 Compagnien in Doppelcolonne, 
2 1 j 2 J hoch, im Terrain gedeckt und als Ziel nicht sichtbar, mit dem 
Aufsatze von 1700, resp. 1500 Schritt das Ergebniss nur folgendes war: 

8-Pftinder. 8,7 Centim.-Geschütz. 

Treffer 21. 57. 

Getroffene Figuren ... 19. 45. 

Neben dem Vergleiche über die Wirkung der beiden Geschütz- 
arten geben die Verlustziffern ebenfalls für Formation der Infanterie 
im Gefechte höchst beachtenswerthe Winke. 

Bei dieser Gelegenheit fand ferner ein Vergleichsschieszen Statt, 
in welchem eine im Feuer stehende Batterie von 6 Geschützen, 
2 Munitionswagen, H6 Mann Bedienung, 56 Pferden und 24 Mann 
Infanterie -Bedeckung, Alles natürlich in Scheiben dargestellt/ zum 
Ziele dienten. Die 8-PfUnder nahmen den Aufsatz für 2350 Schritt, 
die 8,7 Centimeter-Geschütze den für 2450 Schritt und hatten nach- 
stehende Treffer zu verzeichnen: 

8-Pftinder. 8,7 Centim.-Geschütz. 

Geschütz 1 2 

Mannschaft 9 16 

Pferde 5 18 

Schlieszlich sei noch erwähnt, dass die Anzahl der Sprengstticke 
bei der doppelwandigen Granate des 8,7 Cent -Geschützes und bei dem 
mit einem Mantel versehenen einwandigen Geschosse des 8-Pfünders 
im Wesentlichen eine gleiche war; dass in Folge der angewendeten 




310 Umschau in der Militair-Literatur. 

Zünder die Geschosse des Gussstahl -Geschützes die gröszte Spreng- 
wirkung hatten, wenn sie dicht vor dem Ziele aufschlugen und 
dann crepirten, während die Granate des Bronce-Geschtitzes zu die- 
sem Zwecke direct ins Ziel treffen musste. — 

Die Sprache, welche die angegebenen Zahlen reden, ist eine so 
deutliche, dass es keiner weiteren Worte bedarf. Für die Deutsche 
Artillerie aber liegt in diesen Zahlen eine neue Bürgschaft ihres 
Werthes. 



XVII. 

Umschau in der Militair-Literatur. 

Zur Taktik der Reiterei von M. Freiherr t. Sazenhofen, 

Kgl. Bayer. Major und Commandeur der Equitationsanstalt. 
Dritte, sehr vermehrte Auflage. — München, Theodor Acker- 
mann. 1875. — 

Auf allen Gebieten des militairischen Lebens ist eine Thätigkeit 
zu constatiren, welche diejenige vor dem siegreich durchgeführten 
Kriege im Jahre 1870 — 71 wohl noch übertrifft. Dieses eifrige 
Streben ist eine Gewähr für die Zukunft, welche an alle Waffen eine 
erhöhte Anforderung stellen wird, vornehmlich an die Reiterei. In 
ihr muss, um sie für alle an sie herantretenden Aufgaben tüchtig 
zu machen, mit Wort und That und mit allen Kräften gestrebt und 
gearbeitet werden. 

Dankbar sind daher alle diejenigen Anregungen zu begrüszen. 
die auf ein zweckentsprechendes Studium hinweisen, gewisse noch 
herrschende Schattenseiten und Mängel beleuchten; ganz besonders 
aber verdienen derartige Aeuszerungcn die eingehendste Beachtung, 
wenn sie von Männern herrühren, die durch langjährige Erfahrung 
und eifrige Liebe für ihre Waffe sich ein maaszgebendes prak- 
tisches Urtheil erworben haben. 

Unter diesem Gesichtspunkte darf die von dem Königlich 
Bayerischen Major und Commandant der Equitationsanstalt M. Frei- 
herr v. Sazenhofen verfasste und neu bearbeitete Brochure: „Zur 
Taktik der Reiterei" auf allgemeine Beachtung und Anerkennung 
Anspruch machen. 

Der Herr Verfasser will uns den Weg zeigen, der die Reiterei 



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Umschau in der Militair-Literatur. 311 

vorwärts bringen muss, der in der Verbesserung des Materiales 
einerseits, andererseits in der Sicherheit und Klarheit bei der Ver- 
wendung der Truppe zu suchen sein wird. 

In der Einleitung wird, in allerdings etwas düsteren Farben, die 
Mangelhaftigkeit des vorhandenen Materiales geschildert, und wird 
zur Verbesserung desselben in erster Linie die systematischere 
Dressur der Pferde gefordert. Des Verfassers Klagen treffen den 
Mangel eines für die ganze Deutsche Reiterei maaszgebenden 
Princips, welchem alle persönlichen Anschauungen und Liebhabereien 
untergeordnet sein sollen, und er stellt in treffender Weise als 
Quintessenz dieses Systems das Gleichgewicht von Mann und Pferd, 
in allen Gangarten, auf. 

Seiner Ansicht nach wird nach Erreichung dieses Zieles das 
Pferd in genügender Weise vorbereitet sein, um allen den Anfor- 
derungen zu entsprechen, die bei nutzbringender Verwendung der 
Cavallerie an dasselbe gestellt werden müssen. Der Herr Verfasser 
verlangt also : Vollendete Dressur des Pferdes in der Bahn, und um 
dies ermöglichen zu können, gründlichste Ausbildung des Mannes 
als Reiter. Dieser soll das sogenannte Reitergefühl wirklich erlernen, 
durch welches er allein sein Pferd zu beurtheilen und ihm die 
Arbeit zu erleichtern, sowie den Galopp in beliebiger Verschärfung, 
wie der Herr Verfasser sich ausdrückt, auszusitzen fähig wird. 

Jenes bereits erwähnte einheitliche System soll diese gestellten 
Anforderungen und die Abrichtung des Mannes erleichtern. 

In allem Bisherigen darf man dem Herrn Verfasser wohl bei- 
stimmen; doch sei es erlaubt, vor dem wörtlichen Gebrauche des 
Abrichtens zu warnen. 

Unser Bestreben muss es sein, wie ja der Herr Verfasser wieder- 
holt darlegt, den Mann geistig zu wecken, ihm nicht blos das Reiter- 
gefühl zu lehren, sondern auch vor allen Dingen Lebendigkeit und 
Ehrgefühl in ihm auszubilden; das Abrichten aber arbeitet dem 
entgegen, denn es tödtet den Geist und wirkt für den Schein. 
Auch bezeichnet der Herr Verfasser die Reiterei als eine Kunst und 
sicherlich ist sie es auch; Niemand kann aber zu einer Kunst 
abgerichtet werden, wohl aber kann man sie ihm lehren und so 
möchte ich das „Abrichten*' durchaus bei der Ausbildung des Soldaten 
und ganz besonders bei unserer Waffe ausgeschlossen wissen. 

Im Weiteren wird nun diese nothwendige Einübung der Pferde 
im Zurücklegen gröszerer Distancen auch in verschärfter Gaugart 
betrachtet und dann zu dem Manövriren überhaupt übergegangen; 
es werden hier ebenso, wie bei der Dressur, allgemein geltende 



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312 Umschau in der Militah-Literatur. 

* 

Principien verlangt und manche noch herrschende, manche wohl 
bereits verschwundene oder verschwindende Uebelstände erwähnt. 
Die Grundzüge und Formen, wie sie Friedrich der Grosze aufstellte, 
scheinen ihm immer mehr in Vergessenheit gerathen zu sein und 
schreibt er der ungestümen Verwendung der Napoleonischen Cavallerie 
die falschen Anschauungen zu, die bis zum Jahre 18t>6 über den 
Gebrauch der Reiterei geherrscht haben. Es sei immer mehr das 
Verständniss für die Waffe verloren gegangen und so wäre sie in 
der neuesten Zeit plötzlich, in jeder Weise ungenügend vorbereitet, 
wieder vor dem ganzen Ernst ihrer Aufgabe gestellt worden. Viel- 
leicht hätten die Reiter von Nachod, Mars la Tour und Vionville, 
sowie die von den Franzosen so glänzend gehassten „Ulans", welche 
wohl gezeigt haben, dass trotz mancher Mängel der alte Reitergeist 
weiter gelebt hatte, eine anerkennende Bemerkung von Seiten des 
Herrn Verfassers verdient. 

Der ,,Grundzüge der Taktik der Reiterei" betitelte Abschnitt 
umfasst die allgemeine Verwendung der Reiterei. In demselben 
werden als Haupterfordernisse, um Leistungen der Cavallerie zu 
erzielen, verlangt: zweckentsprechende Organisation und geniale, 
talentvolle Führer, welche grosze geistige Frische mit praktischer 
Anschauungsweise und vollkommener Kenntniss der Eigenthümlich- 
keit der Waffe verbinden, wobei in zutreffender Weise auf die 
Cavallerie Friedrichs des Groszen hingewiesen wird, welche durch 
seinen Geist und seine Schule die Reiterei von Hohenfriedeberg 
wurde. 

Der Herr Verfasser wendet sieh nun zu den taktischen Formen 
der Cavallerie und bespricht in kurzen Zügen: die Fridericianische, 
die Napoleonische und die Reiterei der Neuzeit. Dieser Abschnitt 
erregt unser ganz besonderes Interesse ; die beigefügten Figurentafeln 
erläutern den Text in anschaulicher Weise. 

Das über die Führung der Napoleonischen Reiterei gefällte 
Urtheil erscheint in gewisser Beziehung zu scharf, denn wenn auch 
unzweifelhaft Murat weit hinter Seydlitz zurücksteht, so ist doch 
das Auftreten der Französischen Cavallerie in manchen Fällen ein 
sehr sacbgemäszes und erfolgreiches gewesen. In den Kämpfen bei 
Borodino, Etoges und Cbäteau-Tbierry erringt die Reiterei in bester 
Gliederung, treffen weise vorgeführt, nachahm enswerthe Erfolge. 

Indem der Herr Verfasser die Cavallerie der Neuzeit bespricht, 
fordert er in richtigem Verständnisse, für ihre Evolutionen die ein- 
fachsten Formen und geht hierauf zu diesen selbst über. Er unter- 



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Umschau in der Militair- Literatur. 313 

scheidet Formen bei „Bewegung, Stellung und Angriff". In folgendem 
Satze werden die Anforderungen an die erstere zusammengefasst: 

„Die taktische Form, welche wir für die Bewegung wählen, 
mu88 diese begünstigen, sie muss: erlauben einfach und rasch nach 
allen Richtungen zum Angriffe übergehen zu können." Es dürfte 
wohl als eine wesentliche Bedingung noch hinzuzufügen sein, dass 
die innere Ordnung und die Geschlossenheit durch jene Formen 
gesichert sei, da allein durch diese ein ersprieszliches Auftreten der 
Reiterei in allen Verhältnissen ermöglicht wird. Bei dem Besprechen 
der verschiedenen vorhandenen Formen sucht der Herr Verfasser 
nachzuweisen, dass die offenen Colonnen allein die freie Bewegung 
erleichtern, und schlieszt die geschlossenen hierfür gänzlich aus, was 
im Allgemeinen gewiss zugegeben werden muss; doch erscheint die 
„zusammengezogene Colonne" als eine erwähnenswerthe Ausnahme, 
indem sie gerade als Besvegnngsform in einem zur genügenden Aus- 
breitung ungeeigneten Terrain die am besten verwendbare ist. 
Jedenfalls aber ist der im Texte auch wohl auf sie bezogene Vor- 
wurf: „die Herstellung der Linie aus dieser Formation sei un- 
cavalleristisches und unbehülfliches Zeug'', zum Mindesten ungerecht- 
fertigt, da das Auseinanderziehen und der nachherige Aufmarsch 
eine einfache und um so mehr cavalleristische Bewegung ist, als 
beide Evolutionen in erhöhtem Maasze der sich zur Front ent- 
wickelnden Truppe einen Impuls nach vorwärts geben. Ebenso 
kann ich die von dem Herrn Verfasser hervorgehobenen Vorzüge 
seiner Doppel - Colonne (Colonne nach der Mitte) nicht stichhaltig 
finden, da diese Formation entschieden wegen der bedeutenden 
Tiefe in ihrer Beweglichkeit den Escadrons-Colonnen nachsteht, die 
Führung schwieriger ist und Unordnungen sieh bei ihr weit leichter 
fortpflanzen, als in den durch das Preuszische Exercier- Reglement 
als Haupt - Manövrir - Formation angenommenen Escadrons-Colonnen. 
Auszer der groszen Handlichkeit gewähren die letzteren den 
unläugbaren Vortheil, dass sie geeignet und hinreichend sind für 
alle Bewegungen und Evolutionen der Cavallerie, Vortheile, die 
selbst nach der Ansicht des Vertheidigers der Doppel-Colonne diese 
nicht besitzt. Da nun der Herr Verfasser die Escadrons - Colonnen 
unbedingt beibehalten will, bleibt er seinem so oft hervorgehobenen 
Princip der Einfachheit nicht treu, indem nach seinem Vorschlage 
zwei statt eine Haupt-Manövrir-Form in dem Reglement enthalten 
sein würden. 

Ferner, glaube ich, dürfte eine grosze Anzahl von Cavalleristen 
mit mir der Ansicht des Verlassers entgegentreten, welcher den 



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314 



Umschau in der Militair-Literatur. 



Galopp beim Vormarsche zum Angriffe nur in der Linie geritten wissen 
will, ihn in der Colonne aber gänzlich aussehlieszt, und doch bietet 
gerade der Galopp in der Linie auf die Länge bedeutende Schwierig- 
keiten, er ist die Quelle zur Unruhe und zum Lockerwerden und 
ist desshalb in dieser' Formation lediglich Einleitung zum Choc, 
während gerade der Galopp in der Colonne Haupt- Vorbewegungs- 
Gangart zum Angriffe sein wird. — 

Als Stellungsform verlangt er die zusammengezogene Colonne, 
ohne natürlich für ganz besondere Fälle die Linie oder die aus- 
einander gezogene Escadrons-Colonne auszuschlieszen. 

Für den Angriff hebt er vor allen Dingen höchste Vehemenz 
und gröszte Geschlossenheit hervor und verlangt mindestens zwei 
Treffen, womit er der Ansicht aller Cavalleristen entsprechen wird. 

Der nun folgende Abschnitt: „Allgemeine Gefechtsverhältnisse/' 
culminirt in der Behauptung: die Reiterei soll weder durch Be- 
wegungen, noch insbesondere durch Stellungen dem Gegner drohen, 
sie muss erscheinen und attakircn. Diese Behauptung, als identisch 
mit den Instructionen Friedrichs des Groszen, bedarf keiner weiteren 
Discussion. 

In der allgemeinen Behandlung dieses Abschnittes werden Ein- 
fachheit und Klarheit nicht nur in den Formen, sondern auch in 
den vom Führer des Ganzen zu gebenden Directiven, die den ein- 
zelnen Commandeuren möglichste Freiheit in der Wahl jener Formen 
zur Erreichung des augenblicklichen Zweckes gewähren sollen, 
aufs Neue betont. Als ein Mittel zur Sicherung jeder cavalleristiscben 
Unternehmung fordert der Herr Verfasser in richtiger Erkenntniss 
das Eclairiren des Terrains, welches vom obersten Führer anzu- 
ordnen ist, der sich zugleich, wo er im Vereine mit anderen Truppen- 
theilen auftritt, eine genaue Kenntniss der allgemeinen Sachlage und 
der von der obersten Leitung beabsichtigten Maasznahmen ver- 
schaffen muss; seinen Platz mnss er dort suchen, wo er den Gang 
des Gefechtes am besten beobachten kann. Wir hätten gewünscht, 
dass der Herr Verfasser vielleicht an dieser Stelle vor dem so oft 
in der Kriegsgeschichte sich darbietenden Fehler gewarnt hätte, 
dass nämlich die Führer gröszerer Reitermassen, einem echt caval- 
leristiscben Drange folgend, sich mit der ersten Abtheilung in den 
Feind stürzen. Was dann aus einer solchen führerlosen Reiterei 
wird, lehren zahllose Beispiele. Nach jedem Gefechte, sei es glück- 
lich gewesen oder nicht, welches eine Cavallerie- Abtheilung bestanden 
hat, bedarf sie einer festen Hand, die Ordnung in die Verwirrung 
bringt, sie überhaupt wieder kampffähig macht. Viel Entsagung 



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I 



Umschau in der Militair-Literatur. 315 

und eine unerschütterliche Ruhe sind die für einen Cavallerieführer 
unentbehrlichen Eigenschaften. 

Bei Hervorhebung der so wichtigen gegenseitigen Unterstützung 
beim Auftreten der Reiterei im Gefechte stellt der Herr Verfasser 
den Grundsatz auf: „Wo nur irgend ein Cavallerie - Angriff aus- 
geführt wird, sind alle in der Nähe befindlichen Abtheilungen ver- 
pflichtet, mindestens im Reserve- Verhältnisse sich an solchen Angriffen 
zu betheiligen.'' 

Es ist dies gewiss eine sehr berechtigte Forderung; die schwie- 
rigen Verhältnisse der Wirklichkeit aber, besonders wenn die 
Reiterei in kleinen Gruppen auf dem Schlachtfelde zerstreut ist, 
lassen eine gegenseitige Unterstützung selten zur Ausführung kommen; 
diese Unterstützung kann nur garantirt werden durch die Zusammen- 
stellung und taktische Gliederung gröszerer Cavallerie - Massen , die 
von einem Führer einheitlich zu verwenden sind. 

Einen groszen Werth legt der Herr Verfasser auf die Ueber- 
raschung, die von jeder Reiterei, in welcher Formation sie sich auch 
befinden mag, ausgenutzt werden soll. Wir können in diesem Punkte 
dem Verfasser mit vollem Herzen beistimmen. Durch die Ueber- 
raschung, welche aber auch rücksichtslos auszunützen ist, wird die 
Cavallerie heute wie in allen Zeiten mächtige Erfolge erringen, 
besonders wenn sie während ihres Vorbrechens von einer jegliche 
Gefahr verachtenden Artillerie, wie am Morgen des 16. August 1870, 
unterstützt wird. 

In dem Abschnitte: ..Besondere Gefechtsverhältnisse", behandelt 
der Herr Verfasser alle die der Reiterei zukommenden Aufgaben im 
Detail mit dankenswerther Vollständigkeit. Besondere Beachtung 
verdienen seine Aeuszerungen über den zu erzielenden Flankenschutz. 
Die gröszte Einfachheit ist ihm die erste Bedingung, und verwirft er 
alle jene künstlichen Manöver, die landläufig „Mausefallen" genannt 
werden, durchaus. Der zum Angriffe bereits entwickelten Linie 
sollen, in Colonne formirt, in entsprechenden Abstäuden Abtheilungen 
anf den Flligeln folgen, sei es nun, dass man eine frontale Angriffs- 
richtung, sei es, dass man des Gegners Flanke zum Objecte gewählt. 
Diese als defensive Flanken zu bezeichnenden Abtheilungen werden 
im günstigen Moment, durch Hervorbrechen in des Gegners Flanke 
und Rücken, mit Leichtigkeit zur Offensive übergehen können. 

Es folgt nun die Schilderung der Tbätigkeit und der Divisions- 
Reiterei und der Reiterei in gröszeren Körpern bei ihrem Auftreten 
gep^en Cavallerie, Infanterie und Artillerie. 

Auf den Feldern bei Burg hätte der Herr Verfasser die geniale 



316 Umschau in der Militair-Literatur. 

Ausführung und Verwirklichung seiner Gedanken in unübertroffener 
Weise bereits ausgeführt erblicken können. 

Dort bat man auch die zweckentsprechendste Form für den 
Angriff der Reiterei gegen Infanterie zur Anschauung gebracht, 
welche im Grundprincipe mit der von dem Herrn Verfasser ge- 
wünschten im Einklänge steht. Zu theoretisch erscheint jedoch der 
Vorschlag, welcher empfiehlt, dass, um der Infanterie das Feuer 
abzulocken, zwei aufgelöste Züge den zum eigentlichen Angriffe 
bestimmten Echelons vorangehen sollen, die, sich bei der Vorwärts- 
bewegung zusammen8chlieszend, als Keil in die Infanterie stürzen. 
Wollte man auch zugeben, dass jene beiden Züge ihre schwierige 
Aufgabe unter sicherlich groszen Opfern erfüllten, so ist die An- 
nahme wohl berechtigt, dass eine gute Infanterie ftlr den eigent- 
lichen nun zu erwartenden Angriff bereits wieder gerüstet sei. 

Durchaus beipflichten darf man wohl den von dem Herrn 
Verfasser ausgesprochenen Ansichten über das Fuszgefecht der 
Cavallerie, welches er als ein Aushilfe-Mittel betrachtet wissen will, 
als Mittel zur Erreichung möglichster Selbstständigkeit. Eine rasant 
und fern schieszende Waffe, bei sorgsamer Ausbildung in dem Ge- 
brauche derselben, und einfachste Formen für die Bewegung und 
Verwendung der abgesessenen Cavallerie im Gefechte sind ihm die 
Haupterfordernisse. Zur Vervollständigung dürfte vielleicht noch 
auf die so nothwendige Anleitung zur ausgiebigen Benutzung des 
Terrains hinzuweisen sein, da gerade die Praxis lehrt, wie unbeholfen 
der gemeine Mann darin ist und wie er meistens, anstatt hinter dem 
Baume anzuschlagen oder diesseits einer Grabenböschung sich ein- 
zunisten, jene schützenden Gegenstände nicht gehörig beachtet und 
verwerthet. 

Im Folgenden kommt der Herr Verfasser eingehend auf die 
bereits berührte, so wichtige Thätigkeit der Reiterei im Aufklären 
von Terrain und Feind zurück. Er sondert diesen Dienst in: 

1) Eclairiren für taktische Bewegungen auf dem Gefechtsfelde. 

2) Eclairiren über gröszere Terrainstrecken. 

Die Aufgabe ad 1 fällt sogenannten Gefechtspatrouillen zu, wie 
sie der General von Schmidt so dringend empfiehlt; sie sollen ver- 
hüten, dass Hindernisse des Terrains die bereits eingeleitete Be- 
wegung empfindlich und überraschend unterbrechen, sie sollen aut 
feindliche Abtheilungen, welche vornehmlich die Flanke bedrohen, 
aufmerksam machen. 

Die Aufgabe ad 2 wird gelöst durch die den Armeen weit vor- 
aus zu sendenden selbstständigen Cavallerie-Körper (Divisionen). Der 



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Umschau in der Militair-Literatur. 317 

• * 

Herr Verfasser hätte diesen so eminent wichtigen Dienstzweig unserer 
Waffe vielleicht in dem Abschnitte „über die Thätigkeit der Cavallerie 
vor und nach der Schlacht" behandeln können, weil dadurch ein ein- 
heitlicheres plastischeres Bild derjenigen Aufgabe geschaffen worden 
wäre, die in so mustergültiger Weise von der Deutschen Reiterei 
im Jahre 1870 und 71 gelöst wurde. Die Reiterei bewies hierbei, 
dass sie allen Anforderungen, die man im richtigen Verständnisse 
ihrer Eigentümlichkeit an sie stellte, zu genügen fähig war. Aller- 
dings hatte man in der langen Friedenszeit gerade diese der Reiterei 
allein zufallende Aufgabe auszer Acht gelassen; man hatte ver- 
gessen, wie Friedrich der Grosze, Napoleon, Blücher die Reiterei in 
der genialsten Weise zu gebrauchen verstanden; aber die Erfahrun- 
gen des Jahres 18G6 lieszen warme Vertheidiger für jene Verwen- 
dung erstehen. Man knüpfte an die ruhmreiche Vergangenheit der 
Cavallerie wieder an und so wurde bis zum Jahre 1870 von ein- 
sichtsvollen Männern, unter welchen meine dankbare Verehrung den 
Oberst von Verdy besonders hervorzuheben fordert, durch Wort und 
That für jene Thätigkeit insoweit Bahn gebrochen, dass die Kriegs- 
formation der Cavallerie eine zweckentsprechende Verwendung ge- 
stattete. 

Gewiss einverstanden muss man mit der Forderung von Frie- 
densübungen auch für diesen Dienstzweig sein, da sowohl die Truppe 
wie die Führer nur dann Ersprieszliches werden leisten können, 
wenn sie im Frieden sich diejenigen Erfahrungen gesammelt haben, 
die im Kriege sich erst zu verschaffeu leicht gar gefährlich werden 
könnte, besonders da unsere Gegner von uns und durch uns in jeder 
Weise gelernt haben ; sie werden dafür sorgen, dass mit möglichster 
Schnelligkeit, wobei ihnen die bereits vorhandene, conforme Friedens- 
formation bedeutende Vortheile verschaffen wird, ein dichter Schleier 
ihre Aufmarschbewegungen verhüllen, auch sichern wird. — 

Der achte Abschnitt des vorliegenden Buches führt uns die 
Schlachten -Reiterei ^ganz besonders vor Augen, deren Thätigkeit 
wohl nicht durch den Zeitraum während der Schlacht zu begränzen 
ist, sondern gerade nach derselben zum vollen Austrage gelangen 
wird und hält der Herr Verfasser diese Aufgabe für eine der wich- 
tigsten der Reiterei. Er will sie für diese Momente, d. h. entweder 
zur Ausbeutung des Sieges oder zum energischen Schutze der gänz- 
lichen Auflösung aufbewahrt wissen, daher kein Opfern ohne ganz 
besondere Umstände und zwingende Nothwendigkeit, nicht planloses 
Hineinwerfen der Reiterei, wie dies so oft die Französischen Ober- 
befehlshaber gethan haben; ich erinnere an Morsbronn und Elsass- 

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318 



Umschau in der Militair-Literatur. 



hausen. Gefordert wird jedoch rücksichtslosester Gebrauch, wo eben 
jene Notwendigkeit vorhanden, oder die Momente die wahre Ver- 
wendungsart der Reiterei erheischen und begünstigen. Eine Aeusze- 
rung über die der Cavallerie während der Schlacht anzuweisende 
Stelle wäre vielleicht noch erwünscht gewesen; denn will man des 
Eingreifens der Reiterei in dem Gange eines Gefechtes gewiss sein, 
so mus8 sie unweit der eigentlichen Gefechtssphäre ihren Platz er- 
halten, der wohl am geeignetsten auf den Flügeln desjenigen größe- 
ren Heercstheils gefunden wird, welchen die betreffende Cavallerie- 
Abtheilung taktisch zugetheilt ist, und darf man sich nicht vor Ver- 
lusten scheuen, denen jeder Truppentheil ausgesetzt ist, welcher zw 
Durchführung des Kampfes mit berufen ist. Der Führer der Reiterei 
hat aber die Verpflichtung das Terrain im höchsten Maasze auszu- 
nützen und muss zu dem Zwecke momentan seitwärts und rückwärts 
Bewegungen ausführen. 

Im neunten Abschnitte widmet der Herr Verfasser den Manövern 
einige Worte und fordert in sehr berechtigter Weise aus schon er- 
wähnten Gründen stetig sich wiederholende Uebungen in gröszeren 
Verbänden. 

Zum Schlüsse wird eine nie rastende Thätigkeit und fortschrei- 
tende Verbesserung für die Reiterei warm empfohlen, um „im Kriege 
mit Erfolg auftreten zu können", um, wie er wünscht, der Reiterei 
Friedrichs des Groszen ebenbürtig zu werden; er resultirt, dass 
dann „das Schwert des Reiters einen wesentlichen Theil der Ge- 
schichte jedes Feldzuges schreiben wird, trotz Rückladegewehren 
und gezogenen Kanonen". 

Als Anhang fügt der Herr Verfasser die Betrachtungen des Erz- 
herzogs Karl über die Cavallerie und eine Disposition Friedrichs 
des Groszen Uber das Verhalten der Offiziere der Cavallerie und 
zwar der Generals sowohl als der Commandeurs des Escadrons, in 
einem Treffen gegen den Feind vom 25. Juli 1744 bei, welche beide 
von höchstem Interesse sind. 

Zum Danke aber sind wir Cavalleristen dem Verfasser der 
Brochure verpflichtet, der sachgemäsz oft mit scharfen Worten die 
vorhandenen Mängel berührt und mit seinen Vorschlägen im Groszen 
Ganzen und im Principe einig ist mit den Autoritäten unserer Waffe, 
■ besonders was die Ausbildung des Materials und die allgemeine Ver- 
wendung der Reiterei anbelangt. 

Günstiger vielleicht für das gern bequem lesende Publicum wäre 
eine klarere Ordnung, eine übersichtlichere Zusammenstellung des 
Stoffes; der Leser wird zu oft daran erinnert, dass die Arbeit in* 



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Umschau in der Militair-Literatur. 



319 



erschiedenen Zeit-Epochen entstand, Vermehrungen und Verbesse- 
angen erhielt, die der Abrundung des Ganzen etwas Eintrag ge- 
aan haben. Doch sind dies nur Aussetzungen an der Form ; der 
lern ist echt und gut, und wird daher diese Schrift den Kameraden 
ufs Wärmste empfohlen. 

Der Bürgerkrieg in den Xordainerikanischen Staaten. Mili- 
tairisch beleuchtet für den Deutschen Offizier von J. Sckeibert, 
Major im Königl. Preuszischen Ingenieurcorps. Mit 1 Karte 
von Virginien und 3 Plänen. Berlin 1874. Ernst Siegfried 
(Mittler und Sohn). — 
Der Herr Verfasser, welcher eine Zeitlang auf Seiten "der Süd- 
taaten persönlich an dem Nordamerikanischen Bürgerkriege Theil 
ahm, — anfänglich in der Umgebung des Generals Stuart, später 
m Stabe des Generals Lee, — bringt in dem vorliegenden Buche 
öchst interessante Streiflichter auf diesen Krieg zur Vorlage. In 
;larer, übersichtlicher Darstellung wird in dem ersten Capitel des 
luches ein Abriss der Geschichte des Nordamerikanischen Krieges 
egeben, und in den nächstfolgenden dann auf die Einzelheiten der 
>rganisation, Bewaffnung und Taktik der Infanterie, Cavallerie und 
irtillerie näher eingegangen. Die Angaben und Betrachtungen des 
lerrn Verfassers sind schon deshalb von ganz besonderem Interesse 
lir einen Deutschen Offizier, weil im Allgemeinen von dem Ständ- 
ern kte in diesen Anschauungen ausgegangen ist, welchen der Deutsche 
)ffizier einnimmt. Es werden an den betreffenden Stellen vielfach 
Lehnlichkeiten der Nordamerikanischen und Deutschen Taktik her- 
orgehoben; uns däucht, dass bei einem Kriegstheater, wie die un- 
wegsamen groszen Wälder Nordamerika^, die meistentheils menschen- 
eeren Landstrecken, in welchen der Krieg stattfand, doch ganz 
ndere Elemente in Betracht kommen, wie bei den Europäischen 
Kriegen. Wenn der General Lee dann ferner sich äuszert: „Wir 
cebrauchen ein Gewehr, welches sich nur mit gewissem Zeitverluste 
aden lässr, so dass der Mann seinen Schusz zu schätzen weisz u. s. w.", 
io liegt darin ein fernerer Beweis, dass Nordamerikanische und 
deutsche Taktik doch wohl von ganz anderen Grundprincipien aus- 
gehen. Das Loblied, welches bei der Schilderung der Periode der 
südamerikanischen Defensiv - Taktik Friedrich dem Groszen ge- 
lungen wird, möchten wir nicht zu hell erklingen hören, denn der 
iuhm des groszen Preuszen - Königs strahlte doch nicht in den 
Seiten am hellsten, in welchen er „das schönste Vorbild für die 
Handhabung der Vertheidigungs-Taktik" war. 



320 



Umschau in der Militair-Literatur. 



Das Capitel über die Cavallerie, welches im Hinblick ,auf die 
weltberühmten „Raids" und einen Reitergeneral, wie Stuart* eine 
ganz besondere Beachtung verdient, hat der Herr Verfasser, trotz 
seiner eigenen reichen Erfahrung, wohl ein bischen zu sehr mit 
allerdings sehr interessanten Stellen aus den Memoiren v. Borcke's 
durchtränkt. Für cavalleristische Studien ist zweifelsohne manches 
Goldkorn in dem Gebrachten enthalten. Nicht minder lehrreich sind 
die Capitel über Artillerie- und Ingenieur- Wesen. Der Wirkung der 
Artillerie ist es zuzuschreiben, dass die damals in Europa noch 
herrschende Colonnen-Taktik schon im zweiten Jahre des Krieges 
zur „Linear-Taktik" übergehen musste. In dem Abschnitte, in wel- 
chem die Strategie des Nordamerikanischen Krieges geschildert and 
das Kriegstheater in einer sehr tibersichtlichen Weise beschrieben 
wird, ist dem Herrn Verfasser eine günstige Gelegenheit gegeben, 
die ganze Bedeutung des Generals Lee in dem hellsten Lichte glän- 
zen zu lassen. Generals Lee sachgeraäsze Strategie verschaffte dem 
Süden die ruhmreichsten Erfolge und setzte diesen überhaupt nur in 
die Lage ungefähr drei Jahre lang sich ruhmvoll einer erdrückenden 
Uebermacht zu erwehren und endlich ehrenvoll unterzugehen. Den 
Werth der gepanzerten und hölzernen Schiffe weisz der Herr Ver- 
fasser in dem Capitel „Marine" recht vor die Augen zu führen. Anch 
auf der See wird nach seiner Ansicht „die leichte Cavallerie'' den 
Sieg über die leblosen, schwerfälligen Panzerdecken davontragen 
Die Betrachtungen des Herrn Verfassers über diesen Punkt ver- 
dienen an maaszgebender Stelle recht sehr in Erwägung gezogen n 
werden. Nachdem in einem Capitel dann das Sanitätswesen be- 
sprochen ist, giebt das Schlusscapitel charakteristisch - biographische 
Notizen über die Generale Stuart, Stonewall Jackson, Sherman, 
Grant und Lee. Wir können nicht unberührt lassen, dass die An- 
gaben über den General Stuart lediglich den Memoiren Borcke's, die 
Uber den General Sherman einem Werke des Majors v. Meerheimb 
entnommen sind. Wenn diese, fremden Büchern entnommenen, Bio- 
graphien auch das Beste enthalten, was man bringen konnte, so 
fragt es sich doch, ob der Herr Verfasser sich in seinem Buche 
nicht auf eigene Erfahrungen und Urtheile hätte beschränken sollen. 
Den Schlussstein seines Werkes lässt er natürlich den General Lee 
bilden. Eine erwärmende Erscheinung dieser Held des Südens in 
sonst wenig ansprechenden Verhältnissen und Umgebungen! Nicht 
unter den Mitlebenden möchten wir mit dem Herrn Verfasser das 
Ebenbild dieses tugendhaften Helden suchen, sondern unter den 
Gröszten und Edelsten der alten Griechen und Römer! 



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Umschau in der Militair-Literatur. 



321 



Den vielseitigen Inhalt des lehrreichen Buches über den Ameri- 
;anischen Krieg mit wenigen Worten anzudeuten, ist die Absicht 
lieser Zeilen gewesen ; der Belehrung Suchende wird das Werk nicht 
nbefriedigt aus der Hand legen. — 



Geschichte der Belagerung von Straszburg im Jahre 1870 
von Reinhold Wagner, Hauptmann im Ingenieurcorps. Auf 
Befehl der Königl. Generalinspection des Ingenieurcorps und 
der Festungen nach amtlichen Quellen bearbeitet. — Zweiter 
Theil. Mit 2 Plänen und 20 Beilagen. Berlin 1874. 
F. Schneider und Comp. (Goldschmidt und Wilhelmi.) — 
Als am Schlüsse des vorigen Jahres der erste Theil der Be- 
agerung von Straszburg erschien, begrtiszten wir ein solch offieiöses 
Verk von bleibendem kriegsgeschichtlichen Werthe mit besonderer 
"reude, und dies um so mehr, als der Verfasser in geistreicher 
Veise und mit gewandter Feder seiner Schöpfung Leben und Farbe 
u verleihen wusste. Diese Vorzüge der Darstellungswcise dürfen 
pir auch dem jetzt vorliegenden zweiten Theile des Werkes zu- 
prechen, welcher auf 11 V2 Bogen Text die Verhältnisse in und vor 
itraszburg vom 11. bis 27. August bringt. — In die genannte Zeit 
allen namentlich die „Berennung" der Festung am 11. August, sowie 
,as „Bombardement" derselben vom 23. bis 27. August. 

Was die „Berennung" der Festung am 11. August anbelangt, so 
ürfen wir wohl daran erinnern, dass hierunter nur das Vorrücken 
er Badischen Division zur Cernirung der Westseite der Festung zu 
erstehen ist. Berührungen mit der Besatzung fanden bei dieser Ge- 
ägenheit nicht Statt, aber am 12. August wurden Deutscherseits ln- 
interie-Abth eilungen vorgeschickt zu dem Zwecke „die Festungs- 
werke mit indirectem Feuer zu überschütten". Gewehr- und 
Cartätschfeuer des Feindes antwortete auf diese Belästigungen, die 
n einzelnen Stellen einen ernsteren Charakter dadurch annahmen, 
ass von Seiten der Deutsehen mit Granaten gefeuert und hierdurch 
um ersten Male Einwohner der Stadt verwundet wurden. Mit dem 
Eintreffen des Generals v. Werder bei den Cernirungstruppen, und 
achdem dieser das Commando Uber dieselben übernommen, begann 
m 15. August die engere Einschlicszung. Es würde zu weit führen, 
sollten wir hier alle die Schwierigkeiten und die kritischen Situa- 
ionen schildern, in welchen sich das Cernirungscorps befand, ehe 
ie zur Belagerung bestimmten Truppentheile und Geschütze vol- 
ler Festung allmälig eintrafen. Drastischer und angemessener können 
liese Begebenheiten nicht geschildert werden, als es in dem vor- 

Jahrbücher f. d. Deutsche Armee n. Marino. Band XIII. 22 



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322 Umschau in der Militair-Literatur. 

liegenden Werke geschehen ist. 14 Tage nach dem ersten Befehle 
znr Einschlieszung der Festung waren dann aus allen Theilen Deutsch 
lands zur Belagerung derselben versammelt: 
47 Vi Bataillone Infanterie, 
24 Vi Schwadronen Cavallerie, 
19 Batterien mit 114 Feldgeschützen, 
36 Festungs - Artillerie - Compagnien, 
15 Pionier- Compagnien. 

In Summa etwa 60,000 Mann. Hierzu trat noch ein Artillerie- 
train von 288 Belagerungsgeschützen und ein Ingenieurtrain für 
8000 Trancheearbeiter. 

Wir stimmen vollständig mit dem Verfasser Uberein, welcher in 
Betreff Heranziehung dieses Belagerungscorps sagt: 

„Die Kriegsgeschichte bietet kein zweites Beispiel so schneller 
Bereitstellung so bedeutender Mittel für eine Belagerung. Der Ein- 
fluss der Eisenbahnen und Telegraphen hatte auf diesem Gebiete 
sich noch niemals so wie hier gezeigt." 

Kaum war das Belagerungscorps vor Straszburg versammelt, 
als auch, dem Befehle des groszen Hauptquartieres gemäsz, „sich 
möglichst bald des Platzes zu bemächtigen", General von Werder 
bereits am 23. August die sofortige Eröffnung des Bombardements 
beschloss und mit demselben nach schleuniger Erledigung der Vor- 
bereitungen auch ungesäumt vorgehen liesz. Aber die Hoffnung die 
Stadt auf diese Weise in Besitz zu bekommen schwand bald. Unter 
Berücksichtigung der obwaltenden Verhältnisse musste mit dem 
Morgen des 27. Augusts das Bombardement eingestellt werden und 
das Vorgehen mittelst des förmlichen Angriffs Platz greifen. General 
Uhrich hatte zu dieser Zeit auf die Aufforderung zur Uebergabe die 
Antwort herübergeschickt: „Unsere Mauern stehen noch, und ich 
kann nicht daran denken, einen Platz zu tibergeben, welchen aufs 
Aeuszerste zu vertheidigen mir die Ehre sowohl, wie das Interesse 
Frankreichs gebieten." Dass General Uhrich in diesem Sinne weiter 
handelte ist weltbekannt; nicht aber ist unseres Wissens bis jetzt 
die Correspondenz in die Ocffentlicbkeit gedrungen, welche dieser 
tapfere General in der Zeit vom 19. bis 26. August mit dem General 
v. Werder führte. Die bezüglichen Briefe enthält die Anlage 25 
des vorliegenden Werkes und sind dieselben vollständig dazu auge- 
than, die Hochachtung, welche sich die beiden genannten Generale 
durch ihre Handlungsweise schon in so reichem Maasze erworben 
haben, noch wesentlich zu steigern. 

Wo man hinblickt, findet man in diesem zweiten Theile der 



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Umschau in der Militair-Literatur. 323 

„Belagerung von Straszburg" Interessantes, wissenschaftlich Belehren- 
des. Eine Offenheit über die eigenen Verhältnisse, eine Unparteilich- 
keit bei Benrtheilung der Lage des Gegners zeichnet die Darstellung 
in seltenem Maasze aus. Alle Seiten des Belagerers, alle Verhältnisse 
des Belagerten finden klare Wiedergabe; erschöpfend in jeder Weise 
und so kurz wie möglich weisz der Verfasser uns die Thatsachen 
zu schildern. Aus jeder Zeile seiner Arbeit spricht der Meister des 
Stoffs und des Styls. Zwei sehr gut ausgeführte Karten unterstützen 
das Verständniss des Entwurfes zur Eröffnung des förmlichen An- 
griffs gegen Straszburg, welchen Anlage 26 bringt, wesentlich. 

Die grosze Zahl der Absätze, welche uns schon im ersten Theile 
des Werkes auffiel, finden wir auch in diesem Theile fast auf jeder 
Seite. Eine gewisse Unruhe bemächtigt sich unwillkürlich des Le- 
senden, wenn sein Auge so vielfache, wohl nicht immer nöthige, 
äuszerliche Unterbrechungen sieht. 



Studien über die Verpflegung der Kriegsheere im Felde. 
Von Bernhard v. Baumann, Oberstlieutenant z. D. Histori- 
scher Theil. (Zweiter Band.) Dritte Abtheilung. Leipzig und 
Heidelberg, C. F. Winter'sche Verlagsbuchhandlung. 1874. — 
Friedrich der Grosze beginnt den zweiten Artikel seiner für 
alle Zeiten werthvollen General-Principien vom Kriege mit folgenden 
Worten; „Ein gewisser groszer General sagte, dass, wenn man eine 
Armee bauen wollte, man mit dem Bauche anfangen müsse, denn 
dieser das Fundament davon wäre." In dem 22. Capitel dieser 
Principien, welches von den Treffen und Bataillen handelt, sagt der 
grosze König dann: „. . . Indessen kann der Mangel derer Vivres, 
oder auch die groszen Fatiguen, eine Armee verhindern die Ueber- 
wundenen zu verfolgen. Anbelangend den Mangel derer Vivres, da 
lieget die Schuld davon an den General ..." — 

Durch diese Worte möchten wir auf den allgemeinen Werth von 
„Studien", wie die vorliegende, welche im Uebrigen bei Herausgabe 
der ersten und zweiten Abtheilung ihres historischen Theiles im 
Jahre 1867 sich die Aeuszerung Friedrichs: „L'art de vaincre est 
perdu sans l'art de subsister" als Motto wählte, hinweisen. Sollten 
aber solche Empfehlungen selbst noch nicht genügen, um die Scheu 
zu tiberwinden, mit welcher ein groszer Theil strebsamer und Be- 
lehrung suchender Offiziere an das Studium der Verhältnisse tritt, 
welche nicht unmittelbar den Kampf und seine Mittel behandeln, so 
glauben wir, dass schon ein flüchtiger Blick m das vorliegende Buch 
der beste Advocat für dasselbe sein wird. Ein Hineinsehen in das 

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* Umschau in der Militair-Literatur. 



Werk genügt schon, um sich davon zu tiberzeugen, dass es sich hier 
nicht um gräue Theorien, um künstliche Systeme, um chemische 
Analysen über die verschiedenen Nährstoffe, um bogenlange Be- 
rechnungen u. s. w. handelt, sondern lediglich nur um geschichtliche 
Thatsachen, um Darstellung der bedeutendsten Kriegsperioden und 
Feldzüge. Staatliche Einrichtungen, Heeresorganisation, Zustand des 
Kriegstheaters, die einzelnen Operationen, deren Ursache, Zweck 
und Wirkung sind in den vorliegenden Studien in vortrefflicher und 
gewissenhaftester Weise dargestellt und ist auf diese Veise ein 
Lehrbuch entstanden, wie es besser kaum geschafft werden kann. 

Während die erste und zweite Abtheilüng dieser Studien die 
Bildung, Ausrüstung und Verpflegung der Heere von den ältesten 
geschichtlichen Zeiten bis auf die einzelnen Kriege zu Anfang dieses 
Jahrhunderts schildern, enthält die jetzt erschienene dritte Abthei- 
lung eine höchst interessante Parallele über die Feldziig» /on 1805 
und 1809, sowie die Darstellung der einschlagenden Verhältnisse 
des Feldzuges von 1806. Schon der Umfang dieses Bandes, 529 
Seiten, spricht dafür, dass der Herr Verfasser die erwähnten drei 
Feldzüge sehr ausführlich behandelt. Gewissenhaft hat derselbe 
Alles studirt, was Uber diese Kriege veröffentlicht ist, er hat kritisch 
gesichtet und bringt von Allem das Beste. Dabei weisz er seiner 
Abhandlung eine solche Form zu geben, dass es gewiss Jedem so 
gehen wird, wie es uns ging, als wir in dem Buche blätterten. 
Man legt es nicht eher aus der Hand, als bis man den betreffenden 
Abschnitt vollständig durchgelesen hat. Dass man ein solch umfang- 
. und inhaltsreiches Werk nicht hintereinander auslesen kann , ist ja 
selbstverständlich. Das Buch wird vielmehr eine dauernde Grund 
läge für das Studium der drei bezeichneten Feldzüge bleiben. Wenn 
wir uns die Frage vorlegen, ob denn nicht hier und da der Ver- 
fasser sich etwas kürzer hätte fassen können? so müssen wir 
hierauf entschieden verneinend antworten. Uns ist Nichts zu lang. 
Nichts tiberflüssig erschienen. Allerdings bringt das Werk that- 
sächlich natürlich nichts Neues, aber die bekannten Thatsachen sind 
von einem anderen Standpunkte aus dargestellt, wie gewöhnlich 
und tiberall finden sich treffende Bemerkungen, Vergleiche und 
geistreiche Ansichten eingeflochten. Wer von den Herren Came- 
raden nicht auf dem Standpunkte steht, dass er glaubt genug zu 
wissen, dem dürfen wir das Studium des vorliegenden Buches nur 
angelegentlichst empfehlen. 



Pierer'scho Uofbuchdruckerei. Stephan Geibel & Co. in Altenbnrg. 



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Band XIII. Tafel 7. 

Zusammensetzung des Cernirungs-Corps von Ptoonne am 

6. Januar. 

Commandeur des Cernirungscorps : Geiierallieutenant von Barnekow. 

Generalstab: Major Hassel 

i. 

Commandeur der Artillerie: Oberst von Kameke. 
* 

16. Infanterie-Division. 



31. Infanterie-Brigade. (Tafel 6.) 



32. Infanterie-Brigade. 

Commandeur: Oberst von Hertzberg. 

Hohenzollern'sches Füsilier - Regiment Nr. 40, Oberstlieutenant 

Reinike'. 2 Bataillone. 
6. leichte Batterie Rheinischen Feld - Artillerie - Regiments Nr. 8. 

6 Geschütze. 

6. schwere Batterie Rheinischen Feld - Artillerie - Regiments Nr. 8. 

6 Geschütze. 



C avallerie-Brigade von Strantz. (Tafel 5.) 8 Escadrons, 



Recapitulation: 

16. Infanterie-Division 8 Bataill. — Escadr. 24 Gesch. 

Cavallerie-Brigade von Strantz — „ 8 „ — „ 

Summa: 8 Bataill. 8 Escadr. 24 Gesch. 



Band XIII. Tafel 8. 



Capitulation de P6ronne. 

Entre les soussignes: 1° le colonel de Hertzberg, 2° le Heute 
nant-colonel Gontrand Gönnet; — de Bonnault, chef d'escadron 
d'artillerie, et Cerdot, chef de bataillon, cbargös de pleins poo- 
voirs de S. Excellenz le general de dS B° r ! de Barnekow, ei 
de M. le chef de bataillon Garnier, commandant de la place de 
Peronne. 

A 6te convenu ce qui suit. 

Art. 1. La garnison de Peronne, placee sous les ordres du 
chef de bataillon Garnier, commandant la place de Peronne, est 
prisonni&re de guerre. La garde nationale sedentaire n'est pas 
compri8e dans cet article. 

Art. 2. La place, et la ville de Peronne, avec tout le materiaJ 
de guerre, la moitie de tous les approvisionnements des tonte« 
especes, et tout ce qui est la propriete de Tetat, seront rendus an 
corps prussien que commande M. le gene>al de division B°? de 
Barnekow, dans l'etat ou tout cela se trouve au moment de la sig 
nature de cette Convention. 

A onze beurs du niatin, demain, 10. Janvier, des offieiers d'ar- 
tillerie et du genie avec quelques sousofficiers, seront admis dans U 
place* pour occuper les magasins ä poudre et munitions. 

Art. 3. Les armes, ainsi que tout le material consistant en 
canons, chevaux, caisses de guerre, equipage de Tarm^e, munitions 
etc., seront laiss^s ä Peronne ä des commissions militaires institaees 
par M. le commandant pour etre remises ä des commissions 
prussiens. 

A une heure, les troupes seront conduites, rangdes d'apres leur 
corps et en ordre militaire, sur la route de Paris, la gauche appuyee 
aux fortifications et la droite vers Eterpigny, ou elles döposeront 
leurs armes. 

Les offieiers rentreront alors librement dans la place, sous la 
condition de s'engager sur Thonneur ä ne pas quitter la place sans 
l'ordre du commandant prussien. 



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Les troupes seront alors conduites par leurs sousofficiers. Les 
soldats conserveront leurs sacs, leurs effets et les ocjets de campe- 
ment, tentes, couvertares et marmites. 

Art, 4. Tous les officiers superieurs et les officiers subalternes 
ainsi que les employes niilitaires ayant rang d'officier, qui engageront 
leur parole d'honneur par 6crit, de ne pas porter les armes contre 
TAllemagne, et de n'agir d'aucune mani6re contre ses intörets jusqu'ä 
la fin de la guerre actuclle, ne seront pas faits prisonniers de guerre. 
Les officiers et les employes qui accepteront cette condition conser- 
veront leurs armes et les objets qui leur appartiennent personnelle- 
ment. Iis pourront quitter Peronne, quand ils voudront, en prevenant 
l'aatorite' prussienne. Les officiers faits prisonniers de guerre em- 
porteront avec eux leurs 6p6es ou sabres, ainsi que tout ce qui leur 
appartient personnellement , et garderont leurs ordonnances. Iis 
partiront au jour qui sera fixe plus tard par le commandant prussien. 
Les medicins militaires sans exception resteront en arriere pour 
prendre soin des bless^s et malades, et seront traites suivant 
la Convention de Geneve: il en sera de meme du personal des 
hopitaux. 

Art. 5. Aucune personne appartenant ä la ville, soit comme 
simple particulier, soit comme autorite, ne sera inqutetee ni pour- 
suiviepar les autoritös prussiennes pour faits relatifs ä la guerre, 
quels qu'ils soient. — En raison de la rösistance energigue de 
i *i - rönne, en c^ard ä sa faible position et auxdcgats produits par le 
bombardement, la ville sera exemple de toute requisition en argent 
et en nature. Les habitants ne seront pas tenus de nourrir chez 
eux les simples soldats allemands, jusqu'ä l'epuisement de la moitiö 
des approvisionnements qui se trouvent dans les magasins de letat. 
Cette conditions ne sapplique pas au jour de l'entree. 

Art. 6. Les armes de la garde nationale sedentaire seront 
deposees ä L'Hötel de ville et appartiendront ä Tautoritö prussienne. 
Quant aux armes de luxe, elles seront depose*es au m€me Heu et 
j resteront la proprio des deposants. 

Art. 7. Tout article qui pourra präsenter des doutes sera tou- 
jours interpräte ä la faveur de l'armee fran^aise. 

Art. 8. Le 10. Janvier, ä midi, la porte de Saint-Nicolas et 
la porte de Bretagne seront ouvertes pour Tenträe des troupes 



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prussiennes ; en meme temps, les fortifications nommees 
rönne de Bretagne et Couronne de Paris seront libres de 
francaiscs. 

Cartigny, 9. Janvier 1881, onze heures du soir. 

Signö: von Hertzberg, Colone! 

La präsente capitulation n'a ete signee par les mandataiif 
commandant Garnier, Messieurs Gönnet, de Ronnault et Cadot 
raison des sauffrances de la population civile de Peronne ep 
par un bombardement qui a detruit la plus grande pa 
la ville. 

Sign6: L. Cadot de Ronnault. Lt. colonel GonnetJ 



Berichtigung. 

* 

Seite 166, Zeile 3 von unten lies: Tincourt statt Fincourt. 
„ 179, „ 15 „ oben lies: Hem statt Harn. 



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